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John Dear: Der Anfang vom Ende der Atomwaffen

Nur wenige Aktivisten gegen Krieg haben geglaubt, dass sie jemals erleben werden, dass Atomwaffen verboten werden, doch dank engagiertem Organisieren tritt heute ein historischer UN-Vertrag in Kraft.

Von John Dear, 22. Januar 2021

Heute ist der Tag, an dem der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen in Kraft tritt. Es ist der lange geplante, aber scheinbar unmögliche Tag, auf den Millionen - wenn nicht Milliarden - von Menschen seit dem Hiroshima-Tag, dem 6. August 1945, warten.

Heute erklärt der UN-Vertrag, dass 75 Jahre nach ihrer Entwicklung und ihrem ersten Einsatz die Herstellung, der Besitz, der Einsatz und die Androhung des Einsatzes von Atomwaffen nach internationalem Recht ungesetzlich ist. Aktionen, Veranstaltungen, Mahnwachen und Feiern werden im ganzen Land und auf der ganzen Welt stattfinden, um diesen historischen Augenblick zu kennzeichnen.

Obwohl ich die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht habe, für die Abschaffung von Atomwaffen zu arbeiten, hätte ich nie gedacht, dass ich diesen Tag jemals erleben würde. Die eindrucksvollste Prüfung meines Glaubens fand in Norwegens Hauptstadt Oslo statt, wohin mein Freund, der Schauspieler Martin Sheen, und ich als Hauptredner bei der Gründung der "International Campaign to Abolish Nuclear Weapons," ICAN (Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) eingeladen worden waren. Später wurde ICAN mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Ich wurde Dutzende Male für gewaltfreie Aktionen des Zivilen Ungehorsams gegen Atomwaffen verhaftet, unter anderem vor dem Weißen Haus, vor dem Pentagon, auf mehreren Trident-U-Boot-Basen, der Kommandobasis des Strategic Air Command (SAC) bei Omaha, Nebraska, dem Nevada-Testgelände und vor den Livermore Labs. Seit 2003 leite ich am Hiroshima-Tag die jährliche Friedensmahnwache vor den nationalen Atomwaffenlaboren in Los Alamos, New Mexico. Ich hatte mit Freunden zum 75. Jahrestag von Hiroshima eine große Anti-Atom-Mahnwache, -Kundgebung und -Konferenz in der Nähe von Los Alamos geplant, aber stattdessen hielten wir eine kraftvolle virtuelle Online-Konferenz ab, die von Tausenden gesehen wurde und an der der Mitbegründer der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Physicians for Social Responsibility und einer der Führer von ICAN, Dr. Ira Helfand, teilnahm.

Am 7. Dezember 1993 ging ich mit Philip Berrigan und zwei anderen Freunden auf die Seymour Johnson Air Force Base in Goldsboro, North Carolina, mitten durch die nationalen Kriegsspiele, bis zu einem der nuklearfähigen F15-Jagdbomber und hämmerte auf ihn ein, um Jesajas Prophezeiung zu erfüllen, dass die Menschen eines Tages "Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und nicht mehr den Krieg erlernen" werden (Jes.2,4). Für diese Tat drohten mir 20 Jahre Gefängnis. Ich wurde in mehreren Anklagepunkten verurteilt, verbrachte neun Monate in einer winzigen Zelle, stand mehrere Jahre unter Hausarrest und wurde weiterhin von der Regierung streng überwacht. Meine Freunde Dan und Phil Berrigan, die [mit sechs anderen] das Plowshares movement ins Leben riefen, träumten von diesem Tag. Andere Freunde sitzen heute für ihre neuesten Aktionen im ganzen Land in Gefängnissen.

Aber dies war etwas anderes. Das war eine Premiere für mich. Wir waren von der norwegischen Regierung nach Oslo eingeladen worden. Wir standen an jenem Samstagabend, dem 1. März 2013, vor etwa 900 Menschen auf dem Bürgerforum, das der globalen Zusammenkunft von Vertretern aus über 132 Nationen vorausging. (Natürlich hatten sich die Vereinigten Staaten geweigert, daran teilzunehmen.) Das offizielle Treffen sollte am Montagmorgen beginnen. Soweit wir wussten, hatte es noch nie in der Geschichte eine solche Konferenz gegeben.

Martin begann seine Rede damit, dass er ICAN für ihre Arbeit zum Aufbau einer globalen atomaren Abrüstungsbewegung dankte und alle ermutigte, dabei zu bleiben. Er las ihre allgemeine Forderung nach der vollständigen Abschaffung von Atomwaffen durch die Atomwaffenstaaten vor, und einen Vertragsentwurf, der jedem Staat die Entwicklung von Atomwaffen verbietet.

In den nächsten 48 Stunden sprachen wir Nonstop, in Workshops, vor der Presse und vor kleinen und großen Gruppen. Wir bekamen eine private Führung durch das Friedensnobelpreismuseum, nahmen an einem Empfang des norwegischen Parlaments teil und trafen viele Abgeordnete und Politiker, unter ihnen Norwegens Außenminister, den Vizepräsidenten des Parlaments und den Bürgermeister von Oslo. Wir drängten sie, ihre Initiative für die Abschaffung von Atomwaffen weiterzuführen.

Bei diesem Empfang trafen wir Dr. Ira Helfand. Er sagte uns, er habe - zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten - Hoffnung hinsichtlich der nuklearen Abrüstung. "Es hat noch nie in der Geschichte eine so wichtige Versammlung gegeben", sagte er mit einem Lächeln.

Während der ICAN-Konferenz bat mich einmal ein junger Student darum, mit mir unter vier Augen zu sprechen. Er vertraute mir an, er sei einer der Überlebenden des Massakers eineinhalb Jahre zuvor, als ein wahnsinniger Schütze 78 Kinder während ihres Sommerlagers auf einer Insel in einem großen See nicht weit von Oslo getötet hatte. Mein neuer Freund erzählte mir, wie er den Kugeln ausgewichen und weit in den See hinausgeschwommen war und nur knapp überlebt hatte. Er wollte mit mir über Gewaltfreiheit und Vergebung sprechen. Ich ermutigte ihn auf seinem Weg der Heilung hin zu einem tieferen Frieden und war gleichzeitig tief bewegt davon, dass er zwischen dem Sommerlager-Massaker und dem globalen Massaker, das durch Atomwaffen ausgelöst werden kann, eine Verbindung erkannte. Er sah nun, was die meisten Menschen sich zu sehen weigern. Und er war entschlossen, seinen Teil dazu beizutragen, ein globales Massaker an Kindern zu verhindern.

All diese Erfahrungen waren sehr berührend und inspirierend und es war noch etwas viel Stärkeres im Gange. Von dem Augenblick an, als wir in Oslo gelandet waren und als wir dann verschiedene Würdenträger und langjährige Anti-Atomkraft-Führer aus der ganzen Welt trafen, hörten wir immer wieder dasselbe: Wir werden die Atomwaffen abschaffen.

Nach einer Weile sahen Martin und ich uns an und dachten uns: Irgendetwas stimmt mit diesen Leuten nicht. Sicherlich, wir tun natürlich, was wir können, aber wir werden die Abschaffung der Atomwaffen nicht mehr erleben. Unsere neuen Freunde vertrauen aufgrund von Gruppenzwang blind auf diese Idee.

Aber wir wussten weder, mit wem wir es zu tun hatten, noch verstanden wir den Glauben und die Hoffnung, die dauerhaften globalen Veränderungsbewegungen zugrundliegen. Es waren dieselben Leute, die 1997 die globale Kampagne zur Ächtung von Landminen organisiert hatten. Sie waren dieselben Leute, die 2008 die globale Kampagne zum Verbot von Streubomben organisiert hatten. Jetzt, so erzählten sie uns in aller Ruhe, hätten sie Atomwaffen im Visier. Sie beabsichtigten, dieselbe erprobte und wahrhaftige Strategie einzusetzen, um allmählich ihr Ende anzuzetteln. Das würde funktionieren. Daran bestand für sie kein Zweifel.

Alles, was wir tun müssen, ist, 50 Nationen dazu zu bringen, einen UN-Vertrag über das Verbot von Atomwaffen zu unterzeichnen, sagten sie. Dann können wir langsam alle anderen Nationen der Welt umstimmen, bis nur noch die neun Atomwaffen-Nationen übrig sind, und die werden sich schließlich so sehr schämen, dass sie ihre Waffen demontieren und den UN-Vertrag unterzeichnen werden. Das würde ein Kinderspiel.

"Na viel Glück!", sagten wir.

Und nun ist es so weit. Heute tritt der Vertrag in Kraft. Heute ist der Anfang vom Ende der Atomwaffen.

Für meine Freunde und mich ist dies ein Tag, von dem wir nie geglaubt hätten, dass wir ihn erleben würden.

Über Nuklearwaffen haben wir uns völlig getäuscht. Sie richten uns wirtschaftlich und geistig zugrunde.

"Zurzeit gilt der Vertrag rechtlich nicht für die Vereinigten Staaten", sagte Ken Mayers von den Veterans for Peace New Mexico, "weil wir ihn nicht unterzeichnet und ratifiziert haben. Aber das bedeutet nicht, dass wir die moralische Kraft des Vertrages nicht spüren werden. Alle Atomwaffen, darunter die Tausende im US-Arsenal, wurden von der internationalen Gemeinschaft für illegal erklärt."

Mayers und andere werden heute in der Nähe der Labore in Los Alamos, New Mexico, Mahnwache halten und ein Ende der Waffenentwicklung fordern. Ähnliche Mahnwachen werden heute überall in den Vereinigten Staaten vor den Produktionsstätten von Atomwaffen abgehalten. Dabei werden Transparente getragen, auf denen steht: "Atomwaffen sind illegal!"

"Der Vertrag ist ein Wendepunkt", sagte Joni Arends von den Concerned Citizens for Nuclear Safety. "Einerseits ist er das Ende eines langen Prozesses zur Ächtung von Atomwaffen, andererseits ist er erst der Anfang einer neuen Bewegung, die Atomwaffenstaaten entgegentritt und die fordert, dass sie den dunklen Schatten der Vernichtung durch Atomwaffen, der sich in den letzten 75 Jahren über der Welt zusammenbraut, vertreiben werden."

"Die USA gehörten zu den letzten großen Ländern, die die Sklaverei abgeschafft haben, aber sie taten es schließlich doch", sagte Jay Coghlan von Nuclear Watch New Mexico. "Um Dr. Kings berühmtes Zitat abzuwandeln: ‚Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber er biegt sich in Richtung [der] Gerechtigkeit’, Atomwaffen abzuschaffen. Dieser Verbotsvertrag ist der Anfang von ihrem Ende und sollte als ein solcher gefeiert werden."

Jedes Mal, wenn wir im Laufe der Jahre nach Los Alamos gereist sind, haben wir dieselbe einfache Botschaft vorgetragen: Nuklearwaffen sind völlig gescheitert. Sie machen uns nicht sicherer, sie können uns nicht schützen, sie schaffen keine Arbeitsplätze, sie sichern uns nicht ab, sie sind sündhaft, unmoralisch und unmenschlich. Sie richten uns wirtschaftlich und geistig zugrunde.

Nach der Weltuntergangs-Uhr sind wir jetzt in größerer Gefahr als je zuvor. Ein begrenzter Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan ist durchaus möglich. Ein umfassender Atomkrieg würde dem Leben, wie wir es kennen, ein Ende setzen. Wenn wir stattdessen Milliarden für die Ausbildung und den Aufbau gewaltfreier ziviler Verteidigungssysteme und gewaltfreier Konfliktlösungsprogramme auf der ganzen Welt ausgeben würden, die von den Vereinten Nationen organisiert werden sollen, könnten wir damit den Krieg abschaffen.

Die Arbeit von ICAN und den Vereinten Nationen, 50 Nationen dazu zu bringen, Atomwaffen zu ächten und einen Prozess zu deren Abschaffung einzuleiten, ist eine der aufregendsten, hoffnungsvollsten - wenn auch weithin ignorierten - Bewegungen in der heutigen Welt.

Kurz vor Weihnachten rief mich Dr. Helfand an. Zwar arbeitet er weiterhin von morgens bis abends in einer Klinik in Massachusetts und behandelt COVID-Patienten, doch er wollte mit mir über den Vertrag sprechen. "Wie können wir die Amerikaner dazu bewegen zu fordern, dass die Vereinigten Staaten den Vertrag unterzeichnen und unser Arsenal abbauen?", fragte er mich. "Wie können wir die Bewegung dazu bringen, Präsident Biden und den US-Kongress anzuregen, das Richtige zu tun?"

Das ist die Frage. Wir sprachen über verschiedene Anstrengungen, die wir unternehmen könnten, und kamen überein zu tun, was wir können. "Die Verantwortung liegt bei uns", sagte er. "Wir waren die ersten, die Atomwaffen eingesetzt haben, wir müssen auch diejenigen sein, die sie ein für alle Mal beseitigen."

Ein paar Tage darauf schickte er mir eine E-Mail mit dem Hauptinhalt unserer Botschaft. Neben dem Klimawandel stellen auch die fast 14.000 Atomwaffen auf der Welt eine existenzielle Bedrohung der Menschheit dar. Die Bedrohung durch einen Atomkrieg war noch nie so groß wie heute, wo die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten einerseits und Russland und China andererseits zunehmen. Selbst ein begrenzter Atomkrieg könnte Hunderte von Millionen Menschen töten und weltweit eine Hungersnot auslösen, die Milliarden von Menschen in Lebensgefahr bringen würde. Ein größerer Krieg könnte die meisten Menschen töten.

"Eine solche Zukunft ist nicht unabwendbar", schrieb mir Dr. Helfand. "Atomwaffen sind keine Naturgewalt. Sie sind kleine Maschinen, die wir mit eigenen Händen gebaut haben, und darum wissen wir auch, wie wir sie auseinandernehmen können. Nationen in aller Welt haben sich im Vertrag über das Verbot von Atomwaffen zusammengeschlossen. Es wird höchste Zeit, dass wir vom Rand des Abgrunds zurücktreten und die Atomwaffen abschaffen, bevor sie uns abschaffen."

Und so ist der Tag gekommen, an dem diese seit Langem erträumte Zukunft zu einer realen Möglichkeit geworden ist. Unsere Aufgabe ist es, das Mögliche wahrscheinlich und dann das Wahrscheinliche zur Tatsache werden zu lassen. Es ist höchste Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Wir müssen Präsident Biden und den Kongress anrufen, Leserbriefe schreiben, die Bewegung aufrütteln und der Nation sagen: Lasst uns jetzt ein für alle Mal die Atomwaffen abschaffen und die Milliarden Dollar, die wir für diese Waffen ausgeben würden, dazu verwenden, alle Menschen zu impfen, unsere Nation wieder aufzubauen, die Umwelt zu schützen, Krieg und Armut abzuschaffen und eine neue Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit aufzubauen.

Was ich damals in Oslo gelernt habe: Alles ist möglich, wenn wir daran glauben.

Rev. John Dear ist ein langjähriger Friedensaktivist, Organisator und Autor von 35 Büchern über Frieden und Gewaltfreiheit, darunter zuletzt "Praise Be Peace: The Psalms of Peace and Creation in a Time of War and Climate Change." Er ist Geschäftsführer des Beatitudes Center for the Nonviolent Jesus, wo er regelmäßig Zoom-Workshops anbietet. Er wurde von Erzbischof Desmond Tutu für den Friedensnobelpreis nominiert. Siehe auch seine Website: www.johndear.org

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel: The beginning of the end for nuclear weapons . Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Veröffentlicht am

23. Februar 2021

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