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Neujahrswünsche für 2024 nach der COP28: “Möge der Große Geist der Gerechtigkeit die Armen und Verdammten der Erde im Paradies willkommen heißen und die räuberischen Herrscher zur Hölle verurteilen”

Von Riccardo Petrella

Wir müssen aufhören, Heuchelei und Zynismus zu akzeptieren, die - wieder einmal - die wichtigsten Gäste am Tisch der COP28 waren. Sicherlich können die großen Raubtiere des Lebens auf der Erde die Schlussfolgerungen feiern, die sie der Welt aufgezwungen haben und die geradewegs in die Richtung ihrer Interessen und Prioritäten gehen.

Aber: Was ist mit den Hunderten Millionen von Menschen in Südasien, in der afrikanischen Subsahara und insbesondere jenen aus dem Nahen Osten, die Opfer großer Überschwemmungen und Dürren sind und für die die größten und reichsten Produzenten fossiler Brennstoffe primär Verantwortung tragen? Die COP28 kündigte die Einrichtung eines Fonds für Verluste und Entschädigungen an (sic!). Die Rekordfluten in Pakistan haben etwa 33 Millionen Menschen vertrieben und mit dem Verlust von etwa einer Million Stück Vieh die Lebensgrundlagen der Bevölkerung gefährdet. Darüber hinaus wurden mindestens eine Million Häuser weggespült und ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche beschädigt (und es droht eine Hungersnot). Jüngsten Schätzungen zufolge belaufen sich die Schäden auf über 30 Milliarden US-Dollar!

Und: Was ist mit dem Schicksal der Mehrheit der Einwohner/Bauern in den 52 Ländern, die am meisten unter der ausbeuterischen Schuldenpolitik leiden, die sie daran hindert, über finanzielle Ressourcen zu verfügen, um die negativen Folgen des Klimawandels abzumildern und sich an sie anzupassen? Reden wir über Pakistan: Seine Gläubiger verlangen bis Ende 2023 - allein für den Schuldendienst - mehr als 38 Milliarden US-Dollar. In Nigeria beläuft sich der Schuldendienst auf 60% des Staatshaushalts, während der Anteil für Bildung nur 5,6% und für Gesundheit 4,6% (!!!) beträgt. Die COP28 schwieg zu dem weltweiten Drama der Schuldenpiraterie, die von reichen Ländern an verarmten ausgeübt wird. Sie beschränkte sich darauf, scheinheilig auf Lösungen zu verweisen, die seit dreißig Jahren ihre Unzulänglichkeiten, ja Perversität, bewiesen haben. Die mystifizierendste unter ihnen ist zweifellos die Lösung des sogenannten "Schulden-Natur-Austauschs", die zum x-ten Mal von den die Welt beherrschenden Finanzgenies erfunden wurde.

Die Milliarden von Hungernden, Durstigen und von Menschen ohne Gesundheitsversorgung (bis heute sind über 4 Milliarden Menschen, darunter 736 Millionen Kinder, von extremer Wasserknappheit bedroht, d. h. sie leben ohne sauberes Trinkwasser und ohne Hygiene), weil die COP28 immer noch die Absicht der reichen Länder wertschätzt, 100 Milliarden pro Jahr für einen Fonds zur Unterstützung der "Entwicklungsländer" (sic) bereitzustellen, der bereits in Paris beschlossen wurde und ab 2020 hätte umgesetzt werden sollen! Trotz der vierjährigen Nichteinhaltung der Verpflichtung, beschränkte sich die COP28 auf den Wunsch, dass die Umsetzung der Verpflichtung 2024 beginnen könnte! In der Zwischenzeit hat die Ölgesellschaft ADNOC, die dem COP28-Vorsitzenden Al-Jaber gehört, beschlossen, die Ölproduktion bis 2030 um 600.000 Barrel pro Tag zu steigern und dafür über 150 Milliarden US-Dollar zu investieren. Im gleichen Sinne sehen die Pläne der größten Förderländer für fossile Brennstoffe vor, ihre Produktion bis 2030 um 110% mehr zu steigern als es mit der 1,5°C-Grenze/dem 1,5°C-Ziel vereinbar ist.

Als kleine Kirsche auf dem Schlagsahneberg des großen Theaters der Verantwortungslosigkeit, das gerade in Dubai aufgeführt wurde, wird uns gesagt, wir sollen über die Tatsache jubeln, dass zum ersten Mal seit der Einführung der jährlichen COPs zum Klimawandel durch die UNO im Jahr 1993, die dominierenden Gruppen der Welt (insbesondere die privaten Industrie- und Finanzgruppen) anmerken, dass sie sich - 30 Jahre später - auf den Ausstieg aus der Öl- und Gasförderung geeinigt haben, ihre Zustimmung nicht zum Ende der Nutzung fossiler Energieträger (Kohle, Öl und Gas), sondern zu einem "Übergang von fossilen Energieträgern", ohne Zwang, freiwillig, ohne festgelegte Fristen, ohne Erwähnung der Höhe der erforderlichen Investitionen…

Gratulation an die herrschenden Gruppen. Es ist ihnen - auch dank der Medien aller Art - gelungen, den Eindruck zu erwecken, dass wir, die Bürgerinnen und Bürger der Kontinente des Planeten, immer zufriedener sein sollen mit immer weniger Verpflichtungen, die sie für die Lebensrechte aller Erdenbürger/innen und der ganzen Menschheitsgemeinschaft eingegangen sind. Das ist, was die Herren der globalen, räuberischen Finanzwelt "Effizienz" nennen. Also schlafen wir ruhig weiter …

Allerdings, eine Frage ist zu stellen: Wenn es 30 Jahre gedauert hat, bis die herrschenden Gruppen der Welt ihre Zustimmung zu einem Wortspiel wie "Übergang von fossilen Brennstoffen" statt "Ausstieg" aus fossilen Brennstoffen" (zudem mit einer ganzen Reihe von Lücken, Ungenauigkeiten und Widersprüchen) zuzustimmen, wie viele Jahre werden sie dann brauchen, um tatsächlich "NULL fossile Brennstoffe" zu erreichen? Ich würde es jedenfalls vorziehen, nicht zu warten und zu bewirken, dass der Große Geist der Gerechtigkeit meinen Wunsch für 2024 erfüllt und "die Armen und Verdammten der Erde (zu gegebener Zeit) ins Paradies aufnimmt und die herrschenden Räuber (so bald wie möglich) zur Hölle schickt".

Riccardo Petrella, geboren 1941 in La Spezia (Italien), ist Politologe, Soziologe und Menschenrechtsaktivist. Er ist Doktor der Politikwissenschaften der Universität Florenz und Ehrendoktor der Universitäten Umea (Schweden), Roskilde (Dänemark), KUB (Belgien), Polytechnische Fakultät von Mons (Belgien), Montréal, Quebec (Kanada), Institut Polytechnique de Grenoble (Frankreich), Università Nazionale di Rosario (Argentinien) und der Universität Corsica (Frankreich). Seine aktuelle Position ist emeritierter Professor der Université catholique de Louvain (Belgien), Präsident des Europäischen Instituts für Recherchen zur Wasserpolitik (IERPE) in Brüssel und Präsident der "Università del Bene Comune" (UBC), einer gemeinnützigen Vereinigung mit Sitz in Anversa (Belgien) und Sezano, Verona (Italien). Petrella ist Autor zahlreicher Bücher und Publikationen (eines seiner bedeutendsten Werke ist "Wasser für alle: ein globales Manifest", 2001) und engagiert sich unter anderem im Rahmen der Kampagne "Banning Poverty 2018"

Quelle: Pressenza - 30.12.2023. Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Walter L. Buder vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Veröffentlicht am

31. Dezember 2023

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