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“Das unendliche menschliche Leid, das durch die Bombenabwürfe verursacht wurde, war beabsichtigt”

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 106, September 2020 Der gesamte Rundbrief Nr. 106 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 585 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren )

Liebe Freundinnen und Freunde,

weltweit fanden anlässlich der 75. Jahrestage der Atombombenangriffe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki Gedenkveranstaltungen statt. Diese Aufmerksamkeit für die Verbrechen der Atombombenabwürfe und ebenso der Blick auf die gegenwärtige Bedrohung durch Atomwaffen sind wichtig.

Am 6. August 1945 warf die US-amerikanische Luftwaffe eine Atombombe über Hiroshima ab. Um 8:15 Uhr klinkte ein B-29-Bomber in rund 9.000 Metern über dem Stadtzentrum eine Atombombe aus. Während die Bombe auf die Erde zuraste, drehte die Maschine scharf ab und beschleunigte, um der Todeszone zu entkommen. In einer Höhe von 580 Metern über dem Stadtzentrum detonierte die Atombombe. Drei Tage später wiederholte sich dieser Vorgang mit einem weiteren Atombombenabwurf auf Nagasaki.

Die Besatzungen der Bomberflugzeuge waren fasziniert und begeistert von dem Schauspiel, das sich vor ihren Augen bot. Nach der Rückkehr von ihrer Mission wurden sie ebenso begeistert empfangen. Es gab, um ihre angebliche Heldentat zu feiern, dann eine große Freibierparty mit heißer Musik und Sonderfilmvorführung.

In den Jahren davor hatten die USA gewaltige Anstrengungen zur Entwicklung einer Atombombe unternommen - vor allem aus Sorge, Nazi-Deutschland könnte eine solche zuerst in die Hände bekommen. Doch dann war Deutschland im Frühjahr 1945 besiegt und kapitulierte am 8. Mai 1945.

Die USA stellten daraufhin ihr Atombombenprojekt aber nicht ein. Und am 17. Juli 1945 gelang es der US-Armee, in der Wüste von New Mexico einen ersten erfolgreichen Atomtest durchzuführen. Danach befahl US-Präsident Truman, die beiden Atombomben auf japanische Städte abzuwerfen.

Das menschliche Leid war beabsichtigt!

Truman behauptete nachher: "Die Bombe hat den Zweiten Weltkrieg verkürzt und damit Tausenden jungen Amerikanern das Leben gerettet." Doch dies ist eine Lüge. Japan war zu diesem Zeitpunkt schon geschlagen und bereit, sich zu ergeben. Für den Atomwaffeneinsatz gab es andere Faktoren.

So sollte die gerade neu entwickelte Atomwaffe auch eingesetzt werden, um u.a. die gewaltigen Kosten des Unternehmens zu rechtfertigen. Zudem sollte die Wirkung der Atombomben im Großmaßstab und am lebenden Objekt erforscht werden. Das unendliche menschliche Leid, das durch die Bombenabwürfe verursacht wurde, war beabsichtigt! Vorschläge, die Bombe auf rein militärische Anlagen oder unbewohntes Gebiet abzuwerfen, um ihre Wirkung zu demonstrieren, wurden ausgeschlagen. An den Überlebenden wurden durch eine amerikanische Untersuchungskommission jahrelang demütigende Tests durchgeführt, um die Folgen der Strahlungen auf den Menschen zu untersuchen, aber diesen Menschen wurde keine medizinische Hilfe geleistet.

Ein weiterer Faktor für den Atombombeneinsatz war, dass die USA durch deren Einsatz und Wirkung Stärke gegenüber der Führung der Sowjetunion demonstrieren konnten. Es ging zu diesem Zeitpunkt bereits darum, sowjetische Macht nach Ende des Zweiten Weltkriegs einzudämmen.

Hiroshima und Nagasaki: Hölle auf Erden

Was aus militärischer und machtpolitischer Sicht in den USA als großer Erfolg gefeiert wurde, stellte sich für die Menschen in Hiroshima und Nagasaki völlig anders dar. Durch die Atombombenangriffe wurden beide Städte innerhalb weniger Sekunden zu Wüsten des Todes. Zehntausende Menschen waren sofort tot oder starben in den Wochen danach.

Als Folge der ungeheuren Explosion und der Hitzewellen von mehreren tausend Grad sind die Menschen verbrannt, verdampft, verkohlt. In Hiroshima sind bis Ende 1945 ca. 140.000 Menschen an den Folgen der Atombombenexplosion gestorben, in Nagasaki wurde bis Ende 1945 das Leben von mindestens 70.000 Menschen ausgelöscht.

Und jene Menschen, welche die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki überlebten, waren dem Tod noch längst nicht entkommen. Die radioaktive Strahlung brachte ihnen die "Atomkrankheit". Die Überlebenden, als Hibakusha bekannt, waren auf Jahrzehnte von schweren Erkrankungen, genetischen Fehlentwicklungen bei ihren Nachkommen und seelischen Schmerzen gezeichnet. Über die Opfer, ihre genaue Anzahl und ihre Erkrankungen ist nur wenig bekannt. Die meisten Menschen sind in den ersten fünf Jahren gestorben. Noch heute erkranken und sterben jedes Jahr Menschen an den Folgen atomarer Verstrahlung aus dem Jahr 1945.

Hiroshima und Nagasaki waren die Hölle auf Erden. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein regelrechter Vernichtungsfeldzug und Massenmord mit Hunderttausenden Opfern ohne Ende bis heute. Jedes Opfer dieser schlimmen Kriegsverbrechen hatte einen Namen. Jedes Opfer wurde von jemandem geliebt.

Atomzeitalter: Leben auf Abruf

Mit den Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki ist die ganze Menschheit in ein neues Zeitalter eingetreten, "in dem wir in jedem Augenblick jeden Ort, nein, unsere Erde als ganze in ein Hiroshima verwandeln können", so der Philosoph Günther Anders. Seit dem 6. August 1945 lebt die Menschheit also auf Abruf.

Daraus wurde bekanntlich nicht die Konsequenz gezogen, diese Massenvernichtungswaffe weltweit zu ächten. Im Gegenteil: Ein wahnsinniges Wettrüsten führte dazu, dass das weltweite Atomwaffenarsenal zu Hochzeiten des Kalten Krieges rund 70.000 Atomsprengköpfe umfasste. In der Bundesrepublik hatten wir mehrere tausend solch gefährlicher Mordinstrumente, vor allem amerikanische und zudem noch einige britische. Im Umkreis von 13 Kilometern hier um Gammertingen gab es gleich zwei solcher Atomraketenstellungen, mit denen ein zigfaches Hiroshima hätte angerichtet werden können.

Als Weltgemeinschaft standen wir mehr als einmal vor der völligen Zerstörung. Ob aus Absicht, durch einen Unfall oder durch Fehlalarme - der Einsatz von Atomwaffen stand nach 1945 einige Male unmittelbar bevor. Und wir können heute nur froh und dankbar sein, dass es nach den Verbrechen von Hiroshima und Nagasaki bisher nie mehr zu einem Atombombeneinsatz gekommen ist!

Wie hoch gefährlich die angebliche "Sicherheitspolitik" war und heute noch ist, bezeugt zum Beispiel der ehemalige amerikanische General Lee Butler. Er war von 1991 bis 1994 Oberbefehlshaber der US-Nuklearstreitkräfte, damit auch drei Jahre lang oberster und erster Kernwaffenberater des US-Präsidenten und verantwortlich für die nukleare Kriegsplanung der USA. General Butler zog folgendes Fazit: "Am Ende einer drei Jahrzehnte dauernden Reise verstand ich endlich die Wahrheit, die mich jetzt als Außenseiter, als Spielverderber erscheinen lässt. Sie lautet, wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, das letztere hatte den größten Anteil daran."

Weltuntergangsuhr auf 100 Sekunden vor 12 Uhr!

1987 wurde der INF-Vertrag unterzeichnet. Durch diesen und weitere Verträge wurden in den späten 1980er Jahren bis Anfang der 1990er Jahre zigtausende Atomwaffen vernichtet. Dass es zu dieser Abrüstung kam, dafür war die Friedensbewegung in der Bundesrepublik und in anderen Staaten ein wichtiger Faktor. Danach trat eine gewisse Entspannung ein und vor rund 30 Jahren galt der Kalte Krieg als beendet. Das war aber nicht gleichbedeutend mit völliger atomarer Abrüstung. Im Gegenteil. Aktuell schätzt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI, dass die Atomwaffenstaaten rund 13.400 Atomwaffen besitzen. Würde auch nur ein Teil zum Einsatz kommen, dann würde das Leben von fast allen Menschen und der größte Teil aller Arten irdischen Lebens blitzschnell erlöschen.

Es ist aber nicht nur die pure Zahl an Atomsprengköpfen, zusätzlich gefährlich wird die Weltlage durch massive Anstrengungen insbesondere der atomaren Supermächte USA und Russland, ihre Atomwaffen mit Milliardenbeträgen zu modernisieren. Modernisieren bedeutet hier, sie tauglicher für einen tatsächlichen Kriegseinsatz zu machen. Dadurch wird aber die Gefahr eines Atomkrieges erheblich erhöht. Gefährlich ist die Lage auch, weil der INF-Vertrag aufgekündigt wurde und der New-Start-Vertrag auf der Kippe steht. Und in den vergangenen Jahren wurde wieder ein Kalter Krieg begonnen.

In Büchel in Rheinland-Pfalz lagern rund 20 Atomsprengköpfe der US-Armee. Diese Atombomben sollen durch Tornado-Flugzeuge der Bundeswehr transportiert und abgeworfen werden. "Nukleare Teilhabe" nennt sich das. Jetzt planen die USA, diese Atomsprengköpfe ebenfalls zu erneuern. Und Frau Kramp-Karrenbauer, zuständig in der Bundesregierung für Verteidigung und Krieg, will neue Trägerflugzeuge für die US-Atombomben in Büchel anschaffen. Damit würde die "Nukleare Teilhabe" der Bundesrepublik für die kommenden Jahrzehnte festgeschrieben.

Vor ein paar Monaten wurde die "Weltuntergangsuhr" auf 100 Sekunden vor 12 Uhr gestellt! Dieses weltweite Projekt von renommierten Wissenschaftler*innen warnt: Wir sind so kurz vor Mitternacht und dem Weltuntergang so nah wie noch nie zuvor! Die Ursachen für diese dramatische Einschätzung sind Atomwaffen und Klimaerhitzung. Höchste Zeit also, sich für ein Ende der atomaren Bewaffnung einzusetzen und die Klimakatastrophe zu stoppen.

Hoffnungszeichen Atomwaffenverbotsvertrag

Am 7. Juli 2017 beschlossen 122 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in New York einen Vertrag für ein Verbot von Atomwaffen. Dieser verbietet u.a. deren Besitz, Stationierung, Einsatz und Herstellung. Er wird dann völkerrechtsverbindlich in Kraft treten, wenn ihn 50 Staaten ratifiziert haben. Nachdem an den Hiroshima- und Nagasaki-Gedenktagen vier weitere Staaten ihre Ratifizierungen bekannt gaben, fehlen nur noch sechs Staaten, bis der Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft tritt.

Die deutsche Bundesregierung hat allerdings - wie nahezu alle NATO-Staaten - bereits die Verhandlungen zum Verbotsvertrag boykottiert. Wichtig wäre aber, dass sich Deutschland endlich für ein Verbot der grausamsten Waffe der Welt einsetzt, anstatt die Atommächte und ihre Abschreckungspolitik zu stützen. Deshalb muss die Zivilgesellschaft Druck auf die Bundesregierung machen, damit sie diesen Vertrag unterzeichnet und ratifiziert. Dafür wollen wir uns weiter engagieren und hoffen auf die Unterstützung von möglichst vielen Menschen, die mit uns in dieser Zielsetzung einig sind.

Den Atomwaffenverbotsvertrag hätte es ohne Druck aus der Zivilgesellschaft kaum gegeben. Die Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) hat hier eine ganz wichtige Rolle gespielt. Und für ihr Engagement erhielt ICAN den Friedensnobelpreis 2017. Ein ermutigendes Beispiel dafür, dass mit zivilgesellschaftlichem Engagement etwas erreicht werden kann.

Dieser Friedensnobelpreis ist natürlich eine große Ehre sowohl für die Hibakusha und ebenso für die gesamte Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Und wir als Lebenshaus Schwäbische Alb sind ein bisschen stolz darauf, eine der 17 deutschen offiziell anerkannten Partnerorganisationen von ICAN zu sein. Damit gehören wir einem Netz von weltweit 570 ICAN-Partnerorganisationen in 103 Ländern an.

Gemeinsam mit dem ICAN-Netzwerk und der Kampagne "Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt!" haben wir uns rund um die 75. Jahrestage der US-amerikanischen Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki auf verschiedene Weise engagiert. Darüber berichten wir weiter hinten in diesem Rundbrief ausführlich.

Gute Gesundheit und herzliche Grüße,

Euer / Ihr 
Michael Schmid

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Fußnoten

Veröffentlicht am

10. September 2020

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