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Gewaltfreie Blockadeaktion Großengstingen 1982: Dietrich Becker-Hinrichs

Vom 1. bis 8. August 1982 fand bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eine einwöchige Blockadeaktion des Atomwaffenlagers statt. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion. Für viele Beteiligte hatte dies auch juristische Folgen.

Seit dieser gewaltfreien Aktion sind nun 40 Jahre vergangen. Wir haben Menschen eingeladen, die damals bei dieser Aktion dabei waren, sich nach dieser langen Zeit zurück zu erinnern.

Hier findet sich eine Übersicht über alle Beiträge: Einwöchige gewaltfreie Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager bei Großengstingen Sommer 1982 - Beteiligte erinnern sich

Nachfolgend ein Beitrag von Dietrich Becker-Hinrichs.

Die Teilnahme an der Blockade in Großengstingen gehört für mich zu den prägenden gewaltfreien Aktionen in meinem Leben. Hier wurde zum ersten Mal in großem Maßstab eine gewaltfreie Aktion nach dem Bezugsgruppenkonzept organisiert und durchgeführt.
Das war neu, jedenfalls in dieser Größe.

Ich war als Student von 1978 bis 1980 aktiv bei der Gewaltfreien Aktion Tübingen. Dort lernten wir über die Amerikanerin Nancy, eine Teilnehmerin an der Platzbesetzung des AKW Seabrook in den USA, das Bezugsgruppenkonzept kennen. Nancy erklärte uns die Wirkungsweise der affinity groups. Alle in der clamshall alliance zusammengeschlossenen Gruppen waren in affinity groups organisiert. Ein Training im Vorfeld war die Bedingung für eine Teilnahme. Es gab ein großes Handbuch für die gesamte Aktion und jede*r Teilnehmer*in musste sich bereit erklären, auf Gewalt gegen Personen zu verzichten. Ganz wichtig war dabei auch die Entscheidungsfindung per Konsens.

Die Erzählungen und Erfahrungen der amerikanischen Aktivistin hatten uns in der Gewaltfreien Aktion Tübingen sehr inspiriert und wir organisierten im Herbst 1979 eine Fahrt nach Gorleben, wo wir als Tübinger Bezugsgruppe (noch im Vorfeld der Besetzung des Bohrfelds 1004) eine gewaltfreie Aktion nach dem Bezugsgruppenmodell und dem Konsensprinzip durchführten. Unsere Broschüre, in der wir diese Ideen ausführlich vorstellten, fand reißenden Absatz.

Die Idee der Organisation gewaltfreier Aktionen nach dem Bezugsgruppenmodell war allerdings auch gleichzeitig von einer Berliner Gruppe in Deutschland bekannt gemacht worden, die ihre Ideen von einem Besuch in den USA mitbrachten und in die Vorbereitung der Platzbesetzung in Gorleben im Jahre 1980 einbrachten.

Die Tübinger GA war also wegweisend für die Entwicklung gewaltfreier Aktionen nach dem Bezugsgruppenmodell. Als ich dann den Studienort wechselte und 1981 nach Heidelberg kam, beteiligten wir uns mit einer Bezugsgruppe aus Heidelberg an der Aktion in Großengstingen im Sommer 1982. Ich arbeitete bei den Heidelberger Trainingskollektiven mit und wirkte bei vielen Trainings im Vorfeld mit.

Es gab im Vorfeld ein Handbuch für jede Teilnehmer*in, viele Trainings fanden statt und so kamen dann Ende Juli 1982 gut trainierte Teilnehmende in vielen kleinen Gruppen nach Großengstingen. Auch unsere Bezugsgruppe "Senfkorn" aus Heidelberg gehörte dazu.

Wir waren gut vorbereitet und selbstverständlich auch bereit, uns für die Aktion verhaften zu lassen. Leider wurde unsere Gruppe kein einziges Mal geräumt und festgenommen. Das bedauere ich heute noch. Aber wir saßen nachts oder in den frühen Morgenstunden vor dem Tor und blockierten und sangen Lieder. Es waren unvergessliche Momente. Die Aktion war ein großer Erfolg.

Besonders wichtig war im Rückblick auch die mediale Vor- und Nachbereitung der gewaltfreien Aktion in Großengstingen. Durch Mitarbeiter des Vereins für Friedenspädagogik in Tübingen (Günter Gugel und Horst Furtner) wurden Bücher und Broschüren erstellt, die die Idee und Praxis der gewaltfreien Aktion und der Gewaltfreiheit in ganz Deutschland bekannt machten. Ich bin sicher, dass diese gute Aufbereitung auch wegweisend war für die gewaltfreien Blockaden in Mutlangen, die sich dann in den folgenden Jahren anschlossen. Wenn Historiker*innen die Aktionen der bundesdeutschen Friedensbewegung gegen die atomare Aufrüstung in den Achtziger Jahren Revue passieren lassen, dann fällt meistens der Name Mutlangen. Die Aktion in Großengstingen wird selten erwähnt. Aber sie hat die Praxis gewaltfreier Aktionen in der Bundesrepublik Deutschland geprägt und geformt wie kaum eine andere Aktion. Die Idee und Praxis der Gewaltfreiheit und der Gewaltfreien Aktion bekam dadurch einen unglaublichen Aufschwung.

Für mich waren die Erfahrungen mit den Trainings um Vorfeld und Umfeld der Aktion ein Anstoß, zwei Jahre später mit anderen Aktiven zusammen die Werkstatt für Gewaltfreie Aktion in Baden ins Leben zu gründen, bei der ich bis heute aktiv bin.

Dietrich Becker-Hinrichs , Jahrgang 1957, ist Gründungsmitglied der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion (1984) und engagiert sich seitdem ehrenamtlich im Trägerverein der Werkstatt. Seit 1988 ist er Vorsitzender des Trägervereins Gewaltfrei Lebens Lernen e.V.
Seine Schwerpunkte sind die Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit.

In den Achziger Jahren führte er für die Werkstatt Trainings in Gewaltfreier Aktion durch. In den letzten Jahren hat er verschiedene Aufsätze zu friedensethischen Fragestellungen publiziert.

Dietrich Becker-Hinrichs ist hauptberuflich als Gemeindepfarrer in Bretten tätig. Innerhalb der Landeskirche gehört er zum Leitungskreis des Forums Friedensethik (FFE). Er ist Mitautor des friedensethischen Diskussionspapiers der Evangelischen Landeskirche in Baden, das nach einem breit angelegten friedensethischen Konsultationsprozess entstanden ist.

 

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Veröffentlicht am

31. Juli 2022

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