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Leonardo Boff: COP26 hat es versäumt, auf den Klimanotstand zu reagieren

Von Leonardo Boff

Dieser Artikel wurde zwar kurz vor dem Abschluss der COP26 geschrieben, aber meine Vermutungen wurden weitgehend bestätigt. Den Vertretern der Staaten dieser Erde fehlte der Mut, einen tragischen Klimawandel bis 2030 wirksam zu verhindern. Der Vorschlag des "schrittweisen Ausstiegs" aus der Nutzung von Kohle wurde insbesondere auf Druck Indiens auf "schrittweises Auslaufen" geändert, d.h. Kohle mit hohen CO2-Emissionen darf weiterhin genutzt werden.  Es war eine Unverschämtheit der reichen Länder, gegen die Einrichtung eines Fonds zur Behebung der Schäden in den durch den Klimawandel bedrohten armen Ländern zu protestieren. Außerdem wurde kein verbindlicher Beschluss gefasst, was bedeutet, dass Länder wie Brasilien und andere wenig oder gar nichts tun, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Alles wurde sehr vage gehalten, um einen Minimalkonsens zwischen den 197 dort vertretenen Ländern zu erreichen. Das Problem ist global und ernst und erfordert Dringlichkeit und einen angemessenen Konsens über Grenzwerte, auf die wir nicht warten dürfen.

Das durch das Schmelzen der Polkappen und des Permafrosts freigesetzte Methan, das 80-mal schädlicher ist als CO2, hat die Klimastörungen erheblich verschärft, da es zu den anderen Treibhausgasen CO2, Ozon (O3) und Distickstoffmonoxid (N2O) hinzukommt. Wir werden also die globale Erwärmung nicht bewältigen. Wir sind in sie eingetaucht. Das Pariser Abkommen von 2015 über die Reduzierung von Treibhausgasen, das einige Hoffnungen weckte, wurde nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Emissionen stiegen um 60 %. China ist mit 30,3 % der größte Emittent, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 14,4 % und den Europäern mit 6,8 %. Die Verschlechterung war weit verbreitet.

Wissenschaftler und Klimaexperten haben bereits den Klimanotstand ausgerufen. Patricia Espinosa, UN-Exekutivsekretärin für Klimawandel, sagte bei der Eröffnung der COP26: "Wir sind auf dem Weg zu einem globalen Temperaturanstieg von 2,7 Grad Celsius, obwohl wir das Ziel von 1,5 Grad erreichen sollten." Wir wissen, dass sich bei dieser Erwärmung viele Arten nicht anpassen können und verschwinden werden. Millionen von armen und schutzbedürftigen Menschen werden in großer Gefahr sein. Angesichts all dessen hat Papst Franziskus in seiner Schlussbotschaft zur COP26 zu Recht gesagt: "Wir haben einen Garten erhalten und überlassen unseren Kindern und Enkeln eine Wüste".

Was ist die Ursache? Die Daten der Wissenschaftler, die zur COP26 entsandt wurden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, geben eine Antwort: "Der Klimawandel wird durch die Art der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung verursacht, die durch die Natur der kapitalistischen Gesellschaft hervorgerufen wird, die sich als nicht nachhaltig erweist". Das Problem ist also nicht das Klima, sondern der Kapitalismus, der weder eine umweltbezogene noch eine sozialpolitische Ökologie kennt.

Angesichts der Dringlichkeit des ökologischen Notstandes waren die Ergebnisse der COP26 unzureichend, ja sogar frustrierend. Die einzigen Empfehlungen lauteten, die Gase und den Einsatz von Kohle bis 2030 schrittweise zu reduzieren. Sie sollten auf die Hälfte reduziert werden, aber niemand hat sich dieses Ziel gesetzt. Viele haben, vage, unter dem Druck der Kritik in ihren Ländern, wie z.B. Brasilien, Zusagen gemacht, jedoch ohne jegliche Verbindlichkeit. China und Indien, die für den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel entscheidend sind, schwiegen, und erst im letzten Moment einigten sich China und die USA auf eine vorsichtigere Politik in Bezug auf die Kohlenutzung.

Wir können das verstehen: Auf den Konferenzen der Vertragsparteien (COP) sitzen Vertreter von Regierungen, praktisch alle von kapitalistischen Regimen. Letztere sind aufgrund ihrer inneren Dynamik überhaupt nicht an Veränderungen interessiert, da dies einen Widerspruch bedeuten würde. Sie werden von den großen Kohle-, Öl- und Gaskonzernen unterstützt, die sich stets gegen Änderungen gewehrt haben, um ihre Gewinne nicht zu verlieren. Sie waren stets bei allen COPs anwesend und übten starken Druck auf die Teilnehmer im Sinne der Verweigerung aus. Über Kohle und die Umstellung auf saubere Energie ist viel diskutiert worden, aber nur 13 kleine Länder haben sich dazu verpflichtet. Wie bereits erwähnt, haben sich China und die Vereinigten Staaten auf einen schrittweisen Ausstieg aus der Kohlenutzung geeinigt.

Ein anderes Szenario ist die Parallelveranstaltung zur COP26, an der Tausende von Vertretern aller Völker der Welt auf der Straße teilnahmen. Dort wurde die Wahrheit gesagt, die die Machthaber nicht hören wollen: Wir haben wenig Zeit, wir müssen den Kurs ändern, wenn wir das Leben und unsere Zivilisation retten wollen. Auf vielen Plakaten stand: "Ihr stehlt unsere Zukunft, wir wollen eine lebendige Erde". Daher die Worte von Papst Franziskus und anderen religiösen Führern in einer Botschaft an die COP26: "Wir haben einen Garten erhalten, und wir können unseren Kindern keine Wüste hinterlassen".

In diesem Zusammenhang war der "5. Internationale Gerichtshof für die Rechte der Natur und des Amazonasgebiets" wichtig. Neben anderen Unterstützern waren auch Vertreter der neun Länder des Amazonas anwesend. Die Tatsache, dass die Natur und die Erde Subjekte von Rechten sind, wurde bekräftigt, wie es bereits in den Verfassungen von Ecuador und Bolivien verankert ist und mehr und mehr zu einer neuen Realität im kollektiven Bewusstsein wird.

Das Amazonasgebiet mit seinen rund 6 Millionen Quadratkilometern, das von etwa 500 verschiedenen Völkern bewohnt wird, erhielt besondere Aufmerksamkeit. Der grundlegende Slogan lautete: "Der Amazonas: ein bedrohtes Lebewesen". Indigene Völker kamen mit ihren verschiedenen Organisationen und legten Zeugnis ab von ihrem Widerstand, von der Ermordung ihrer Anführer, von der Invasion ihrer Gebiete, sie brachten Videos ihrer Kulturen, Tänze, Ausdrucksformen ihrer fernen Abstammung.

Aus den Tiefen des Dschungels kam der Ruf nach einer anderen Art zu leben und sich mit der Natur zu verbrüdern, um zu beweisen, dass es möglich ist, gut zu leben, ohne sie zu zerstören. Die Indigenen sind unsere Lehrmeister, denn sie empfinden die Natur als eine Erweiterung ihres Organismus, weshalb sie sie pflegen und lieben, als wäre sie ihr eigener Körper.

Nach einer gründlichen wissenschaftlichen Untermauerung, die als Grundlage für die Diskussionen, ob persönlich oder virtuell, diente, wurde dieses Urteil gefällt:

"Das Tribunal verurteilt diejenigen, die direkt für die Verbrechen des Ökozids, des Ethnozids und des Völkermords am Amazonas und seinen Völkern verantwortlich sind, nämlich: Banken, Finanziers von Megaprojekten; internationale Unternehmen: Bergbau- und Privatunternehmen, Unternehmen der Agrarindustrie. Und schließlich die Staaten, die kriminelle Handlungen gegen das Amazonasgebiet zulassen, für die strukturelle Gewalt, die die Handlungen krimineller Organisationen unterstützt, die in die Gebiete traditioneller Völker eindringen und ungestraft Morde, Entführungen von indigenen Führern und Verteidigern der Menschenrechte und der Rechte der Natur begehen".

In dem Urteil werden mehrere Maßnahmen genannt, die vor allem zugunsten der indigenen Völker als natürliche Verteidiger des Amazonasgebietes, der Anerkennung des Amazonasgebietes als Rechtssubjekt, der Wiedergutmachung und Wiederherstellung seiner Integrität und der Dekommodifizierung der Natur ergriffen werden müssen. Es entstand der Ausdruck: Wir müssen uns amazonisieren, um das Klima zu regulieren und die Zukunft der biologischen Vielfalt zu sichern.

Es wurde beschlossen, im Juli 2022 ein pan-amazonisches Sozialforum in Belém do Pará im brasilianischen Amazonasgebiet abzuhalten. Es wird sich um Allianzen zwischen allen indigenen Völkern handeln, mit einer massiven Präsenz von Frauen, in der Überzeugung, dass der pan-amazonische Wald von grundlegender Bedeutung für die Regulierung des Klimas auf der Erde ist und den Fortbestand des Lebens auf dem Planeten garantiert. Das menschliche Leben wird vielleicht irgendwann verschwinden und die Erde wird sich weiter um die Sonne drehen, aber ohne uns. Dies kann vermieden werden, wenn es eine globale Allianz der Menschen zugunsten des Lebens in all seiner Vielfalt gibt. Wir haben die Mittel, Wissenschaft und Technologie. Uns fehlen nur der politische Wille und die gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Natur und mit der großen und großzügigen Mutter Erde.

Quelle:  Traductina , 19.11.2021.Übersetzung: Adalbert Krims.

Veröffentlicht am

22. November 2021

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