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Gewaltfreie Blockadeaktion Großengstingen 1982: Christian Bartolf

Vom 1. bis 8. August 1982 fand bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eine einwöchige Blockadeaktion des Atomwaffenlagers statt. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion. Für viele Beteiligte hatte dies auch juristische Folgen.

Seit dieser gewaltfreien Aktion sind nun 40 Jahre vergangen. Wir haben Menschen eingeladen, die damals bei dieser Aktion dabei waren, sich nach dieser langen Zeit zurück zu erinnern.

Hier findet sich eine Übersicht über alle Beiträge: Einwöchige gewaltfreie Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager bei Großengstingen Sommer 1982 - Beteiligte erinnern sich

Nachfolgend ein Interview mit Christian Bartolf.

  • Wie blickst Du heute mit dem Abstand von vier Jahrzehnten auf diese Aktion zurück?

Diese Aktion zivilen Ungehorsams war für mich nicht die erste, jedoch die erste gegen Atomwaffen.

Die Aktion war für mich verbunden mit viertägigem Fasten während des Gedenkens an Hiroshima und Nagasaki - ein halbes Jahr später wurde ich Vegetarier.

Die Gewalt von Seiten der Polizei war vergleichsweise harmlos, weil die Aktion sehr gut organisiert worden war.

Die beiden Prozesse in Münsingen und Tübingen wurden für mich denkwürdig.

Die Strafe konnte ich 1985 umwandeln in gemeinnützige Arbeit für die Internationale Liga für Menschenrechte.

Als die Urteile wegen des Nötigungsparagraphs später vom Bundesverfassungsgericht kassiert wurden, habe ich keine Kompensationsansprüche geltend gemacht, was möglich gewesen wäre, weil diese sorgfältig angekündigten, angemeldeten und diszipliniert ausgeführten gewaltfreien Blockaden als symbolische Aktionsformen eine besondere Dramatisierung des Überlebensinteresse der Menschheit darstellten und im Rahmen der Demonstrationsfreiheit hätten legalisiert werden müssen und weil "Sitzblockaden grundsätzlich eine friedliche Zusammenkunft mehrerer Personen zur gemeinschaftlichen, auf die Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung gerichtete Kundgebungen sein können, die als solche in den Schutzbereich des Grundrechts der Versammlungsfreiheit nach Artikel 8 Absatz 1 Grundgesetz (GG) fallen." (Zitat: https://www.juraforum.de/lexikon/sitzblockade )

  • Wie ist es zu Deiner Teilnahme überhaupt gekommen und was waren Deine Gründe?

Für mich war es wichtig, zivilen Ungehorsam gegen Atomwaffen zu leisten, weil die Demonstration im Bonner Hofgarten am 10. Oktober 1981, an der ich teilnahm, ihr politisches Ziel nicht erreichte hatte.

  • Erinnerst Du Dich an die Vorbereitung und den Verlauf der Aktion?

Die Vorbereitung im Rahmen einer Berliner Bezugsgruppe ("affinity group") ist mir in Erinnerung. Das Bezugsgruppensystem fand ich sinnvoll. Eine Ton-Dia-Serie über Großengstingen, die ich danach erstellte, diente nicht allein zur Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch zur Sympathiewerbung für das Bezugsgruppensystem. Das Prinzip der Gewaltfreiheit und das Konsensprinzip waren für mich entscheidend. Das bedeutete für mich keinerlei gewalttätige Vergeltung für von Seiten der Polizei zugefügte Gewalt oder gerichtliche Strafen. Und das bedeutete für mich im Grunde Respekt vor dem staatlichen Gewaltmonopol, während die Regierungspolitik in Bezug auf Atomwaffen fast zum Atomkrieg aus Versehen geführt hätte, auch wegen der kurzen Vorwarnzeiten.

  • Hatte diese Aktion Folgen für Dich und wenn ja, welche?

Juristische Folgen waren zwei Gerichtsprozesse in Münsingen und Tübingen, Verurteilung (meiner Erinnerung nach) zu 30 Tagessätzen, eine Vorladung zu einem Gefängnistermin, dem ich nicht folgte, sondern aufgrund eines Telefonats stattdessen die Umwandlung zu gemeinnütziger Arbeit bewirkte, infolge umfangreicher Briefsolidarität in Kommunikation mit dem baden-württembergischen Innenministerium und direkter Kommunikation mit den Justizbehörden.

  • Welche Bedeutung hat diese Aktion in Deiner eigenen Biografie gespielt?

Diese Aktion war die zweite Aktion zivilen Ungehorsams und meine zweiten und dritten Gerichtsprozesse überhaupt - der erste Prozess bezog sich auf meinen Protest gegen Atomkraftwerke, ebenfalls wegen einer Sitzblockade.

Die Vorbereitung auf die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Tübingen schärfte mein historisches Bewusstsein für die Tradition des gewaltfreien Widerstands, indem ich mich bei der Verhandlung direkt auf Henry David Thoreau bezog.

Bei der Aktion in Großengstingen waren internationale Begegnungen bedeutend für mich: FreundInnen aus Slowenien (damals: Jugoslawien), die zu Besuch kamen und eine Besuchergruppe der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste mit Teilnehmenden, die aus Israel kamen und der ich die Aktion zivilen Ungehorsams in englischer Sprache erklärte.

Sehr bedeutend war für mich zudem der Solidaritätsvortrag von Walter Jens über Kurt Tucholsky "Gewehre rechts - Gewehre links - das Christkind in der mitten" …

  • Haben Aktionen des Zivilen Ungehorsams aus Deiner Sicht in der heutigen Zeit einen Sinn? Falls ja: Welchen?

International gesehen ist ziviler Ungehorsam häufig sinnvoll, wenn die legalen Methoden der Meinungs- und Versammlungsfreiheit die Öffentlichkeit nicht erreichen bzw. keinen gesellschaftspolitischen Diskurs bewirken, ganz im Sinne der US-amerikanischen Tradition seit Henry David Thoreau. In Bezug auf Militär, Krieg und Atomwaffen waren neben der Militär-/Kriegsdienstverweigerung und Waffen- und Wehrpasszerstörung sowohl die Militär-/Kriegssteuerverweigerung historisch bedeutend, als auch die Aktionen "Schwerter zu Pflugscharen", z. B. der Brüder Berrigan. In der heutigen Zeit reichen Aktionen zivilen Ungehorsams allein nicht dazu aus, politische Veränderungen herbeizuführen.

Dr. Christian Bartolf: Damals war ich Student der Erziehungswissenschaften (Erwachsenenbildung) und der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin (West-Berlin). Ich bin 1960 geboren in Lübeck. Mein rumäniendeutscher Vater starb 1961 an den Spätfolgen von Kriegseinwirkungen (Tuberkulose durch Kriegsgefangenschaft), so dass ich Halbwaise war und bin. Ich hatte 1978 den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigert und Zivildienst in einem Altenwohnheim der Lübecker Kaufmannschaft abgeleistet. Website von Christian Bartolf:  www.bartolf.info

 

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Veröffentlicht am

20. Juli 2022

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