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Weniger Stromkonsum wirkt mehr als alternative Stromproduktion

Die Förderung von Alternativstrom steht im Fokus der Energiewende. Doch wirkungsvoller ist die Steigerung der Energieeffizienz.

Von Hanspeter Guggenbühl

Die Schweizer "Energiestrategie 2050" steht auf zwei Beinen: Sie bezweckt einerseits die Verminderung des Energiebedarfs mittels Effizienzsteigerung, andererseits den Ersatz von nicht erneuerbarer durch erneuerbare Energie. In Politik und Medien dominiert dabei die zweite, die produktionsorientierte Sicht: Mehr Strom aus Wasser-, Wind-, und Solarkraft soll Atomstrom, aber auch Erdöl und Erdgas ersetzen.

Doch dieser einseitige Fokus kontrastiert mit der Wirksamkeit. Als wirkungsvoller und wirtschaftlicher als der Umstieg auf erneuerbare Energie erwies sich in den letzten beiden Jahrzehnten die Steigerung der Energieeffizienz, dies insbesondere im Bereich Elektrizität. Das zeigt eine Auswertung der Energie- und der Elektrizitätsstatistik seit dem Jahr 2000.

Verbrauchsziele für 2020 bereits erreicht

Das Energiegesetz als Grundlage der neuen Energiestrategie verlangt unter dem Titel "Verbrauchsrichtwerte": Der gesamte Energiekonsum in der Schweiz (Stufe Endenergie) pro Person soll im Jahr 2020 um 16 Prozent gesenkt werden gegenüber dem Stand im Jahr 2000. Beim Konsum von Elektrizität pro Person ist im gleichen Zeitraum eine Reduktion um 3 Prozent anzustreben.

Beide Ziele haben wir bereits erreicht. Das zeigen die neuste Elektrizitäts- und die (demnächst erscheinende) Gesamtenergiestatistik: Im Jahr 2019 konsumierten Bevölkerung und Wirtschaft in der Schweiz pro Person 17,5 Prozent weniger Endenergie insgesamt und 8,5 Prozent weniger Elektrizität als im Jahr 2000. Der Stromverbrauch sank deshalb weniger stark als der Energieverbrauch insgesamt, weil der Anteil des Stroms im Energiemix zunimmt; dies vor allem auf Kosten von Heizöl. Wetter und Klima hingegen spielen bei diesem langfristigen Vergleich keine Rolle, denn die maßgebende Zahl der Heizgradtage war in den Jahren 2000 und 2019 nahezu identisch.

Entwicklung des Konsums von Endenergie (blau) und Strom (orange) pro Kopf der Bevölkerung in der Schweiz von 2000 bis 2019 sowie gesetzlich Ziele 2020 für Energie (grau) und Strom (gelb). Alle Daten indexiert: Jahr 2000 = 100 Indexpunkte. Quelle: BFE, Grafik: Guggenbühl

Die Entwicklung des Energie- und des Stromverbrauchs pro Kopf von 2000 bis 2019 zeigt die obenstehende Grafik. Dabei fällt auf: Vor allem ab 2010 verlaufen beide Kurven deutlich abwärts. Das ist zum kleinen Teil auf die Witterung (im Jahr 2010 waren Wintermonate kälter als 2000, 2015 und 2019), zum großen Teil jedoch auf die Steigerung der Effizienz beim Heizen und bei der Elektrizität zurückzuführen. So übertraf die höhere Stromeffizienz - immer pro Kopf - ab dem Jahr 2010 die weiter zunehmende Menge an elektrischen Geräten und Anlagen.

Im Zieljahr 2020 dürfte der Energie- und Stromkonsum aufgrund der coronabedingten Rezession noch deutlich weiter sinken. Die Verbrauchsziele für das Jahr 2035 hingegen (minus 43 Prozent weniger Endenergie insgesamt und minus 13 Prozent weniger Strom pro Person) liegen noch fern.

Langsamer Umstieg auf erneuerbare Energie

Ziele respektive "Richtwerte" setzt das Energiegesetz auch für die alternative Produktion von Strom fest, nämlich folgende: "Erneuerbare Energien, ausgenommen aus Wasserkraft" (also Solar-, Windkraft, Biomasse und Geothermie zusammen) sollen "mindestens 4400 GWh" Strom im Jahr 2020 und "mindestens 11 400 GWh" Strom im Jahr 2035 erzeugen; eine GWh (Gigawattstunde) entspricht einer Million kWh (Kilowattstunden). Für die Wasserkraft allein strebt das Gesetz fürs Jahr 2035 eine Produktion von "mindestens 37 400 GWh" an.

Zum Vergleich: Im - wasserreichen - Jahr 2019 produzierten alle inländischen Kraftwerke zusammen 67 800 GWh; dies netto nach Abzug des Strombedarfs der Speicherpumpen. Davon entfielen 36 400 GWh auf Wasser-, 25 300 GWh auf Atomkraft, 3100 GW auf weitere thermische Kraftwerke (vorab Abfallverbrennung) und erst 3000 GWh Strom auf die übrigen erneuerbaren Energieträger Sonne, Wind und Biomasse.

Im Unterschied zu den Reduktionszielen im Energie- und Stromverbrauch dürften die Produktionsziele für die neue erneuerbare Stromproduktion (also exklusive Wasserkraft) 2020 wohl verfehlt werden. Und die Ziele fürs Jahr 2035 liegen in sehr weiter Ferne.

Die Effizienzsteigerung im Verbrauch erwies sich also als erfolgreicher als die zusätzliche Stromproduktion aus erneuerbarer Energie. Das belegt ein weiterer Zahlenvergleich: Während der Stromkonsum in der Schweiz - immer pro Kopf - vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2019 um 620 kWh sank, stieg die jährliche Stromproduktion pro Kopf aus Biogas-, Wind- und Solaranlagen zusammen um weniger als 300 kWh. Die zusätzliche erneuerbare Stromproduktion war also weniger als halb so groß wie die Stromeinsparung.

Finanzielle Mittel und Wirkung klaffen auseinander

Im Kontrast zur geschilderten Entwicklung steht die öffentliche Wahrnehmung. Studien und Techniken zur Erzeugung von Solarstrom sowie der Bau von Fotovoltaik-Anlagen finden in den Medien viel Beachtung und Goodwill. Von den Erfolgen im Bereich Energie- und Stromeffizienz hingegen ist außerhalb der Fachpresse weniger oft die Schreibe. Auch die Schweizer Politik legt mehr Gewicht darauf, mehr Strom zu produzieren, als darauf, die Verschwendung im Stromkonsum zu vermindern.

So unterstützt der Bund die zusätzliche Stromproduktion aus Wasser-, Wind- und Solarkraft seit 2010 mit Förderbeiträgen in Milliardenhöhe, zuerst über die "Kostendeckende Einspeisevergütung" (KEV), später auch mittels Investitionsbeiträgen an neue Anlagen. Die Mittel dafür liefert eine Abgabe auf dem Stromkonsum in der Höhe von 2,3 Rappen pro kWh. Dieser "Netzzuschlag" spült jährlich rund 1,3 Milliarden Franken in den nationalen Subventionstopf. Der Großteil dieses Geldes wird für die Förderung der erneuerbaren Stromproduktion verwendet. Mit der aktuellen Revision des Energiegesetzes will der Bundesrat diese Förder- und Subventionspolitik weiterführen. Damit missachtet die Landesregierung ihr früheres Versprechen, das bestehende Fördersystem zur Umsetzung der Energiestrategie in einer zweiten Etappe durch die Einführung von Lenkungsabgaben abzulösen.

Förderbeiträge zahlt der Staat zwar auch für Investitionen, die dazu dienen, den Verbrauch von Heizenergie in Gebäuden zu verringern. So unterstützen Bund und Kantone mit einem Teil des Ertrags aus der CO2-Abgabe wärmetechnische Sanierungen von bestehenden Gebäuden im Umfang von rund 400 Millionen Franken pro Jahr. Weit weniger Geld hingegen muss der Staat in die Steigerung der Stromeffizienz von Anlagen und Geräten buttern - also in jenen Bereich, in dem die Schweiz in den letzten Jahren die größten Sparerfolge erzielte. Grund: Der Bund begrenzte, mehrheitlich im Schlepptau der EU-Normen, den Strombedarf von neuen Anlagen und Geräten mit Geboten und Verboten.

Diese Effizienzvorschriften sorgen dafür, dass der technische Fortschritt bei der Herstellung von neuen Geräten und Anlagen auch umgesetzt wird. Beispiele: Der Bund verordnete ein Verbot von Glühlampen, erleichterte damit den Durchbruch der viel effizienteren LED-Technik und senkte damit den Strombedarf im Bereich Beleuchtung. Oder er begrenzte den spezifischen Stromverbrauch von Haushaltgeräten ebenso wie diejenige von Industriemotoren. Solche Vorschriften kosten nichts, aber ermöglichten vor allem seit 2010 eine deutliche Reduktion des inländischen Stromkonsums.

Fazit: Griffige Verbrauchsvorschriften tragen mehr zur Energiewende bei als Subventionen für zusätzliche erneuerbare Stromproduktion.


In einem zweiten Artikel werden wir einige der hier aufgeführten Aspekte vertiefen und zeigen, warum die Energiestrategie wackelt: Es fehlt ihr das dritte Bein.

Der dritte und letzte Teil dieser kleinen Energieserie widmet sich der neusten Revision des Schweizer Energiegesetzes.

Quelle: Infosperber.ch - 22.07.2020.

Veröffentlicht am

24. Juli 2020

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