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Ukraine-Krieg: In Washington denken sie viel weiter als in Berlin und Brüssel

Schwere Waffen liefern, immer mehr Sanktionen auflegen: Gerade in Deutschland kennt die Debatte über den Ukraine-Krieg nur eine Richtung. Das ist gefährlich. In den USA gibt es in dieser Frage längst zwei konkurrierende Lager.

Von Michael Lüders

Abgesehen vom vorsichtig taktierenden Kanzleramt scheint es in der hiesigen Politik wie in den Medien nur eine Stoßrichtung bezüglich des Ukraine-Kriegs zu geben: schwere Waffen liefern, so schnell wie möglich, und noch mehr Russland-Sanktionen. In den USA dagegen scheint sich der Blick auf diesen Krieg zu verändern.

Den Auftakt machte ein Leitartikel des "Editorial Board" der New York Times vom 19. Mai. Die Autoren zitieren die Warnung von Avril Haines, Chefin aller 18 US-Geheimdienste, der zufolge "der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zunehmend unberechenbar und potenziell eskalierend verlaufen könnte", bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen. Vor diesem Hintergrund stellen sie Fragen, die im deutschen Mainstream fast undenkbar wären: Liegt es im Interesse Amerikas, einen Krieg mit Russland zu riskieren, selbst wenn ein Verhandlungsfrieden der Ukraine "harte Entscheidungen" abverlange? Gehe es den USA darum, die Ukraine zur Selbstverteidigung zu ermächtigen - oder suchten sie Russland dauerhaft zu schwächen, Wladimir Putin zu stürzen? Riskiert das Weiße Haus Sicherheit und Frieden in Europa? Die Annahme, die ukrainische Armee könne an Russland verlorene Gebiete militärisch zurückgewinnen, halten sie für abwegig. Ähnlich äußerte sich Henry Kissinger auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

In Washington rivalisieren offenbar zwei Machtzentren miteinander. Das eine, verkörpert insbesondere von Weißem Haus und Außenministerium, sucht weiter die Konfrontation und hofft, Russland in der Ukraine eine ebenso verheerende Niederlage zu bereiten wie einst der Sowjetunion in Afghanistan. Das andere, paradoxerweise stark vertreten im Pentagon, setzt eher auf Deeskalation. Oder, besser gesagt, auf eine realistische Bestandsaufnahme. Und die lautet: Militärisch wird die Ukraine gegen Russland auf Dauer nicht bestehen. Moskau kann es sich politisch gar nicht erlauben, den Krieg nicht zu gewinnen. Und "gewinnen" bedeutet für die Regierung Putin die Kontrolle der gesamten ukrainischen Küstenregionen des Schwarzen Meeres, einschließlich der Annexion der Regionen Luhansk und Donbass.

Vorstöße zu Friedensverhandlungen laufen ins Leere

Wer das zu verhindern sucht, etwa durch die Lieferung weiterer schwerer Waffen, verlängert den Krieg, die Zerstörungen und das Sterben - was aber am Ausgang nichts ändern wird, Moralismus hin oder her. Die russische Armeeführung hat aus ihren Fehlern gelernt und verfolgt eine militärisch erfolgreiche Strategie der Einkesselung im Osten, die schlimmstenfalls den Untergang der ukrainischen Streitkräfte herbeiführen könnte.

Während in Washington bereits laut über das richtige Maß an Unterstützung für Kiew gestritten wird, bleiben Berlin und Brüssel ihrer bisherigen Linie treu. Viel Phraseologie ("Die Ukraine kämpft auch für unsere Freiheit"), eine Politik nahezu ohne analytische, strategische Tiefe und eine fast schon libidinös unterlegte Besessenheit, mit immer neuen Sanktionen der deutschen wie der EU-Wirtschaft sehr viel mehr Schaden zuzufügen als der russischen.

Was fehlt, sind Vorschläge zur Gestaltung Europas für die Zeit nach dem Krieg. Alle Vorstöße zu Friedensverhandlungen sind bislang ins Leere gelaufen. In Brüssel wie Berlin fühlt man sich offenbar pudelwohl damit, als ein Juniorpartner auf Impulse aus den USA zu warten - was für ein Offenbarungseid.

Michael Lüders veröffentlichte zuletzt unter anderem das Buch Hybris am Hindukusch. Wie der Westen in Afghanistan scheiterte

Quelle: der FREITAG vom 02.06.2022. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

02. Juni 2022

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