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Der heilige Impfstoff

Covid-19: Wissenschaftler in aller Welt suchen fieberhaft nach einer Immunisierung gegen Corona. Im Eifer drohen jedoch ethische Bedenken unterzugehen

Von Ulrike Baureithel

Am 2. März fand sich im Weißen Haus in Washington eine Art moderne Ritterrunde zusammen. Der heilige Gral im Jahr 2020: Ein Impfstoff gegen Corona. Gastgeber war Präsident Trump, der die Chefs einiger wichtiger Biotechnologie-Unternehmen zusammengetrommelt hatte, um sich über die Möglichkeiten eines neuen genbasierten Impfstoffes informieren zu lassen. Stéphane Bancel, der Eigentümer von Moderna, einer in Massachussetts angesiedelten Biotech-Firma, die damals schon die Nase vorne hatte, soll Trump in Aussicht gestellt haben, dass im Sommer ein Impfstoff verfügbar sei. Ein Missverständnis, wie sich herausstellte, denn Bancel meinte, dass man zu diesem Zeitpunkt in die Phase 2 der klinischen Studien starten könnte: in die Testung an einer größeren Gruppe von Menschen (50 - 500). Daraufhin ging Trump bekanntlich auf Einkaufstour um die Welt, unter anderem bei CureVac in Tübingen, um für "seine" Amerikaner genügend Stoff zu sichern.

Inzwischen ist es Sommer, und tatsächlich sind einige der 155 weltweit in Arbeit befindlichen Impfstoffprojekte in besagte Phase 2 und vereinzelt sogar schon in Phase 3 getreten. In Deutschland sind allein 16 Unternehmen und Institute an der Erforschung dieses Hoffnungsträgers beteiligt, die täglich neue Meldungen ausstreuen. Nach befremdlich rasch absolvierten Tierversuchen und ersten Verträglichkeitsprüfungen an wenigen Probanden geht es derzeit darum, die optimalen Dosierungen zu finden und die menschliche Immunantwort zu beobachten, also zu schauen, ob genügend Antikörper gegen das Virus gebildet werden und das Impfmittel angemessen verträglich ist. In der entscheidenden klinischen Großversuchsphase 3 mit vielen tausend Versuchspersonen werden Zuverlässigkeit und längerfristige Nebenwirkungen überprüft.

Die Entwicklung von Impfstoffen ist ein langwieriges und teures Geschäft. Sie war von Anfang an eine Geschichte von Versuch und Irrtum, wie die Experimente des Landarztes Edward Jenner im 18. Jahrhundert zeigen. Er hatte beobachtet, dass Menschen, die sich mit Kuhpocken infiziert hatten, nicht an Pocken erkrankten. Darauf impfte er seine Patienten - aus heutiger Sicht ein Menschenexperiment - mit Kuhpocken: Sie blieben gesund. So verlieh die Kuh, lateinisch vacca, dieser neuen medizinischen Intervention den Namen, Vakzin. Unfälle begleiten die Geschichte der Impfstoffe, weshalb heute hohe Standards bis zu ihrer Zulassung gesetzt werden.

Die drei Wege zur Immunität

Grundsätzlich lassen sich Impfstoffe nach der Art ihrer Herstellung unterscheiden. Bei Lebendimpfstoffen werden abgeschwächte Viren, sogenannte Vektorviren, verwendet. Im Fall von Sars-CoV-2 wird das Spike-Protein, das die Außenhülle des Virus bildet, eingebaut. Das Vakzin löst eine vorgetäuschte Infektion aus, auf die der Körper mit der Produktion von Antikörpern reagieren soll, sodass er im Falle einer tatsächlichen Infektion geschützt ist. Da manche Menschen bereits immun gegen andere Corona-Erreger sind, kann es sein, dass die Immunantwort ausbleibt. Dennoch forschen Wissenschaftler der Oxford University in Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca an einem solchen Impfstoff.

Totimpfstoffe hingegen operieren mit deaktivierten oder abgetöteten Viren und Bakterien, wie im Fall von Diphterie, Keuchhusten oder Tetanus. So wird auch aus dem Spike-Protein ein kleiner Bestandteil isoliert, im Labor vermehrt, mit inaktiven Virenpartikeln "verklebt" und dann eingespritzt. Einem solchen Impfstoff sind Sanofi in Kooperation mit seinem Konkurrenten GlaxoSmithKline, aber auch zwei chinesische Unternehmen auf der Spur.

Viel Aufsehen erregte in den vergangenen Monaten eine genbasierte Methode der Impfstoffgewinnung. Dabei wird nicht mehr auf das Virus selbst zurückgegriffen, sondern nur noch auf dessen Bauanleitung, die RNA. Chinesische Forscher hatten zuvor das gesamte Erbgut von Sars-CoV-2 entschlüsselt und ins Netz gestellt. Nicht das Antigen selbst, sondern der Botenstoff, die so genannte mRNA, ist nun Teil des Impfstoffs. In den Körper eingeschleust, wird dieser von den Zellen aufgenommen und ausgelesen. Anschließend setzt die körpereigene Eiweißfabrik das Protein frei und erzeugt Antigene, die dem eindringenden Coronavirus Paroli bieten sollen.

Der entscheidende Vorteil dieses Verfahrens ist, dass der Impfstoff nicht mehr aufwändig herangezüchtet werden muss, sondern mittels sogenannter RNA-Drucker produziert werden kann. Dabei handelt es sich um - patentierte! - leicht transportierbare und lokal stationierte Produktionseinheiten, die die konservierte mRNA in Hunderttausende Impfdosen umwandeln können. Am weitesten hat das US-Unternehmen Moderna die Entwicklung genbasierter Impfstoffe vorangetrieben. Aber auch in Deutschland haben zwei Startups das Rennen aufgenommen: Das in Mainz ansässige BioNtech, das mit einem chinesischen Unternehmen kooperiert, und das in die Schlagzeilen geratene CureVac in Tübingen, das über die genannten RNA-Drucker verfügt.

In den kommenden Wochen und Monaten (Phase 2) fahnden die Forschenden also nicht nur nach dem besten Gen-Impfstoff, sondern nach der optimalen, also möglichst niedrigen Dosierung mit möglichst hoher Wirksamkeit. Moderna hatte anfangs mit 25 bis 250 Mikrogramm pro Dosis operiert, BioNtech begann mit 100 Mikrogramm. In dieser Hinsicht ist CureVac seinen Konkurrenten voraus, es setzte auf eine viel niedrigere Dosis von zwei Mikrogramm. Schafft es das Unternehmen, die Produktionskapazitäten auszuweiten, könnte es sich auf die Überholspur setzen. Allerdings ist bislang kein Impfstoff dieser Herkunftsklasse zugelassen worden, das Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt, das dafür zuständig ist, stünde vor Neuland.

So verhalten sich die Erwartungen an die Impfstoffforscher reziprok zu der erforderlichen Sorgfalt und Zeit, derer es bedarf, einen Impfstoff auf den Markt zu bringen. Sie spüre schon den Druck, der auf den Forschenden liege, erklärte die Hamburger Virologin Marylyn Addo gegenüber dem Deutschlandfunk. Die Hoffnungen, im Herbst oder Winter mit einer Impfstoffzulassung zu rechnen, wie von manchen Unternehmen angekündigt, dämpfte sie im April als unrealistisch. Und sie warnte schon damals davor, die Entwicklungs- und Sicherheitsstandards zu senken: "Es gibt keine Abkürzungen."

Doch eben solche "Abkürzungen", also die etwas "freihändigere" Interpretation der bislang strengen Regularien bei der Impfstoffzulassung, wurden schon zu Beginn der Pandemie gefordert. "Bei der Suche nach Impfstoffen", sagte Ende März etwa der Präsident der Leibniz-Gesellschaft, Matthias Kleiner, "sollten Forscher bestehende Regeln auch mal in Frage stellen" und sich unter Umständen "auch mal darüber hinwegsetzen". Ähnlich äußerte sich Chefvirologe Christian Drosten in seinem Podcast im April. Zumindest für einige Gruppen in der Bevölkerung könnte das Risiko in Kauf genommen werden, Impfstoffe einzusetzen, die "noch nicht total durchgetestet sind." Bundesforschungsministerin Anja Karliczek versichert, dass trotz des Drucks "unabdingbare Standards" nicht außer Kraft gesetzt würden: "Wirksamkeit und Sicherheit bleiben Richtschnur."

In einigen Ländern ist der globale Impfstoffwettlauf auch mit dem politischen Prestige des Staats verknüpft. Zumindest einer der fünf Impfstoffkandidaten in China, die in stark beschleunigtem Verfahren bereits an Menschen getestet werden, soll noch im Winter, so das Ziel der chinesischen Regierung, produktionsreif sein. Am weitesten ist die Militärakademie für Medizinforschung, die mit dem Pharmaunternehmen CanSino zusammenarbeitet. In Russland sollen die klinischen Studien sogar schon im August abgeschlossen sein. In einem Moskauer Militärhospital wurden im Juni die ersten freiwilligen Probanden, meist Soldaten, getestet. Entsprechende Studien wurden noch nicht vorgelegt.

Kein Impfstoff gegen HIV

Eine andere Hürde wird den Suchern nach dem Heiligen Gral in der unmittelbar bevorstehenden Phase 3 in die Quere kommen. Moderna und Johnson & Johnson haben große Studien für die zweite Julihälfte angekündigt, auch BioNtech und sein Partner Pfizer wollen bald starten. Die Großversuche könnten aber ins Stocken geraten, wenn in weiten Teilen Europas das Pandemiegeschehen zurückgeht. Selbst wenn sich ausreichend Freiwillige finden, die sich zur Verfügung stellen - wobei diese in eine zu impfende und eine nicht geimpfte Kontrollgruppe aufgeteilt werden -, müsste man monate- oder gar jahrelang warten, ob die Vakzine wirken und die Geimpften immun gegen das Virus sind. CureVac verhandelt deshalb schon mit Studienzentren in Afrika und Brasilien, wo das Virus stärker grassiert. Dort aber könnten arme Menschen, die unter der schlechten medizinischen Versorgung leiden, sich für diese Versuche zur Verfügung stellen, ohne hinreichend informiert zu sein. China rekrutiert seine Probanden momentan aus den Vereinigten Emiraten und aus Brasilien.

Ein ethisch ebenso bedenklicher Weg sind die in die Debatte geworfenen Human-Challenge-Studien. Um zu schnellen und zuverlässigen Wirksamkeitsstudien zu kommen, würden die Probanden nach der Impfung absichtlich mit dem Corona-Erreger infiziert. Dafür hat sich ein amerikanisches Wissenschaftsteam der Harvard-Universität ausgesprochen, das angeblich bereits 14.000 Freiwillige aus 100 Ländern rekrutiert hat. Ist das Risiko, dass im Rahmen solcher Studien Menschen erkranken oder gar sterben, gerechtfertigt, in Abwägung zum möglichen Nutzen? Die amerikanische Bioethikerin Sima Shah meint: Ja, vorausgesetzt, das Risiko sei gering und die Probanden wüssten genau, worauf sie sich einlassen. Außerdem müssten die Studienteilnehmer eine angemessene Aufwandsentschädigung erhalten.

Für Claudia Wiesemann, bis vor kurzem Mitglied des Deutschen Ethikrats, ist es nicht vorstellbar, gesunde Menschen zu infizieren, ohne zu wissen, was das Virus anrichtet. "Wir haben noch nicht genügend Wissen über die Risiken von Sars-CoV-2", erklärte sie im Spiegel, "als dass solche Studien infrage kämen." Außerdem könne man von Freiwilligkeit kaum sprechen, wenn in Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit wie den USA Geld an Probanden fließe.

Es könnte sich während der Phase-3-Studien aber auch herausstellen, dass sich alle der derzeit in Erprobung befindlichen Waffen gegen Corona als stumpf erweisen. Nur sechs Prozent aller bisher entwickelten Impfstoffe wurden überhaupt zugelassen, und "in der Biomedizin gibt es nie Garantien", sagt die Virologin Addo. So existiere bis heute keine Impfung gegen Malaria oder HIV, und "für respiratorische Erreger haben wir bisher noch nichtviele gute Impfstoffe gemacht." Kann also sein, dass der Gralsbecher eine Fiktion bleibt und die Wissenschaftsritter umsonst um ihn buhlen, auch wenn sie ihn sich sehr vergolden lassen haben.

Gib Impf-Stoff!

Das globale Rennen um ein Mittel gegen Corona: Wer es zuerst hat, diktiert die neue Weltordnung

AstraZeneca (UK)

Die britisch-schwedische Pharmafirma AstraZeneca arbeitet zusammen mit der Universität Oxford an einem Impfstoff, in dem ein aus Schimpansen stammendes Adenovirus als Vektorvirus eingesetzt werden soll. Einer der Leiter des Projekts, Adrian Hill, hatte damit zuvor über 20 Jahre vergeblich versucht, eine Impfung gegen Malaria zu finden. Derzeit laufen Phase-3-Studien in Südafrika und Brasilien; eine Allianz aus vier EU-Staaten hat sich bereits 400 Millionen Impfdosen reserviert.

Moderna (USA)

Die 2010 gegründete Biotechfirma Moderna begann schon im März 2020 eine Phase-1-Studie für einen genbasierten RNA-Impfstoff; Arbeitstitel "mRNA-1273". Der Aktienpreis schoss nach der Studie mit nur acht Teilnehmern in die Höhe, sank allerdings wieder, als die Ergebnisse bekannt wurden. Die den klinischen Studien vorhergehenden Tierversuche hatte Moderna übersprungen; im Juli soll eine Phase-3-Studie beginnen. Bis heute hat noch kein RNA-Impfstoff eine Zulassung erhalten.

BioNtech (D)

Das deutsche Biotechunternehmen forscht, zusammen mit den Pharmafirmen Pfizer (USA) und Fosun Pharma (CHN), an einem RNA-Impfstoff, eine kombinierte Phase-1-und-2-Studie begann im April. Am 1. Juli berichtet BioNtech, alle 24 Probanden hätten dabei Antikörper entwickelt; unklar sei aber noch, ob diese Antikörper auch vor einer Infektion schützten. Vor Corona arbeitete BioNtech an "individualisierten Krebstherapien"; die Firmenadresse in Mainz lautet "An der Goldgrube 12".

Gamalaja (RUS)

Nach Berichten russischer Medien gibt es derzeit sieben heimische Corona-Impfstoffprojekte. Die beiden prominentesten verfolgen das Gamalaja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau und das Vektor-Institut in Kolzowo bei Nowosibirsk. Eine Zulassung eines Vakzins ist laut russischer Regierung schon für August geplant; das Gamalaja-Institut kündigte an, ab September werde man mit der Massenproduktion beginnen. Kritiker warnen vor einer Abkürzung von Testverfahren.

CanSino (CHN)

Auch die chinesische Pharmafirma CanSino Biologics entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Biotechnologie an der Akademie der Militärmedizin einen Vektorvirus-Impfstoff. Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse erster Studien gab CanSinos Aktienpreis nach; das Vakzin sei nur teilweise erfolgreich und habe bei einigen Probanden zu Nebenwirkungen geführt, hieß es. Trotzdem wurde CanSinos Impfstoff von der chinesischen Armee bereits "zur militärischen Verwendung" zugelassen.

Quelle: der FREITAG vom 12.07.2020. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

13. Juli 2020

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