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Gewaltfreie Blockadeaktion Großengstingen 1982: Ute Finckh-Krämer

Vom 1. bis 8. August 1982 fand bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eine einwöchige Blockadeaktion des Atomwaffenlagers statt. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion. Für viele Beteiligte hatte dies auch juristische Folgen.

Seit dieser gewaltfreien Aktion sind nun 40 Jahre vergangen. Wir haben Menschen eingeladen, die damals bei dieser Aktion dabei waren, sich nach dieser langen Zeit zurück zu erinnern.

Hier findet sich eine Übersicht über alle Beiträge: Einwöchige gewaltfreie Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager bei Großengstingen Sommer 1982 - Beteiligte erinnern sich

Nachfolgend ein Interview mit Ute Finckh-Krämer

  • Wie blickst Du heute mit dem Abstand von vier Jahrzehnten auf diese Aktion zurück?

Die Aktion war die erste größere gewaltfreie Blockadeaktion in Deutschland, bei der mit dem Bezugsgruppenprinzip gearbeitet wurde. Großengstingen war das erste Atomwaffenlager in Deutschland, an dem es zu gewaltfreien Aktionen kam - 1981 mit einer Ankettaktion, 1982 dann mit der zweiwöchigen Blockadeaktion. Die Aktion war einerseits von den ersten Aktionen der Pflugscharbewegung in den USA um die Brüder Berrigan inspiriert, andererseits von den Protesten gegen den Bau des AKW in Wyhl mit Bauplatzbesetzungen etc. Nicht alle, die sich beteiligt haben, waren, wie die Berrigan-Brüder und ihre Pflugschargruppe, christlich motiviert, aber die beteiligten Männer hatten größtenteils den Kriegsdienst verweigert. Wir waren alle der Überzeugung, dass, wenn überhaupt, gewaltfreier Protest gegen Atomwaffen helfen kann. Insgesamt gesehen war Großengstingen der Auftakt für die Blockaden in Mutlangen, die durch ihr breites Medienecho die Protestbewegung gegen Pershing II und Cruise Missiles gestärkt haben.

  • Wie ist es zu Deiner Teilnahme überhaupt gekommen und was waren Deine Gründe?

Ich war seit 1978 Mitglied von "Ohne Rüstung Leben", hatte 1978 eine Tübinger Regionalgruppe gegründet und ein Mitglied dieser Regionalgruppe, Peter Aichelin, hatte sich an der Ankettaktion 1981 beteiligt. Er hat unsere Regionalgruppe über Überlegungen informiert, eine zweite, größere Aktion in Großengstingen zu machen. Da wir ja alle unterschrieben hatten, dass wir bereit seien, ohne den Schutz militärischer Waffen zu leben, fanden wir es konsequent, aktiv gewaltfrei gegen das nukleare Wettrüsten des Kalten Krieges zu protestieren. Für mich kam noch ein familienbezogenes Motiv dazu: die Kaserne in Großengstingen hieß nach einem entfernten Cousin meines Großvaters, Eberhard Finckh. Er war im Rahmen des 20. Juli verhaftet und hingerichtet worden und ich kannte seinen Sohn Peter Finckh über die Gustav Heinemann-Initiative.

  • Erinnerst Du Dich an die Vorbereitung und den Verlauf der Aktion?

Es gab eine Vorbereitungsgruppe, die ein genaues Konzept für die Aktion erarbeitet hat. Da nur trainierte gewaltfreie Bezugsgruppen teilnehmen sollten, musste z.B. ein Training für Trainer organisiert werden. Es war alles andere als trivial, in der Nähe des Atomwaffenlagers Bauern zu finden, die bereit waren, Wiesen für die Protestcamps zur Verfügung zu stellen. Es mussten Spenden eingeworben werden, um über die geplante Aktion informieren zu können. Es mussten genug Freiwillige gefunden werden, die während der Aktion Pressearbeit machten, Anfragen aller Art beantworteten, Wegbeschreibungen bereit hielten usw. Es gab ein Vorbereitungshandbuch und ein Auswertungshandbuch, die geschrieben, gelayoutet, gedruckt und verkauft werden mussten. Ohne die Unterstützung des Vereins für Friedenspädagogik, der seine Räume in der Seelhausgasse in Tübingen für Vorbereitungstreffen, die Aktionsbegleitung und die Nachbereitungstreffen zur Verfügung stellte, wäre die Aktion nicht möglich gewesen.

  • Hatte diese Aktion Folgen für Dich und wenn ja, welche?

Da ich zum Tübinger Begleitteam gehörte, hatte die Aktion für mich keine juristischen Folgen.

  • Welche Bedeutung hat diese Aktion in Deiner eigenen Biografie gespielt?

Sie hat mich darin bestärkt, mich selber an gewaltfreien Aktionen zu beteiligen, insbesondere im Sommer 1984 in Mutlangen mit der Bezugsgruppe Gustav Heinemann. Und sie hat mit dazu beigetragen, dass ich mich bis heute aktiv mit Gewaltfreiheit befasse und friedenspolitisch aktiv bin.

  • Haben Aktionen des Zivilen Ungehorsams aus Deiner Sicht in der heutigen Zeit einen Sinn? Falls ja: Welchen?

Aktionen des Zivilen Ungehorsams haben genau wie vor 40 Jahren einen Sinn, wenn es erfüllbare Forderungen gibt, die sich gut an einem bestimmten Ort oder einer genau definierbaren Gesetzgebung oder -auslegung festmachen lassen. Das gilt z.B. für Proteste gegen die Braunkohleförderung ("Ende Gelände"), oder gegen die in Büchel stationierten Atomwaffen. Oder für die Gewährung von Kirchenasyl für geflüchtete Menschen, deren Fluchtgründe von staatlichen Stellen nicht anerkannt werden. Wie vor 40 Jahren soll damit die Öffentlichkeit auf einen Widerspruch oder ein Defizit staatlichen Handelns hingewiesen werden, indem ein persönliches Risiko durch einen klar definierten Rechtsverstoß eingegangen wird. Das gilt z.B., wenn die weitere Kohlenutzung unkalkulierbare und irreversible Schäden für Klima und Umwelt anrichtet, wenn Atomwaffen gelagert werden, die beabsichtigt oder unbeabsichtigt Millionen Menschen töten und verletzen können oder wenn Menschen in ein Land zurückgeschickt werden sollen, in dem sie - aus welchen Gründen auch immer - nicht menschenwürdig leben können.

Ute Finckh-Krämer, Jahrgang 1956, Mathematikerin, hat sich in ihrer Zeit als Studentin und Doktorandin in Tübingen an der Vorbereitung und Durchführung gewaltfreier Protestaktionen in Großengstingen und Mutlangen beteiligt. 1987/88 hat sie in Minden/Westfalen den Kongress "Ohne Waffen, aber nicht wehrlos" mit vorbereitet und 1989 den Bund für Soziale Verteidigung mit gegründet, dessen Co-Vorsitzende sie von 2005 bis 2015 war. Sie lebt seit 1992 in Berlin und war 2013 bis 2017 SPD-Bundestagsabgeordnete.

 

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Veröffentlicht am

20. Juli 2022

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