KANONEN STATT BUTTER? - Die Militarisierung bedroht den SozialstaatVon Paul Schobel - Redebeitrag bei der Friedenskundgebung am 03.03.2026 in Tübingen Aktuelle VorredeEin makabrer Spruch wird immer mehr zur bitteren Realität: "Gestern standen wir noch am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter…" Wenn wir dem Wahnsinn des Krieges nicht sofort Einhalt gebieten, stürzt die Welt ins Bodenlose, das ist nur noch eine Frage der Zeit. Mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran ist nun auch der angeblich so "wertebasierte" Westen vollends in die Illegalität abgeschmiert. Was man seit vier Jahren zu Recht Putin vorwirft, wird nun zur perversen Kopiervorlage des eigenen Handelns. Wer dazu schweigt, wie es die Länder der "Werte-EU" mit wenigen Ausnahmen tun, macht sich schuldig oder ist schizophren. Wer diesen Angriff durchwinkt oder gar noch gutheißt, steht nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes, denn dieses verbietet schon die Vorbereitung eines Angriffskriegs. Der tritt auch die UN-Charta in die Tonne, die den Mitgliedsstaaten die "Androhung oder Anwendung von Gewalt" eindringlich verbietet. Der macht - wie der selbsternannte Großwesir aus den USA - die UNO zu einem harmlosen Trachtenverein. Wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt mir auch heute wieder das Klagelied von Matthias Claudius vor bald 250 Jahren in den Sinn. Schon damals waren Kriege entsetzlich, aber im Vergleich zu heute noch Scharmützel. Er schreibt: ’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen Ich weine um die 150 Mädchen, die von den Trümmern ihrer Schule erschlagen worden sind. Und um alle anderen, die nun diesen Wahnsinn mit ihrem Leben bezahlen. Wenn Nah-Ost brennt, werden es Abertausende sein. Umsonst - umsonst die Mahnung meines verstorbenen Friedensfreundes Papst Franziskus: "Der Krieg an sich ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat." Das ist schon wenige Tage nach diesem Angriff erkennbar: Die islamische Welt wird sich gegen den "Westen" verschwören – im Gefolge in seltener Eintracht die großen Machtblöcke Russland und China. Es ist entsetzlich: Die Menschheit erleidet zur Zeit einen epochalen humanen Rückschlag in ihrer Geschichte. Nicht schicksalhaft, sondern selbst inszeniert. Immer deutlicher zeichnet sich ab, was schon J.F. Kennedy damals in der Kuba-Krise erkannte: "Entweder verschwindet der Krieg vom Erdboden oder die Menschheit wird verschwinden". Weltweit wuchert nun der Krieg wie ein Krebsgeschwür und metastasiert hinein in immer noch mehr Länder und Kulturen. Wir werden daran qualvoll zugrunde gehen. Und nun frage ich mich: Warum bereiten wir uns dann hier in "the länd" auf einen großen Krieg vor, wenn er uns am Ende alle dahinrafft? Warum organisieren wir unseren Selbstmord? Was gibt es da noch zu verteidigen, wenn die Welt brennt? Kleinlaut hörte ich dieser Tage einen höheren Polizeiführer klagen: "Wir müssen nun Katastrophen- und Notfallpläne anlegen für etwas, das es einfach gar nicht geben darf!" Der spürt noch etwas von dieser Schizophrenie. Warum tun wir es dennoch? Denn wenn es "das" doch gibt, was es nicht geben darf, wenn es doch zu einem großen Krieg kommt, gibt es uns nicht mehr. Darum können wir uns die ganze Hochrüstung sparen. Hochrüstung demoliert den Sozialstaat und gefährdet den sozialen FriedenUnd da bin ich nun bei meinem eigentlichen Thema: Die Hochrüstung demoliert den Sozialstaat und beschädigt den sozialen Frieden. Wenn wir das zulassen, ist es um den inneren Zusammenhalt in dieser Gesellschaft geschehen. Dann entfachen wir den gegenwärtigen Kleinkrieg zwischen Arm und Reich, Privilegierten und Benachteiligten zu einem Flächenbrand. Es sind ja bekanntlich zwei Blutsverwandte, zwei Brüder, die gegenwärtig die Menschheit terrorisieren. Beide tragen dieselben verkorksten Gene in ihrer DNA: Macht, Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung.
Und nun kommt’s: Die beiden Schurken arbeiten als GmbH im "Militärisch-industriellen Komplex" Hand in Hand miteinander zusammen. Mit "beschränkter Haftung", versteht sich, denn eigentlich haften wir, die Steuerzahler. Allen voran die Armen, denen man die Leistungen kürzt. Gefolgt von den Arbeitenden, die nun mit steigenden Beiträgen und sinkenden Standards zu kämpfen haben. Für Kapitaleigner aber waren Rüstung und Krieg immer schon ein lukratives Geschäftsmodell. Die Aktienkurse der Waffenschmieden schießen bekanntlich durch die Decke. Was wir in der Friedensbewegung seit Jahrzehnten verkünden und was in den Armenhäusern dieser Welt längst erwiesen ist, kommt nun auch bei uns an in der guten Stube: "Rüstung tötet – auch ohne Krieg!" Er tötet den Sozialstaat. O-Ton Friedrich Merz: "Wir können uns dieses System nicht mehr leisten, wir leben über unsere Verhältnisse". Und warum? Da bleibt er uns die Antwort schuldig, denn diese lautet: Weil wir immer mehr mühsam erwirtschafteten Wohlstand in Rüstung verpulvern. Das schlägt voll ins Kontor. Kein Wunder:
Nun fliegt uns der Sozialstaat um die Ohren:
Mit der Hochrüstung geht’s uns wie einst dem gepanzerten Ritter im Mittelalter. Fällt er vom Ross, kriegt er den Arsch nicht mehr hoch und windet sich hilflos am Boden. Rüstung und Sozialstaat – beides zusammen geht einfach nicht. Kanonen oder Butter – wir müssen uns schon entscheiden. Wer die Sozialhaushalte angreift, gefährdet den sozialen Frieden im Lande! Der war Garant unseres Wohlstandes. Das hat uns gerade noch gefehlt, dass sich die klaffenden Risse in dieser Gesellschaft noch mehr vertiefen. Dann haben wir nicht nur Krieg zwischen den Völkern, sondern auch noch Krieg in den eigenen Reihen. Mit wehenden Fahnen sucht man nun sein Heil in der Rüstungsindustrie. Im Ländle hocken ja alle mit Rang und Namen. Die Waffenschmieden locken natürlich mit fetten Renditen. Arbeitsmarktpolitisch aber ist die Rüstungsindustrie eine glatte Null! Sie wird die steigende Zahl arbeitsloser Menschen niemals auffangen können. Das einzige, was Hochrüstung meisterhaft kann: Sie steigert die Kriegsgefahr, denn Rüstung trägt den Krieg in sich. Ihre Kosten amortisieren sich in der kapitalistischen Logik erst, wenn’s knallt. Dann braucht’s Ersatz, das lohnt sich. Und erst recht der Wiederaufbau ganzer Städte und Regionen. Wann endlich kapieren die Regierungen: Sozialabbau ist Kriegspolitik. Friedenspolitik beginnt mit Sozialpolitik! Mit menschenwürdiger Pflege, auskömmlichen und sicheren Renten, bezahlbarem Wohnbau, einem attraktivem Öffentlichem Nahverkehr und vor allem mit Bildung und Ausbildung. Wer aber nun durch die Sparpolitik immer noch mehr benachteiligt wird, neigt dazu, draufzuhauen – und sei es auch "nur" mit dem Stimmzettel! Innere Unruhen werden dann gezielt auf Feindbilder außen umgeleitet. Diesen Trick beherrschen Regierende schon lange. Den Frieden wählen…Wir haben nur noch eine Wahl: Wählen wir den Frieden! Aber wie und mit wem? In meiner Verzweiflung suchte ich Rat beim "Wahl-O-mat" der Bibel und wurde tatsächlich im 5. Buch Mose fündig. Da spricht Gott zu Israel: "Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen." (Dtn 30,15). Wähle das Leben, und nicht den Tod!
Wähle das Leben und nicht den Tod! Entscheidet an Hand dieser Kriterien, wohin das Kreuzchen am Sonntag am ehesten hingehört. Das wird schwer genug. Wenn wir am Sonntag zur "Stimmabgabe" gehen, sollten wir dies bitte nicht wörtlich nehmen: Nein – wir werden bei dieser Stimmabgabe die Stimme nicht abgeben, wie sich das manche wünschen. Wir werden sie weiterhin erheben, werden lamentieren, protestieren, demonstrieren, werden laut und lästig bleiben gegen den Tod und für das Leben, gegen den Krieg und für den Frieden. Paul Schobel, Betriebsseelsorger i. R. , Böblingen Veröffentlicht amArtikel ausdruckenWeitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von |
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