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Beobachtungen zur Corona-Krise und Gedanken zur Befreiung vom 8. Mai 1945

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 105, Juni 2020 Der gesamte Rundbrief Nr. 105 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 585 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail )

Im Einleitungsartikel zum Lebenshaus-Rundbrief Nr. 105 geht Michael Schmid auf die Diffamierung von Kritikern und Andersdenkenden in der Corona-Krise ein. Außerdem thematisiert er die Befreiung Deutschlands am 8. Mai 1945 und Entwicklungen in Gesellschaft und Politik, die das Vermächtnis "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" auch heute aktuell machen.

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir leben in einer außergewöhnlichen Zeit, in der das Coronavirus und die Maßnahmen, die dagegen verordnet wurden, unser aller Leben nachhaltig bestimmen. In einem Ausmaß, wie das die wenigsten von uns je erlebt haben dürften.

Was meine persönlichen Einschränkungen anbelangt, so sind diese noch einigermaßen erträglich. Es ist einerseits bedrückend, zum Beispiel Enkelkinder und Kinder über Monate nicht mehr begegnen zu können oder die geplante Feier zum 95. Geburtstag meiner Mutter ausfallen lassen zu müssen. Andererseits sind wir täglich im Freien unterwegs bei Spaziergängen, Wanderungen und mit Lauftraining. Erleben zu dürfen, wie die Natur grünt und erblüht, das tut gut. Wobei, uneingeschränkte Freude kann dabei nicht wirklich aufkommen, denn die Klimakrise hinterlässt leider auch hier ihre deutlich sichtbaren Spuren. Hier wird wahrnehmbar, was es im kürzlich veröffentlichten Waldzustandsbericht 2019 heißt: Trockenheit, Hitze, Schädlinge, Stress - vier von fünf Bäumen zeigen Schäden. Könnte der Wald schreien, dann wäre es dort wohl unerträglich laut.

Zurück zur Corona-Krise, die ebenfalls Auswirkungen auf die Arbeit im und mit dem Lebenshaus hat. Ab Mitte März mussten sämtliche geplanten Veranstaltungen ausfallen, Protestkundgebungen gegen Afghanistan-Abschiebungen und Ostermärsche zum Beispiel. Dazu kommt die Unklarheit, ob zumindest die für den Herbst geplanten Veranstaltungen, insbesondere unsere Tagung, stattfinden können. Wir haben beschlossen, diese weiter vorzubereiten und hoffen nun, dass die Investition von Zeit und Geld nicht verpufft. Trotz politisch verordneten Lockdown-Maßnahmen ist dagegen ein anderer Teil meiner Arbeit weitergegangen, der ohnehin immer im Büro unseres Lebenshauses stattfindet, das gleichzeitig eine Art "Homeoffice" darstellt: täglich veröffentliche ich Artikel auf der Website des Lebenshauses, verfasse gelegentlich einen Newsletter oder arbeite wie jetzt an diesem Rundbrief.

Diffamierung von Kritikern und Andersdenkenden

Ein Stück weit habe ich mich der Flut von Informationen zur Corona-Krise ausgesetzt, die sich aktuell über uns ergießt. Das hat meinen Stresspegel erheblich erhöht. Denn natürlich bin ich wie wahrscheinlich alle von uns, kaum mehr in der Lage, die Masse von Zahlen und Statistiken, sowie all die emotionalisierten Schlagzeilen und unendlich vielen Beiträge zum Thema Coronavirus zu verarbeiten. Mehr Verwirrung, mehr Zweifel als Klarheit!

Mir ist früh aufgefallen, dass wir von den Leitmedien Woche um Woche auf die Alternativlosigkeit des regierungsamtlichen Lockdown regelrecht eingeschworen werden. Für Kritik daran wird kaum Raum gelassen. Dabei gab es von Anfang an Expertenstimmen mit kritischen Äußerungen zu einzelnen Maßnahmen oder gar dem gesamten Maßnahmenpaket.

Doch all die Mahner unter den unabhängigen Experten, die vom Mainstream abweichen, wurden rasch mit Kampfbegriffen wie "Verschwörungstheoretiker" etc. gebrandmarkt. Offensichtlich ist es einfacher, Diffamierungskampagnen gegen Andersdenkende zu betreiben, anstatt sich sachlich mit der vorgebrachten Kritik auseinanderzusetzen. Der Medienwissenschaftler Prof. Michael Meyen stellt hierzu fest: "Der Stempel ‚Verschwörungstheorie’ ist ein Generalangriff der Herrschenden auf den öffentlichen Debattenraum. Über Verschwörungstheorien muss man nicht reden und mit ihren Anhängern auch nicht."

Das ist es, was ich in den vergangenen Monaten mit großer Sorge beobachte: das Coronavirus macht nicht nur Menschen krank, sondern wirkt regelrecht spalterisch auf unsere Gesellschaft und Kommunikation ein. Vor allem, wenn alle kritisch sich zu Wort meldende Menschen sehr aggressiv und pauschal als "Verharmloser", "Spinner", "Verschwörungsgläubige" und "Rechte" oder zumindest zu deren Handlagern abqualifiziert werden.

Aber eine sachliche Diskussionskultur, das Vorbringen unterschiedlicher Meinungen, das Abwägen von Pro und Contra, ohne dem Anderen gleich die Kompetenz abzusprechen, wenn er die Welt anders sieht als ich - das genau gehört doch zu einer lebendigen Demokratie. Dachte ich bisher jedenfalls. Und dafür benötigen wir einen Journalismus, der umfassend informiert. Er soll uns Bürgerinnen und Bürgern erlauben, uns selbst eine Meinung zu bilden. Guter Journalismus zeichnet sich unter anderem durch eine publizistische Vielfalt aus. Genau das fehlt mir in unseren Mainstream-Medien derzeit weitestgehend. Dafür erlebe ich leider zu viel Kampagnenjournalismus, der keinerlei Zweifel daran aufkommen lässt, dass die von den Regierungen beschlossenen Maßnahmen völlig alternativlos sind.

Mit meinen Einwänden möchte ich nicht in Abrede stellen, dass in Internetforen und bei Demonstrationen manche schrägen Meinungen kundgetan werden. Und dass Rechtsextreme ihre Chance auf Einflussnahme suchen, ist auch klar. Deshalb gilt es kritisch darauf zu achten, ob und welchen Einfluss gerade Rechten gewährt bzw. eben verwehrt wird. Aber es kann doch letztlich keine demokratische Haltung sein, auf das Vorbringen von Kritik deshalb zu verzichten, weil es möglicherweise Übereinstimmung mit rechten Kräften bei einzelnen Kritikpunkten geben könnte.

Befreiung am 8. Mai 1945

Der 8. Mai 1945 steht als Datum für die Zerschlagung des nationalsozialistischen Schreckensregimes und für das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Dafür haben die Alliierten sowie Partisan*innen und Widerstandskämpfer*innen gesorgt. Beendet wurde damit auch das Morden der Nazis sowie das Leiden und die Verfolgung von Menschen, weil sie politische Gegner waren oder homosexuell orientiert, einer "anderen Rasse" angehörten, als "asozial" eingestuft oder als körperlich oder geistig krank angesehen wurden. Diese Verfolgten haben den 8. Mai 1945 als Befreiung erlebt, die Mehrheit der Deutschen dagegen nicht. Denn die Herrschaft des NS-Regimes war ja zustande gekommen, weil deutsche Männer, Frauen und auch Jugendliche millionenfach dem Ruf Hitlers gefolgt sind.

Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugendzeit in den 50er und 60er Jahren erinnere, fällt mir auch ein, dass meine Eltern uns Kindern immer wieder über eigene Erfahrungen als Jugendliche in der Nazi-Zeit und vom Krieg erzählt haben. Das hat in mir eine Vorstellung entstehen lassen, wie sich dieses diktatorische Regime bis tief hinein ins Alltagsleben ausgewirkt hat. Und es hat zu einer tiefen Ablehnung von Krieg beigetragen. Allerdings wurden mit diesen elterlichen Erzählungen weniger Konsequenzen verbunden, die etwa für die Gegenwart zu ziehen wären. Und so benötigte ich erst noch den Umweg als Wehrpflichtiger in der Bundeswehr, um zu begreifen, dass wir dort auf den "Ernstfall" - einen Krieg "gegen Russland" - vorbereitet wurden. Erst während meiner Bundeswehrzeit begann ich mich mit dem Nazi-Terror und notwendigen Konsequenzen gründlicher zu befassen. Das hat mich zum Kriegsdienstverweigerer gemacht. Später nahm ich dann an Gedenkfeiern für Opfer der Nazi-Herrschaft teil, hörte KZ-Überlebenden zu oder las Berichte von ihren grausamen Erlebnissen, besuchte KZ-Gedenkstätten. Es wurde mir bewusst, wie wichtig das Gedenken an die Opfer der Nazi-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs ist. Und die Erinnerung an jene Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen Widerstand geleistet haben. Ihr Zeugnis mahnt uns bis heute: "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" Und dieses Gedenken ist auch 75 Jahre nach dem 8. Mai 1945 wichtig. Es darf kein Schlussstrich gezogen werden, es darf keine Ruhe einkehren. Ganz im Gegenteil.

"Nie wieder Faschismus!"

"Es gibt heute den Vorsitzenden einer Partei mit zweistelligen Wahlerfolgen, der die Bestialität als ‚Vogelschiss’ in der deutschen Geschichte bezeichnet; in dieser Partei wird nicht der Holocaust, sondern das Denkmal dafür als ‚Schande’ bezeichnet", schreibt Heribert Prantl in einem Kommentar zum 8. Mai. "Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik auf dem Boden des Trümmerfelds, das die Nationalsozialisten hinterlassen haben, gibt es in allen deutschen Parlamenten eine Partei, in der auch die Hitlerei eine Heimstatt hat; es ist dies eine Partei, in der mit alten braunen Gemeinheiten kokettiert wird; gewiss nicht von allen, aber von vielen dort."

In einer Zeit, in der rechtspopulistische, rechtsextreme, rassistische, antimuslimische und antisemitische Kräfte erstarken und Nationalisten und Faschisten wieder in die Parlamente gewählt werden, ist das Erinnern an die verhängnisvollen Auswirkungen dieses Gedankenguts äußerst wichtig. Es gilt, was der Auschwitz-Überlebende Primo Levi der Nachwelt hinterlassen hat: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben."

Die Mordserie des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU), die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, die Morde von Halle und in Hanau halten uns die rechte Gewaltbereitschaft vor Augen. Ebenso zeugen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, unzählige gewaltsame Übergriffe auf Geflüchtete und Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren, von rechts motivierter Gewalt. Diese Morde und Angriffe sind die Spitze eines Eisberges aus weit verbreiteter Menschenfeindlichkeit, Hass gegen Andersdenkende und Demokratiefeindlichkeit.

Das Vermächtnis "Nie wieder Faschismus!" ist angesichts alltäglicher rechtsextremer Bedrohungen wichtiger denn je.

"Nie wieder Krieg!"

Das Kriegsende am 8. Mai 1945 bedeutete zunächst das Ende einer deutschen Armee. Doch schon wenige Jahre später wurde im Westen die Bundeswehr und im Osten die Nationale Volksarmee aufgestellt. Heute mischt Deutschland militärisch im Konzert der Großen mit.

Als 1999 NATO-Jets Jugoslawien aus der Luft angriffen, war Deutschland dabei. Ausgerechnet die rot-grüne Bundesregierung beendete die 1945 erzwungene historische Pause bei der Kriegsbeteiligung. Mit dem Ausruf "Nie wieder Auschwitz" trieb der damalige grüne Außenminister Fischer die Rechtfertigung des NATO-Kriegs auf die Spitze. Es war schon unverschämt, das Jahrhundertverbrechen des Holocaust auf diese Weise zu instrumentalisieren. Der Theologe Eugen Drewermann sprach von "Stahlhelm-Pazifismus".

Seither ist die Bundeswehr weltweit zu Kriegseinsätzen unterwegs. Außerdem gehört Deutschland mit seinen Ausgaben fürs Militär zu den Großen. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI sind wir 2019 mit einer Steigerung um 10 Prozent und Gesamtausgaben von 49,3 Milliarden Dollar auf den siebten Platz in der Liste der Länder mit den größten Militärausgaben geklettert.

Anlässlich des 75. Jahrestages des Weltkriegsendes forderte Ex-Außenminister Fischer gerade eine Überwindung des aus dem "Nie wieder!" entstandenen "Pazifismus", der sich seiner Meinung nach "bis auf den heutigen Tag quer durch das politische Spektrum" ziehe. Deutschland müsse sich "von seinen pazifistischen Instinkten lösen", um damit maßgeblich gemeinsam mit Frankreich für eine "europäische Verteidigung" zu sorgen.

Ist dieser gesamte Militär- und Kriegskurs eine angemessene Schlussfolgerung vom 8. Mai 1945? Aus meiner Sicht lautet die Antwort: Nein! Die Politik Deutschlands und nahezu aller anderen Staaten ist beherrscht vom Glauben an militärische Stärke und Gewalt. Notwendig ist aber ein Prozess der Befreiung der Menschheit von diesem Glauben. Ein Prozess, der auf zivile Konfliktregelungen und auf die Kraft der Gewaltfreiheit setzt. Dafür sollten wir uns tatkräftig einsetzen.

Den Mut zur Hoffnung auch in Zeiten der Corona-Krise wünscht Ihnen / Euch von Herzen

Euer / Ihr
Michael Schmid

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Fußnoten

Veröffentlicht am

20. Juni 2020

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