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Deutsche Evangelische Kirche und “Russlandfeldzug”

Neuedition einer dokumentarischen Arbeitshilfe von Dietrich Kuessner zum 80. Gedenkjahr des Vernichtungskrieges. 

Von Peter Bürger

Vor fünf Jahren bewertete der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, es im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst als enttäuschend, dass anlässlich des 75. Jahrestages des Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 keine ‚herausgehobene Veranstaltung‘ stattfinde; das "historische Ereignis mit Millionen von Toten sei bis heute eine große Leerstelle im öffentlichen Gedenken der Bundesrepublik"; in der deutschen Öffentlichkeit wurde der Angriff lange einfach als ‚normaler Krieg‘ betrachtet, doch er war "ein rassistisch und antisemitisch motivierter Vernichtungsfeldzug zur Eroberung neuen Lebensraums, den man sich gar nicht schlimmer vorstellen kann".

Der Rasse- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde von den Christen im nationalsozialistischen Deutschland mitgetragen. Man versicherte dem Führer Adolf Hitler am 30.6.1941: "Die Deutsche Evangelische Kirche ist mit allen ihren Gebeten bei Ihnen und bei unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen." Das Dokument trug u.a. auch die Unterschrift von August Marahrens, dem Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, der lange als entschiedener Parteigänger der nonkonformen "Bekennenden Kirche" gefeiert worden ist (trotz seiner Kriegsvoten und trotz seiner fehlenden Solidarisierung mit den verfolgten Juden).

Mehr als 20 Millionen Menschen fielen dem antibolschewistischen Mordunternehmen "Barbarossa" zum Opfer. Eine jetzt neu edierte Arbeitshilfe des evangelischen Theologen Dietrich Kuessner, ein bedeutsames Pionierwerk, belegt die geistliche Kriegsassistenz mit erschütternden Textfunden.

Die gemeinsame Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland und des ostdeutschen Bundes der Evangelischen Kirchen zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die UdSSR enthielt eine Friedensvision unter Einschluss Russlands: "Die Beziehungen zwischen den Völkern der Sowjetunion und dem deutschen Volk sind jetzt und in Zukunft eingebunden in die weitere gesamteuropäische Entwicklung." Die Kirchen sind zum 80. Jahresgedenken erst recht herausgefordert, den neuen Kalten Kriegern der Gegenwart entgegenzutreten.

Wie dieser Quellentext zum 50. Jahrestag ist D. Kuessners Werk heute u.a. auch ein bedeutsames ‚Dokument‘ zur Erinnerungsgeschichte in Deutschland. Eine so breit angelegte Arbeitshilfe aus kirchlicher Perspektive gab es vor drei Jahrzehnten vielleicht nirgendwo anders.

Im Jahr 2021 liegen uns bahnbrechende historische Forschungsbeiträge zu den systematischen und unaussprechlichen Verbrechen der deutschen Waffenträger auf dem Gebiet der Sowjetunion vor, die der Verfasser noch nicht heranziehen konnte. Doch Kuessners Buch durchbricht vorauseilend jenes Tabu, mit dem die kirchliche Beihilfe zum Vernichtungsfeldzug so lange belegt war – und z.T. noch immer ist. Die konzentrierte Darstellung basiert durchgehend auf historischen Quellen, die den Leser*innen zur eigenen Spurensuche auch dargeboten werden. (Diese überzeugende – demokratische – Form der Geschichtsvermitt­lung hat uns 2020 bei der Konzeption des Editionsprojektes "Kirche & Weltkrieg" sehr inspiriert.)

In der Neuedition sind besondere regionalhistorische Bezüge erhalten geblieben. Doch einige formale Veränderungen waren unumgäng­lich. Viele jüngere Leute können heute Frakturschrift nur noch mit großen Mühen lesen. Großformatige Originale wären nach einer passenden Verkleinerung – für Buchseiten – kaum noch zu entziffern gewesen. Sämtliche Quellentexte haben wir deshalb am Computer neu erfasst, so dass sie nicht zuletzt im Rahmen historischer Aufklärungsprojekte "kopiert" und in neue Kontexte eingefügt werden können.

Für die antifaschistische Friedensarbeit steht auch eine gekürzte, kostenfreie Digitalausgabe zur Verfügung. Die Herausgeber erhoffen sich nicht zuletzt, dass viele Christenmenschen hierzulande aufgrund der Dokumentation von Dietrich Kuessner zur Einsicht gelangen, dass die friedenskirchliche Umkehr in unseren Tagen nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden darf.

Dietrich Kuessner: Die Deutsche Evangelische Kirche und der Russlandfeldzug.
Eine Arbeitshilfe (Neuedition: Kirche & Weltkrieg, Band 7).
Norderstedt: BoD 2021; ISBN: 978-3-7526-7109-4
(Seitenzahl: 252; Paperback: Preis 9,90 Euro)

Direktbestellung und Inhaltsverzeichnis/Leseprobe (links oben anklicken):
https://www.bod.de/buchshop/die-deutsche-evangelische-kirche-und-der-russlandfeldzug-dietrich-kuessner-9783752671094

Internetseite zum Editionsprojekt "Kirche & Weltkrieg" (bisher erschienene Bände):
https://kircheundweltkrieg.wordpress.com/buchreihe/

Kostenfreie Digitalausgabe von Kuessners Buch (gekürzt, u.a. ohne Dokumentenabbildungen); für die antifaschistische Friedensarbeit:
http://www.friedensbilder.de/KathDisk/_K&W07_digitalbibliothek.pdf

 

Veröffentlicht am

15. Mai 2021

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