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Gewaltfreie Blockadeaktion Großengstingen 1982: Wolfgang Müller-Breuer

Vom 1. bis 8. August 1982 fand bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eine einwöchige Blockadeaktion des Atomwaffenlagers statt. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion. Für viele Beteiligte hatte dies auch juristische Folgen.

Seit dieser gewaltfreien Aktion sind nun 40 Jahre vergangen. Wir haben Menschen eingeladen, die damals bei dieser Aktion dabei waren, sich nach dieser langen Zeit zurück zu erinnern.

Hier findet sich eine Übersicht über alle Beiträge: Einwöchige gewaltfreie Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager bei Großengstingen Sommer 1982 - Beteiligte erinnern sich

Nachfolgend ein Interview mit Wolfgang Müller-Breuer.

  • Wie blickst Du heute mit dem Abstand von vier Jahrzehnten auf diese Aktion zurück?

Es war eine gute Aktion; gut geplant, gut durchgeführt und gut ausgewertet. Und es war gut für mich, dass ich an der FU Berlin 1983 meine Diplomarbeit bei Theodor Ebert über diese Aktion und die damit zusammenhängende Kampagne schreiben konnte (siehe Anhang unten).

  • Wie ist es zu Deiner Teilnahme überhaupt gekommen und was waren Deine Gründe? Was hat es für Dich dabei bedeutet, dass es sich um eine Aktion des Zivilen Ungehorsams gehandelt hat?

Seit Ende der 1970er Jahre habe ich mich intensiver mit Fragen der Gewaltfreiheit beschäftigt; auch im Studium der Politikwissenschaften, in dessen Rahmen ich 1981 ein Praktikum beim Verein für Friedenspädagogik in Tübingen absolvierte. Im Juli 1981 beteiligte ich mich mit zwölf anderen an einer ersten Blockadeaktion in Großengstingen, organisiert von der Gewaltfreien Aktion Tübingen (wenn ich mich recht erinnere).

In dieser Frage der atomaren Bedrohung hielt ich damals eine solche Aktion des Zivilen Ungehorsams für gerechtfertigt und nötig, um mehr Öffentlichkeit zu erreichen.

  • Erinnerst Du Dich an die Vorbereitung und den Verlauf der Aktion?

Wenn ich in meiner Diplomarbeit nachschaue, erinnere ich mich wieder…

  • Hatte diese Aktion Folgen für Dich und wenn ja, welche?

Anzeige / Ermittlungsverfahren / Strafbefehl / Einspruch / Gerichtsverhandlung / Verurteilung (Zahlung 25 Tagessätze ä 15 DM) / Einspruch gegen Urteil / Berufungsverhandlung am Landgericht (Reduzierung auf 20 Tagessätze je 15 DM) …

  • Welche Bedeutung hat diese Aktion in Deiner eigenen Biografie gespielt?

Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre habe ich mich an verschiedenen gewaltfreien Aktionen Zivilen Ungehorsams beteiligt (Gorleben, Brokdorf, Mutlangen, …) und mich zum Teil auch an Vorbereitungen (auch Trainings…) engagiert. Dabei fielen auch einige Strafen in Form von zu bezahlenden Tagessätzen an; ein paar Tage habe ich als Ersatzfreiheitsstrafe in der JVA Lüneburg gesessen. 30 Tagessätze konnte ich durch 30 Tage Arbeit beim BUND in Leichlingen ersetzen; interessante Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Die Aktion um Großengstingen im Rahmen einer Kampagne war für mich so wichtig, dass ich sie zum Thema meiner Diplomarbeit machte. In den 1980er Jahren konnte ich mir vorstellen, neben meinem damaligen Engagement in einer gewaltfreien Aktionsgruppe die Themen Gewaltfreiheit und gewaltfreie Aktion auch zu meinem beruflichen Schwerpunkt zu machen; so arbeitete ich 1984/1985 hauptamtlich in der KURVE Wustrow - Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion.

  • Haben Aktionen des Zivilen Ungehorsams aus Deiner Sicht in der heutigen Zeit einen Sinn? Falls ja: Welchen?

Inzwischen engagiere ich mich politisch in erster Linie als Fraktionsvorsitzender im Stadtrat und halte diese Art von politischer Mitgestaltung für viel wichtiger, als sie mir 1982 schien. Vor Ort konkret gestalten zu können, um Kompromisse zu ringen ist für mich inzwischen bedeutsamer geworden als das öffentlichkeitswirksamere Agieren in Kampagnen Zivilen Ungehorsams.

Aber: Aktionen des Zivilen Ungehorsams haben aus meiner Sicht in der heutigen Zeit nach wie vor einen Sinn! Sie werden gebraucht, um (uns) Politiker*innen in den verschiedenen Parlamenten deutlich zu machen, wo wir auf elementare Bedrohungen nicht angemessen reagieren. Deshalb bin ich froh, dass es weiterhin Aktionen des Zivilen Ungehorsams z.B. für ein Umdenken angesichts der drohenden Klimakatastrophe (wie im nordrhein-westfälischen Braunkohlerevier) oder auch nach wie vor gegen Atomwaffen gibt!

Wolfgang Müller-Breuer:

Geboren als Wolfgang Müller 1957 in Blitzenreute/Oberschwaben

Abitur 1976 in Rottweil/Neckar

1976-1978 Zivildienst in Ellwangen und Fellbach

1978-1983 Studium Politologie an der FU Berlin

1984-1985 Mitarbeiter der "Kurve" Wustrow

1986-2001 Durchführung von Beratungs- und Bildungsangeboten für Zivildienstleistende und Migrant*innen, zuletzt als Referent beim Erzbistum Köln

seit 2002 Leiter des Jugendmigrationsdienstes für den Rhein-Kreis Neuss in Trägerschaft der Kath. Jugendagentur Düsseldorf

außerdem Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat Leichlingen/Rheinland

Verheiratet mit Eva Breuer, drei erwachsene Kinder.

Anhang:

 

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Veröffentlicht am

20. Juli 2022

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