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Einblicke in die Soziale Friedensarbeit im Lebenshaus

Von Katrin Warnatzsch  (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 106, September 2020 Der gesamte Rundbrief Nr. 106 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 585 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren )

Ein Sonntagabend im Lebenshaus, ich warte auf das Eintreffen eines Mannes. Mit ihm hatte ich ausgemacht, dass wir seine bevorstehende Gerichtsverhandlung wegen der Klage gegen den abgelehnten Asylbescheid besprechen.

Es klingelt und eine ältere Frau in einem gelben T-Shirt steht vor mir, ganz aufgeregt. Draußen sind um diese Uhrzeit, 18 Uhr, noch immer 30 Grad Hitze. Ich kenne die Frau nur vom Sehen, sie redet etwas vom Unterschreiben, sie wolle unbedingt unterschreiben. Nachfragend stellt sich heraus, dass sie eigentlich zu unserer Mahnwache kommen wollte, die aber bereits am Donnerstag, am Hiroshima-Gedenktag stattgefunden hatte, um dort ihren Protest gegen die Atomwaffen auszudrücken. Sie komme selbst aus der Nachbargemeinde und habe unsere Anzeige im Amtsblatt gelesen. Es dauert etwas, bis sie versteht, dass die Mahnwache bereits zwei Tage vorüber ist, aber sie besteht eben auf dem 9. August, dem Nagasaki-Gedenktag. Bei einer Bäckerei habe sie dann nachgefragt, wo sie denn das Lebenshaus finden könnte. Sie wolle mich ja nicht in meiner Freizeit stören, aber ob sie dennoch den Protest an die Bundesregierung gegen Atombewaffnung unterschreiben könnte.

Ich erfahre dann, dass sie als junges Mädchen ein Buch einer Zeitzeugin in die Hände bekam, das die Gräuel der Atombombenangriffe beschrieben hatte. Sie sei damals schon so betroffen von den Schilderungen der Überlebenden und den Fotos gewesen, dass sie nun viele Jahrzehnte später erneut durch unsere Anzeigenaktion und die Mahnwache daran erinnert worden sei. Sie wolle ihren Protest unbedingt zum Ausdruck bringen, Atomwaffen müssten abgeschafft werden.

Eine ältere Frau aus dem Nachbardorf, das einen Hügel und ein tiefes Tal entfernt liegt, ist mit dem Fahrrad an einem Sonntagabend bei brütender Hitze zu uns gefahren, um den Protest an die Bundesregierung zu unterschreiben. Sie kannte uns nicht, aber sie war zutiefst berührt durch die Erinnerung an die Katastrophe vor 75 Jahren. Ihr Vertrauen, durch ihre Unterschrift zusammen mit vielen anderen etwas bewirken zu können, hat sie angetrieben.

Bauen wir ein Netz für einen Mann, der tief am Boden liegt, damit er sich wieder aufrappeln kann! Gesundheitlich schwer angeschlagen, von andauernden Schmerzen und Bewegungseinschränkungen geplagt, sehr einsam und mit einem endlos erscheinenden Berg von Schulden kommt er immer wieder zu uns. Eine misslungene Operation hat er bereits hinter sich, er hatte daraufhin seine Arbeitsstelle verloren und die Folgen müssen nun irgendwie repariert werden.

Zu diesen ohnehin ausreichend tragischen Umständen tritt hinzu, dass er als ehemals Minderjähriger alleine aus Afghanistan geflohen war, keine familiäre Anbindung hier hat und auch seine ursprüngliche religiöse Prägung inzwischen keinen Halt mehr bietet. Mit der Konvertierung zum Christentum traten neue Probleme für ihn auf, denn dies wird von anderen Geflüchteten aus muslimischen Ländern in der Regel nicht akzeptiert, sondern führt im Gegenteil zur Diskriminierung.

Noch sehr jung, erkennt er viele Situationen nicht rechtzeitig oder deutet sie falsch, schlittert immer wieder in folgenschwere Konflikte und es erscheint mir so, als würde er Schwierigkeiten regelrecht auf sich ziehen. Über die Folgen ist er dann am Boden zerstört, kann seine Emotionen kaum kontrollieren und wirkt sehr angeschlagen.

Ihn dennoch zu motivieren, dass es seiner und meiner Anstrengungen bedarf, um Grundlegendes auf den Weg zu bringen, das ist nicht immer einfach. Hilfreich ist es, dass er zuverlässig und ehrlich ist. Und unsere Erfahrung zeigt, dass es an verschiedenen Stellen unseres sozialen und medizinischen Hilfesystems auch Menschen gibt, die gerne helfen wollen. Mediziner und Therapeut*Innen, das Sozialamt und die dazugehörenden Mitarbeitenden erkennen meist den dringenden Handlungsbedarf, wenn sie sich Zeit nehmen.

Meine Geduld und Ausdauer, aber auch Nachdrücklichkeit sind nötig, um sich für ihn einzusetzen und auch mit den Abläufen in der Verwaltung zurecht zu kommen. Würde seine Zuverlässigkeit und Motivation nachlassen, bestünde die Gefahr, dass manches Engagement verpufft und übertrieben erscheint, was auch meine Arbeit für andere Personen wieder erschweren würde. Deshalb muss ich hoffen, dass sich niemand durch Misserfolge entmutigen oder verärgern lässt und die Dinge im Fluss bleiben. Andererseits gab es für einige Menschen auch schon erfreuliche Erfolge und Fortschritte, weil sie effektiv begleitet werden konnten. Die Freude darüber dann mit den Beteiligten zu teilen, indem ich ihnen Rückmeldungen gebe, sehe ich auch für wichtig an.

Das kleine Mädchen mit afghanischen Eltern ist nun bald ein Kindergartenkind! Nach intensiver Motivationsarbeit konnte ich die Vorteile für die alleinerziehende Mutter trotz großer Sprachdefizite herausarbeiten. Nun ist Fatema mit dem Einverständnis beider Eltern angemeldet; hoffen wir auf einen Start noch im August. Der Transport zwischen Wohnung und Kindergarten ohne Fahrzeug bei jedem Wetter ist noch nicht vollständig in trockenen Tüchern. Ein wetterfester Wagen fehlt noch und ist sehr teuer. Aber sollte das gelingen und die Eingewöhnung gut verlaufen, entstünde Zeit für die Mutter, um endlich die deutsche Sprache in einem Kurs, der leider nur in der 30 km entfernten Kreisstadt möglich ist, besser zu trainieren. Sie freut sich so sehr, dass sie sich nun eine Zukunft ausmalen kann: zuerst Spracherwerb, dann Führerschein und am liebsten ein kleiner Job. Wie bedeutend es für das seelische Wohlbefinden ist, dass man eine Perspektive für die weitere Zukunft bekommt, das ist in den Gesichtern und an der Stimmung der kleinen Familie deutlich zu erkennen.

Wir hoffen weiterhin für die Menschen aus Afghanistan, dass ihre noch ausstehenden Klageverfahren gegen den abgelehnten Asylbescheid Erfolg haben werden.

Für zwei uns bekannte Betroffene aus Gammertingen hat nun das Verwaltungsgericht Sigmaringen auf eine persönliche Verhandlung verzichtet, um sozusagen am Schreibtisch zu entscheiden. Ich habe mich darum gekümmert, dass aussagekräftige Dokumente und Begründungen vorgelegt werden konnten, die für einen Abschiebeschutz aus humanitären Gründen sprechen würden. Dafür konnte ich beispielsweise Berichte von Psychotherapeut*innen über den Verlauf der Therapien bekommen, die vom Gericht anerkannt werden.

Hinzu tritt inzwischen die fürchterliche Lage in Folge der Corona-Krise in Afghanistan, von der alle Zurückkehrenden betroffen wären. Zum Beispiel ist der Arbeitsmarkt für Tagelöhner in Kabul nun vollkommen zusammengebrochen, da aus den Nachbarländern Iran und Pakistan wegen der Folgen von "Corona" und "Lockdowns" die dorthin geflohenen afghanischen Staatsangehörigen noch intensiver als bisher zurückgeschoben werden. Damit sei das beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beliebte Argument, "junge und gesunde Männer könnten sich schon irgendwie in Kabul durchschlagen und überleben", nun gar nicht mehr tragfähig, sagen einige Richter*innen.

Für die beiden vom mündlichen Gerichtsverfahren Befreiten, und auch für mich, entfällt damit der erneute Stress der Vorbereitungen, wenn auch das Warten auf die Urteile weiterhin bleibt.

Seit Anfang 2016 waren und sind 17 afghanische junge Männer dauerhaft im Lebenshaus zur Begleitung ihrer Klageverfahren gegen die abgelehnten Asylbescheide. Von den inzwischen 12 abgeschlossenen Verfahren waren 75% für die Betroffenen erfolgreich, das heißt, ihre Asylverfahren sind beendet und sie haben aus unterschiedlichen Gründen ein Bleiberecht in Deutschland erhalten. Damit haben sie gültige Aufenthaltserlaubnisse.  Es stehen nun bei dieser Personengruppe hier noch fünf Gerichtsentscheidungen aus, die teilweise derzeit bearbeitet werden. Auch für sie gibt es dank vieler gemeinsamer Vorbereitungen Grund zur Hoffnung auf ein Bleiberecht.

Die allermeisten der jungen Männer sind bisher in unserer kleinen Stadt wohnhaft geblieben und sagen auch, dass sie hier gerne bleiben wollen. Selbstverständlich ist in einem jungen Leben nicht alles planbar und die Freizügigkeit wird von den meisten erst erkannt, nachdem das nun teilweise vier Jahre andauernde Warten und der Stress der Gerichtsverfahren endlich von ihnen abfällt. Einige haben in diesem Sommer bereits ihre Ausbildungen als Handwerker oder im sozialen Bereich abgeschlossen und stehen in Erwerbstätigkeit.

Wir kämpfen weiterhin dafür, dass grundsätzlich niemand aus Deutschland in Kriegsgebiete, Verelendung und lebensbedrohliche Situationen abgeschoben werden darf!

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Fußnoten

Veröffentlicht am

09. September 2020

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