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Wirtschaftliche Kriegführung gegen Afghanistan

Die Verarmung in Afghanistan als Resultat von US-Sanktionen zieht sich durch die gesamte Bevölkerung

Von Thomas Ruttig

Er sei schon immer arm gewesen, sagt Muhammad Dschawad*, Tagelöhner im zentralafghanischen Distrikt Lal wa Sar Dschangal. "In guten Zeiten", erzählt er, hätten er und seine erwachsenen Söhne zwischen Aussaat- und Erntezeit umgerechnet 130 bis 260 Dollar verdient, wenn sie sich bei wohlhabenderen Landbesitzern verdingten. Aber seit dem letzten Frühjahr habe er überhaupt kein Geld mehr für seine Arbeit bekommen, nur noch Lebensmittel. "Meine Söhne arbeiteten auf dem Land von jemand anderem. Aber dann erfror dort die Ernte, und sie bekamen gar nichts." Er habe nichts, was er verkaufen könnte - "keine Kuh, keine Schafe, kein Land". Auf Pump habe er einen Sack Mehl besorgt und von einer Hilfsorganisation zwei Literflaschen Speiseöl und zwei Kilo Bohnen bekommen. "Das hat uns sehr geholfen." Fleisch, Gemüse oder Obst habe er "schon sehr lange" nicht gegessen.

"Lebensmittel sind sehr teuer, deshalb essen wir weniger", sagt Husn Banu in Kabul, die früher Köchin bei einer ausländischen Hilfsorganisation war und sich bis dahin in die Mittelschicht einordnete. "Das allerwichtigste ist jetzt, Feuerholz oder Kohle einzulagern. Das müssen wir kaufen, sonst erfrieren wir."

"Meine wirtschaftliche Situation ist besser als die der meisten Leute", meint Ahmad Schah Hudchel, Besitzer einer Fabrik mit 20 Beschäftigten für Billigschuhe aus Plastik in Kabul, die weiter in Betrieb ist. "Ich habe noch eine Einnahmequelle und kann anderen Arbeit geben. Jede Woche kaufe ich 10 bis 15 Brote und verteile sie unter den Armen. Mehr geht nicht." Aber auch er muss sich einschränken: "Im letzten Jahr hatten wir einen Ofen in jedem Zimmer, jetzt nur einen für das ganze Haus. Feuerholz ist zu teuer." Der Preis ist fast um die Hälfte gestiegen, auch der für Gas.

Die Verarmung zieht sich durch die gesamte afghanische Bevölkerung. Kommt nicht schnell nachhaltige Hilfe, so schätzen UNO und Weltbank, werden Mitte des Jahres 97 Prozent aller Afghan:innen in Armut leben. Vor der erneuten Taleban-Machtübernahme im vorigen August waren es über 70 Prozent. Nach jüngsten UN-Zahlen haben 95 Prozent von ihnen nicht genug zu essen. Acht von zehn Haushalten verzeichnen schon jetzt "drastische" Einkommensrückgänge - jene, die überhaupt noch ein Einkommen haben. Laut UNICEF ist die Zahl der Frühgeburten und Geburten von Kindern mit armutsbedingtem Untergewicht auf 30 Fälle am Tag angestiegen. In den Kliniken reichten dafür die Betten nicht mehr und müssen oft doppelt belegt werden. Das Gesundheitspersonal arbeitet trotz monatelang ausgebliebener Gehälter weiter, oft in 24-Stunden-Schichten.

Im Gegensatz zu vielen Darstellungen im Westen ist diese Massenverarmung aber keine unmittelbare und vor allem unvermeidbare Folge der Taleban-Herrschaft. Sie ist das Resultat von Sanktionen, die die USA gegen das Land verhängten, um eine Konsolidierung des Talebanregimes zu verhindern. Sie entzogen der ohnehin schwachen und zudem kriegsgeschädigten Wirtschaft die Basis. Der Bankverkehr mit und in Afghanistan wurde lahmgelegt. Vor allem Afghan:innen, die im bislang westlich finanzierten Staatsapparat arbeiteten, kamen nicht mehr an ihre Gehälter, Unternehmer nicht an ihre Rücklagen. Wie Afghanistan-Analystin Roxanna Shapour, die gerade aus Kabul zurückkam, dem "nd" sagte, handelt es sich deshalb "nicht um eine Nahrungsmittel-, sondern um eine Kaufkraftkrise. Im Basar sind genügend Lebensmittel vorhanden, nur niemand kann sie sich leisten."

Der Stopp aller Entwicklungsleistungen ließ über Nacht auch Kliniken in den ohnehin unterversorgten ländlichen Gebieten und Schulen zusammenbrechen. Schon im September waren nur noch 17 Prozent der Gesundheitseinrichtungen offen.

(Sehen sie sich dieses Foto an und lesen sie den dazu gehörigen Tweet.)

Mohsin Amin, ein junger afghanischer Wissenschaftler, schrieb jüngst in der Washington Post , dass die Weltbank im August ein 861-Millionen-Dollar-Projekt zur Stromversorgung in fünf Provinzen, den Bau von 600 Schulen - darunter viele Mädchenschulen - und weitere 9000 Projekte in den Bereichen Bewässerung, erneuerbare Energien und Transport kurz vor der Fertigstellung stoppte. US-Präsident Joe Biden entschied vor einer Woche, die Hälfte der in den USA eingefrorenen afghanischen Auslandsguthaben von 7 Milliarden Dollar für eine Entschädigungsklage von Familienangehörigen von Opfern der 9/11-Terroranschläge freizugeben - und entzog sie damit der dringlichen Verwendung zur Abwendung der humanitären Katastrophe in Afghanistan. Ashley Jackson vom Londoner Overseas Development Institute nennt das "wirtschaftliche Kriegführung". Der New Yorker Professor Barnett R. Rubin, Afghanistan-Berater mehrerer US-Regierungen, meinte: "Das reichste Land der Erde hat beschlossen, das ärmste im Namen der Gerechtigkeit zu berauben. Ein passendes Ende für den Krieg gegen den Terror." Anders Fänge vom Schwedischen Afghanistan-Komitee schrieb in der Berliner entwicklungspolitischen Zeitschrift "Südlink", es sei "nicht schwer, die Gefühle vieler Afghan:innen zu verstehen, wenn sie sagen, dass die USA den Krieg verloren haben und sich jetzt dafür an ihnen rächen."

Auch wenn die UNO und zahlreiche Hilfsorganisationen konzentrierte Kindernahrung und andere Lebensmittel verteilen, Gehaltszahlungen an Lehrer:innen und Gesundheitspersonal aus internationaler humanitärer Hilfe und Taleban-Steuereinnahmen hier und da wieder begonnen haben, genügt das nicht. Die taleban-kritische afghanische Universitätsdozentin Muska Dastageer schrieb auf Twitter: "Wohltätigkeit ist nicht genug, wenn strukturelle Gewalt die afghanische Wirtschaft am Funktionieren hindert. Sie bedeutet, dass ein Teil der Bevölkerung nur überleben kann, so lange es internationale Aufmerksamkeit gibt."

Auch unter den Taleban brauchen Afghanistans Menschen langfristige Strukturhilfe, um eine jährliche Wiederholung der humanitären Katastrophe zu verhindern. Doch schon schieben sich andere Krisenherde in den Vordergrund.

* Namen auf Wunsch der Interviewten verändert. Die Interviews führte AAN; sie können hier nachgelesen werden .

Quelle: Afghanistan Zhaghdablai - 01.03.2022. Eine Verwendung des Textes ist unter Berücksichtigung der Bestimmungen von creative commons möglich.

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Veröffentlicht am

11. März 2022

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