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Ukrainekrieg: Ihr wolltet Alternativen zu Waffenlieferungen? Hier habt ihr sie

Pazifismus: Nein, die militärische Reaktion nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist nicht alternativlos. Statt glorifizierter Mannhaftigkeit bräuchte es jetzt zivile Rationalität. Und eine Neubewertung von Feigheit und Mut.

Von Giuseppe Pitronaci

Stellen wir uns vor: Die ukrainische Regierung hätte kapituliert, sofort. Oder schnell, nach Beginn des völkerrechtswidrigen, barbarischen Angriffs von Russland. Wenn man Medien und Mitmenschen zum Thema hört, kann man den Eindruck gewinnen, dass das undenkbar ist. Die militärische Option erscheint als die einzig mögliche und richtige. Man müsse sich ja wehren, wenn man angegriffen wird. Was im Umkehrschluss suggeriert: Ohne Militär wehrt man sich nicht. Das unausgesprochene Wort, das da im Raum steht, ist Feigheit. Was empört so viele an der Vorstellung? Und was heißt das eigentlich, Feigheit?

Spielen wir das Gedankenspiel weiter: Russland hätte die Ukraine besetzt oder einen Teil. Die ukrainische Regierung wäre ins Exil geflohen. Sie hätte sagen können: "Russland ist stärker als wir, militärisch. Seiner Gewalt setzen wir keine Gewalt entgegen. Wir kapitulieren vor ihr. Wir wollen es nicht verantworten, Menschen in den Tod zu schicken. Jeder Tote ist ein Verlust, jeder Tote weniger ist ein Gewinn."

Und dann? Wie hätten sich die westlichen Staaten in solch einer Situation verhalten können? Spätestens da weitet sich der Blick: außerhalb strategischer Heeresarithmetik gibt es auch Friedensforschung. Diese hat Instrumente gewaltfreien Widerstands aus der Geschichte herausgelesen und untersucht. Und sie entwickelt Möglichkeiten, den Waffen ohne Waffen zu begegnen und gerade dadurch Wirkung zu erzielen.

Warum 80 Millionen Militärstrategen und nicht 80 Millionen Friedensforscher:innen?

Eine wesentliche Frage im Fall einer Kapitulation wäre: Wie kann man die ukrainische Bevölkerung darin stärken, den Besatzern durch unterlassene Kollaboration die Besatzung zu erschweren? Jetzt schon könnte man mehr darin investieren, die russische Opposition zu stärken und mit Kommunikations-Mitteln auszustatten. Doch die einseitige Fixierung auf den militärischen Kurs unterbindet die Entwicklung alternativer Wege. Dabei könnte man mit einem Bruchteil des Geldes, das jetzt für Militär und Rüstung ausgegeben wird, brachliegendes Handlungspotential aktivieren.

In der Geschichte gibt es zahllose Beispiele für gewaltfreien zivilen Widerstand. Fast synonym geworden dafür ist Gandhi, der mit zehntausenden Mitbürgern gegen das Britische Besatzungsrecht marschierte, ohne Waffen. Man baute Salz ab, was den Rechtlosen verboten war, am Ende stand Indiens Unabhängigkeit. 2013 und 2014 besetzten Ukrainerinnen und Ukrainer Regierungsgebäude, veranstalteten Symposien auf dem Majdan, gaben Suppe aus, und stürzten ihr Regime. US-Rekruten zerrissen während des Vietnam-Krieges ihre Einberufungsbefehle. In Estland protestierten Ende der 80-er Jahre Massen gegen das Sowjet-Regime, singend, am Ende auch hier die Unabhängigkeit.

Mit moderner Technologie wären die Möglichkeiten von heute vervielfacht. Hacker könnten IT-Infrastruktur lahmlegen, über Social-Media-Kanäle könnte man Soldaten Desertier-Wege vermitteln. Man könnte Flächenstreiks organisieren oder die Arbeitskraft subversiv gestalten, indem die Arbeitenden unbrauchbare Produkte herstellen. Man könnte Straßen blockieren, massenhaft das Zahlen der Steuern oder der Stromrechnung verweigern, Konsum boykottieren und so Wirtschaftskreisläufe unterbrechen. Es würde darum gehen, mit kleinen und großen Aktionen die Besatzung am Regieren zu hindern, Stück für Stück.

Ehre, Tapferkeit, Heldentum: Wladimir Putin hat das Rad zurückgedreht

Dafür bräuchte man keine Soldaten, Panzer, Raketen, sondern eine Online-Armee des 21. Jahrhunderts, eine Kommunikationsguerilla, gebildet von einer polyglotten, global denkenden, vernetzten Generation, flankiert von Diplomatinnen und Kommunikations-Experten. Die Waffen: passiver Widerstand, Gegen-Propaganda, konstruktive Manipulation, Aufklärung.

Es geht wieder um Ehre, Tapferkeit, Heldentum. Darum, wessen Freiheit von wem verteidigt wird, wer wen bloßstellt oder unterwirft, es geht um Völker, die angreifen und Völker, die den Kampf aufnehmen. Kategorien und Begriffe aus vergangenen Jahrhunderten, denen wir wie eine Herde folgen. Wir sind blind hineingerannt in die alte Gewalt-Gegengewalt-Dynamik. Ein Satz wie "Ich kämpfe nicht" wäre da ein Skandal. Wie provokant der pazifistische Gedanke geworden ist, zeigt der tosende Applaus im Bundestag nach Scholz’ milliardenschwerer Aufrüstungs-Ankündigung. Ein bizarrer, obszöner Moment, in welchem die Rohheit gegenüber der Zivilisation bejubelt wurde, unbewusst vielleicht. Genauso unbewusst wie die patriarchalen Denkmuster, von denen wir uns leiten lassen. Gemäß derer Männer sagen, wo es langgeht, und Stärke zeigen müssen.

Gesten des Dialogs, Formulierungen, die Schwäche zugeben? Das ist in dieser konventionell sortierten Weltsicht als memmenhaft diskreditiert. Da können sich westliche Staaten noch so emanzipiert und genderfluid geben: Hier lassen wir uns wie Automaten lenken von traditionellen Rollenklischees mit den dazugehörigen Werten. Schließlich geht es um Krieg; wehe, wer da mit – angeblichem – Gewäsch ankommt. Unabhängig davon, ob eine Frau oder ein Mann ein Ministeramt innehat, in der Atemluft wabert es: Jetzt hat jeder Mensch ein Mann zu sein beziehungsweise das zu vertreten, was der traditionelle Tugendkanon Männern zuschreibt. Verteidigen, nicht verhandeln. Schlagen, nicht schwafeln. So lassen wir uns mit wenig Widerspruch ein auf das blutrünstige Spiel, das immer noch und immer wieder vor allem von Männern mit unausgeglichenem Aggressionshaushalt und Überschuss an Jähzorn bestellt und organisiert wird.

Als hätte es all die Erfahrungen und Debatten der vergangenen 100 Jahre nie gegeben

Dabei sind wir durch Jahrzehnte psychologischer Schulung gegangen, begonnen von den Lehren aus etlichen Kriegen, über die Debatten im Kalten Krieg bis zum kollektiven psychologischen Alltagswissen von heute. Mit Anti-Gewalt-Training auf dem Schulhof oder Aggressionsschlichtung in der U-Bahn. Solche Situationen sind nicht mit Angriffen auf Staaten vergleichbar, aber der Blick ins Kleine kann helfen, Muster im Großen zu erkennen. Man stelle sich vor, wie man sieht, dass auf der Straße eine Bande mit Messern und Baseballschlägern eine kleinere Gruppe angreift. Wäre es richtig, dass die Umstehenden der angegriffenen, schwächeren Gruppe möglichst viele Messer und Baseballschläger besorgen? Um die Parität der Gewalt anzusteuern? Nicht einsteigen in die Gewaltdynamik, würde der Konfliktpsychologe sagen. Zwischen die Parteien gehen, sich auf die Seite der Angegriffenen stellen, aber sie von der Gegengewalt abhalten. Wozu gibt es Polizei und Gerichte in der Zivilisation?

In der großen Politik und überstaatlich gibt es den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Und für die Zukunft wäre vielleicht auch ein Schiedsgericht für internationale Schlichtungsverfahren denkbar, um rechtzeitig zu vermitteln. Für Putin ist das Gericht in Den Haag gewiss der angemessene Ort angesichts dessen, was er zu verantworten hat. Aber wir kommen nicht dorthin, indem wir das gegenseitige Abschlachten noch anfeuern. Deeskalieren und Schlichten sind der Weg. Um noch mehr Hass und Trauer zu vermeiden. Es mag eine Berechtigung haben, zu fragen: Was würdest du denn tun, wenn du und die Deinen angegriffen würden? Könntest du friedvoll bleiben, würdest du dich nicht wehren? Nur: Die Gegengewalt führt zu immer mehr Toten. Und es stellt sich doch die Frage, wie die Umstehenden sich verhalten sollten. Sie sind zunächst unbeteiligt und haben dadurch die Möglichkeit, einen rationaleren Zugang zum Konflikt zu nehmen. Sie stehen in der Verantwortung, die entstandene Wut und Verzweiflung nicht zu schüren, sondern die Gewaltspirale aufzuhalten.

Wer hier und heute pazifistisch argumentiert, klingt nach den 80-er Jahren, nach "Schwerter-zu-Pflugscharen"-Transparenten, nach "Frieden-schaffen-ohne-Waffen"-Parolen. Und wird deshalb als naiv stigmatisiert, als vorgestrig, überholt, peinlich, unverantwortlich. Doch nicht jene Forderungen aus der Friedensbewegung sind unverantwortlich, sondern Krieg, Gegenkrieg, Militarismus und testosterongesteuerte Reaktionsmuster. Um zu verstehen, wie versklavt wir davon sind, reicht ein Blick auch in seriöse Medien. Dort wimmelt es von Empörungsfloskeln, wenn es um die Option geht, mit den Aggressoren in Dialog zu treten. Und wir brauchen bloß lesen und hören, wie verbreitet die Forderung ist, russische Künstlerinnen und Künstler auszuschließen – unabhängig davon, welche Position zum Angriff auf die Ukraine sie einnehmen. Nation ersetzt Individuum. Wir waren schon mal weiter im Komplexitätsgrad des Denkens. Fleißig drehen wir die Eskalationsschraube und merken nicht, dass sie in den Abgrund führt. Die Militärlogik überrennt alle Alternativen.

Viele haben sich in Putin und der russischen Führung getäuscht

Nur um am Ende dann doch bei Friedensverhandlungen und Diplomatie zu landen – allerdings erst, nachdem viele Tausende ihr Leben verlieren mussten. Was ist daran ehrenvoll, heldenhaft, mutig? Was ist das für eine Hypothek für die Zukunft und für kommende Generationen, wenn man immer mehr Mütter, Väter, Kinder, Angehörige zu Menschen macht, die Gefallene betrauern und Hass anhäufen? Die Kriegsbefürworter und -befürworterinnen argumentieren: Man muss den Diktatoren und Autokraten, ihren Unterdrückungsapparaten, ihrer Gewalt etwas entgegensetzen. Doch durch Gegengewalt wird das Leid und Töten nicht verhindert, sondern potenziert. Das bedeutet nicht, dass man einem Gewaltregime freie Bahn lässt. Sondern dass man pazifistische Strategien erproben und Veränderung durch Evolution ansteuern sollte. Der Kriegslogik eine Zivilisationslogik entgegensetzen.

Sehr viele von uns haben sich getäuscht in Putin und der russischen Führung. Hätten diesen Angriff nicht für möglich gehalten. Aber diskreditiert dieser Irrtum jede nicht-militärische Reaktion? Die Bellizisten folgern aus dem Irrtum ein Argument pro Rüstung und Gegenangriff. Warum eigentlich? Wenn wir zu den gleichen Mitteln greifen, stellen wir uns doch auf die Stufe der Aggressoren. Jener, für die das einzelne Menschenleben keinen Wert darstellt. Wir lassen uns ein auf ein Menschenbild, in dem Soldaten keine Individuen sind, sondern Schießmunition, anonyme Statistik-Balken. Stumme Figuren ohne Gesichter, die auf der Landkarte hin- und hergeschoben werden. Der Tod von Menschen taucht hier nur als anonymer Kollateralschaden auf.

Unsere Verhaltensmuster sind geprägt vom Gegensatz zwischen angeblicher Tapferkeit und angeblicher Feigheit. Ein vergifteter Glaubenssatz. Es wäre Zeit, unseren Wertekanon in Sachen Mut und Feigheit zu korrigieren. Ist wirklich feige, wer sich nicht auf Blutvergießen einlassen will? Ist nicht mutig, wer auf den Angreifer zugeht zum Dialog? Wir scheinen zu vergessen, dass hinter jeder getöteten Person unendliches Leid steht. Menschliches Handeln aber darf man nicht aufschieben nach dem Motto: Lasst erstmal das Militär machen, danach übernimmt wieder die Zivilisation. Ein zivilisierter Staat müsste das Ziel haben: So viele Menschenleben wie möglich retten. Sofort.

Giuseppe Pitronaci hat in Berlin und Rom Erziehungswissenschaft, Latein und Italienische Philologie studiert. Er arbeitet in Berlin als freier Journalist, unter anderem für die "Märkische Allgemeine" und die "Berliner Zeitung".

Quelle: der FREITAG vom 27.05.2022. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

30. Mai 2022

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