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Leonardo Boff: Die schmerzhafte Geburt von Mutter Erde: eine Biozivilisation

Von Leonardo Boff

Der von Präsident Joe Biden einberufene Klimagipfel ist ein Alarmsignal. Wenn wir die Erwärmung nicht bis zur Grenze von 1,5 Grad stoppen, werden wir eine gefährliche Ausrottung der Artenvielfalt und Millionen von Klima-Migranten erleben, die, da sie sich nicht an die Veränderungen anpassen können und ihre Lebensgrundlage verlieren, sich gezwungen sehen, ihre geliebte Heimat zu verlassen und die Grenzen anderer Länder zu durchbrechen, was zu ernsthaften gesellschaftspolitischen Problemen führt.

CO2 verbleibt etwa 120 Jahre in der Atmosphäre. Wir sind uns seiner toxischen Wirkung auf  lebende Systeme erst spät bewusst geworden. In den letzten Jahren hat sich etwas Beängstigendes ereignet: das schnelle Auftauen des Permafrosts – jenes gefrorenen Teils, der sich von Kanada über Russland erstreckt. Hinzu kommt das schnelle Schmelzen der Polkappen und Grönlands. Dieses Phänomen verschärft die globale Erwärmung, denn Methan ist 25 mal so schädlich wie CO2. Jedes Rind gibt durch Wiederkäuen und Blähungen jährlich zwischen 80-100 kg Methan an die Atmosphäre ab. Stellen Sie sich vor, was eine solche Menge bei allen Rinderherden der Welt bedeutet. Allein in Brasilien ist die Zahl der Rinder größer als unsere Bevölkerung.

Egal was wir tun, aufgrund der übermäßigen Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre werden wir keine Möglichkeit haben, extreme Auswirkungen zu vermeiden. Sie werden kommen: Taifune, lang anhaltende Dürren, extrem heiße Sommer und übermäßiger Schneefall, Erosion der Artenvielfalt und Verlust der Bodenfruchtbarkeit u.a. Was wir tun können und müssen, ist, uns auf ihren Einbruch vorzubereiten und so die katastrophalen Auswirkungen abzumildern.

Niemand auf dem Klimagipfel hatte den Mut, auf die eigentlichen Ursachen unserer Erderwärmung hinzuweisen: unsere kapitalistische Produktionsweise, in deren DNA das unbegrenzte Wachstum steckt, das den unbegrenzten Abbau natürlicher Ressourcen bis zu dem Punkt fordert, an dem die Nachhaltigkeit des Planeten stark geschwächt wird. Eine endliche Erde kann kein unendliches Projekt vertragen. Hier liegt die Ursache, neben anderen kleineren, der globalen Erwärmung. Jeder weiß, dass hier die eigentliche Frage liegt. Warum prangert sie niemand an? Weil sie direkt antisystemisch ist, weil sie den Kern des modernen techno-wissenschaftlichen Paradigmas der unbegrenzten Entwicklung/des unbegrenzten Wachstums trifft, dem Staaten und Konzerne sich verpflichtet fühlen.

Sie wären gezwungen, etwas zu ändern, was ihrer Logik widersprechen würde. Aber das wollen sie nicht, denn der Profit steht über dem Leben. Nur der argentinische Präsident Alberto Fernández hatte den Mut, anzuprangern: "Umweltverschmutzung ist der Weg zum Selbstmord." Seine Aussage deckt sich mit der Aussage der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, die vor einigen Jahren eine Erklärung abgab, die mehr oder weniger in diese Richtung ging: Wenn wir nicht aufpassen, kann die Erwärmung einen "abrupten Sprung" (ein so verwendeter Ausdruck) machen, bis sie in kurzer Zeit etwa 4 Grad Celsius erreicht; bei dieser Hitze, so heißt es, werden sich die Arten kaum anpassen und Millionen werden verschwinden, darunter Millionen und Abermillionen von Menschen.

Praktisch alle bedauern, dass die "Entscheidungsträger" in Politik und Wirtschaft einen gravierenden Mangel an Bewusstsein für die Risiken zeigen, die auf unserem Gemeinsamen Haus lasten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass etwas Ähnliches wie bei Covid-19 passieren wird.

Trotz der Warnung von Virenexperten, dass wir kurz vor dem Eindringen eines schweren Virus stehen, bereiten sich nur sehr wenige auf diese Eventualität vor. Deshalb ist ein Sprung auf eine neue Ebene des kollektiven Bewusstseins nicht absehbar, die es uns erlauben würde, eine neue Normalität einzuweihen, die sich von der bisherigen, für die Menschheit und die Natur perversen, unterscheidet. Wir fragen uns: Haben wir die Lektionen gelernt, die Mutter Erde durch den Gegenangriff auf die Menschheit durch Covid-19 geschickt hat? In Anbetracht der weit verbreiteten Sorglosigkeit scheint es, dass wir in der Illusion einer Rückkehr zur alten, ungerechten Normalität verharren.

Die Rede unseres Präsidenten Jair Bolsonaro auf dem Gipfel im Weißen Haus war eine reine Gefälligkeit. Er gab eine klare Demonstration, dass er ein legitimer Vertreter der Post-Wahrheit sei, weil er die alte chinesische Weisheit ausführte: "Schau nicht auf den sprechenden Mund eines Politikers, sondern auf seine handelnden Hände." Der Mund widersprach völlig dem, was die Hände tun. Der Mund spricht Versprechungen aus, die praktisch nicht realisierbar sind, und die Hände praktizieren durch ihren Anti-Umweltminister die systematische Verwüstung der Wälder und die Demontage der Einrichtungen, die die Ökosysteme erhalten.

So wie der "Ungenannte" Bolsonaro mit Covid-19 verbündet ist, so ist der Umweltminister mit den Holzfällern verbündet, die illegal und kriminell als die Hauptschuldigen für die 357,61 km2 abgeholzten Waldes erscheinen, die schlimmsten der letzten Jahre. Die Hände leugnen, was der Mund sagt.

Trotz aller Sorgen glauben und hoffen wir, dass die Menschheit aus dem Leid und hoffentlich auch aus der Liebe lernen wird: Entweder werden wir uns ändern, oder, um es mit den Worten Sigmunt Baumans zu sagen, die er eine Woche vor seinem Tod sprach, wir werden uns der Prozession derer anschließen, die sich auf dem Weg in ihr eigenes Grab befindet.

Die Menschheits- und Naturgeschichte ist nie linear; sie kennt Brüche und Sprünge nach oben. Sie lädt uns dazu ein, uns neu zu erfinden. Bloße Verbesserungen und das Anlegen von Verbänden über die Wunden des verwundeten Körpers von Mutter Erde sind nicht genug. Wir sind zu einem Neuanfang gezwungen. Nach der Erd-Charta und der Enzyklika von Papst Franziskus "Über die Sorge für unser Gemeinsames Haus" (Laudato Si‘ e a Fratelli tutti) "sitzen wir alle in einem Boot: entweder wir retten uns alle oder niemand wird gerettet" (Nr. 35; 54; 137).

Die Erde ist durch 15 große Dezimierungen gegangen, aber das Leben hat immer überlebt. Es wird sich auch jetzt nicht selbst zerstören. Wir stehen vor einer schwierigen Lehre für die gesamte Menschheit, denn wir haben keine andere Wahl als diese: entweder zu leben oder unterzugehen. Freud selbst sehnte sich, obwohl skeptisch, nach dem Triumph des Lebenstriebes über den Todestrieb. Das Leben ist zu mehr Leben und sogar zu ewigem Leben berufen.

In dieser Hoffnung habe ich gerade ein Buch veröffentlicht, mehr optimistisch als pessimistisch, aber von einem machbaren Realismus, der einen vielversprechenden Horizont garantieren soll: "Die schmerzhafte Geburt der Mutter Erde: eine Gesellschaft der Geschwisterlichkeit ohne Grenzen und der sozialen Freundschaft."

Es ist eine Utopie? Ja, aber eine notwendige, damit wir gehen können. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Utopische zum Realen gehört, das nicht nur aus Daten besteht, die schon immer gemacht wurden, sondern auch aus verborgenen Potenzialen, die darauf warten, zum Ausbruch gebracht zu werden und einen neuen Fußabdruck auf dem Boden der Geschichte zu ermöglichen. Es ist nicht gut, auf Fußabdrücke zu treten, die von anderen gemacht wurden. Wir müssen unsere eigenen Fußabdrücke schaffen. Neue Musik, neue Ohren. Neue Krisen, neue Antworten. Wir haben immer noch eine Zukunft, gestärkt durch den Einen, der angekündigt hat, dass er "der leidenschaftliche Liebhaber des Lebens" ist (Weisheit 11,26). Er wird uns helfen, eine schmerzhafte, aber wahre und glückliche Überfahrt zu machen. So glauben wir und so hoffen wir.

Leonardo Boff ist Theologe, Philosoph und Schriftsteller.

Quelle:  Traductina , 01.05.2021.

Veröffentlicht am

11. Mai 2021

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