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Erinnern und Gedenken: Sophie Scholl, die “Weiße Rose” und das politische Erbe

Von Elmar Klink

Sophie Scholl vom Widerstandskreis der "Weißen Rose" wäre am 9. Mai 100 Jahre alt geworden. Sie kam im hohenlohischen Forchtenberg an der Kocher zur Welt, wo der Vater Bürgermeister war und die Familie bis 1930 im Rathaus wohnte. Die Scholls waren eine angesehene, kinderreiche protestantische Familie. Außer Hans hatte sie noch die älteren Schwestern Inge (+1998) und Elisabeth (+2020) und den jüngeren, 1944 im Krieg verschollenen Bruder Werner.

Sophie Scholl war im Mai 1942 zum Studieren (Biologie und Philosophie) von Ulm nach München zu ihrem zweieinhalb Jahre älteren Bruder, dem Medizinstudenten Hans Scholl, gekommen und wohnte mit ihm zusammen. Anfangs gegen dessen Willen, der sie von riskanten Aktivitäten fernhalten wollte. schloss sie sich der kleinen studentischen Widerstandsgruppe um ihn und die Kommilitonen Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf an. Probst kam aus der Nähe von Innsbruck und war schon erstmals Familienvater geworden, weshalb ihn die Gruppe von den riskantesten Vorhaben fernhielt. Der katholische Graf hatte in seiner saarländischen Heimat Kontakt zu illegal organisierten Jugendgruppen wie den "Edelweiß-Piraten" und seine Schwester Anneliese war auf unbedarfte naive Weise auch eingeweiht.

Sophie bestand darauf, mitzumachen und setzte sich energisch durch. Unerschrocken und wagemutig übernahm sie Kurierdienste mit Flugblättern in andere Städte und beteiligte sich bald auch an nächtlichen Aktionen, Parolen gegen Hitler und den Krieg der Nazis mit stark haftender Teerfarbe an Mauern und Gebäudewände zu malen. Sie beschaffte auch Material für die Gruppe in Form von Briefumschlägen, Briefmarken und Schreibpapier aus Schränken in den Fluren öffentlicher Ämter, die sie in größeren Mengen besorgte und entwendete. Bei den konspirativen Treffen des Kerns von nur wenigen jungen Menschen diskutierte sie aktiv mit, was vor allem von ihrem Bruder, Schmorell und Graf an Texten formuliert wurde und dann bis Juli 1942 in die ersten vier von insgesamt sechs Flugblättern der "Weißen Rose" Eingang fand. Nr. 5 und 6 folgten im Januar 1943 nach der Stalingrad-Niederlage und waren im Tenor noch bestimmter und entschlossener.

Zu Beginn des "Dritten Reichs" waren die jungen Scholl-Geschwister noch begeisterte Mitmacher_in des NS-Regimes, zum Leidwesen vor allem ihres liberalen Vaters, eines Wirtschaftsprüfers und Steueramtmanns von Beruf, der den Hitler-Staat entschieden kritisierte und ablehnte, auf den ab 1933 SA und Gestapo schon ein Auge hatten. Doch die rigide Appell-Praxis beim Bund Deutscher Mädel und die permanente Forderung von Gehorsam und Unterordnung in den Reihen der Hitlerjugend, wo die beiden und auch ihre Schwester Inge Gruppenführungspositionen bekleideten wie auch die mahnende Rede ihres Vaters, weckten mit der Zeit in ihnen zunehmend Zweifel und Abneigung. Dies bewirkte, je älter und gereifter sie wurden, bis zum Ende der 1930er Jahre einen radikalen Gesinnungswandel. Besonders nach dem Novemberpogrom 1938, als in Nazi-Deutschland die Synagogen brannten und jüdische Geschäfte verwüstet wurden, über tausend jüdische Menschen bei Gewalttaten starben oder sich selbst umbrachten und viele Tausend in KZs gesteckt wurden. Diese Dinge waren zum Teil ungeschminkt in den Tageszeitungen zu lesen.

Das Unbehagen der jungen Scholls steigerte sich noch, als 1939 Hitler seine Kriege begann und halb Europa überfiel. Die Scholl-Kinder fühlten sich von den Nationalsozialisten getäuscht und missbraucht. Hans und Werner Scholl und Willi Graf gehörten schon vor dem Krieg der bündischen Jugend "dj. 1.11" (Deutsche Jungenschaft des 1. November 1929) an, einer Art jugendbewegtem "Gegenmilieu" zur Hitlerjugend. Auch dort pflegte man Naturgeist und Fahnenritual, aber auch Banjo- und Balalaikaspiel und las russische Klassiker. Die lebhafte Sophie liebte besonders verbotenen amerikanischen Jazz und war bei Studentenfesten bekannt für ihr wildes Tanzen.

1937 lernte sie den Berufsoffiziersanwärter Fritz Hartnagel kennen und ging bald auch eine feste Freundschaft mit ihm ein. Er stand trotz allem kritisch zum NS-Regime und wurde zum Dialogpartner in vielen Diskussionen für sie, die sie miteinander besonders während einer mit Zug und Rad nach Norddeutschland und an die ostfriesische Nordsee unternommenen Ferienreise führten. Noch träumten die inzwischen Verlobten von einer gemeinsamen Zukunft im Frieden als Paar. Doch das Schicksal fügte es anders. Hartnagel war zu Beginn des Jahres 1943 nur knapp dem Kessel von Stalingrad entronnen und kam mit Erfrierungen an den Händen in ein Lazarett in Lemberg, wo ihm zwei Finger amputiert wurden und er die letzten Briefe seiner Verlobten erhielt. Nach dem Krieg heiratete er Sophies Schwester Elisabeth und war in der BRD ein politisch kritisch engagierter Jurist und bekannter Richter.

Nur wenige Überlebende der "Weißen Rose" wie das Ulmer Mitglied Susanne Hirzel (+2012), eine Freundin von Sophie Scholl, gerieten nach 1945 in die Nähe rechter Kreise. So erregte Hirzel Aufsehen, als ihre rechtskonservativen Kontakte u. a. zu den "Republikanern" bekannt wurden, sie mit antiislamischen Äußerungen hervortrat und sich in der islamfeindlichen "Bürgerbewegung Pax Europa" betätigte. Auch in ihren Erinnerungen "Vom Ja zum Nein. Eine schwäbische Jugend 1933-1945" äußerte sie manch befremdliche Thesen über KZs der Nazis nach Stalinschem Muster und britischem Kolonial-Vorbild und Ausrottungsabsichten der Alliierten im Luftkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

Vor dem Krieg leistete Sophie Scholl in mehreren Einrichtungen der Kindegartenerziehung den für ein Studium pflichtgemäß vorgeschriebenen Reichsarbeitsdienst, der zu ihren negativen Erfahrungen mit dem NS-Staat beitrug und absolvierte eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. In den Semesterferien war sie zu zeitweiligem Kriegshilfsdienst in einem Ulmer Rüstungsbetrieb eingeteilt, wo sie auf polnische und russische Zwangsarbeiterinnen traf, mit denen sie heimlich sympathisierte. Sie verriet es nicht, als sie eine Zwangsarbeiterin dabei beobachtete, wie diese statt des scharfen Zünders einen gekneteten Teigklumpen aus Brot in die Granate stopfte. In Sophie Scholls Augen verkürzte jedwede Sabotage, zu der auch die "Weiße Rose" aufrief, die Kriegshandlungen und trug zur Niederlage Hitlers bei. Sie wandte sich auch entschieden gegen Sammlungen in der Heimat für die Soldaten an der Kriegsfront, so etwa des Winterhilfswerks. Ein Ausspruch von ihr ist überliefert, wonach sie Hitler erschießen würde, würde sie ihm begegnen und hätte eine Pistole bei sich.

Währenddessen waren ihr Bruder und die Kommilitonen als Studentenkompanie im Sanitäts-Hilfsdienst an der russischen Kaukasus-Front eingesetzt. Dort erfuhren sie und wurden zum Teil auch Augenzeugen von Zusammentreibungen einheimischer und jüdischer Menschen, die hinter den Frontlinien von SS-Einsatzgruppen unter Mitwirkung der Wehrmacht erschossen wurden. Das Ungeheure des selbst Erlebten und die sich abzeichnende militärische Niederlage in Russland gaben den Ausschlag für die nach ihrer Rückkehr in kurzer Folge entstehenden beiden letzten Flugblätter mit moralischen Aufrufen zu Besinnung, Empörung, Sabotage und zum Widerstand. Hierfür hatte man auch den Münchner Philosophen, Leibniz-Interpreten, Hitler-Gegner und antibolschewistisch eingestellten Professor Kurt Huber, vorsichtig angesprochen und als verschworenen Mitverfasser gewinnen können. Zusammen mit im Kreis der "Weißen Rose" gelesenen Schriften des süddeutschen christlichen Schriftstellers, Satirikers und Philosophen Theodor Haecker entstand daraus das gedankliche Rückgrat und ethische Profil von Sophie und Hans Scholl und der anderen. Haecker stieß ab Anfang 1942 sogar selbst zum Kreis und las persönlich aus seinem Werk "Der Christ in der Geschichte". Auch Texte von Augustinus von Hippo und der katholische Schriftsteller Georges Bernanos ("Tagebuch eines Landpfarrers") prägten und bekräftigten Sophies christliche Haltung.

Maßgeblicher Einfluss auf die Geschwister Scholl und die "Weiße Rose" ging auch von ihrem Freund, dem Kunststudenten Otl Aicher (+1991) aus, der zum Architektur-Studium ebenso von Ulm nach München kam. Zum Militär eingezogen, beging dieser in den letzten Kriegswochen Fahnenflucht von seiner Truppe auf dem Rückzug und fand Unterschlupf auf dem Einöd-Schwarzwaldhof, wohin sich Magdalena und Inge Scholl zurückgezogen hatten. Der eigenwillige Aicher wurde später ein bekannter Grafik-Designer und Typoskripteur, er entwarf Logos und Werbung für die Fluggesellschaft Lufthansa und deutsche Auto- und Versicherungskonzerne. Als Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele 1972 schuf er die berühmten Piktogramme als Wegweiser im Olympiapark, in Stadien, Sportstätten und im Olympischen Dorf. Er heiratete 1952 Inge Scholl und hatte mit ihr mehrere Kinder. Beide gründeten nach dem Krieg sowohl die Ulmer Volkshochschule mit als auch die Hochschule für Gestaltung, wo Aicher und Max Bill die Kunstrichtung des Nach-Bauhauses neu belebten. Ende der 1970er Jahre erwarb die Familie ein ländliches Anwesen im oberschwäbischen Allgäu bei Leutkirch und zog von München in die jahrhundertealte Wassermühle mit Nebengebäuden um. Aicher, Dozent, Bücherautor, Fotograf, Anhänger der Kleinschreibung und Wüstenwanderer, errichtete auf dem Gelände weitere Atelier-Holzhäuser auf Stelzen und erklärte als radikaler Demokrat sein Refugium nach dem Vorbild der Wendlandrepublik zur "Freien Republik Rotis", die aus einem Bach ihren eigenen Strom erzeugte. Der Ort wurde international zu einer viel frequentierten Ausbildungs- und Seminarstätte und zum Treffpunkt, wo neue Kunstideen und soziale Vorstellungen entworfen und diskutiert wurden.

Aicher war ein Pionier der "Visuellen Kommunikation" und gleichermaßen Konzeptionalist wie auch handwerklicher Praktiker. Bekannt wurden zum Beispiel sein mit Piktogrammen gestaltetes Reisebuch über das Allgäu bei Isny, der Fotobildband "gehen in der wüste", sein Standardwerk zur "typographie", ein ergonomisches Küchengestaltungsbuch ("Die Küche zum Kochen") sowie seine Kriegserinnerungen "innenseiten des kriegs". Mit dem Buch "Kritik am Auto" schrieb er eine "schwierige Verteidigung des Autos gegen seine Anbeter". Inge Aicher-Scholl beteiligte sich in den 1980er Jahren an Aktivitäten der Friedensbewegung und nahm an Protesten und Blockadeaktionen gegen die Stationierung von Atomraketen teil.

Einer der Söhne, Julian Aicher, Journalist, Buchautor, Performer, Kreisrat, Wasserkraftwerks-Inhaber, der in der Rotis-Wassermühle lebt, ist aktives Mitglied der bürgerlich-konservativen Ökologisch-Demokratischen Partei ÖDP. Seine wiederholten Auftritte gegen die offizielle Corona-Politik und deren angebliche Aushebelung von Grundrechten in der Pandemie bei "Querdenken 931" in Ulm und in der Elite-Internatsschule Salem am Bodensee im Herbst 2020, sorgten für Empörung und Gesprächsstoff. Öffentlich bezog der ältere Bruder Florian Aicher dagegen Stellung und verwahrte sich entschieden gegen die Vereinnahmung des Geschwister-Scholl-Erbes von rechts.

Am 18. Februar 1943 waren die Scholl-Geschwister frühmorgens unterwegs in der Münchner Maximilians-Universität, um in den Gängen Flugblätter auszulegen. Der Hausmeister beobachtete sie dabei, stellte sie und veranlasste ihre Festnahme. Es wundert etwas, warum sie sich zu zweit nicht aus dem Griff des Pedells mit Gewalt befreiten und flüchteten, statt sich einfach abführen zu lassen. Ein Grund für ihr passives Verhalten könnte sein, dass sie wie gelähmt waren und nicht damit gerechnet hatten, entdeckt zu werden. Hans Scholl hatte sonst bei riskanten Unternehmen immer eine geladene Wehrmachtpistole Marke Luger 08/15 "Parabellum" bei sich, um sich notfalls gegen polizeilichen Zugriff zu wehren. Einmal konnte sich der sportliche Typ nur durch Flucht über Hinterhöfe einer Festnahme entziehen. Ein möglicher Hintergrund, auf den der Autor Sönke Zankel hinweist, könnte sein, dass der Medizinstudent Hans Scholl sich und seiner Schwester vor waghalsigen Aktivitäten Wachmacher-Spritzen setzte, die ihre Reaktionen durch einen sedierenden Effekt verlangsamt haben könnten.

Auf die Festnahme folgten stundenlange, getrennte Verhöre der Staatspolizei. Nach anfänglich beharrlichem Schweigen und Leugnen, gaben Hans und Sophie nach und nach ihre "Täterschaft" zu und nahmen alles auf sich allein. Die Eltern Magdalena und Robert Scholl wussten bis dahin von alldem nichts und waren eiligst nach München gereist, wurden aber zum Schauprozess mit dem "Hinrichter" Roland Freisler nicht vorgelassen. Christoph Probst war mittlerweile auch festgenommen worden, man fand bei ihm den Entwurf für ein weiteres Flugblatt. Freisler verurteilte alle drei Festgenommenen zum Tode.

Gegen 17 Uhr am 22. Februar wurden die Urteile nach letzten Angehörigen-Besuchen mit dem Fallbeil vollstreckt. Davor soll die fromme Mutter ihrer Tochter Sophie noch zugesprochen haben: gell Sophie, Jesus! - worauf diese antwortete; ja, Mutter, aber du auch!

Magdalena und Inge Scholl verbargen sich nach Sippenhaft vor weiterer Verfolgung bis zum Kriegsende auf einem christlichen Einöd-Bruderhof nahe Blumberg im Südschwarzwald. Der Ort ist nur noch etwa 10 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Nachdem Theodor Haecker im Sommer 1944 in München ausgebombt wurde, verbrachte er bei der untergetauchten Scholl-Familie im Juli/August laut dessen Eintrag ins Gästebuch "sieben wunderbare Wochen" auf dem Einödhof des Benediktinerordens, worüber Inge Scholl in ihren Aufzeichnungen schreibt. Dort entstand ein Teil von Haeckers Tagebuch-Brevier der "Tag- und Nachtbücher", deren handschriftliche Manuskripte Inge Scholl in die Schreibmaschine tippte.

Im April 1943 wurden auch gegen Alexander Schmorell, der sich zunächst noch versteckt halten konnte, Willi Graf und Professor Huber Todesurteile ausgesprochen und im Juli bzw. Oktober vollstreckt. Die "Weiße Rose" war zu dem Zeitpunkt schon mit weiteren Gruppen verzweigt, so etwa in Ulm (Franz J. Müller, die Geschwister Susanne und Hans Hirzel), Stuttgart, Saarbrücken, wo Willi Graf herkam, Frankfurt sowie in Hamburg (Hans Leipelt, Marie-Luise Jahn, Traute Lafrenz, Gerda Freise) und Berlin (Liselotte Dreyfeldt), die das Werk fortsetzten. Sie tippten Flugblätter ab und verbreiteten sie weiter, kümmerten sich und hielten Kontakt zu Hinterbliebenen von Hingerichteten und mit Gefängnis bestraften und organisierten wie Jürgen Wittenstein in München Geldammlungen für sie.

Keimzelle war das Chemische Staatslabor an der Universität München des Nobelpreisträgers Professor Heinrich Wieland, wo viele Aktive studierten und einander kennenlernten. Leipelt, dem dabei als "Motor" eine organisierende Rolle zukam, war mit Marie-Luise Jahn eng befreundet, die von einem ostpreußischen Gut stammte. Sie wurden im Herbst 1943 verhaftet und ihnen wie auch der verhafteten Liselotte Dreyfeldt, die ein Kind erwartete, in Donauwörth unauffällig der Prozess gemacht. Den "Halbjuden" Leipelt verurteilte man zum Tode, Jahn (+2010) erhielt zwölf Jahre Zuchthaus. Ende Januar 1945 wurde Hans Leipelt im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet. Marie-Luise Jahn kam bei Kriegsende frei, wusste aber nicht wohin und blieb zunächst noch bis Ende Mai unter alliierter Obhut im Gefängnis. Die ausgebildete Chemikerin studierte zusätzlich noch Medizin und führte bis zu ihrem Ruhestand eine Praxis als Ärztin in Bad Tölz.

Durch den Initiator der Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis", Helmuth James von Moltke, gelangten "Weiße-Rose"-Flugblätter über diplomatische Kanäle bis nach England. Hunderttausendfach wurde noch 1943 aus britischen Bombern über deutschen Städten das sechste Flugblatt abgeworfen mit der Überschrift: "Ein deutsches Flugblatt - Manifest der Münchner Studenten". 1947 veröffentlichte Inge Scholl erstmals ihr danach mehrfach aufgelegtes Erinnerungsbuch "Die Weiße Rose".

Viele Widerständige der "Weißen Rose", von denen nicht wenige ein hochbetagtes Alter erreichten, sahen es wie die Ulmer Franz J. Müller und Susanne Zeller-Hirzel oder Anneliese Knoop-Graf als ihre besondere Verpflichtung an, nach dem Krieg als Augen- und Zeitzeugen aufzutreten, vor allem gegenüber der Jugend in Schulen, wurden aber auch noch nach Jahrzehnten zum Teil als Verräter_innen am deutschen Volk angesehen und mit Geringschätzung, ja Verachtung behandelt. Während das etablierte, offizielle (West-)Deutschland sie für die Werte der Freiheit des Westens vereinnahmte und mit Ehrbezeugungen bedachte.

Als einzige fand erst spät eine Büste von Sophie Scholl Eingang in die Ehrenhalle Großer Deutscher Geister im Walhalla-Tempel bei Regensburg. Andere, wie die heute über hundertjährige Traute Lafrenz-Page und Jürgen Wittenstein emigrierten für immer in die USA, wo Lafrenz ihre Medizinausbildung abschloss und in South Carolina als Ärztin vielseitig tätig war. Sie wollten nicht in einem zweigeteilten Deutschland leben, in dem sich schon bald wieder Tendenzen zeigten und Kräfte regten eines neu aufkommenden Revanchismus, Militarismus und Antikommunismus in einem Kalten Krieg.

(c) Elmar Klink, D-Bremen,12. Mai 2021.

Quellen/Literatur: "Die Widerständigen". Film von Katrin Seybold und Ula Stöckl (D 2014) - Detlef Bald: Die "Weisse Rose". Von der Front in den Widerstand. Berlin 2004 - Ulrich Chaussy, Gerd R. Ueberschrär: "Es lebe die Freiheit!" Die Geschichte der Weißen Rose und ihrer Mitglieder in Dokumenten und Berichten. Frankfurt/M. 2013 - Peter Selg: "Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst". Der geistige Weg von Hans und Sophie Scholl. Dornach (CH) 2006 - Sönke Zankel: Die Weisse Rose war nur der Anfang. Geschichte eines Widerstandskreises. Köln 2006 - Anneliese Knoop-Graf, Inge Jens (Hg.): Willi Graf. Briefe und Aufzeichnungen. Frankfurt/. 1988 - Hans Scholl/Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Hrsg. von Inge Jens. Frankfurt/M. 1984 - Barbara Ellermeier: Hans Scholl. Biographie. Hamburg 2012 - Fred Breinersdorfer (Hg.): Sophie Scholl. Die letzten Tage (Das Buch zum Film). Frankfurt/M. 2005 - Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biographie. München 2010 - Christine Abele-Aicher (Hg.): Die sanfte Gewalt. Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl

Veröffentlicht am

18. Mai 2021

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