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Gewaltfreie Blockadeaktion Großengstingen 1982: Uwe Painke

Die vielleicht am besten vorbereitete gewaltfreie Anti-Atomwaffen-Aktion…

Vom 1. bis 8. August 1982 fand bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eine einwöchige Blockadeaktion des Atomwaffenlagers statt. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion. Für viele Beteiligte hatte dies auch juristische Folgen.

Seit dieser gewaltfreien Aktion sind nun 40 Jahre vergangen. Wir haben Menschen eingeladen, die damals bei dieser Aktion dabei waren, sich nach dieser langen Zeit zurück zu erinnern.

Hier findet sich eine Übersicht über alle Beiträge: Einwöchige gewaltfreie Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager bei Großengstingen Sommer 1982 - Beteiligte erinnern sich

Nachfolgend ein Beitrag von Uwe Painke.

Der Aufwand, der im Vorfeld der Aktion getrieben wurde, war zumindest bis dahin für eine gewaltfreie Aktion gegen Atomwaffen beispiellos in Deutschland und wohl auch in Europa, vielleicht sogar weltweit. In den USA gab es vergleichbar gut vorbereitete Anti-AKW-Aktionen (Seabrook und Diablo Canyon - die US-Handbücher bildeten die "Blaupause" für die Aktion. Mehrere Deutsche - Jochen Ketels mit seiner Berliner Bezugsgruppe sowie Achim Ecker aus Kassel - hatten an den US-Anti-AKW-Aktionen teilgenommen.)

Die gewaltfreie Aktion bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb war die erste Massenaktion der Friedensbewegung gegen die Atomwaffen in der BRD. Sie war zugleich die erste gewaltfreie Massenaktion in Deutschland überhaupt, bei der die Veranstalter*innen ein Vorbereitungstraining zum Pflichtprogramm für alle Teilnehmer*innen erhoben. Sicherlich trug diese Tatsache zum erfolgreichen Verlauf der bemerkenswerten Aktion bei: Die Blockade wurde eine Woche lang - 170 Stunden ununterbrochen bei Tag und Nacht - auf der Zufahrt des Atomwaffendepots fortgeführt.

An der Vorbereitung war ich über ein halbes Jahr hinweg im Tübinger AK Engstingen beteiligt. Der traf sich im Verein für Friedenspädagogik, damals noch in der Seelhausgasse 3. Die Menschen, die sich dort trafen, waren damals bereit, einen Großteil ihrer Zeit und Ressourcen in die umfangreichen Aktionsvorbereitungen zu stecken.

Mit einer Kraftfeldanalyse wurde versucht, das gesamte soziale Umfeld der Aktion in der ganzen Region zu analysieren und für jeden gesellschaftlichen Faktor, der dabei eine Rolle spielte, wurde definiert, ob dieser Personenkreis oder diese Institution der geplanten Aktion tendenziell eher zustimmend, ablehnend oder neutral gegenüberstehen würde. Dann wurden Ideen generiert, wie diese gesellschaftliche Gruppe beeinflusst werden könnte, um sie positiver zur Aktion zu stimmen, woraus wiederum konkrete Arbeitsaufträge formuliert und zu deren Umsetzung vielfältige Unter-AKs gegründet wurden.  Zum Beispiel wurde Pax Christi angesprochen, um Bischof Georg Moser und andere relevante Kräfte in der katholischen Kirche in der Region anzusprechen und wenn möglich in unserem Sinne positiv zu beeinflussen. Die Grundidee dahinter war, dass sozialer Wandel kein Zufall ist, sondern im Graswurzelstil planvoll vorangetrieben werden kann.

In kurzer Zeit hatte der AK Engstingen so mehr als zehn Unter-Arbeitsgruppen, etwa den AK Bevölkerung, der u.a. monatliche "Bürgerbriefe" formulierte und diese regelmäßig flächendeckend in rund einem halben Dutzend um das Atomwaffenlager umliegenden Ortschaften an ALLE (!) Haushalte verteilte. Ein ungeheurer Aufwand. Die kleinen DIN A5-Heftchen stellten unsere Ziele und Gründe für die Aktion sowie das klare Bekenntnis zu einem gewaltfreien Vorgehen, den Stand der Vorbereitungen und viele Hintergründe zur Aktion vor. Weitere AKs widmeten sich den Soldaten und boten einen regelmäßigen wöchentlichen Soldaten-Stammtisch in einer "neutralen" Kneipe im Ort an (Gasthof Engel?) - es kam dadurch zu ersten Gesprächskanälen in die Finckh-Kaserne hinein und auch zu ersten Kriegsdienstverweigerungen. (Weitere AKs widmeten sich der Kinderbetreuung, Finanzen, Verpflegung, Bildungsarbeit, Presse, Lokalgeschichte, Sanitäranlagen und Jura.)

Fünf weit über die Alb verstreute Camps gab es auch deshalb, weil kurz vor der Aktion die Wiese für das geplante "Haupt-Camp" nahe des Atomwaffenlagers "Golf" verloren ging: Der Wiesenbesitzer arbeitete als Koch für die Bundeswehr. Eines Tages kam der MAD - angeblich klassisch wie im Film in Trenchcoats (?) - in die Küche und stellte ihn zwischen brutzelnden Töpfen vor die Wahl: entweder Unterstützung unserer Aktion oder der Job. Die Entscheidung fiel natürlich für den Job. Unser AK Zeltplätze musste dadurch kurzfristig statt eines großen zentralen Camps mehrere weiter entfernte Wiesen als Ausweichquartiere besorgen. Die Aktion - seit einem dreiviertel Jahr akribisch vorbereitet - stand dadurch beinahe vor dem Aus. Doch fünf neue Zeltplätze in 15 bis 20 Kilometer Umkreis wurden in kurzer Zeit gesucht und gefunden. Vor allem Armin Vetter aus Reutlingen schafft in der Kürze das Unmögliche - er fuhr fast täglich auf die Alb und ging jeder Spur nach einer Wiese von sympathisierenden Menschen nach. Abends schwärmte er dann, wie schön die Winkel und Flecken der Alb sind, die er dabei kennen lernte. Er und die anderen AK-Leute schaffen es dadurch schließlich, 800 bis 1000 Menschen unterzubringen, die in 50 bis 60 Bezugsgruppen organisiert sind. Wegen der dadurch großen räumlichen Entfernungen zwischen den Camps resultierten schließlich Konsequenzen für die Entscheidungsstruktur vor Ort während der Aktion: Wir schufen ein recht kompliziertes, zweistufiges Sprecherrats-Modell, das die Kommunikation zwischen den fünf Camps gewährleisten sollte.

Um jenseits der Aktion ein Angebot zum Kontakt vor allem mit den jüngeren Einheimischen zu suchen, beschlossen wir, begleitend zur Aktion ein Kulturprogramm zu organisieren. Vom AK Kultur (in dem ich u.a. aktiv war) wurde ein Zirkuszelt auf die Alb gestellt, mit zwei Live-Acts an jedem Abend in und um die Aktionswoche: Rund 15 Einzelkünstler und Gruppen von der "Kleinen Tierschau" über die "Floyd Floodlight Foyer Band" (mit einem noch blutjungen Ulrich Tukur am Akkordeon, der mit seinen Mitspielern alte UFA-Tonfilmmelodien zum Besten gab), und viele mehr waren bei diesem kleinen Festival mit von der Partie…

Das Zirkuszelt stand bei einem der Camps auf einer Wiese zwischen Meidelstetten und Bernloch, ein paar Hundert Meter von der Straße entfernt, auf einem sanft ansteigenden Wiesenareal zwischen zwei kleinen Wäldchen. Das stattliche Zirkuszelt holten wir selbst mit dem LKW in Konstanz bei einem Zeltverleiher ab. Es wurde einfach mit 50 bis 100 Menschen von Hand aufgebaut - der riesige Mast wurde mit Hilfe eines Zeltmeisters mit bloßer Menschenkraft aufgerichtet und von diesem technisch abgenommen. Trotzdem erlebten wir bei einem Gewitter, als rundum Blitze einschlugen, die Sorge, ob der Metallmast des Zeltes wirklich geerdet sei…

Der AK Polizei suchte auch das Gespräch mit dem Polizeipräsidenten (nach meiner Erinnerung hieß dieser Herr Engelhardt). Manche der Aktivist/innen hegten solchen Kontakten gegenüber Misstrauen - daher wollten viele Leute mit zum Polizeigespräch, und so bildete sich eine 7- bis 8-köpfige Gruppe. Da wir nur ein altes Auto, einen WG-VW-Käfer, zur Anfahrt auftrieben, saßen wir tatsächlich mit 7 Personen in dem kleinen Auto. Im Hof des Reutlinger Polizeipräsidiums angekommen, und im Unklaren über den genauen Weg zum Treffpunkt, wurde von einem der Mitfahrenden die Scheibe runter gekurbelt und gefragt: "Guten Tag, wo geht’s hier denn zum Polizeipräsidenten?" Ein ziemlich verdutzter Polizist erklärte: "Quer über den Hof, dort in den Eingang und die Treppe rauf." Bevor der verdatterte Polizeibeamte die deutliche Überbelegung im Auto monieren konnte, kam die Antwort "Vielen Dank!" und der Kleinwagen fuhr zum andern Ende des Hofes, parkte und entließ unbehelligt sieben Mitfahrende vor dem Polizeipräsidium…

Aus diesen Gesprächskanälen wuchs zugleich Vertrauen. Klaus Pfretzschner, langhaariger "John-Lennon-Typ" mit Nickelbrille, konnte schließlich auf Einladung der Polizei die Aktion vor der versammelten Polizeibelegschaft bei der Jahreshauptversammlung der Reutlinger Polizei aus Sicht der Aktivist*innen vorstellen.

Die Aktion war auch von Seiten der teilnehmenden Gruppen äußerst gut vorbereitet. Für jede*n Teilnehmer*in war die vorherige Teilnahme an einem zweitägigen Aktionstraining verpflichtend. Ein Training für Trainer*innen fand in einer WG in Wendelsheim statt (bei Klaus Kunzweiler & Ulrike Adolph, zwei Impulsgeber/innen der Aktion). Hier entstand bereits die Grundstruktur, die später in das bundesweite Trainingskollektiv mündete, das Tausende von Menschen u.a. auf Mutlangen-Aktionen vorbereitete, welches von mir koordiniert wurde.

Anfang 1982 erfuhren wir, dass die Atomwaffen nicht in der Eberhard-Finckh-Kaserne gelagert wurden, sondern ín einem Depot im Wald. Sofort kam die Idee auf, mit der Blockade direkt ans Atomsprengkopf-Depot zu gehen, statt vor die Bundeswehr-Kaserne. Dadurch kam es zu heftigen Diskussionen über den Charakter einer gewaltfreien Aktion. Ich war wie elektrisiert, aber auch voller Sorge: dies bedeutete eine direkte Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Gegner. Es gab keinerlei Erfahrungen - nirgendwo in der Welt - was geschehen würde, wenn Atomwaffen-Lafetten nicht mehr transportiert werden könnten, weil sie von den Bürger/innen des eigenen Landes direkt blockiert würden. Wie würde das Militär reagieren, das mit diesen Waffen regelmäßig Übungen machte, die im Einsatzfall die Ausrottung der Bevölkerung Augsburgs oder Ulms bedeuten könnten? Ich dachte an die Schilder rund um das Lager: "Vorsicht Schußwaffengebrauch" - Was würde geschehen, wenn eine Alarmübung genau in der Woche stattfinden würde, in der wir sieben Tage rund um die Uhr die einzige Zu- und Ausfahrt des Depots gewaltfrei blockieren wollten? Würde man uns von der Straße schießen? Es gab keinerlei Erfahrungen mit solch einer Situation. Mir war inmitten dieser Diskussion nur eines klar: Wir machten etwas, was noch nie zuvor versucht worden war, und deshalb würden wir uns besser als je zuvor vorbereiten müssen. Die Vorbereitungstrainings für Gewaltfreiheit waren noch wichtiger geworden, aber auch die Unterstützung der Teilnehmenden. Jemand aus dem AK hatte dies im Blick und organisierte daher eine Art Psychologie-Hotline: Der relativ prominente Psychiater Carl Nedelmann aus Zürich stand während der Aktion in Rufbereitschaft, um bei individuellen Krisen ggf. psychologisch zu unterstützen. Er hatte angesichts der Neuartigkeit unseres Aktionsansatzes angeboten, Blockierende zu beraten, die in psychische Notsituationen kommen würden. Das Angebot - das meines Wissens nicht konkret in Anspruch genommen wurde, doch den Blockierenden bekannt gemacht wurde - zeigt als eine weitere Facette die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Vorbereitungen für diese Aktion auf.

Rund 170 Stunden wurde das Atomwaffendepot mit seinen Lance-Raketen ununterbrochen ständig von mehreren Bezugsgruppen (BG’s) blockiert. Es bildeten sich 6-Stunden Schichten; jeweils 2 bis 3 BG’s, selbst mitten in der Nacht und bei strömendem Regen. Es gab für jede Gruppe immer eine "Paten"-BG, die die Position auf der Straße sofort einnahm, wenn eine Gruppe geräumt worden war. Von den insgesamt ca. 750 Teilnehmenden waren so meist 30 bis 40 (oder mehr, vor allem tagsüber) bei der Aktion zugegen.

Bei der Aktion selbst war trotz der einwöchigen Blockade die Atmosphäre insgesamt so entspannt, dass sowohl Polizisten als auch Bundeswehr-Soldaten (darunter auch Zeitsoldaten) in die Camps kamen und mit uns in gemütlicher Atmosphäre bei einem Getränk über die Aktion und Privates plauderten. Beinahe wäre aus diesen Kontakten sogar ein Fußball-Freundschaftsturnier mit drei Teams entstanden: Blockierende, Polizei und Bundeswehr. Die betreffenden Gesprächspartner, darunter u.a. ein BW-Offizier, brachten dieses Anliegen ganz offen und offiziell als Wunsch auf den Dienstweg, bekamen aber schließlich von den Vorgesetzten dann doch kein grünes Licht für dieses "Fraternisierungs"-Turnier.

Die Aktion hat mich geprägt und war für mich der Einstieg in über mehrere Jahrzehnte währende gewaltfreie Aktivitäten für nukleare Abrüstung, in deren Verlauf ich zeitweise in Mutlangen lebte und arbeitete und schließlich an der erfolgreichen Kampagne zum Verbot der unterirdischen Atomwaffentests mitwirkte. Vor allem die Aus- und Fortbildung von Trainer/innen für gewaltfreie Aktion sowie die bundesweite Koordination der Trainingstermine war ein Tätigkeitsfeld, dem ich über einige Jahre hinweg meine Arbeitskraft widmete. Aufgrund der Strafanzeigen und mehrerer Prozesse und Haftzeiten in der JVA Rottenburg, gab ich mein gerade begonnenes Lehramtsstudium auf und sattelte auf Medizin um. Aber auch dieses Studium endete durch meinen Umzug nach Mutlangen mit einer halbfertigen nuklearmedizinischen Dissertation ("Die Akkumulation von radioaktivem Jod 131 als Folge des Reaktorunfalls von Tschernobyl"). Später studierte ich Pädagogik mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung (die Vordiplomarbeit entstand übrigens auch in der Haft). Der Bildungsarbeit bin ich bis heute treu geblieben.

Meine Erfahrung ist, dass gewaltfreie Aktionen sehr wohl Veränderungen bewirken können, wenn sie mit einer klaren Analyse und einer ebensolchen, hierauf abgestimmten, durchdachten Strategie verknüpft werden.

Uwe Painke, Jahrgang 1962, studierte Pädagogik und Medizin. Ab Beginn der 80er Jahre nahm er an gewaltfreien Aktionen der Friedens- und Umweltbewegung teil, als Mitorganisator bereitete er u.a. die Aktionen in Großengstingen und Mutlangen und die Menschenkette für den Frieden mit vor. Er baute das bundesweite Trainingskollektiv für Gewaltfreiheit auf und koordinierte die Trainingsarbeit der rund 40 Trainer/innen. Im Frühjahr 1986 forschte er als Dissertation zum Thema "Inkorporation von Jod 131 in der menschlichen Schilddrüse als Folge des Reaktorunfalles von Tschernobyl". In der Folge ging er für zwei Jahre als Geschäftsführer der Friedens- und Begegnungsstätte nach Mutlangen. Er saß mehrere Ersatzfreiheitsstrafen für die Teilnahme an gewaltfreien Aktionen im Gefängnis ab. Mit Beginn des Abzugs der Pershing II-Raketen initiierte er 1988 die Gründung der Atomteststopp-Kampagne. Mehrmals besuchte er in den 80er und 90er Jahren Nevada und nahm dort an gewaltfreien Aktionen teil, die ins Innere des Atomtestgebiets führten, um bevorstehende Nukleartests zu behindern und ihre Durchführung zumindest zu verzögern. Nach dem Abschluss des Atomteststopp-Vertrags beteiligte er sich 1996 an der Gründung der Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen. Nach einer sozialwissenschaftlichen Promotion zu gewaltfreien Formen der Kriminalprävention in US-Großstädten arbeitete er rund zehn Jahre als Leiter einer Familien-Bildungsstätte und leitet seit 2009 die Volkshochschule Leonberg. 

 

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Fußnoten

Veröffentlicht am

20. Juli 2022

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