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Der “längste Krieg” und sein Ende (Teil 1)

Von Emran Feroz

Nun steht es wohl fest. Die Amerikaner und ihre NATO-Partner wollen Afghanistan bis zum 11. September 2021 verlassen. Viele Beobachter in den USA und Europa scheinen darüber traurig oder empört zu sein. Doch ernsthafte Alternativen hat man von ihrer Seite kaum gehört. Außerdem wird in den Hintergrund gedrängt, wie dieser illegale Krieg überhaupt angefangen hat.

Vor wenigen Tagen hat US-Präsident Joe Biden verdeutlicht, seine rund 3.500 verbliebenen Truppen aus Afghanistan abziehen zu wollen. Damit führt Biden den Weg seines Vorgängers Donald Trump fort. Der "längste Krieg" soll, zumindest aus amerikanischer Sicht, beendet werden. Nach zwei Jahrzehnten wollen auch weite Teile der US-Gesellschaft nichts mehr vom Afghanistan-Krieg wissen. Die Amerikaner stehen mit ihrem Abzug allerdings nicht alleine da. Auch die verbündeten NATO-Staaten, darunter auch Deutschland, sollen bis zur genannten Deadline Afghanistan verlassen. Berichten zufolge soll die Bundeswehr auf Befehl von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bereits Mitte August abziehen.

Für viele transatlantische Beobachter des Konflikts scheint dies ein Problem zu sein. Anstatt die Realitäten am Hindukusch nüchtern zu analysieren, wird abermals versucht, das Märchen von Brunnenbau, Frauenrechten und Demokratie zu verbreiten. Dabei ging es in Afghanistan nie um diese Dinge, sondern um beinharte Interessen und um eine massive Kriegsmaschinerie, die sich im Kontext des "War on Terror" global entwickelte. Hinzu kommt, dass die verbliebenen Soldaten auf dem Schlachtfeld seit langem keine Rolle mehr spielen und sich in den allermeisten Fällen schon längst hinter den Mauern ihrer Stützpunkte verbarrikadiert haben. Der Krieg ist schon längst "afghanisiert", sprich, die meisten Gefechte finden zwischen der afghanischen Armee und den Taliban statt. Hinzu kommen andere Akteure, deren Verbleib und Zukunft weiterhin nicht geklärt ist, etwa afghanische CIA-Milizen.

Der innerafghanische Krieg ist übrigens auch der echte "längste Krieg", denn er findet nun schon seit über vierzig Jahren statt und wird auch in diesen Tagen fortgeführt werden. Doch warum musste es überhaupt dazu kommen? Zwanzig weitere Jahre sind vergangen, doch ein Frieden am Hindukusch ist nicht sichtbar. Die Amerikaner ziehen im Kontext des US-Taliban-Deals ab, den sie vor rund einem Jahr mit den Extremisten abgesegnet haben. Innerafghanische Friedensgespräche kommen kaum voran – und sie scheinen als Kondition für den Abzug weggefallen zu sein. Man will wohl einfach nur noch raus, anstatt jenen Schaden, den nach 2001 angerichtet hat, zu beheben. De facto hätte bereits damals ein innerafghanischer Frieden gestiftet werden können. Die Taliban waren nach ihrem Sturz schwach, doch anstatt sie am Petersberg in Bonn an den Tisch zu holen , wurden sie verbannt. Dass hier die USA und ihre Verbündeten eine massive Mitverantwortung haben, steht außer Frage.

Umso wichtiger ist ein Blick in die Vergangenheit. Denn obwohl Afghanistan nun wieder die Schlagzeilen dominiert, hört oder liest man kaum etwas Kritisches über die damaligen Gründe für den Einmarsch. Die Tatsache, dass es sich von Anfang an um einen illegalen Angriffskrieg der NATO handelte, wird konsequent verdrängt.

Bis heute wird die Intervention sowie die Ausrufung des NATO-Bündnisfalles in Anbetracht der Anschläge des 11. Septembers als angemessen oder gar selbstverständlich betrachtet. Doch aus Sicht von weiten Teilen der afghanischen Bevölkerung ist dies mitnichten der Fall. Das militärische Eingreifen in Afghanistan war genauso rechtswidrig wie jenes im Irak. Stattdessen stützt man sich bis heute auf verschiedene Scheinrechtfertigungen, die dank des einseitigen Handelns verschiedener Institutionen, etwa der UN, als juristisch akzeptabel betrachtet werden und sich mittlerweile im politischen Neusprech durchgesetzt haben. Am 11. September wurden die Vereinigten Staaten allerdings nicht von einem anderen Staat angegriffen, sondern von mehreren Einzelpersonen, die der Terrorgruppierung Al-Qaida zugeordnet wurden. Keines dieser Individuen war Afghane. Doch die afghanische Bevölkerung wurde kollektiv bestraft. Währenddessen blieb Saudi-Arabien, das Herkunftsland der meisten Täter und enger Verbündeter der USA, in jeglicher Art und Weise verschont.

Der Angriff auf Afghanistan war auch keineswegs ein Verteidigungsakt, wie ihn manche Politiker bis heute darstellen wollen. Es handelte es sich schlichtweg um einen weiteren Angriffskrieg der NATO. Selbst die Taliban, deren brutales Regime es nicht zu verharmlosen gilt, hatten nichts mit den Anschlägen des 11. Septembers zu tun. Stattdessen war das Gegenteil der Fall. Nachdem Al-Qaida-Führer Osama bin Laden bereits zuvor von Afghanistan aus zum Krieg gegen die Vereinigten Staaten aufrief – ein Akt, der sich damals auch gegen die Interessen der Taliban richtete – hatte er quasi sein Gastrecht verwirkt.

Die Taliban suchten nach der nächstbesten Möglichkeit, bin Laden loszuwerden. Nach den Anschlägen in New York dachten sie, dass dieser Moment gekommen sei. Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar verlangte von den USA lediglich Beweise für die Täterschaft bin Ladens, um ihn auszuliefern. Diese wurden seitens der US-Administration allerdings nicht geliefert . Stattdessen regneten die Bomben der US-Kampfjets, während amerikanische Elitesoldaten sich bereits mit verschiedenen Lokalwarlords – allesamt gewiss keine Menschenrechtsfreunde – vor Ort verbündet hatten.

Afghanistan wurde vorgeworfen, Terroristen auszubilden und ihnen Schutz zu gewähren. Deshalb, so wurde es allen weisgemacht, war die militärische Intervention notwendig. Laut dieser Logik hätten andere Staaten allerdings auch die USA angreifen dürfen. Es wäre demnach etwa das gute Recht der Iraner gewesen, die Vereinigten Staaten anzugreifen, nachdem sie 1979 dem diktatorischen König Reza Pahlavi Schutz gewährten. Selbiges betrifft auch zahlreiche südamerikanische Staaten, in denen während des Kalten Krieges rechte Militärputschisten dank der CIA und Konsorten an die Macht kamen und zuvor ihre Foltermethoden in amerikanischen Militärschulen perfektioniert hatten.

Auf derartige Gedanken kommt man allerdings nicht. Sie gelten bis heute per se als absurd. Die Doktrin lautet nämlich wie folgt: Die Vereinigten Staaten sind in jeglicher Hinsicht einzigartig – und genauso hat sie auch jeder zu behandeln. Deshalb bestimmen sie auch, wer als "Terrorist" zu betiteln ist und wer nicht.

Das Resultat dieser Einzigartigkeit, dieses "American Exceptionalism", lässt sich in zerstörten Staaten wie Afghanistan begutachten, und teils sogar in absurder Art und Weise in den Kinos oder auf Netflix und Co. Der Afghanistan-Krieg wurde mittlerweile nämlich vielfach von Hollywood behandelt. Ein Beispiel hierfür ist etwa der Film "12 Strong” , in dem sich US-Soldaten mit dem berühmt-berüchtigten Kriegsherrn Abdul Rashid Dostum verbünden und mit dem wahrscheinlich letzten Kavallerieritt der modernen Kriegsgeschichte Taliban-Kämpfer heroisch verjagen. Dass es sich bei Dostum um einen brutalen Kriegsverbrecher handelt, der eigentlich auf einer Anklagebank in Den Haag sitzen müsste, bleibt unerwähnt.

Seit den ersten Tagen des Einsatzes zählt der stämmige Dostum, dessen Kämpfer bereits in den 90er-Jahren zahlreiche Kriegsverbrechen verübten, zu den engsten Verbündeten im "Kampf gegen den Terror". Die Liste von Dostums Gräueltaten ist lang. Belangt wurde er für seine Verbrechen allerdings nie. Stattdessen wurde er 2014 zum Vizepräsidenten ernannt und im vergangenen Jahr zum Marschall der afghanischen Armee befördert.

Da Dostums Milizen vor allem in Nordafghanistan präsent sind, arbeitete auch die Bundeswehr immer wieder mit ihnen zusammen. Hier kommen vor allem jene privaten Sicherheitsfirmen ins Spiel, die in den ersten Jahren des Einsatzes zuhauf von zahlreichen Warlords und Miliz-Chefs gegründet wurden und mit denen die NATO in nahezu allen Regionen des Landes zusammengearbeitet hat. Es liegt auf der Hand, dass sie nach dem westlichen Abzug abermals in den Vordergrund rücken werden.

Zu all diesen kriegerischen Auseinandersetzungen kommen die Operationen der NATO hinzu, die meist im Schatten der Öffentlichkeit stattfanden. Denn obwohl in den letzten Jahren immer wieder bekundet wurde, lediglich eine "beratende Rolle" eingenommen zu haben und Gefechte vermeiden zu wollen, zeichnete die Realität stets ein anderes Bild. Drohnen-Angriffe und nächtliche Razzien von afghanischen CIA-Milizen und amerikanischen Eliteeinheiten gehörten lange zum Alltag der ländlichen Bevölkerung, die im Laufe der Jahre als inoffiziell und im Orwell’schen Sinne als "unpeople” deklariert wurde. Menschen, die keiner Berichterstattung wert sind. Menschen, die per se als "Terroristen” oder "Barbaren” gelten. Bis heute assoziieren diese Menschen mit den westlichen Befreiern keine Demokraten, Feministen oder progressive Heilsbringer, sondern in erster Hinsicht fremde Besatzer, die sie angegriffen, gefoltert und ermordet haben.

Quelle:  NachDenkSeiten - 19.04.2021.

Weblinks:

Veröffentlicht am

20. April 2021

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