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10 Jahre Fukushima - Die Atomkatastophe dauert an

Schilddrüsenkrebs bei Kindern 20 Mal häufiger als erwartet

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW warnt anlässlich des 10. Jahrestages der Atomkatastrophe von Fukushima vor den gesundheitlichen Folgen des mehrfachen Super-GAUs: "Bei Kindern und Jugendlichen in Fukushima sind nach der initialen Reihenuntersuchung 20 Mal mehr Schilddrüsenkrebsfälle gefunden worden, als zu erwarten gewesen wären", so der Kinderarzt und IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen. Die IPPNW widerspricht damit klar dem Bundesamt für Strahlenschutz und dem UN-Komittee UNSCEAR.

Diese hatten behauptet, direkte Strahlenkrankheiten infolge des Reaktorunglücks seien bis heute nicht aufgetreten. "Wie soll man die gesundheitlichen Folgen seriös abschätzen, wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung der kontaminierten Gebiete auf nur eine einzige strahlenbedingte Krankheit systematisch untersucht wird?", kritisiert Rosen.

Rosen, der gemeinsam mit Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen aus 19 Ländern eine umfangreiche Analyse der UNSCEAR Berichte zu Fukushima veröffentlich hatte, führt weiter aus: "Das UN-Kommittee UNSCEAR wird ausschließlich durch Staaten besetzt, die Atomenergie betreiben und kein Interesse an kritischer Forschung haben. So wurden externe und interne Verstrahlung der Bevölkerung und der Arbeiter*innen auf der Basis selektiver Daten schöngerechnet, die besondere Strahlenempfindlichkeit des Embryos und strahlenbedingte Nicht-Krebserkrankungen ignoriert und die Folgen ionisierender Strahlung auf die menschliche Gesundheit bewusst verzerrt dargestellt. Das ist hervorragender Industrielobbyismus und exzellente PR - seriöse Wissenschaft ist das nicht."

Durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl weiß man, dass das Risiko für Schilddrüsenkrebs in Abhängigkeit der Exposition mit Jod-131 signifikant anstieg. Bei den Aufräumarbeiter*innen und den Bewohner*innen der stark kontaminierten Gebiete fanden sich zudem stark erhöhte Raten von Leukämie und Lymphomen sowie solide Tumore in zahlreichen anderen Organsystemen, Herz-Kreislauferkrankungen, Hormonerkrankungen, genetische Schäden und Unfruchtbarkeit.

In Fukushima untersucht man seit knapp zehn Jahren in regelmäßigen Abständen die Schilddrüsen von Menschen, die zum Zeitpunkt des Super-GAUs in der Präfektur Fukushima lebten und unter 18 Jahre alt waren. Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist zwar nicht die gefährlichste, wohl aber die am einfachsten nachzuweisende Form der strahlenbedingten Krebserkrankung. Zum einen sind die Latenzzeiten bis zur Entstehung eines Krebsgeschwürs relativ kurz, zum anderen ist Schilddrüsenkrebs bei Kindern eine  extrem seltene  Krankheit, so dass auch ein geringfügiger Anstieg statistisch signifikant nachzuweisen ist. Auch in Fukushima zeigte sich: je höher verstrahlt eine Region war, desto mehr Schilddrüsenkrebsfälle wurden dort auch entdeckt.

Die IPPNW widerspricht der Aussage japanischer Regierungsvertreter, dass der Anstieg ein reiner Screening-Effekt sei. Rosen dazu: "Ein Screening-Effekt wird sicherlich in der initialen Reihenuntersuchung von 2011-2014 mit ihren 101 Krebserkrankungen vorliegen. Für die mindestens 112 Erkrankungsfälle danach ist ein Screeningeffekt jedoch ausgeschlossen, denn alle Probant*innen waren ja bereits voruntersucht und für krebsfrei befunden worden. Sie müssen die Krebserkrankung also nach der initialen Untersuchung entwickelt haben. Die ungeschützte Exposition mit radioaktivem Jod ist die plausibelste Erklärung für den dramatischen Anstieg."

Andere strahlenassoziierte Erkrankungen sind in Japan nicht untersucht worden. Stattdessen wird, ähnlich wie nach Tschernobyl, immer wieder auf ‘irrationale Strahlenangst’ und psychosomatischen Stress verwiesen, die die erhöhten Erkrankungsraten erklären sollen. Verantwortlich für die mangelhafte Studienlage ist laut IPPNW die japanische Regierung. Statt umfangreicher wissenschaftlicher Aufarbeitung beschränkte man sich auf eine Untersuchung der kindlichen Schilddrüsen in Fukushima und lud für diese Aufgabe ausgerechnet die Internationale Atomenergie Organisation IAEO ein, deren Satzungsziel bekanntlich die Förderung der zivilen Atomenergie ist.

"Das ist so, als würde man die OPEC bitten, eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen der Ölindustrie zu unterstützen", so Rosen. Auch folgte die japanische Regierung nicht der Empfehlung der Internationalen Agentur für Krebsforschung IARC, ein spezielles Krebsregister für die Betroffenen aufzubauen, um die Langzeitfolgen der Strahlung zu dokumentieren.Darüber hinaus wird auch die Gesundheit der Aufräumarbeiter*innen, die in den noch immer kontaminierten Gebieten eingesetzt werden, nicht systematisch untersucht und in Studien begleitet. Die überwiegende Mehrheit von ihnen ist über eine Kette von Subunternehmen angestellt, unzureichend ausgebildet, ausgestattet und geschützt.

Offiziellen Daten der Behörden zufolge sind die Dekontaminationsarbeiten in Fukushima überdies nicht soweit fortgeschritten, wie die vollmundige Olympiakampagne dies vermuten ließ – in vielen Gemeinden sind gerade einmal 15% der Fläche als dekontaminiert ausgewiesen. Radioaktive hot-spots werden immer wieder gefunden, wie zuletzt am Ausgangspunkt des Olympischen Fackellaufs, der ab dem 25. März quer durch die radioaktive Sperrzone führen soll. Rosen dazu: "Während die japanische Regierung in Fukushima eine bizarre Olympia-Show feiern will, werden Menschen, die nach den Kernschmelzen evakuiert wurden, dazu genötigt, in radioaktiv belastete Gebiete zurückzukehren. Selbst  Schwangeren oder Kleinkindern wird zugemutet, dass sie in Ortschaften leben sollen, in denen sie Strahlendosen erhalten, die sonst nur für AKW-Arbeiter zulässig wären und die im Fall von Tschernobyl dazu geführt hätten, dass die Region als langfristig unbesiedelbar deklariert worden wäre. So wird bewusst mit der Gesundheit der Menschen in Fukushima gespielt. Und alles nur, damit in Japan bald wieder Atomreaktoren ans Netz gehen können."

Quelle: IPPNW - Pressemitteilung vom 10.03.2021.

Veröffentlicht am

11. März 2021

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