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Anarchie

Von Ullrich Hahn - Vortrag Tübingen, 7.5.1998

1. Definition

Es gibt keine verbindliche Lehre über die Anarchie. Jede Darstellung über Weg und Ziel bleibt der je subjektiven Sichtweise verhaftet. Eine oberste Lehrautorität würde dem Wesen der Anarchie widersprechen. Es kann deshalb nicht darum gehen, eine Lehre über diesen Gegenstand zu verkünden, sondern ein Gespräch zu führen.

Vom Wortsinn lässt sich Anarchie als ein Gesellschaftszustand verstehen, in dem es keine Herrschaft über Menschen gibt. Da jede Staatsform mehr oder weniger auf Über- und Unterordnung von Menschen beruht, ist die Ablehnung des Staates ein gemeinsames Merkmal der sonst sehr uneinheitlichen Anarchisten. Die gleiche Kritik gilt auch dem Privateigentum, soweit es nicht der persönlichen Lebensgestaltung dient, sondern mit der wirtschaftlichen Macht Herrschaft über andere Menschen verbunden ist.

2. Geschichte

Herrschaftskritik und Auflehnung gegen Herrschaft haben wahrscheinlich die Entwicklung der menschlichen Kultur seit der Frühzeit von Institutionen und Staatsbildung begleitet. Grundsätzliche Überlegungen hierzu sind in der griechischen Philosophie formuliert worden, aber etwa auch in der Hebräischen Bibel (Schöpfungsglaube: Der Mensch als freies Gegenüber Gottes; 2. Mose / Exodus 20,2 + 3: Befreiung aus der Sklaverei; 3. Mose/Lev 25: Die Revolution als Verfassung; 1. Sam 8 + Ri 9: Das Königtum als Abfall von Gott; Gesellschaftskritik der Propheten). Nach der Darstellung in den Evangelien des Neuen Testaments hat sich auch Jesus in diesem Sinn wohl durchgehend macht- und herrschaftskritisch verhalten (Mt 4, 8-10; Joh 13; Mt 22,15 f; das Kreuz als Konsequenz seiner Auflehnung gegen die Herrschaft Roms und der jüdischen Oberschicht).

Viele Ketzer- und Reformbewegungen in der Kirchengeschichte waren Versuche, das Reich Gottes in Gestalt der Anarchie schon in der Gegenwart zu leben. Mit dem Versuch, neue Gemeindestrukturen zu entwickeln, war in der Regel auch die Weigerung verbunden, den weltlichen Herren (Treue-)Eide zu schwören und Kriegsdienst zu leisten.

Leo Tolstoi hat einen solchen religiös begründeten Anarchismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in seinen Schriften weltweit bekannt gemacht und auch die - mehrheitlich atheistisch ausgerichtete - anarchistische Bewegung nachhaltig beeinflusst.

Im 19. Jahrhundert waren anarchistische Gedanken zunächst eng mit der sozialistischen Arbeiterbewegung verbunden. Erst nach 1870 kam es zum dauerhaften Bruch mit dem Marxismus (Michail Bakunin) und den seither immer stärker marxistisch orientierten sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien. Unvereinbar mit den Freiheitsvorstellungen der Anarchisten war die marxistische Geschichtsauffassung von der Notwendigkeit einer Diktatur des Proletariats, die der zunehmend hierarchischen Struktur der sozialistischen Parteien entsprach; die Notwendigkeit der Industrialisierung und Zentralisierung der Gesellschaft statt ihrer Dezentralisierung; das Streben nach Übernahme der staatlichen Macht statt der Auflösung des Staates. Andererseits hatten die Anarchisten durchaus Teil am Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts (Peter Kropotkin: Gegenseitige Hilfe als natürliche Anlage) und der damit verbundenen Vorstellung, nach einer großen Revolution die angestrebte Gesellschaft verwirklichen zu können.

Parallel zu diesen sozialistischen und kommunistischen Flügeln der anarchistischen Bewegung gab es im 19. Jahrhundert auch ausgeprägte individualistische Formen des Anarchismus (Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum), die eher eine Nähe zum Liberalismus als zum Sozialismus aufwiesen und stärker noch die Eigenverantwortung und Freiheit der eigenen Gestaltung des Lebens betonten.

Die Utopie der großräumigen Verwirklichung der Anarchie durch eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft wurde nach den Erfahrungen der russischen Oktoberrevolution 1917 dauerhaft erschüttert. In der Sowjetunion wurden die anarchistischen Bewegungen sehr schnell liquidiert und auch im Westen blieb für die einst großen - anarchistisch orientierten - syndikalistischen Gewerkschaften kein Raum zwischen den staatssozialistisch orientierten Gewerkschaften und Parteien auf der einen und den bürgerlichen und dann später noch den faschistischen Parteien auf der anderen Seite. Der "kurze Sommer der Anarchie" (Hans Magnus Enzensberger) während des spanischen Bürgerkrieges war der wohl endgültige Abschied von den Vorstellungen einer großräumigen Umsetzung anarchistischer Vorstellungen. Seither gibt es keinen Ort mehr, wo "Anarchie herrscht"; eine solche Vorstellung hat sich als Irrtum erwiesen.

Bereits vor dem 1. Weltkrieg hat in Deutschland Gustav Landauer eine andere, realistischere Vorstellung von einem Weg zur Anarchie entwickelt, eine U-Topie, die nicht endgültig beschrieben werden kann, sondern nur immer als ein Schritt jenseits des gegenwärtigen Zustandes (Topie). Entsprechend bedarf es nicht einer einmaligen großen Revolution, sondern der permanenten Umgestaltung / Reformation der gesellschaftlichen Verhältnisse, indem Menschen, auch als kleine Minderheit mit dem beginnen, was sie modellhaft für die Gesamtgesellschaft vorleben wollen, als "Salz der Erde" oder "Stadt auf dem Berg".

3. Gegenwart

In der Gegenwart ist anarchistisches Gedankengut lebendig:

  • im Bemühen, ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Leben zu führen im Sinne von Kants Imperativ oder der Jesuanischen Regel, so zu handeln, wie ich erwarte, dass es auch die anderen tun mögen, das heißt kein Unrecht zu tun. Das bedingt z.B. den grundsätzlichen Verzicht auf Gewalt mit der Konsequenz der Verweigerung aller Kriegsdienste, aber auch den Verzicht auf Zinseinnahmen, die von anderen, in der Regel mir nicht bekannten Menschen bezahlt werden müssen;
  • in der Nichtzusammenarbeit mit allen Formen von menschlicher Herrschaft (Verzicht auf staatliche Ämter, die mit der Ausübung von staatlicher Macht verbunden sind, kein Beamten- und anderer Eid, keine Legitimation staatlicher Gewalt durch Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen, überhaupt der Verzicht auf zwingende Macht im Gegensatz zur Ausübung von Einfluss);
  • im Widerstand gegen gesellschaftliches und staatliches Unrecht durch das Eintreten für die Menschenrechte, notfalls in den Formen des zivilen Ungehorsams;
  • durch Bildung von Gemeinschaften (historisch: anarchistische Gemeinschaftsprojekte des 19. Jahrhunderts in England und den USA, im 20. Jahrhundert der Kibbuzim in Israel, Bruderhöfe in Deutschland etc.; aus der Gegenwart: z.B. das Lebenshaus Trossingen).

4. Wirkung

In der Gegenwart gibt es, abgesehen von lokalen Gemeinschaften, keine großflächige Verwirklichung der Anarchie. Anarchistische Gedanken im Sinne von herrschaftsfreiem Umgang miteinander und gemeinschaftlicher Selbstorganisation sind jedoch an vielen Stellen unserer Gesellschaft spürbar:

  • im Fortbestand der kommunalen Selbstverwaltung und berufsständischer Organisation;
  • in der partnerschaftlichen Gestaltung des eigenen Lebens, in selbstbestimmten Betrieben, in Genossenschaften und Vereinen, aber auch durch die alltägliche Regelung unserer Außenbeziehungen im Abschluss von Verträgen, einer Methode, die bis in die internationalen Beziehungen der Staaten untereinander in der Lage ist, gemeinsame Anliegen durch Konsens statt Unterwerfung zu verfolgen;
  • durch Stärkung der Zivilgesellschaft gegenüber bürokratischen Strukturen (Bürgerinitiativen, Runde Tische, Mitbestimmung in der Arbeitswelt, Bezugsgruppen bei größeren Aktionen zivilen Ungehorsams, die Tätigkeit einer fast unüberschaubaren Zahl von Nichtregierungsorganisationen im internationalen Zusammenhang; Reformpädagogik auch in staatlichen Schulen usw.

Veröffentlicht am

08. Juli 2001

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