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Freiheit für die Plowshares 7

Von Rüdiger Göbel

Angesichts steigender Corona-Fallzahlen sind im Sommer Tausende Häftlinge aus US-Gefängnissen freigelassen worden, weil ihre Sicherheit und die des Personals in den überbelegten Haftanstalten in der Pandemie nicht gewährleistet werden konnte. Für Friedensaktivisten kennt die US-Justiz kein Erbarmen. Martha Hennessy und Carmen Trotta von der gewaltfreien Gruppe "Kings Bay Plowshares 7" mussten gerade ihre Haftstrafen antreten, zu denen sie wegen einer symbolischen Abrüstungsaktion auf einem US-Atomwaffenstützpunkt verurteilt worden sind.

Vor gut einem Jahr habe ich für die NachDenkSeiten mit Martha Hennessy von der katholischen Friedensinitiative "Schwerter zu Pflugscharen" über ihre mutige Protestaktion gegen das US-Atomwaffenprogramm gesprochen, für die ihr und ihren sechs Mitstreitern Clare Grady (61), Patrick O‘Neill (61), Carmen Trotta (57), Pater Steve Kelly (71), Mark Colville (58) und Elizabeth McAlister (81) ab dem 21. Oktober der Prozess gemacht wurde . Die "Kings Bay Plowshares 7", wie sie sich nennen, oder kurz: #KBP7, waren am 4. April 2018, dem 50. Jahrestag der Ermordung von Martin Luther King, in die US-Marinebasis in Georgia eingedrungen, einen der größten atomaren Stützpunkte der US-Kriegsflotte. Die Pflugscharaktivisten durchtrennten den Sicherheitszaun, gossen ihr eigenes Blut auf das offizielle Siegel der Basis, hängten an einem Verwaltungsgebäude Tatortbänder und Transparente auf – und hämmerten auf ein am Eingangsbereich zur Schau gestelltes Modell einer Tomahawk-Rakete ein. Ziviler Ungehorsam gegen atomaren Wahnsinn, der keinen verletzte, aber viele aufrütteln sollte.

Vor Gericht mussten sich die Pazifisten für ihre symbolische Abrüstungsaktion wegen Verschwörung, Zerstörung von Eigentum an der Kings-Bay-Marinebasis und Verwüstung von Staatseigentum sowie Hausfriedensbruch verantworten. Nach nur vier Prozesstagen hatte ein zwölfköpfiges Geschworenengericht alle Angeklagten in allen Anklagepunkten für schuldig befunden. Die Hintergründe ihrer Protestaktion, die Motivation für ihren religiös begründeten zivilen Ungehorsam, die existentielle Bedrohung durch Atomwaffen wie die in der Kings-Bay-Marinebasis gelagerten Trident-Interkontinentalraketen, durften sie vor Gericht in Brunswick erst nicht vortragen. Das Strafmaß sollte Anfang 2020 verkündet werden, Martha Hennessy und den anderen der #KBP7 drohten jeweils bis zu 25 Jahre Gefängnis.

Die Plowshares 7 haben ihre Freiheit riskiert, indem sie ihren christlichen Glauben in die Praxis umsetzten. Martha Hennessy verwies im NachDenkSeiten-Gespräch auf das Alte Testament, wo es bei Jesaia 2, 4 heißt: "Der Herr wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen."

Für die Pflugschar-Aktivisten sind Atomwaffen nicht nur ein Damoklesschwert, das über der Menschheit hängt und ihre globale Vernichtung ermöglicht. Atomwaffen töten jeden Tag, indem sie den Armen die Ressourcen stehlen, die weiße Vorherrschaft verstärken und das Land verseuchen, so Martha Hennessy. Tatsächlich könnte mit einem Bruchteil der 1000 Milliarden Dollar, die von der US-Regierung für die Modernisierung des amerikanischen Atomwaffenarsenals eingeplant sind, mit einem Schlag der Hunger in der Welt beseitigt und armen Ländern eine Entwicklungsperspektive eröffnet werden.

Auf eben diesen Zusammenhang weist auch Papst Franziskus hin. Auf einem Symposium des Vatikan 2017 bezeichnete er die nukleare Abschreckung als ethisch nicht mehr vertretbar. Bei einem Besuch im japanischen Hiroshima im November 2019 verurteilte der Papst den Besitz von Atomwaffen als "unmoralisch" . In seiner in diesem Oktober veröffentlichten Enzyklika "Fratelli tutti" nennt Papst Franziskus die vollkommene Abschaffung von Atomwaffen eine "moralische und humanitäre Pflicht". Die eingesparten Rüstungsausgaben sollten in einen Weltfonds fließen, "um dem Hunger ein für alle Mal ein Ende zu setzen und die Entwicklung der ärmsten Länder zu fördern".

Die Pflugschar-Aktivisten begrüßen die Initiativen aus Rom. "Die klaren Worte von Papst Franziskus gegen Kriege an sich und die Massenvernichtungswaffen auf dieser Welt machen uns Hoffnung, mehr Gehör zu finden", so Martha Hennessy.

Am 13. November wurde das Strafmaß gegen sie bekanntgegeben. Die Verkündung war durch die Corona-Pandemie verzögert worden. Martha Hennessy, wie alle anderen per Video der Verhandlung zugeschaltet, bekräftigte, dass ihr Glaube, ihre soziale Verantwortung und ihre Liebe zur Menschheit sie dazu gezwungen hätten, so zu handeln, wie sie und ihre Mitstreiter es getan hätten. Am Ende wurde sie zu zehn Monaten Haft in einem Bundesgefängnis verurteilt, die sie am 14. Dezember, Covid-19 hin, Covid-19 her, antreten musste, wie auch Carmen Trotta, der 14 Monate Gefängnisstrafe erhalten hat. Patrick O’Neill wurde zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt und soll sich Mitte Januar melden, um diese Strafe anzutreten. Clare Grady wurde zu 12 Monaten Haft verurteilt und erwartet den Strafantritt im kommenden Februar.

Bereits im Juni war Elisabeth McAlister zu einer Haftstrafe verurteilt worden, die sich deckt mit den 17 Monaten Untersuchungshaft, die sie im Glynn-County-Gefängnis verbringen musste. Die härteste Strafe hat im Oktober Pater Steve Kelly mit 33 Monaten erhalten. Dies entspricht der Zeit, die er in U-Haft war – durchgehend seit der Verhaftung auf der Marinebasis im April 2018. Statt nun im Dezember freizukommen, ist er von US-Marshalls nach Tacoma, Washington, gebracht worden, wo er eine Strafe aus einer früheren Plowshares-Aktion absitzen soll.

Gegen Mark Colville sollte am 18. Dezember das Strafmaß verkündet werden. Er war bereits 15 Monate in Untersuchungshaft. Richterin Lisa Godbey Wood verschob die Bekanntgabe auf den 19. Februar.

Tatsächlich sind die Haftstrafen deutlich niedriger ausgefallen, als die Plowshare-Aktivisten befürchtet hatten. Sie fühlen sich fast wie ein Sieg an, bekundete Martha Hennessy nach Bekanntwerden. Zum Gefängnis kommen Geldstrafen: Mehr als 33.000 Dollar müssen die sieben jeweils zahlen, um die Kosten der Marine für die Beseitigung der bei der Protestaktion entstandenen Schäden zu decken, wie es in der Begründung des Gerichts heißt. Nach ihrer Haftentlassung müssen sie zudem drei Jahre lang eine Fußfessel tragen, mit der sie von den Behörden überwacht und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden.

Am 20. Januar wird Joe Biden als US-Präsident vereidigt. Nach John F. Kennedy ist er der zweite Katholik, der ins Weiße Haus einzieht. Während des Wahlkampfes gegen Amtsinhaber Donald Trump hat sich der Demokrat immer wieder auf seinen Glauben berufen. Es heißt, der regelmäßige Kirchgänger trage stets einen Rosenkranz bei sich. Es wäre ein Leichtes, seine Glaubensschwestern und Glaubensbrüder der Plowshares zu begnadigen und zu zeigen, dass er ihre aus dem katholischen Glauben rührenden Beweggründe versteht.

Und es wäre selbstredend ein starkes Zeichen internationaler Solidarität, wenn sich der Vatikan, der sich nach eigenem Bekunden auf völkerrechtlicher Ebene weiter für eine weltweite Ächtung von Atomwaffen starkmachen will, endlich auch für die katholischen Atomwaffengegner in Haft einsetzte. Gute Gelegenheit ist der 22. Januar, wenn der internationale Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft tritt. Das Abkommen war im Sommer 2017 von 122 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York verabschiedet worden. Mehr als 80 Länder haben es bisher unterzeichnet, darunter auch der Vatikan als eigenes Völkerrechtssubjekt. Deutschland zählt nicht dazu. Die Bundesregierung will an der nuklearen Teilhabe in der NATO festhalten und auch an der Stationierung der US-Atomwaffen in Büchel.


Es wäre ein Zeichen internationaler Solidarität, wenn die inhaftierten KBP7 Unterstützungspost gerade auch aus Deutschland bekommen, wo eine große Mehrheit der Bevölkerung den Abzug der US-Atomwaffen fordert:

Martha Hennessy #22560-021
FCI Danbury
Route 37
Danbury, CT 06811
USA

Carmen Trotta #22561-021
FCI Otisville
Federal Correctional Institution
Satellite Camp
PO Box 1000
Otisville, NY 10963
USA

Erlaubt sind Briefe auf weißem Papier mit blauer oder schwarzer Tinte, aber keine Zeichnungen.

Quelle:  NachDenkSeiten - 02.01.2021.

Veröffentlicht am

03. Januar 2021

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