Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Afghanistan - ein Langzeit-Überblick

Von Clemens Ronnefeldt

20 Jahre schon dauert der Afghanis­tan-Einsatz der NATO wie auch der Bundeswehr - und damit doppelt so lange wie der erste und zweite Welt­krieg zusammen. Zur Einschätzung der aktuellen Verlängerung des Bun­deswehrmandates bis Januar 2022 lohnt ein Rückblick auf ausgewählte Ereignisse der bewegten Geschichte Afghanistans.

Zur Geschichte Afghanistans bis 2001

1893 wurde die nach dem briti­schen Diplomaten Mortimer Durand benannte 2.670 Kilometer lange Durand-Linie gezogen, die damals britisch Indien und das Emirat Afg­hanistan trennten.

Bis heute stellt diese Trennlinie die Staatsgrenze zwischen Afghanistan und Pakistan dar - eine koloniale Grenzziehung mit Folgen.

Sie trennte damals - und tut dies bis heute - den bevölkerungsreichen Stamm der Paschtunen in zwei Gebiete. Heute leben etwa Zwei­drittel der Paschtunen in Pakistan, ein Drittel in Afghanistan - und haben noch immer Familienbande über die Grenze hinweg.

Im Jahre 2017 sagte der frühere Prä­sident Afghanistans, Hamid Karzai, Afghanistan werde die Durand-Linie niemals als Staatsgrenze zweier Länder anerkennen.

Afghanistan befindet sich seit 1979 ununterbrochen im Kriegszustand, als am 24. Dezember sowjetische Truppen das Land besetzten. "620 000 sowjetische Soldaten waren von 1979 bis 1989 im Einsatz. Mindestens 15 000 Mann kamen ums Leben, über 70 Prozent wurden verwundet oder traumatisiert. Von den rund 15 Millionen Bewohnern Afghanistans wurden mehr als eine Million getö­tet und jeder zweite in die Flucht getrieben", bilanzierte die F.A.Z. am 3.7.2017.

Die Sowjets wollten u.a. Groß­grundbesitzer enteignen und deren Ländereien unter Kleinbauern auftei­len. Was sie nicht bedachten: Diese Großgrundbesitzer waren vielfach gleichzeitig religiöse Autoritäten - deren Tötung durch sowjetische Besatzungssoldaten die Wut der Bevölkerung auf die sowjetischen Mörder lenkte.

In einem Interview in "Le Nouvel Observateur" im Januar 1998 ging Zbigniew Brzezinski, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, auf die Vorgeschichte der sowjetischen In­vasion ein, zu der er folgende Fragen beantwortete:

"Frage: Der frühere CIA-Direktor Robert Gates schreibt in seinen Memoiren, dass die amerikanischen Geheimdienste den afghanischen Mudschahedin schon ein halbes Jahr vor der sowjetischen Invasion Hilfe zu leisten begannen. Sie als damaliger Sicherheitsberater waren daran beteiligt, nicht wahr?

Antwort: Ja. Die offizielle Version lautet, dass die CIA-Hilfe für die Mudschahedin im Laufe des Jahres 1980 einsetzte, also nach dem sowje­tischen Einmarsch am 24. Dezember 1979. Die Wirklichkeit aber, das wurde bisher geheim gehalten, sah anders aus.

Am 3. Juli 1979 hat Präsident Carter die erste Direktive unterschrieben, um den Gegnern des pro-sowjeti­schen Regimes in Kabul still und leise Hilfe zu leisten. Am selben Tag noch habe ich dem Präsidenten geschrieben. Ich habe ihm erklärt, dass diese Hilfe meiner Meinung nach eine sowjetische Militärintervention herbeiführen würde. (…)

Frage: Als die Sowjets ihre Inter­vention mit der Absicht begründeten, dass sie das geheime Engagement der USA in Afghanistan bekämpfen wollten, hat ihnen niemand geglaubt. Dennoch war die Behauptung nicht ganz falsch. Bereuen Sie heute nichts?

Antwort: Was denn bereuen? Die geheime Operation war eine ausge­zeichnete Idee. Das Ergebnis war, dass die Russen in die afghanische Falle gelaufen sind, und Sie verlangen von mir, dass ich das bereue? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten hatten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verpassen. Und tatsächlich, fast zehn Jahre lang war Moskau gezwungen, einen Krieg zu führen, der die Möglichkeiten der Regierung bei Weitem überstieg. Das wiederum bewirkte eine allgemeine Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des Sowjetreiches.

Frage: Und Sie bereuen nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt zu haben, in dem Sie künftige Terroristen mit Waffen und Knowhow versorgten?

Antwort: Was ist für die Weltge­schichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?"Diese Passage findet sich bei Micha­el Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München, 5. Auflage 2015, S. 24-26.

Briten, Sowjets und auch die NA­TO-Staaten machten nacheinander einen gemeinsamen Fehler: Afghanis­tan ist eine Stammesgesellschaft mit großen regionalen Selbständigkeiten einzelner Stämme. Jeder Versuch, über eine von außen eingesetzte Zentralregierung in Kabul dieses Vielvölkerland von oben nach unten regieren zu wollen, wird vermutlich auch in Zukunft zum Scheitern ver­urteilt sein.

Zur Geschichte Afghanistans nach 2001

Als 2001 US-Truppen nach 9/11 Osama bin Laden in Afghanistan finden wollten und die Nordallianz zu ihrer Bodentruppe im Kampf gegen Taliban machte, wichen vie­le paschtunische Taliban-Kämpfer zu ihren Familienangehörigen und Stammesfreunden nach Pakistan aus, wo sie nicht angegriffen wurden.

Pakistan wurde von den USA als Stützpunkt gebraucht für den Kriegs­nachschub in Afghanistan - daher wollte die US-Regierung die pa­kistanische Regierung nicht zu sehr verprellen durch Bombardierungen auch auf pakistanischem Boden.

Nach der schnellen Siegverkündung über die Taliban in Afghanistan von US-Präsident George W. Bush und der zügigen Verlegung der US-Kampftruppen von Afghanistan nach Irak, wo das nächste Desaster ab 2003 begann, infiltrierten die Kämpfer aus Pakistan zurück nach Afghanistan und rieben die NATO-Truppen auf. Sie hatten die Zeit, die NATO-Soldaten die Uhren - bis heute.

Neben dem "offiziell" genannten Grund der Suche nach Osama bin Laden und den Attentätern von 9/11 gab es noch eine Reihe anderer ge­wichtiger Gründe vor allem für die US-Regierung zum Einmarsch in Afghanistan.

Durch Afghanistan sollte eine von Turkmenistan kommende Pipeline mit Abzweigen nach Pakistan und In­dien gebaut werden, die bereits 1998 zwischen dem Taliban-Regime und dem US-Konzern Unocal vereinbart war. Lobbyist von Unocal war seiner­zeit Hamid Karzai, späterer Präsident Afghanistans. Das Taliban-Regime änderte vor 2001 jedoch seine Mei­nung und wollte dem argentinischen Konkurrenzunternehmen Bridas den Zuschlag geben, was die US-Regie­rung sehr verärgerte.

Vom persischen Golf sollte eine bis heute nicht gebaute Pipeline von Iran nach Pakistan verlegt und nach Indien weiter geführt werden. Ziel der USA ist nach wie vor, dieses Projekt zu verhindern, um Iran zu isolieren, das Langzeitlieferverträge mit Indien und China geschlossen hat.

Obwohl Iran nicht an den 9/11-An­schlägen beteiligt war - im Gegen­satz zu Saudi-Arabien, wo 15 der 19 Attentäter herstammten - wurde er nach dem 11. September 2001 zusammen mit Irak und Nordkorea von US-Präsident George W. Bush auf die "Achse des Bösen" gesetzt.

Mit einer umfangreichen Stationie­rung von US-Truppen und dem Auf­bau von militärischer Infrastruktur in Afghanistan sollte Iran von zwei Seiten - im Osten von Afghanistan und im Westen von Irak - in die Zange genommen werden. Weil beide Kriege in Afghanistan und Irak in einem westlichen Desaster endeten, fiel der große Krieg gegen Iran bis heute aus.

Zu Deutschland und der Bundes­wehr

Die zunächst 500 deutschen Sol­daten, die noch von der rot-grünen Regierung nach Kabul zur Unter­stützung der neuen Regierung ent­sandt wurden, waren nicht von der US-Regierung angefordert, sondern eine freie Entscheidung der Bundesre­gierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Durch diese Übernahme "internationaler Verantwortung" erhoffte sich die Bundesregierung damals auch, die Chancen auf ei­nen angestrebten ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erhöhen.

2001 und 2002 wurden auf dem Petersberg bei Bonn im Rahmen zweier Konferenzen die Weichen für Afghanistan nach einer Entmachtung der Taliban gestellt.

Der "Geburtsfehler" der ersten und zweiten Petersberg-Konferenz liegt darin, dass er die Machtverhältnisse in Afghanistan zugunsten der damals vermeintlichen Sieger der Nordal­lianz mit Tadschiken und Usbeken verschieben wollte und die damals vermeintlich geschlagenen Taliban faktisch ausschloss. Wer bei einer Neuordnung allerdings einen so gro­ßen Teil der Bevölkerung ausschließt, zahlt einen späteren Preis für diese Ausgrenzung.

Die Interessenlage der US-Regierung, die vornehmlich auf die Vernichtung der Taliban ausgerichtet war und dabei auch Folter und hohe Opfer­zahlen unter der Zivilbevölkerung in Kauf nahm, war nicht kompatibel mit dem Versuch einiger anderer Staaten zum "nation building" - und führte letztlich den NATO-Einsatz in eine Sackgasse.

Einige Gründe für das Scheitern der Bundeswehr in Afghanistan nannte nach sechs Jahren bereits der militär­politische Berater der Bundesregierung in Kabul, Obersleutnant Jürgen Heiducoff (2007 in einem Brief an Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier):

"Es gibt keine Entschuldigung für das durch unsere westlichen Militärs erzeugte Leid unter den unbeteiligten und unschuldigen Menschen… Ich gerate zunehmend in Widerspruch zu dem, wie die eigenen westlichen Truppen in Afghanistan agieren. (…) Es ist unerträglich, dass unsere Koalitionstruppen und ISAF inzwi­schen bewusst Teile der Zivilbevöl­kerung und damit erhoffte Keime der Zivilgesellschaft bekämpfen… Westliche Jagdbomber und Kampfhubschrauber verbreiten Angst und Schrecken unter den Menschen. Dies müssen die Paschtunen als Terror empfinden. Wir sind dabei, durch diese unverhältnismäßige militärische Gewalt das Vertrauen der Afghanen zu verlieren…. Ich stelle dabei zu­nehmend fest, dass die militärische Lage unzulässig geschönt dargestellt wird. Auch deutsche Generäle be­schönigen oder verschweigen eigene Probleme… Das Militär droht sich zu verselbständigen und von den politischen und völkerrechtlichen Vorgaben zu lösen…". Zeidler, Markus/Restle, Georg: "Brandbrief aus Kabul - Schwere Vorwürfe gegen westliche Militärs in Afghanistan", Monitor vom 31.05.2007,

Als Konsequenz dieser offenen und mutigen Worte wurde Oberst­leutnant Jürgen Heiducoff von den militärischen Lagebesprechungen in Afghanistan ausgesperrt, vom Informationsfluss abgeschnitten und schließlich 2008 von seiner Stelle abberufen und nach Deutschland versetzt.

Im Jahre 2014 zog die Bundesre­gierung selbst eine ernüchternde "Zwischenbilanz des Afghanis­tan-Engagements". Der damalige Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes bilanzierte, dass bei allen Zielen des deutschen Einsatzes "teils ganz erhebliche und schmerzhafte Lü­cken gegenüber dem anzustrebenden Endzustand verbleiben".

Mängel bei der demokratischen und wirtschaftlichen Entwicklung am Hindukusch, bei der Rechts­staatlichkeit und der Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte sowie bei der Sicherheitslage wurden kri­tisch benannt.

"Zum siebten Mal in Folge sind in einem Jahr mehr als 3000 Zivilisten an den Folgen des Krieges gestorben, Afghanistan gehöre also weiterhin ,zu den tödlichsten Gegenden der Welt für Zivilisten’, wie die UN schrei­ben", so die Süddeutsche Zeitung am 24.2.2021.

1100 deutsche Soldaten sind derzeit in Afghanistan stationiert - und deren Mandat soll nach dem Willen der Bundesregierung mit bis zu 1300 Soldat*innen bis zum Januar 2022 verlängert werden. Nach einer deutlichen Truppenreduzierung unter dem früheren US-Präsidenten Donald Trump stellen die USA derzeit noch 2500 Soldat*innen, die Bundesregie­rung ist zweitstärkster Truppensteiler. Ende März wird der Bundestag über die Verlängerung abstimmen.

Die Taliban verlangen die Beteili­gung an einer Übergangsregierung bis zu Neuwahlen, der afghanische Präsident Ashraf Ghani lehnt dies ab.

In Doha verhandelten im Februar 2021 Unterhändler der afghanischen Regierung mit Vertretern der Taliban. "Deutschland ist dort moderierend beteiligt", schrieb die Süddeutsche Zeitung am 25.2.2021.

Diese sinnvolle diplomatische Arbeit, an deren Ende ein Friedensabkommen zwischen Taliban und afghanischer Regierung stehen könnte, wird hoffentlich bald jegliche offiziellen Begründungen für NATO-Einsatzverlängerungen überflüssig machen.

Fazit: Schon seit langem stellt sich die Frage, ob die Stationierung von NATO-Truppen nicht Teil des Problems statt Teil einer Lösung in Afghanistan ist - und daher ein umgehender NATO-Abzug die aktu­ellen Friedensverhandlungen positiv beeinflussen könnte.

Fußnoten

Veröffentlicht am

16. März 2021

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von