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Gewaltfreie Blockadeaktion Großengstingen 1982: Paul Bosler

Vom 1. bis 8. August 1982 fand bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eine einwöchige Blockadeaktion des Atomwaffenlagers statt. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion. Für viele Beteiligte hatte dies auch juristische Folgen.

Seit dieser gewaltfreien Aktion sind nun 40 Jahre vergangen. Wir haben Menschen eingeladen, die damals bei dieser Aktion dabei waren, sich nach dieser langen Zeit zurück zu erinnern.

Hier findet sich eine Übersicht über alle Beiträge: Einwöchige gewaltfreie Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager bei Großengstingen Sommer 1982 - Beteiligte erinnern sich

Nachfolgend ein Interview mit Paul Bosler.

  • Wie blickst Du heute mit dem Abstand von vier Jahrzehnten auf diese Aktion zurück?

Es hört sich sicherlich pathetisch an: Diese Aktion hat mich geprägt und sie beeinflusst bis heute, und hoffentlich noch lange, meinen Weg. Insbesondere das Einüben und Praktizieren von basisdemokratischen Strukturen hat mich so tief beeindruckt, dass ich mich in gewaltfreier und konstruktiver Konfliktbearbeitung weitergebildet habe. Ich habe u.a. eine Ausbildung zum Mediator gemacht, und das hilft mir nicht nur bei der Arbeit in politischen Zusammenhängen, sondern auch im Alltag als Pfarrer und Klinikseelsorger.

  • Wie ist es zu Deiner Teilnahme überhaupt gekommen und was waren Deine Gründe?

Die Lance-Raketen waren vor meiner Haustür stationiert. Ich lebte in Würtingen, 10 Kilometer vom Lager Golf entfernt. In meiner Kindheit war es selbstverständlich, mit dem Sportverein in die Panzerhalle zum Fußballtraining zu fahren, um dort auf dem Betonboden zu kicken. Ins "Soldatenheim" bei der Kaserne konnte man mit dem CVJM zum Lederpunzieren und anderen Freizeitaktionen. Kaserne und Lager Golf sind Teil meiner "Heimat".

In Würtingen und Urach, jetzt Bad Urach, gab es Friedensgruppen, aus denen sich die Bezugsgruppe "Con esperanza venceremos" entwickelte. Friedensarbeit und Solidarität mit dem Trikont, besonders Lateinamerika, gehörten damals untrennbar zusammen.

  • Erinnerst Du Dich an die Vorbereitung und den Verlauf der Aktion?

Die Vorbereitung gestaltete sich in Etappen. Es gab plenare Treffen in Tübingen, an die ich mich erinnere.

Unsere Bezugsgruppe hatte zwei Trainer für ein Wochenende auf ein "Gütle" in Urach eingeladen. Dort übten wir, Konsensentscheidungen zu treffen und Rätedemokratie at its best.

Für uns damals gar nicht erstaunlich, aber von heute aus gesehen wie ein Wunder:
Diese Art der Entscheidungsfindung hat sich in der Praxis bewährt und ermöglicht, dass 750 Menschen, die sich über fünf Zeltlager organisierten, diese zwei Wochen Vorbereitung und Blockade gemeinsam gestalten konnten. Ohne PCs, Handys, WhatsApp + Co.

  • Hatte diese Aktion Folgen für Dich und wenn ja, welche (z.B. Anzeige, Strafbefehl, Gerichtsverhandlung)?

Nein, für diese Aktion gab es für mich selbst nach Engstingen keine Verfahren. So konnte man fröhlich weiterblockieren, auch in Mutlangen und anderswo.

  • Welche Bedeutung hat diese Aktion in Deiner eigenen Biografie gespielt?

Meine eigene Biografie war und ist eingebunden in Strukturen von Mitkämpfenden. So konnten wir damals Busse organisieren für die Menschenkette 1983 von Stuttgart nach Ulm. Wir wollten unsere Heimatgemeinde St. Johann offiziell zur Atomwaffenfreien Zone erklären lassen und haben dafür fast 800 Unterschriften gesammelt. Der Gemeinderat hat dennoch dagegen votiert.

Das war für uns der Grund, selbst parlamentarisch tätig zu werden und wir konnten als "Freie Grüne Liste" bei der nächsten Kommunalwahl 1984 in St. Johann zwei Sitze erringen.

Eine grüne Ortsgruppe entstand und begleitete die GemeinderätInnen nicht nur in Friedensfragen, sondern auch bei den Themen Umwelt, Verkehr, Energie, etc..
Allerdings löste sich die Ortsgruppe der Grünen dann 1999 im Balkankrieg auf. Das zeigt, wie nahe uns die pazifistische und basisdemokratische Grundhaltung war. Und auch, wie fern die Grünen diesen Idealen geworden sind.

Auch Kränkungen bleiben. Dass die Kirchengemeinde Würtingen damals der Friedensgruppe verbot, sich weiterhin im kirchlichen Gemeindehaus zu treffen, hat bei mir eine nachhaltig große Distanz zu meiner "Herkunftsgemeinde" erzeugt. Ich sah mich dadurch gezwungen, meine Tätigkeit in der Jugendarbeit und im Posaunenchor zu beenden. Dass ich dennoch Theologe und Pfarrer geworden bin, war also kein Ruf meiner damaligen Kirchengemeinde.

  • Haben Aktionen des Zivilen Ungehorsams aus Deiner Sicht in der heutigen Zeit einen Sinn? Falls ja: Welchen?

Ich sehe mit großem Interesse auf all die Menschen und Strukturen, die in der Ukraine, in Russland und auch in Nato-Ländern wie Italien, sich der Kriegseuphorie widersetzen und kreativ und mit Mitteln des zivilen Ungehorsams zeigen, dass es andere Möglichkeiten der Konfliktlösung gibt, als mit militärischer Gewalt Menschen, Infrastruktur, Natur und Klima zu zerstören.

Großen Respekt habe ich auch vor der "Letzten Generation" und ähnlichen kollektiven Organisationen. Ihnen gelingt es, die Strukturen gewaltfreier Aktion und des zivilen Ungehorsams in die heutigen Szenarien zu übersetzen und sich gegen die Zerstörung des Klimas zu wehren.

Das hat Zukunft!

Con esperanza venceremos!

Paul Bosler, Nürtingen; Jahrgang 1963.

 

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Veröffentlicht am

20. Juli 2022

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