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“Jeder intelligente Idiot kann Dinge größer machen, komplizierter und gewalttätiger.”

Die Zerstörung dieses Planeten bis an die tödlichen Kipppunkte ist in den Tropen wie im Altdorfer Wald oder im Dannenröder Forst mit unvorstellbarer Gewalt kombiniert.

Mehr als 400 Menschen haben am 8. Januar 2023 bei einer Demonstration im Altdorfer Wald im Kreis Ravensnurg gegen weiteren Kiesabbau demonstriert, den der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben genehmigt hat. Wolfram Frommlet hielt dabei einen Redebeitrag, den wir hier dokumentieren.

Von Wolfram Frommlet

Der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher, 1911 in Bonn geboren, der wegen den Nazis nach England emigrierte, war einer der frühen Warner vor den Folgen eines rein technischen Wachstums. 1973 schrieb er das epochale Buch: "small is beautiful - economics as if people mattered", auf Deutsch: "Die Rückkehr zum menschlichen Maß". Da heißt es: "Ständig größere Maschinen, die eine immer größere Konzentration ökonomischer Macht zur Folge haben und eine immer größere Gewalt gegen unsere Umwelt, repräsentieren nicht Fortschritt. Sie verleugnen Weisheit. Wissen erfordert eine Neuorientierung von Wissenschaft und Technologie auf das Organische, das Sanfte, das nicht Gewalttätige, auf das Elegante und Schöne".

Schumachers Buch ist 50 Jahre nach der englischen Fassung relevanter denn je. Einer seiner zentralen Sätze passt auf den Kiesabbau im Altdorfer Wald und auf den Abriss von Lützerath für den ökologisch hirnrissigen Braukohleabbau, für Armin Laschets Freunde von der RWE, für die nun die Grünen alle ökologischen Prinzipien verraten.

Zitat Friedrich Schumacher: "Jeder intelligente Idiot kann Dinge größer machen, komplizierter und gewalttätiger. Es braucht aber eine Menge Begabung und Mut, in die gegenteilige Richtung sich zu bewegen."

Schumacher analysierte 1970 schon den Wachstumsfetischismus des neoliberalen Kapitalismus, der auf Kapitalvermehrung ausgerichtet ist, nicht auf sorgsamen Umgang mit dem wirklichen Kapital, das nicht vermehrbar ist - mit Bodenschätzen, mit der Natur, mit menschlichen Ressourcen.

Mit Gewalt werden in den tropischen Wäldern die Indigenen Völker vertrieben, ihrer Existenz beraubt werden, auf Gewalt basieren die horrenden Gewinne der Fleisch-, Kaffee- und Rohstoffkonzerne, für die im wörtlichen Sinne Platz geschaffen wird.

Es ist rechtsradikale, populistische Propaganda, wenn Alexander Dobrindt von der CSU Klimaaktivisten mit der terroristischen Mörderbande der RAF vergleicht. Dies ist eine Straftat, die angeklagt gehört.

Dobrindt ist in guter Gesellschaft: Schon lange vor ihm sagte die Ravensburger SPD-Abgeordnete Heike Engelhardt, die Sprache der Klima-Aktivisten erinnere sie an die RAF, wofür sie sich nie entschuldigte. Wer vor dem Begriff "Klima-RAF" zurückschrecke, der traue sich nicht, der realen Gefahr ins Auge zu blicken, meinte Alexander Dobrindt im Bundestag.

Die reale Gefahr hat Hunderte von Millionen Kleinbauern in Afrika, in Lateinamerika längst erreicht: in Somalia, im Sudan, auf dem gesamten afrikanischen Kontinent, folgt der Dürre der Hunger. Ich prognostiziere 300 Millionen Klimaflüchtlinge auf den Kontinenten des Südens bis 2030. Keine Sorge, sie werden es bis zu uns nicht schaffen.

Gelegentlich bewegt sich etwas in Politiker-Köpfen: Frank-Walter Steinmeier besuchte ein Klima-Forschungszentrum im brasilianischen Manaus und kam zu einer phänomenalen Erkenntnis - "Die Bäume, die hier wachsen, binden Abermillionen Tonnen Kohlendioxid." Nirgendwo sei die Artenvielfalt größer als im noch verbliebenen Regenwald. Wer hätte das geahnt! Mehr ist ihm zur Plünderung der Tropenwälder nicht eigefallen, zu Soja für unsere Massentierhaltung, zu Agrobusiness - auch für Bio-Sprit, zu den Rohstoffen unter dem brasilianischen Tropenwald - auch für das bundesdeutsche Wirtschaftsmodell. Ein Besuch im Altdorfer Wald brächte, ohne Flugkerosin, nicht nur Herrn Steinmeier, sondern jenen Politikern und Bürokraten, die den weiteren Kiesabbau und die unwiderbringliche Vernichtung des Waldes und der Grundwasserreservoirs genehmigen, ähnliche Einsichten.

Die Zerstörung dieses Planeten bis an die tödlichen Kipppunkte ist in den Tropen wie im Altdorfer Wald oder im Dannenröder Forst mit unvorstellbarer Gewalt kombiniert. Ich bin nicht mit allen Aktionen der "Letzten Generation" einverstanden - doch sie wird hemmungslos, parteiübergreifend, kriminalisiert - Vorbeugehaft, nächtliche Durchsuchungen von Wohnungen, ja, im Oberallgäu, das Haus der Eltern einer Klimaaktivistin. Was wird gesucht? Waffen vielleicht? Was wird beschlagnahmt? Illegale Dinge wie Laptops, Handys, Plakate, Klebstoff. Das Recht und die Pflicht zu zivilem Widerstand sind die sogenannten "realen Gefahren" für diesen Staat, nicht die Militarisierung des Weltraums und die Produktion atomar bestückbarer Drohen und Tarnkappenbomber vom Bodensee.

Wie ein Staatsanwalt am Ravensburger Amtsgericht an Klimaaktivisten ein demokratisches Rechtssystem durchdekliniert auf "Die Hände an die Hosennaht, das Recht gehört dem Staat", das ist "der Deutsche Geist", wie ihn Erich Kästner, Heinrich Mann und Kurt Tucholsky zu Satire verarbeiteten. "Milka Ahoi!"

Wir müssen Acht geben, dass uns der Humor nicht vergeht. Wolf Biermann hilft mir gelegentlich.

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich

Du, lass dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das woll’n sie doch bezwecken,
Dass wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit

Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit

Danke

Veröffentlicht am

09. Januar 2023

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