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“Wer Fotos aus Hiroshima gesehen hat, hält es nicht für möglich, dass Menschen auf die Idee kommen könnten, diese Waffe noch einmal einzusetzen.”

Von Wolfram Frommlet - Rede beim Gedenktag der Mayors for Peace in Tettnang, 6. August 2022

Guten Abend,

am Hiroshima-Tag, der Teil unserer Erinnerungskultur ist. Er ist ein Symbol für zwei völlig gegensätzliche menschliche Haltungen in hoch-technologisierten und hoch-kapitalisierten Gesellschaften nach 1945:

Da ist der moralische, ethische und historische Bankrott jener hochqualifizierten Wissenschaftler und Ingenieure, die die kranken Macht-Fantasien von Politikern jeglicher Ideologie in Waffen umsetzen, Handlanger der Rüstungskonzerne weltweit, deren Lebensinhalt klingt wie ein Satz aus Paul Celans Gedicht "Die Todesfuge" ist:

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"

Und da sind die anderen, zu denen die 8.161 "Mayors for Peace" in 164 Ländern zählen – sie erinnern an den Wahnsinn von Hiroshima und Nagasaki und an die Gründe, die den Wahnsinn verursachten. Zu diesen gehöre ich, Pazifist seit 59 Jahren, seit meiner Kriegsdienstverweigerung 1963.

Wir erliegen der Behauptung nicht, dass, gerade in diesen Zeiten, Krieg Teil der menschlichen Ratio sei. Wir glauben an die Utopien und Visionen einer besseren Welt, die es immer gab und auch heute gibt.

Wer Fotos aus Hiroshima gesehen hat, hält es nicht für möglich, dass Menschen auf die Idee kommen könnten, diese Waffe noch einmal einzusetzen. Welch ein Irrtum.

Freiherr Wernher von Braun selektierte für den Bau der Massenvernichtungswaffe V2 für die Nazis die Häftlinge für die Produktion selbst in Auschwitz. Sie starben wie die Fliegen. Von Braun war ideologisch flexibel und seine neuen Arbeitgeber auch: Im September 45 wurde er in die USA geflogen, wenig später sein Peenemünde-Team. In der texanischen Wüste entwickelten sie die erste atomare Mittelstrecken-Rakete der USA.

Auch Frankreich, "La Grande Nation", reagierte auf den Wahnsinn von Hiroshima mit neuem Wahnsinn: Charles de Gaulle folgerte 1959: "Die Nationen sind in zwei Kategorien eingeteilt. Die einen besitzen Atomwaffen, die anderen nicht. Nur die Ersteren sind fähig, ihre Freiheit und ihr Leben zu verteidigen, die anderen sind zur Knechtschaft verdammt."

1960 testete Frankreich Atombomben, 37mal so stark wie die von Hiroshima, über seinen Kolonialterritorien in der Südsee. 1950 wurden britische Atombomben über kolonialem Gebiet gezündet. Ohne Wissen des Parlaments. Das nennt man Demokratie.

Von 1945 bis 2016 wurden weltweit etwa 2100 Atomtest durchgeführt. Über 1000 Bomben von den USA, 210 von Frankreich, 715 von der Sowjetunion, der Rest war britisch und chinesisch. Millionen Megatonnen nukleares Material wurden in jenen Himmel entlassen, in dem – nach dem Verständnis der christlichen Politiker in den USA, England und England – Gott residiert.

Im Juni dieses Jahres tagte in Wien die erste Staatenkonferenz zum Atomwaffenverbotsantrag. Die 86 Unterzeichnerstaaten sind die Mehrheit der Welt, die den Besitz von Atomwaffen und die Drohung damit nicht länger tolerieren wollen. Noch aber lagern die USA, im Rahmen der deutschen nuklearen Teilhabe in der NATO, Atomwaffen in Deutschland. Dass die nukleare Teilhabe auch in der Vorstandsetage der Heinrich-Böll-Stiftung und der Grünen befürwortet wird, ist makaber.

Durch Putins´Drohungen mit taktischen Atomwaffen sehen sie sich bestätigt.

Der Wahnsinn hat wieder Konjunktur: Großartige Erfindungen wie das Future Combat Air System mit atomar bestückbaren Drohnen-Geschwadern, und das Next Generation Weapon System werden gleich hier am Bodensee bei Airbus, zusammen mit Frankreich und Spanien, entwickelt. Bei den Rüstungsfirmen und ihren Aktionären knallte der Schampus dank Vladimir Putin. Bis zu 100 Prozent schossen die Aktien nach oben bei Rheinmetall, Hensoldt, Raytheon, Lockheed und Co.

Zu Vladimir Putins Überfall auf die Ukraine möchte ich nur wenige Sätze sagen: Putin begeht Kriegsverbrechen, seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Armee in Europa dermaßen gewütet. Man mag Putin als Psychopathen bezeichnen, was ihm jede Rationalität absprechen würde, doch er ist gewiss nicht der einzige Psychopath seit Hiroshima, auch nicht im "Freien Westen."

Dieser Krieg hat eine lange Vorgeschichte auch in den militärischen Provokationen der NATO. Ob in der Ukraine unsere Werte verteidigt werden, bezweifle ich. Entscheidend ist, dass die Abschreckung der hochgerüsteten NATO einen Krieg nicht verhindern konnte. Ja, es gibt ein Recht auf Selbstverteidigung, doch Putin und sein Clan werden es nie zulassen, dass die Ukraine Russland bezwingen wird. Zigtausende junger Männer werden in einem durch jede Waffenlieferung verlängerten Blutbad hingeschlachtet. Beide Seiten, vor allem der Westen, testen in der Ukraine ihre Waffensysteme. Wie trunken hat eine irrwitzige Koalition aus Bellizisten im Westen eine neue Hochrüstung eingeleitet. Kanzler Scholz wünscht sich Deutschland als militärischen Geo-Player. Wo als nächstes?

100 Milliarden für Rüstung – welch abartige Wortschöpfung. Diese 100 Milliarden sind kein "Sondervermögen", sondern Schulden, die die unten vor allem bezahlen werden. Das sind die Arbeitsplätze, die wir angeblich brauchen, nicht in Sozialen Berufen, in Bildung, Umwelt, im Sozialen Wohnungsbau oder im Gesundheitswesen. Die Armut in diesem Land wird zunehmen. Dies wird unseren Frieden gefährden, auch in den 8.188 Kommunen mit "mayors for peace".

Deshalb möchte über die neuen Kriege reden, die wegen der Ukraine im Bewusstsein nicht mehr vorkommen.

Bertolt Brecht schrieb 1952:

Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.

Die Beschreibungen,
die der New Yorker
von den Gräueln der Atombombe erhielt,
schreckten ihn anscheinend nur wenig.
……

Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.

Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.

Soweit Bertolt Brecht bereits 1952!

Die verschwiegenen Kriege, ganz neuen Ausmaßes

Die Rohstoffkriege

Für die Schlüsseltechnologien in China, Russland, den USA, in der EU, bedingt in Indien, Israel oder Südkorea, für E-Mobilität, Künstliche Intelligenz, gigantische Daten-Clouds, Hightech-Rüstung, die Militarisierung des Weltraums, werden unvorstellbare Mengen an sog. "Seltenerdmetalle", rare earths, benötigt – ein paar Namen: Scandium, Yttrium, Lanthan, Neodym, Platin, Promethium, Lithium, Erbium, Thulium, Lutetium. Diese lagern zu einem erheblichen Teil in Afrika, weshalb China 42 Länder in Asien und Afrika im Rahmen seiner belt & road Initiative neo-kolonialisiert. Das wird der Westen nicht schulterzuckend hinnehmen. Die Rohstoff-Ausbeutung hinterlässt Wüsten, Armut und Vertreibung. Schon jetzt haben wir neue Formen des Kolonialismus, die Medien und Politik hier vertuschen.

Ein Beispiel: Im letzten Oktober hat Russland im Sudan ein Militärregime installiert, das ihm erlaubt die Gold-Vorhaben zu plündern, über die Meroe Gold Company, die mit der russischen Söldnertruppe, der Wagner Group, verbunden ist.

Die Nahrungskriege

Schwimmende Fischfabriken aus China, Russland, von westlichen Konzernen, die mit Tiefseenetzen die Meere rund um Afrika, auch in den Hoheitsgewässern, plündern, werden in weniger als zwei Jahrzehnten sich um die letzten Ressourcen bekämpfen; afrikanische Fischer kehren leer vom Meer zurück.

Ein wachsender Anteil unserer Lebens- und Genussmittel, der Futtermittel kommt aus Ländern des Südens und kreiert dort Hunger und Vertreibung von indigenen Völkern und Kleinbauern.

Weltweit hungern 820 Millionen Menschen, vor allem in Ländern des Südens. Die Zahl steigt wegen des Krieges in der Ukraine rapide. Ist der Überfluss der einen die Ursache für den Hunger der anderen?

Mit gigantomanen "Entwicklungsprojekten" verschuldeten sich die Länder des Südens ins Unermessliche.

Um die Schulden zurückzuzahlen, braucht es Devisen. Die, redete man ihnen ein, könnten mit Agrarprodukten erwirtschaftet werden. Doch Kleinbäuerinnen brauchte man dafür nicht, sondern billige Landarbeiter, Agrobusiness mit importierten Bewässerungsanlagen, Traktoren, importiertem Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln. Monokulturen mit Bananen, Avocados, Tee, Kaffee, Kakao, Zuckerrohr, Baumwolle, Tabak, Blumen. Das laugt die Böden aus, die Dörfer sind ohne Wasser. Die fruchtbaren Böden werden, im Zusammenspiel von internationalen Konzernen mit den korrupten Eliten, den Kleinbauern geraubt.

Internationale Supermarktketten wie WalMart, Carrefour, Aldi, Metro oder Tesco dominieren die Rohstoffbörsen, ohne Mitsprache von Bauernverbänden, und machen Milliarden-Gewinne. Die Devisen aus agrarischen Exporten verschleudert die neue Bourgeoisie. Die Bauern bekommen keine Kleinkredite, können sich keine Ochsen leisten, keine Gesundheitsstation, keine Schule bauen - wofür der Staat nicht mehr aufkommt. Auf dem fruchtbaren Land werden keine Nahrungsmittel für den Eigenbedarf, sondern für uns produziert. 280 Millionen hungern in Afrika, vor allem auf dem Land. Für unser Fleisch, für unsere Hochleistungskühe werden in Lateinamerika die Regenwälder gerodet für Sojafutter. Millionen von landlosen Bauern sind die Folge. Indigene Völker werden vertrieben auch in Afrika, wie räudige Hunde. Die Mehrheit der Landbevölkerung im Süden lebt an der Armutsgrenze, viele in absoluter Armut. Ihr Hunger garantiert unseren billigen Kaffee und unsere Fleischgier, auf ihren Böden wird pestizidverseuchte Baumwolle für unsere Billigklamotten angebaut und die Blumen für den Muttertags-Kult.

Die neuen Kriege ähneln den alten – Länder werden erobert, ausgebeutet, Menschen vertrieben.

Zwischen 2000 und 2015 wurden in 15 afrikanischen Staaten, ohne die Bauern, Konzessionen an ausländische Firmen über 4,7 Millionen Hektar Land unterzeichnet. Nur 220.000 Hektar werden für industriell genutztes Palmöl genutzt. Das Land verrottet unter den veränderten Klimabedingungen.

Die neuen Kriege sind Hungerkriege.

Im neuen Kolonialismus wird Agrarland in 31 afrikanischen Staaten zum Spekulationsobjekt für Nahrungskonzerne, für Hedge Fonds, Pension Fonds, für Banken aus den Golf Staaten, aus Japan, den USA, der EU, mit dabei Mitsubishi, Hyundai, Deutsche Bank, BlackRock (wo der christliche Herr Merz im Aufsichtsrat saß).

Die neue Perversität: Der Süden plündert den Süden:

Die indische Firma Karuturi, der Welt größter Rosenzüchter, bekam über 300.000 Hektar Land in Äthiopien, für einen Dollar pro Hektar. In Kenia liegt der Monatslohn für angebliche "fair trade Rosen" bei 50 Euro. Alles Gute zum Muttertag.

Wie schön, dass es den Krieg gegen die Ukraine gibt. Da lassen sich die Kriege verschweigen, die wir gegen die Zweidrittel-Welt führen. Der Frieden beginnt bei uns. Frieden beginnt mit Gerechtigkeit, Empathie für die Produzenten unserer Lebensmittel, globale Solidarität; gerechte Bezahlung über Grenzen, über Kulturen hinweg. Wenn Städte zu "fair trade cities" werden, ist dies eine Art von Frieden, der gut zu den "Mayors for Peace" und ihren Kommunen passt.

Klimakriege

Seit dem Club of Rome, 1972, wissen wir, dass unser Planet eine sofortige, drastische Reduktion des Ressourcenverbrauchs braucht – doch diese Formulierung ist falsch, Mali und Tansania, Bangladesh und Kenia, die Mehrheit des Südens braucht keine Reduktion. Die Industriestaaten mit der ungebremsten Ideologie des schrankenlosen Wachstums bräuchten sie. Unser nationaler ökologischer Fußabdruck braucht 3,1 Erden, der der USA über 5, doch die Mehrheit der Republikaner leugnet nach wie vor die Klimakrise.

Was kümmert BMW und Mercedes die Klimakrise? Sie konzentrieren sich auf den Bau von Luxuskarossen, und nie wurden mehr SUVs verkauft als in der Pandemie.

Jährlich werden von Supermärkten und Discountern 290.000 Tonnen Lebensmittel "entsorgt", 210.000 Tonnen kommen dazu von Bäckereien, Fleischereien, Tankstellen und Wochenmärkten. Dazu kommen etwa zehn Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel aus privaten Haushalten. Und jährlich 390.000 Tonnen weggeworfene Textilien. Wie viele Böden, wieviel Wasser, wieviel Hungerlöhne sind dafür nötig?

Unser Wirtschaftsmodell, unser Lebensstil, das sind die Klimakiller, die immer größere Teile Afrikas unbewohnbar machen, Es wird Kriege um Wasser, um die letzten Böden geben, die alle bisherigen in den Schatten stellen werden.

Aus bislang 80 werden etwa 150 Millionen Klima- und Wirtschaftsflüchtlinge werden. Rassistische, faschistische Bewegungen wie die Lega Nord, die Fratelli d’Italia, die AfD, die National Front in Britain, Marine Le Pen in Frankreich, werden sie mit allen Mitteln aus Europa fernhalten. Unser Rüstungswahnsinn, unsere Wachstumshysterie löst Hunger, regionale Kriege, Zerstörung, Massenmigrationen aus.

Einer der größten Klimakiller sind die gigantischen Manöver u.a. der NATO, die Rüstung, und dass dies auf keiner Umweltkonferenz jemals zur Sprache kam, haben die Amerikaner verhindert. Unter deren Druck wurden militärbedingte Emissionen aus dem Kyoto-Protokoll ausgeklammert. Ein kleines Beispiel: 2019 benötigte das US-Militär etwa 43 Millionen Liter Öl pro Tag, das sind 25 Millionen Tonnen CO2. Auf der US-Base Ramstein finden jährlich 30.000 Starts und Landungen statt, mit 1,3 Milliarden m3 Abgasen.

It’s alright. It’s all for freedom and democracy.

Wir sind fast am tipping point, an dem der Planet irreparabel zerstört sein wird. 100 Konzerne weltweit, darunter die Rüstungskonzerne, entscheiden über die Zukunft der Menschheit. Doch 25% der Menschheit reichen, um dies aufzuhalten, um deren Wahnsinn in Nachhaltigkeit, in Rüstungskonversionen, in Technologien für eine bessere Welt zu verwandeln. Und da sind wir wieder bei den Mayors for Peace und dem, wozu 8.161 Kommunen weltweit einen großartigen Beitrag leisten.

Ein paar Zeilen zum Schluss von Günther Eich:

”Ah, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen,
und die Posten sind aufgestellt.”
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!

Seid misstrauisch gegen ihre Macht,
die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind,
wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!

Tut das Unnütze, singt die Lieder,
die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand,
nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Veröffentlicht am

07. August 2022

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