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Die Illusion von der einzigen Weltmacht USA ist geplatzt

Der Polit-Talk im Westen über Afghanistan vermeidet die entscheidende Frage: Wer war schuld an diesem Krieg?

Von Helmut Scheben

Die Szenen auf dem Flughafen von Kabul sind symbolisch. Sie symbolisieren das Zerplatzen einer Illusion: der Illusion, die USA könnten die Welt militärisch nach Gutdünken gestalten.

Die Neokonservativen hatten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Doktrin verbreitet, die einzige verbleibende imperiale Supermacht könne und müsse auf der Welt zum Rechten schauen, ohne auf Völkerrecht, geltende Verträge oder interne Opposition Rücksicht nehmen zu müssen. Das hat sich als Boomerang erwiesen. Was in Kabul in diesen Tagen abläuft, ist die unerwartete Rückkehr des Boomerangs. Er schlägt hart auf. Es sind Bilder vom Ende einer imperialen Machtausübung.

Das ist für viele schwer zu schlucken, sowohl für die politische Klasse in Washington wie für ihre Verbündeten. Nato-Generalsekretär Stoltenberg spricht von "Tragödie", die deutsche Kanzlerin von einer "bitteren Erkenntnis". Sie verkleidet die Katastrophe in Afghanistan mit der sprachlichen Schutzhülle, dass "nicht alles so geglückt ist und nicht so geschafft worden ist, wie wir es uns vorgenommen haben". Bezeichnend ist, dass sie nicht die Frage stellt, ob man sich das Falsche vorgenommen hatte und ob dieser Krieg überhaupt notwendig und zu rechtfertigen war.

In diesen Tagen ist offenbar wenig Zeit für solche nüchternen Überlegungen. Das TV-News-Business ist in Ekstase. Für die Kurzfutter-Industrie gibt es nichts Besseres als Situationen, in denen die Bilder mehr sagen als alle Worte: Panik und Verzweiflung in Kabul, Flüchtende, die sich an Transportflugzeuge klammern. Politiker von links bis rechts prangern im Brustton der Empörung schlimme Fehler an.

Da aber das unausweichliche Scheitern und die Notwendigkeit des Rückzugs eigentlich von niemandem in Frage gestellt werden kann, verbiegt man sich beinah akrobatisch, um mit falschen Fragen vom Kern der Sache abzulenken: War der Abzug verfrüht? Hätte man alles besser organisieren sollen? Hat Präsident Biden versagt? Kann man den Taliban trauen, wenn sie sich gemäßigt geben? Wird Afghanistan jetzt erneut eine terroristische Bedrohung? Und so weiter.

Afghanistan war nie eine terroristische Bedrohung für den Westen, und die Taliban waren nicht die Urheber der 9/11-Anschläge 2001 in Manhattan. Aber darüber, dass die USA und die Nato diesen Krieg nie hinreichend rechtfertigen konnten, will offenbar niemand reden. Einen Krieg verlieren ist schlimm genug. Einen sinnlosen Krieg verlieren, ist noch schlimmer.  Einen ungerechtfertigten Angriffskrieg zu beginnen, ist ein Verbrechen. Da wären eine Menge unangenehmer Fragen zu klären, und Zehntausende einbeinige, einäugige oder sonst verkrüppelte afghanische Kinder, Frauen und Männer warten auf die Antworten. Aber man diskutiert bei uns lieber über das Problem, ob in Kabul künftig Hidschab getragen werden soll, wie es in vielen Ländern muslimischer Kultur üblich ist.

Wenn eine militärische Supermacht mit all ihren Kampfjets und Drohnen, mit all ihren Hightech-Waffensystemen und ihrer scheinbar unbegrenzten Möglichkeit, Dollar für den Krieg mit Mausklick zu erzeugen, von ein paar tausend bärtigen Kalaschnikow-Paschtunen in die Flucht geschlagen wird, dann darf das in der Weltanschauung der westlichen Aufrüstungs-Experten einfach nicht wahr sein. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, dreht sich der politische Talk derzeit auf allen Sendern des Westens um viele Themen, nur nicht um die entscheidenden Fragen: Wer ist schuld an diesem Krieg, und war der Angriff auf Afghanistan gerechtfertigt?

Diese Fragen fürchten die Verantwortlichen wie der Teufel das Weihwasser. Denn die Antwort auf diese Fragen wäre auch großenteils die Erklärung für das, was sich in Afghanistan in diesen Tagen abspielt. Wenn es keinen Grund für diesen Krieg gab, dann waren die Nato-Truppen keine Nation-Building-Demokraten und keine Befreier des afghanischen Volkes, sondern eine fremde Besatzungsmacht, die in Afghanistan nichts verloren hatte. Und wenn dies so ist, dann musste man kein Hellseher sein, um bei Kriegsbeginn vorherzusehen, wie alles enden würde. Der Westen stützte sich auf eine Marionetten-Republik in Kabul und verbreitete die Erzählung, diese repräsentiere das afghanische Volk. Kaum einer wollte es sehen, deshalb trifft die spät erzwungene Erkenntnis wie ein Schlag an den Kopf: Wenn die Taliban keine breite Unterstützung von der afghanischen Bevölkerung hätten - aus welchen Gründen auch immer -, hätten sie nicht in wenigen Tagen das gesamte Land einnehmen können, fast ohne dass ein Schuss fiel.

Die geheime Oel-Diplomatie der Taliban

Barnett Rubin fand, die Taliban seien eigentlich keine Islamisten: "Die Taliban haben keine Verbindungen zu den internationalen Radikal-Islamisten. Genaugenommen hassen sie die Islamisten." Das sagte der Afghanistan-Experte des "Council on Foreign Affairs", der einflussreichsten außenpolitischen Denkfabrik der USA, im Oktober 1996, wenige Wochen nachdem die Taliban Kabul eingenommen hatten (Time, London, 14.Oktober 1996). Auch Zalmay Khalilzad von der "Rand Corporation" befand, die USA sollten den Taliban mehr Vertrauen schenken: "Die Taliban praktizieren nicht diesen gegen die USA gerichteten Fundamentalismus wie der Iran. Die Taliban sind näher beim saudischen Modell. Sie vertreten einen Mix aus traditionellem paschtunischem Wertesystem und orthodoxer Interpretation des Islam" (Washington Post 7.Oktober 1996).

Khalilzad war nicht nur Präsidentenberater, sondern auch Berater des kalifornischen Ölkonzerns Unocal, damals eines der weltweit größten Energieunternehmen, heute Tochtergesellschaft von Chevron. Ein Konsortium von Ölfirmen, darunter die saudische Delta Oil, plante damals den Bau von Pipelines durch Afghanistan, um das Schwarze Gold von den Ölfeldern Turkmenistans, Kasachstans und Kirgistans an die pakistanische Küste zu leiten:  "two mammoth pipelines", wie Unocal-Chef Marty Miller der Washington Post sagte. Aber dazu bedurfte es laut Miller einer stabilen und international anerkannten Regierung in Kabul. Man zählte auf die Taliban, mit denen man schon allein deshalb gern ins Geschäft kommen wollte, weil sie als radikale Sunniten den Einfluss des schiitischen Todfeindes Iran als auch den russischen Einfluss in der Region eindämmen könnten.

Doch es kommt nie zu einem Deal. Die Taliban glauben, sie hätten die besseren Karten und nehmen keine Rücksichten auf westliche Sensibilitäten. Sie setzen ein Scharia-Regime durch, das im Westen auf Ablehnung stößt. Unocal gerät ins Kreuzfeuer von Menschenrechtsgruppen, und als bekannt wird, dass der von Washington steckbrieflich gesuchte Osama Bin Laden sich zeitweise in Afghanistan aufhält, wird das Pipeline Projekt vorerst auf Eis gelegt.

Der in den USA ausgebildete Terrorismus- und Islamexperte Jean-Charles Brisard und der Journalist Guillaume Dasquié beschreiben in ihrem Buch "Forbidden Truth" die geheime Erdöl-Diplomatie zwischen den Taliban und Washington Ende der 90-er Jahre. Es ist kaum erstaunlich, wenn man dort erfährt, dass Big Business in der Regel Vorrang hatte vor der Sorge um Menschenrechte. Die Regierung Clinton verhängt zwar einerseits Sanktionen gegen Kabul, nimmt aber um die Jahrtausendwende die Verhandlungen mit den Taliban wieder auf. Offenbar in der Hoffnung, man könne die Taliban zu Reformen zwingen und so das große Öl-Projekt retten, welches letztlich darauf abzielte, den Russen Teile von den zentralasiatischen Ölvorkommen wegzunehmen und in der Region besser Fuß zu fassen.

Präsident George W. Bush verfährt nicht anders. Er selbst und die wichtigsten Figuren in seinem Kabinett kommen aus dem Ölgeschäft, und die Energiefirmen haben seinen Wahlkampf finanziert. Während die UNO das Regime in Kabul mit Sanktionen belegt und Frauenrechtlerinnen die Taliban anprangern, verhandelt die Bush-Regierung unverdrossen mit den radikalen Koran-Schülern um den Öl-Deal, eine Anerkennung der afghanischen Opposition und die Auslieferung von Bin Laden. Das letzte Verhandlungstreffen findet im Juli 2001 in Berlin statt (ein offizieller Vertreter der Taliban boykottiert die Zusammenkunft wegen der Sanktionen gegen seine Regierung).

Nach Aussagen des pakistanischen Delegierten und Uno-Diplomaten Niaz Ahmed Naik drohten die Amerikaner den Taliban mit einem militärischen Angriff, falls sie keine Zugeständnisse machten. Naik gab an, die Vorbereitungen für einen Angriff von Tadschikistan und Usbekistan aus seien zu diesem Zeitpunkt bereits im Gange gewesen (Forbidden Truth, S. 42 ff). Das Treffen scheitert ergebnislos. Zwei Monate später findet der Anschlag 9/11 in Manhattan statt. Im Oktober befiehlt Präsident Bush den Angriff auf Afghanistan.

Der Hauptverdächtige wird beseitigt

Würde ein internationales Gericht den Nato-Krieg in Afghanistan untersuchen, so müsste den Ermittlern der Anklage wohl als erstes die merkwürdige Tatsache auffallen, dass Osama Bin Laden, der nach Angaben der USA Hauptverantwortlicher und Mastermind hinter den Terroranschlägen von 9/11 gewesen sein soll, außergerichtlich hingerichtet wurde, ohne dass er sich zu den Anschuldigungen vor einer wie auch immer gearteten Instanz äußern konnte. Präsident Barak Obama ließ den Mann im Mai 2011 von einer Kommando-Einheit der Navy Seals töten und seine Leiche an einem geheim gehaltenen Ort ins Arabische Meer werfen. Damit war der Hauptverdächtige, der die Verantwortung für 20 Jahre Nato-Krieg in Afghanistan tragen sollte, zum Schweigen gebracht. Fürchtete man seine Aussagen? Osama Bin Laden war ein Ideologe, der die muslimische Welt zum Krieg gegen die USA aufrief, er hatte aber nach 9/11 wiederholt erklärt, dass er operativ mit dem Terroranschlag nichts zu tun hatte.

In seiner Rede vor dem Kongress am 20. September 2001 sagte Präsident George W. Bush, die Amerikaner fragten nun: "Wer hat unser Land angegriffen?" Die Antwort, so Bush, heiße al-Qaida und "ihr Anführer, eine Person namens Osama Bin Laden". Dies sei ersichtlich aus den "gesammelten Beweisen."

Es ist bis heute nicht nachvollziehbar, wie die Regierung in Washington unmittelbar nach 9/11 behaupten konnte, sie hätte Klarheit darüber, wer die Täter und ihre Auftraggeber waren. Die Kongresskommission zu 9/11 brauchte drei Jahre, um ihre Untersuchung abzuschließen, einige ihrer Ergebnisse werden bis heute von vielen Experten in Frage gestellt. Und die Familienangehörigen der Opfer verlangen seit Jahren ergebnislos, dass die Regierung die geheimen Unterlagen freigibt, die offenbar Saudiarabien schwer belasten. 

Die Taliban ihrerseits waren bereit, Osama Bin Laden vor Gericht zu stellen oder ihn auszuliefern, wenn die USA ihnen die Schuldbeweise vorlegten, die sie zu besitzen vorgaben.

All dies legt nahe, dass der Angriff auf Afghanistan eine willkürliche Entscheidung war, die unter dem Schock der Ereignisse stattfand und jedenfalls nicht auf den Gründen beruhte, die offiziell angegeben wurden. Wichtige Indizien für diese These liefert merkwürdigerweise George W. Bush selbst.

2019 legt er unter dem Titel "Decision Points" seine Memoiren vor. Erstaunlich ist die Passage, wo Bush schildert, wie am 15. September das National Security Team in Camp David zur ersten Lagebesprechung zusammenkommt. Dort werden von CIA und Pentagon die verschiedenen Szenarien des Angriffs auf Afghanistan erörtert. Am vierten Tag nach 9/11 war dieser offensichtlich schon beschlossene Sache, obwohl noch drei Wochen lang nach außen hin publiziert wurde, Krieg oder Frieden hänge von den Taliban ab, denen man ein Ultimatum gestellt habe. 

Aufschlussreich und entlarvend ist, dass auch noch andere Angriffsziele diskutiert wurden. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein Vize Paul Wolfowitz schlugen vor, neben Afghanistan auch den Irak anzugreifen. Rumsfeld laut Bush wörtlich: "Dealing with Iraq would show a major commitment to antiterrorism."

Außenminister Colin Powell habe dagegen argumentiert, sofort auf den Irak loszugehen sei mit dem Risiko verbunden, dass die Uno und die Nato nicht mitmachten. Auch Vizeprädent Dick Cheney sah den Irak als eine Gefahr, um die man sich kümmern müsse ("to adress it"), aber es sei nicht der rechte Moment (Decision Points S.190, 191).

Daraus ist zweierlei abzuleiten. Zum einen stand der Angriff auf den Irak bereits damals auf der Agenda, obwohl keinerlei Beweise vorlagen, die den Irak mit 9/11 in Verbindung brachten. Andererseits ist aus Präsident Bushs Memoiren aber auch abzuleiten, dass es in Wirklichkeit nie darum ging, die tatsächlichen 9/11-Verantwortlichen zu finden und vor Gericht zu stellen. Dies wäre vielleicht mit internationaler Polizeiarbeit zu erreichen gewesen, nicht aber durch Angriffskriege auf muslimische Länder. Man beschloss offenbar, einfach militärisch loszuschlagen. Gegen Afghanistan oder Irak oder noch andere Länder: Das machte offensichtlich keinen Unterschied. In psychologischer Sichtweise müsste man von einer Ersatzhandlung reden, politisch aber war keine Irrationalität im Spiel. 9/11 war der Startschuss für die Umsetzung von Strategie-Papieren, die offensichtlich seit langem in den Schubladen des Pentagons lagen.

9/11  als Vorwand für geostrategische Ziele

Der ehemalige Nato-Kommandant General Wesley Clark berichtete, der damalige Staatssekretär Paul Wolfowitz habe ihm nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 gesagt, die USA könnten nun ihre militärische Macht im Nahen Osten nutzen, ohne dass die Sowjets sie aufhalten würden. Es gäbe ein Zeitfenster von zehn Jahren, um russische Klientel-Systeme im Nahen Osten zu kippen. Gemeint waren "Schurken-Staaten" wie Iran und Syrien, aber auch das nordafrikanische Libyen Gaddafis.

Die Außenpolitik des Westens ist nach 9/11 zu einer neuen Kanonenbootpolitik mutiert, an der bislang festgehalten wurde, obwohl sie unaufhörlich scheitert. Man nennt das "Krieg gegen den Terror", und der geht so: Erst wird mit dem Ziel "Regime Change" ein Land bombardiert, dabei entsteht ein militärisches und soziales Chaos, aus welchem man sich am Ende in Ermangelung von einem Plan-B unter Bedauern zurückzieht. Frei nach Clausewitz: Kopfloser Rückzug ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Beispiel Afghanistan, Beispiel Irak, Beispiel Libyen, Beispiel Syrien. Auch Somalia und Jemen gehören in diesen Kontext, und in der Sahara-Region verläuft die Entwicklung ähnlich.

1821 warnte Präsident John Quincy Adams vor der Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder. Die USA sollten sich davor hüten, in der Welt herumzugehen "in search of monsters to destroy". Denn dabei könnten sie leicht "zum Diktator der Welt werden". 

Weiterführende Informationen:

Quelle: Infosperber.ch - 18.08.2021.

Veröffentlicht am

19. August 2021

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