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“Sich nicht an den Krieg gewöhnen…”

Von Katrin Warnatzsch – Soziale Friedensarbeit (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 113, Juni 2022 Der gesamte Rundbrief Nr. 113 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 684 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren )

Der Frühling ist eingekehrt, auch hier auf der Schwäbischen Alb. Noch blühen unsere Tulpen in den schönsten Farben, bis sie die Sonne demnächst verbrennen wird. In diesem Jahr blühte die Aprikose erstmals, ohne vom späten Frost erwischt zu werden. Ein gewagtes Experiment in unserm Klima, oder doch nicht? Gestern setzte ich erstmals ein paar Kartoffeln in die warme Erde vor dem Lebenshaus. Grundnahrungsmittel in angespannten Zeiten. Kräuter, Tomaten und Salat gedeihen schon. Das ist mein kleiner Kampf mit dem Dennoch, gegen alle trüben Gedanken und traurigen Gefühle angesichts der allgemeinen Weltlage.

Jeden Freitagabend um 18 Uhr stehen wir mit inzwischen wenigen Mitstreitenden am zentralen Platz um den Stadtbrunnen in Gammertingen. Ab und zu stellen sich einzelne Vorbeifahrende solidarisch zu uns. Unsere Friedensfahnen und Plakate haben bunte Farben und keine dominiert. Jede Woche überlegen wir, welche Texte, die Michael gefunden hat, könnten uns ermutigen. Wir bringen Stimmen der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung zu Gehör oder von Bewegungen für Kriegsdienstverweigerung aus Russland und Belarus. Oder wir lesen Stellungnahmen von War Resisters‘ International, Versöhnungsbund, Bund für Soziale Verteidigung oder Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden vor. Wir erzählen von den vielen anderen Kriegen in unserer Welt, von den Menschen, die an den Außengrenzen der Europäischen Union sterben, verletzt werden und ein elendes Leben führen. Weil die EU sie nicht "hereinlässt", sie stattdessen täglich drangsaliert, verfolgt, verletzt, hetzt und diskriminiert.

Wir haben unseren Musiker Bernd und oft auf auch seine Frau Gabi bei uns, mit Gitarrenklängen und wunderbar passenden Antikriegsliedern helfen sie uns, die Hoffnung zu pflegen. Am Notenständer von Bernd hängt eine umhäkelte CD-Scheibe mit dem Peace-Zeichen in weiß und schwarz.

Das bringt mich dazu, ebenfalls alte CDs oder auch Pappscheiben mit Baumwolle in allen Farben der Welt zu umhäkeln. In der Mitte das Friedenszeichen. So will ich es in die Sträucher im Garten hängen.

Unser aller Bedürfnis ist gewachsen, nach der 45 Minuten dauernden Mahnwache, in der wir auch einige Minuten für alle Opfer von Krieg und Gewalt geschwiegen haben, noch miteinander zu reden. Es hat sich fast schon eingebürgert, dass wir uns dann noch, mangels Alternative, in der Pizza-Kebab Oase eine Pizza Margerita bestellen und dankbar für einen Tee sind. Viele dort einkaufenden Leute hatten zuvor unsere Reden gehört, freiwillig oder nebenbei. Ein uns bekannter Afghane arbeitet dort…

Das Gespräch dreht sich darum, die eigenen Sorgen und Ängste über das Kriegsgeschehen irgendwie miteinander zu teilen. Unser Entsetzen ist groß. Die Stimmen sind leise. Aber ich spüre, dass dieser nun regelmäßig gewordene Gesprächsfaden uns hilft, einander festzuhalten. Wir versuchen, einander zuzuhören, uns zu vergewissern, dass wir ähnlich denken und damit nicht ganz alleine sind. Wir sind entsetzt über die Mainstream-Medien, die sich überwiegend der allgemeinen Kriegspropaganda verschrieben haben, keine Rolle mehr spielen als Kontrollorgan für die Politik… Wie viele Menschen sagen uns, sie könnten die "Nachrichten" nicht mehr hören. Manche wehren sich so vielleicht stumm gegen den Versuch, sich manipulieren zu lassen und sich an den Krieg zu gewöhnen. Die Sorge um Kinder und Enkelkinder fließt mit ein. Die Sorge, welche Pläne für die Zukunft wohl Bestand haben könnten. Und das Schauen auf die Augenblicke des Lebens, zum Beispiel in der uns umgebenden Natur, die einfach weiterbestehen. Das Dennoch will gelebt werden, jeden Tag.

Nach einer Fernsehsendung zum Thema "Die gereizte Gesellschaft" kommen mir in der Nacht Gedanken über den möglichen Zusammenhang zwischen dem so weit verbreiteten überreizten Gesprächsklima und der offenbar wachsenden Bereitschaft großer Teile der Gesellschaft, sich in einen Krieg zu stürzen. Kann es nicht sein, dass die aggressive Art, zu kommunizieren und aufeinander zu reagieren, allmählich einen Level erreicht hat, der auf emotionaler Ebene einen Teil der Erklärung liefert? Die Geschwindigkeit, mit der viele bereit sind, sich zu empören, das oft mangelnde Nachdenken und Abwägen, geringe Bereitschaft, Fehler ein- und einander zu zugestehen, kombiniert mit den Sozialen Medien, das könnte ein Gift sein, das allmählich die Bereitschaft zur Gewalt und damit auch zum Krieg erhöht hat. Hier wäre ein Ansatz, schon in der Kommunikation ein frühes Halt auszusprechen und einen anderen, menschenfreundlichen Stil zu wählen. Die Übung in Gewaltfreier Kommunikation, in ausgleichender, wertschätzender Gesprächsführung ohne rassistische Anflüge, wird weiterhin ein wichtiger Teil der gewaltfreien Bewegung bleiben.

Für unsere Projektgruppe unter dem Thema "Eine andere Welt ist möglich, aber wie?" können wir uns nun wieder in Präsenz treffen, was uns sehr gut tut. Wir fragen uns nun in einem weiteren Schritt, nachdem wir einige sehr unterschiedliche Modelle der Umsetzung einer anderen Lebensweise durchgearbeitet haben, welches uns als Lebenshaus am meisten zusagen würde. Eine grundsätzliche Bedingung wäre vor allem, eine vollständige Klimakatastrophe abzuwenden. Klar ist dabei jedoch schon jetzt, dass die von der Bundesregierung angekündigten unvorstellbar großen zusätzlichen Summen für die Rüstung den Umbau hin zu einer klimafreundlicheren Lebens- und Wirtschaftsweise stark behindern, vielleicht verhindern werden. So wird auch aus diesem Grund unser Protest gegen diesen Rüstungswahnsinn ganz vorne stehen müssen. Angesichts der drängenden, vielleicht sogar schon abgelaufenen Zeitspanne, in der umgesteuert werden könnte, bleibt für jeden und jede als kleinster Schritt, was im eigenen Leben verändert werden kann. Wir werden immer schneller auf die Situation zusteuern, dass es bald nur noch um Krisenbewältigung geht, ums Überleben. Die Natur wird auch bei uns immer mehr zurückschlagen, das tut sie ja in den südlichen Teilen der Erde schon lange.

Wie gehen wir weiter in dieses ungewisse Jahr? Es ist jeden Tag notwendig, sich umeinander zu bemühen, einander beizustehen, klar zu kommunizieren, damit das Gefühl der Hilflosigkeit nicht überhandnimmt. Die gewohnten Rituale, Spaziergänge, Sport, Schlaf und gesunde Ernährung nicht zu vernachlässigen. Auf der Hut zu sein vor der Depression. Mit einem unserer Mitbewohner teile ich deswegen eine kleine Metapher: "Wo ist der schwarze Hund im Moment?" Nach dem hilfreichen Bilderbuch "Mein schwarzer Hund" von Matthew Johnstone.

Die traurigen Ereignisse in Afghanistan, die weitere Unterdrückung der Frauen dort und ihre mutigen, lebensgefährlichen Proteste gegen ihre öffentliche Unkenntlichmachung (= Uniformierung), sie sollten uns ermutigen. Bedrückend und empörend ist es, dass die Menschen, die von dort ausreisen wollen, keine ungefährlichen Wege finden. Wann werden die europäischen Regierungen einsehen, dass das Recht auf Bewegungsfreiheit ein Menschenrecht ist? Wird es so lange dauern, bis wir selbst betroffen sein werden, weil es immer mehr Gründe gibt, die viele Menschen in andere Regionen treiben? Werden wir erst dann genügend verstehen, dass die vielbeschworenen "Werte" unseres mit Nato-Draht, Drohnen, Frontex-Grenzschutz, Lagern, Push-Backs und tödlichen Meeren bewehrten Kontinents damit untergehen? Kann dies das Interesse eines großen Teils der Menschheit sein, die nach friedlichem Zusammenleben sucht und darauf angewiesen ist, um zu überleben? Werden wir Regierende finden und wählen, die sich diesen Interessen verschreiben?

Nichts vergeht, wenn es Sinn macht, egal, ob ein sichtbarer Erfolg eintritt. Hören wir vor allem auf diesen Sinn, suchen wir ihn und bringen wir ihn in unsere Welt. In der Hoffnung, dass der UN-SINN vergeht.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

11. Juni 2022

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