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Amokläufe: Überbau für namenlosen Hass

Nach einem Messerangriff wie in Würzburg beruhigen wir uns mit einfachen, aber ungenügenden Erklärungen

Von Götz Eisenberg

Am Freitag, dem 25. Juni 2021 griff ein Mann in der Würzburger Innenstadt Passanten und Kundinnen eines Kaufhauses mit einem Messer an und stach auf sie ein. Drei Menschen wurden getötet, mehrere Personen zum Teil schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter soll ein abgelehnter Asylbewerber sein, der im Jahr 2015 aus Somalia nach Deutschland gekommen ist. Er lebte in einem Obdachlosenheim und soll sich in psychiatrischer Behandlung befunden haben, weil er verschiedentlich durch Gewaltbereitschaft aufgefallen sei. So habe er beispielsweise Anfang des Jahres im Obdachlosenheim andere mit einem Küchenmesser bedroht.

Alle drei Todesopfer waren Frauen, so dass man als Tatmotiv eine trübe Melange aus Frauenhass und islamistischen Motiven vermuten könnte. Alles muss einstweilen im Konjunktiv und vorbehaltlich weiterer Ermittlungsresultate formuliert werden. Einige Zeugen wollen gehört haben, dass der Täter während seines Wütens "Allahu Akbar" gerufen hat, was aber nicht viel heißen muss.

Auch Amokläufern ist das Bedürfnis nicht fremd, ihr Handeln mit Sinn auszustatten und in eine halbwegs plausibel klingende Erzählung einzubetten. Man wird dem rhetorischen Überbau keine allzu große Bedeutung beimessen. Die Versprachlichungen – mögen sie nun Hitler, Mohammed, IS oder sonstwie heißen – sind meist nur Chiffren, um einem namen- und subjektlosen Hass einen Namen und eine Adresse zu geben.

Messer gibt es überall, für alle

Im Felde dessen, was man Terrorismus nennt, gibt es neue Phänomene. Vor einer Weile konnten wir beobachten, wie das Automobil als Waffe in Gebrauch kam. Seit Mohamed B. 2016 in Nizza mit einem Lkw in eine Menschenmenge raste, gab es weltweit und auch hierzulande eine ganze Serie von solchen Taten. In jüngster Zeit häufen sich Attentate, bei denen die Täter mit Messern auf Menschen losgehen. Meist werden die Opfer zufällig gewählt. Es sind, so teilen uns die Ermittler mit, junge Leute, die auf eigene Faust handeln, gerade nicht im Auftrag irgendeiner Terrororganisation.

Dies und der gewissermaßen handwerkliche Charakter ihrer Angriffe macht sie für die Behörden unberechenbar und damit gefährlich, sie fliegen unter dem Radar. Messer gibt es überall zu kaufen, mit einem Messer kann jeder sofort zustechen. Es ist, wie der Soziologe Wolfgang Sofsky bemerkte, "die demokratische Waffe par excellence", auch dann, wenn die meisten Täter mit Demokratie nichts am Hut haben und sie verachten. Freilich begrenzt das Messer als Waffe auch die Zahl der potenziellen Opfer. Es werden bei einer Messerattacke selten mehr als zwei oder drei Menschen getötet.

Der Täter bewegt sich anonym in einer anonymen Menge und sticht in ihrem Schutz plötzlich und unvermittelt zu. So geschehen zum Beispiel im Mai 2006 während der Feierlichkeiten zur Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs, als ein junger Mann blindlings auf Passanten in der Menge einstach. Der einsam operierende Amokläufer, ob mit oder ohne islamistischen Hintergrund, verkörpert die dunkle Seite unseres Alltags, seinen verborgenen Schrecken. Er stellt die Sicherheitsorgane auch deswegen vor große Probleme, weil er seine Tat als eine Art Opfergang begreift: Er nimmt seinen eigenen Tod nicht nur in Kauf, sondern strebt ihn an – als eine Art Billett für den Eingang ins Paradies. Über jemand, der den Tod nicht fürchtet, hat man keine Macht.

In gewisser Weise kommt der Amok in jüngster Zeit auf seine Ursprünge zurück, die im südostasiatischen Raum liegen. Dort besaß der Amoklauf den Status einer Ventilsitte, wie man es in der Ethnologie nennt. Ventilsitten fungieren als sozialpsychologische Schleusen, durch die Gesellschaften ihren eigenen Spannungs- und Panikpegel regulieren. Wer einen nicht zu verkraftenden Gesichtsverlust, eine außerordentliche Kränkung oder ein Trauma erlitten hat, dem stellte zum Beispiel die malaiische Kultur den Ausweg zur Verfügung, nach einer Phase des sozialen Rückzugs mit dem Ruf "Amok! Amok!" und "verdunkeltem Blick" auf die Straße zu stürzen und mit seinem Dolch auf jeden einzustechen, der seinen Weg kreuzt. An den Straßenecken hatten die Behörden Lanzen aufgestellt, mittels derer die Passanten versuchen konnten, sich den Amokläufer vom Leib zu halten. Der Amoklauf endete im Regelfall mit dem Tod des Amokläufers.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begegnen wir einer abgewandelten Form des Amoklaufs in den USA, wobei der Krummdolch durch Schusswaffen ersetzt wird. Der Ur-Amoklauf dieses neuen Typs fand im August 1966 in Austin/Texas statt. Der ehemalige Marinesoldat und Pfadfinderführer Charles Whitman erstach zunächst seine Mutter und seine Frau, verbarrikadierte sich dann auf einer Aussichtsplattform, von wo aus er das Feuer auf den Campus der Universität eröffnete und 15 Menschen tötete, bevor er selbst von einem Polizisten erschossen wurde.

Der klassische Amokläufer tötet nicht im Bann einer Ideologie. Die Täter von Halle und Hanau handelten aus antisemitischen und rassistischen Motiven, sind also eher faschistische Attentäter. Amokähnlicher agieren jene jungen Männer, die aus Afghanistan oder Syrien nach Westeuropa gekommen sind und denen es nicht gelungen ist, hier Fuß zu fassen. Sie stechen auf Repräsentanten einer Lebensform ein, die ihnen fremd ist und bedrohlich vorkommt. Früher schritt ein Amokläufer einfach so zur Tat, heute brüllt er "Allahu akbar" und damit gilt die Angelegenheit als geklärt. Dabei ist gar nichts klar. Wir denken lediglich, es sei geklärt, indem wir sagen: "Aha, ein Islamist!" Unbekanntes scheint in Bekanntes verwandelt und dadurch weniger bedrohlich.

Die Messerattacken sind Ausdruck einer Dialektik der Einsamkeit und gehören zur kriminellen Physiognomie des globalen Zeitalters. Das entschuldigt nichts, liefert aber vielleicht einen Ansatz, das rätselhafte Phänomen des Dschihadismus zu verstehen, das sich mitten unter uns ausbreitet.

Die Rede vom "psychisch gestörten Einzeltäter" wirkt wie ein Tranquilizer, durch dessen Einnahme wir uns beruhigen sollen. Solcherart ruhig gestellt, sollen wir nicht gewahr werden, dass inmitten einer auf Sicherheit bedachten und oberflächlich befriedeten Gesellschaft eine extreme Form der Unsicherheit zurückkehrt. Es ist unsere nach-bürgerliche Normalität, die neue Ungeheuer gebiert.

Schon am Montag darauf kam es in Erfurt zu einer weiteren Messerattacke. Ein 32 Jahre alter Deutscher griff offenbar wahllos zwei Männer an und verletzte sie. Es ist beinahe eine Faustregel, dass spektakuläre Verbrechen andere nach sich ziehen. Latent tatgestimmte Menschen fühlen sich animiert, es dem Täter gleichzutun. Mediale Zurückhaltung nach spektakulären Morden wäre ein wichtiger Akt der Prävention. Da die Medien von solchen verbrecherischen Sensationen vampiristisch zehren, ist damit aber nicht zu rechnen.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler, Publizist und ehemaliger Gefängnispsychologe. Derzeit schreibt er an einer Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, deren dritter Band 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist

Quelle: der FREITAG vom 08.07.2021. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Götz Eisenberg und des Verlags.

Veröffentlicht am

09. Juli 2021

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