Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Der feministische Protest in Russland gegen den Krieg

Von Bruna Bianchi - Comune-info

Sie legen Blumen an symbolischen Orten nieder und stellen Antikriegs-Kunstobjekte her, die sie überall verbreiten, sie beschreiben Geldscheine, um mit älteren Menschen zu kommunizieren, sie weinen in Bussen, um Empathie und Diskussionen zu erzeugen, sie kleiden sich in blau und gelb, sie filmen und verbreiten mutig das brutale Vorgehen der Polizei, sie tauschen kontinuierlich Nachrichten aus, um nicht auf die Polizei zu stoßen, sie demonstrieren auf den Straßen (das taten sie in mehr als hundert Städten)… Der feministische Protest in Russland gegen den Krieg ist nach wie vor der radikalste, der am besten organisierte, der kreativste. Und deshalb der am meisten verdrängte. Eine außergewöhnliche Lektion über Gewaltlosigkeit.

Wie die täglich veröffentlichten Nachrichten von OVD-info, einem unabhängigen russischen Medienprojekt über Menschenrechte, zeigen, ist der feministische Protest in Russland nach wie vor der radikalste, der am besten organisierte und der kreativste. Auch die unabhängige Zeitung The Moscow Time bestätigt dies in einem Artikel vom 29. März mit dem Titel: Das feministische Gesicht der russischen Proteste.

Der Artikel basiert auf Interviews mit einigen Aktivistinnen der FAR (Feminist Anti-War Resistance), insbesondere mit den beiden Gründerinnen: Ella Rossmann, einer in London lebenden Historikerin, und Daria Serenko, die bereits wegen der Verbreitung von Symbolen mit Bezug auf den Naval’nyj-Protest Serenko, die Aktivistin, die Russland inzwischen verlassen hat, wurde am 23. Februar nach einer Haftstrafe von 15 Tagen aus dem Gefängnis entlassen. Erklärungen vonseiten der beiden Aktivistinnen finden sich auch auf Italienisch, siehe z.B. https://www.tag43.it/guerra-ucraina-donne-russia-manifestazione-feminist-anti-war-resistance-cosa-e/ . Später verließ sie Russland. inhaftiert war.

FAR ist die erste Organisation, die in Russland auftrat, um sich gegen den Krieg in der Ukraine auszusprechen. Schon in den ersten Tagen des Konflikts veröffentlichte sie ein Manifest, in dem sie an alle russischen und weltweiten Feministinnen appellierte, sich den Antikriegs-Kampagnen anzuschließen. Bis heute wurde das Manifest in dreißig Sprachen übersetzt und die FAR hat ihren Einfluss stetig erweitert, Proteste in über 100 Städten organisiert und zählt 26.000 Anhänger*innen.

Um die Verbote zu umgehen und der Repression zu entgehen, denken sich die Aktivistinnen jeden Tag neue Formen des Protests aus: sie legen Blumen an symbolischen Orten nieder, stellen Kunstobjekte her, die sie in Parks ausstellen, schreiben Slogans auf Geldscheine und Münzen, kleiden sich in blau und gelb und viele andere Aktionen, die immer riskant sind.

Daria Serenko sagte: "Die Situation ändert sich jeden Tag. Das, was gestern möglich war, funktioniert heute nicht mehr. Vor einer Woche konnten wir schwarze Kleider tragen und eine weiße Rose in der Hand halten. Dafür werden wir heute verhaftet".

Die FAR-Aktivistinnen geben detaillierte Anweisungen für eine sichere Kommunikation und um Begegnungen mit der Polizei auf den Straßen zu vermeiden; sie halten Kontakt zu den Inhaftierten, vermitteln Anwält*innen und bieten all denen psychologische Hilfe an, die aufgrund ihres Aktivismus Gewalt erfahren oder ihre Arbeit verloren haben. Ihr Protest wird ebenfalls von einigen Männern und Mitgliedern der LGBT-Gemeinschaft unterstützt.

Wie lässt sich die Mobilisierungsfähigkeit von FAR erklären? "Meines Erachtens", so Daria Serenko, die die russische feministische Bewegung seit drei Jahren beobachtet, als Anhängerin und Forscherin, "gibt es heute mehr als 45 feministische Basisgruppen in Russland. Sie kooperieren alle miteinander. Das ermöglicht es den Feministinnen, sich so schnell zu mobilisieren und Risiken mit Mut gegenüber zu treten. Eine Aktivistin erklärte: "Ich persönlich habe keine Angst […] Die Proteste werden immer kreativer". "Gewissenhaftigkeit ist stärker als Angst", schrieb eine Aktivistin am 7. April auf ein Schild, das sie in der südrussischen Stadt Timašëvsk in der Hand hielt.

Kürzlich sprach Maria Silina, Kunsthistorikerin und Dozentin an der Universität Québec in Montréal, über die Kreativität des Protests. In dem Artikel "Russlands Feministinnen protestieren gegen den Krieg und seine Propaganda mit Stickern, Postern, Performances und Graffiti", der am 7. April 2022 in The Conversation erschienen ist, analysiert sie die Merkmale des feministischen Protests in Russland und stützt sich dafür vorwiegend auf Interviews.

Wegen der repressiven Gesetze und der Zensur wendeten sich viele Künstlerinnen Am 21. April berichtete ‚The Moscow Time’ über den Fall einer Künstlerin, die bereits zur "ausländischen Agentin" erklärt und deshalb gezwungen wurde, vierteljährlich einen Bericht über ihr Verhalten vorzulegen, und die die in der Ukraine begangenen Verbrechen mit 18 Zeichnungen auf ministeriellen Formularen illustrierte. Die Zeichnungen sind zu sehen unter: https://www.themoscowtimes.com/2022/04/21/artist-sends-russian-justice-ministry-an-illustrated-letter-about-ukraine-war-a77435 . Untergrundformen des ‘Kunstaktivismus’ zu. Viele von ihnen, unter ihnen auch queere und transsexuelle Menschen, haben ein umfangreiches dezentralisiertes Netzwerk zur Koordinierung der direkten Protest- sowie Sabotage- Aktionen auf Stadtteilebene gegründet. "Feministischer Widerstand gegen den Krieg", so schreibt Silina, "ist eine russischsprachige, selbstorganisierte und dezentrale Gemeinschaft, die den Widerstand gegen den Krieg organisiert und mit ihren Teilnehmer*innen und Unterstützer*innen über Telegram kommuniziert". Die Anhänger*innen der Gruppe filmten und verbreiteten das brutale Vorgehen der Polizei und verwendeten die Technik des détournamentDas détournement versucht, diejenigen, die es praktizieren, dazu zu bringen, von bestimmten entfremdenden und despotischen kulturellen Mechanismen abzuweichen, vor allem wenn sie mit Massenkommunikation verbunden sind und unkritisch rezipiert werden (Werbung ist das beste Beispiel). Das détournement kann als eine Ableitung gesehen werden, die jedoch von einer Idee der politischen oder kulturellen Kritik ausgeht, indem sie dazu führt, dass bereits vorhandene ästhetische Objekte (Texte, Bilder, Klänge usw.) verändert werden. Im Grunde handelt es sich um Zitate, aber mit Variationen, die eine Abweichung in der Bedeutung bewirken ( https://de.wikipedia.org/wiki/Situationistische_Internationale )., um die Propagandabotschaften ins Lächerliche zu ziehen und ihren Sinn zu entstellen.

Wie auch die Nachrichten von OVID-info bestätigen (siehe auch Der Aufschrei aus Russland bei Ovd-info), haben es die einzelnen Protestdemonstrationen geschafft, die vor allem Frauen, Student*innen und Mitglieder der LGBTQ+ Gemeinschaft in den Schaltzentren der Städte wiederholt durchgeführt haben, die Aufmerksamkeit der Bürger*innen zu erregen und kollektive Unterstützung zu gewinnen. Es gibt tatsächlich viele, die ihre Hilfe bei der Gestaltung, dem Druck und der Verbreitung von Anti-Kriegs-Botschaften anbieten. Um auch die älteren Menschen zu erreichen, die täglich mit Bargeld bezahlen, wurden Anti-Kriegs-Botschaften auf Geldscheine und Münzen geschrieben.

Die eigene Trauer öffentlich auszudrücken, wie durch Weinen in Bussen, weckt das Mitgefühl "von Mitgliedern der frustrierten und gelähmten russischen Gesellschaft" und ist eine Form des Protests, die nicht auf Medienaufmerksamkeit sondern auf direktem und persönlichem Kontakt basiert, so wie bei den Frauen in Schwarz, die öffentlich in Trauerkleidung auftreten.

Es überrascht also nicht, dass diese Art von Aktivismus vonseiten der russischen Autoritäten als ausgesprochen gefährlich bewertet wird und deshalb hart bekämpft wurde und wird. Die Autorin gibt ein Beispiel dafür, indem sie eine von Anna Loginova in den sozialen Netzwerken verbreitete Nachricht zitiert. Auch, wenn sie nur an einem stillen Protest der Frauen in Schwarz in Ekaterinburg teilgenommen hat, wurde sie dennoch als Organisatorin zu neun Tagen Gefängnis verurteilt, weil sie sich weigerte, die Namen der anderen Teilnehmerinnen und von denjenigen zu nennen, die sie über die Aktion informiert hatten (Quelle).

Auch Amnesty International verurteilt die Härte der gegen Feministinnen verhängten Strafen in ihrer Pressemitteilung zu Russland am 13. April: "Feministische Aktivistin könnte wegen Antikriegsslogans auf Supermarktetiketten für zehn Jahre ins Gefängnis kommen". Der Bericht enthüllt den Fall einer Künstlerin und Musikerin, die am 11. April inhaftiert wurde, bis um 3 Uhr morgens des folgenden Tages verhört und dann zu einer Untersuchungshaft bis zum 1. Juni verurteilt wurde und der bis zu 10 Jahre Haft drohen. Sie wurde von einem Kunden des Supermarktes angezeigt, der sie dabei erwischte, wie sie die Produktpreise durch Anti-Kriegs-Botschaften ersetzte. "Diese feministische Anti-Kriegs-Bewegung zu zerschlagen", so Marie Struthers von Amnesty, "ist ein weiterer verzweifelter Versuch, die Kritik an der russischen Invasion in der Ukraine zu unterdrücken". Einer anderen Künstlerin aus Sankt Petersburg wurde aus dem gleichen Grund eine Geldbuße von 45.000 Rubel (567 €) verhängt: "Indem wir etwas sehr Gewöhnliches mit etwas Ungewohntem und Komischen ersetzen, zeigen wir, dass es keinen einzigen Ort in unserem Land gibt, der vom Krieg unberührt ist und wir werden nicht zulassen, dass Menschen ihre Augen vor den Geschehnissen verschließen."

In seinem Artikel Moskauer Polizei verprügelt und foltert Frauen nach Anti-Kriegs-Protesten , der am 11. März von Open Democracy veröffentlicht wurde, rekonstruierte Nikita Sologub die Folterungen, die einige sehr junge 18- bis 20-jährige Demonstrantinnen auf der Polizeiwache in Form von Drohungen, Beleidigungen, Schlägen, psychologischer Gewalt und sexueller Erniedrigung erfahren haben. "Sie nannten uns Schlampen", so eine von ihnen, "Kreaturen, die es verdient haben, geschlagen zu werden." "Jetzt werdet ihr alle eurer Jungfräulichkeit beraubt". Als ich den Raum mit einem Polizisten verließt, trat mich ein anderer schwarz gekleideter Polizist und rief: "Schlag sie noch einmal".

Bis heute (27. April, Anm. d. Red.) scheinen mindestens 100 Frauen inhaftiert zu sein.

Quelle: Pressenza - 26.05.2022. Übersetzung aus dem Italienischen von Linda Michels vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

01. Juni 2022

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von