Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Meine Durchhalteprosa

Corona-Tagebuch, Teil 30

Von Götz Eisenberg

Die sich anschicken, der barbarischen
Vorgeschichte der Menschheit ein Ende zu bereiten,
sind selbst Menschen dieser Vorgeschichte.
Sie gehen in den Kampf gegen Götzen
mit der Seele von Götzendienern."

(Manès Sperber)

Ich denke im Moment, dass ich das Corona-Tagebuch langsam ausklingen lasse. Seit Mitte März, als Frau Merkel die Ausgangsbeschränkungen verkündete, schreibe ich unentwegt. Durchhalteprosa nenne ich für mich diese Form des Schreibens, ohne die ich es nicht aushalten könnte. Schreibend versuche ich, mir den ganzen Wahnsinn ein wenig vom Hals zu halten. Ich kann ja später auf das Tagebuch zurückkommen, falls die von Experten befürchtete zweite Welle über uns hereinbricht. Im Moment lassen die Leute alle Rücksichtnahmen fahren und verhalten sich, als wäre nichts gewesen.

Von vielen Seiten höre ich, dass im Augenblick Freundschaften über die Frage zerbrechen, wie man es mit Corona hält. Die einen tragen Masken und achten auf Abstand, die anderen lachen darüber und fordern einen auf: "Mach dich mal locker!" Die Süddeutsche Zeitung schreibt: "Es gibt jetzt eine neue Konfliktlinie: auf der einen Seite die Hab-dich-nicht-so, auf der anderen die Spießer. Winken gegen umarmen. Team Bussi-Bussi gegen Team Einsfünfzig." Ich halte es mit Feridun Zaimoglu, der gesagt hat: "Leute wie ich gelten als Spaßverderber, aber Lebenslust ist das eine, Dämlichkeit ist das andere."

Alles, von dem ich mir gewünscht hätte, es verschwände für immer, kehrt wieder. Die soundverstärkten Motorenröhren, aus Bluetooth-Boxen dringt scheußliche Musik, an der Lahn ist alles mit Müllübersät, überall liegen Flaschen und Einweggrills herum. Ich warte auf den ersten Junggesellenabschied, für mich der Inbegriff alles Schrecklichen. Unter dem Steg über die Lahn sitzen Typen auf den Steinen und lassen einen Joint kreisen. Auch hier herrscht die Ischgl-Stimmung: "Is eh wurscht!" In der Stadt sehe ich eine Gruppe von Männern, die dicht beieinanderstehen und ein Handy herumreichen. Irgendetwas auf dem Display fesselt ihre Aufmerksamkeit, lässt sie brüllend lachen und jede Vorsicht vergessen. Ich bin froh, dass ich nicht sehen muss, worüber sie lachen. Ein Ausnahmezustand lässt sich offenbar nicht auf Dauer stellen. Die Macht der Gewohnheit ist stärker als die Vorsicht.

Adriano Sofri entdeckte im Gefängnis, dass Antonio Gramsci während seiner Haftzeit im faschistischen Kerker Fridtjof Nansen gelesen hat und den Zustand des Gefangenen mit dem ins Eis eingeschlossenen Schiff verglich. Das ganze Schiff sollte "toter Mann" spielen und sich von der Polarströmung treiben lassen. Alles in allem war dies ein wohlbedachter Gebrauch von Geduld und Passivität, eine Haltung, die man als ausweglose Gelassenheit oder, wenn man lieber will, als aktives Warten bezeichnen kann und die einem hilft, das Gefängnis zu überleben. (Die Gefängnisse der anderen, Zürich 2001) Übrigens: In zahlreichen Gefängnissen in Italien ist es zu Beginn der Corona-Krise, also Anfang März, zu Aufständen gekommen, bei deren Niederschlagung etliche Gefangene zu Tode kamen. Schon vergessen?

Etwas von dieser Haltung ist mir von der Gefängniszeit geblieben und ich profitiere in Zeiten wie diesen davon. Das bilde ich mir jedenfalls ein. Etwas mehr Gelassenheit würde vielen gut zu Gesicht stehen. Wir leben, habe ich weiter oben gesagt, ich einer schizoiden Druckperiode, die viele Leute ausflippen lässt, um es freundlich auszudrücken. Von überall her höre ich, dass es wegen der Haltung zur Pandemie zu Zerwürfnissen kommt und alte Freundschaften in die Brüche gehen. Mir schrieb gleich nach meinen ersten Texten ein Bekannter: "Unsere unterschiedlichen Corona-Sichtweisen sollten unseren weiteren Austausch nicht negativ beeinflussen."

In diesem Satz ist eine Verneinung enthalten, die man getrost vergessen kann. Der Satz deutet darauf hin, dass das, was befürchtet wird und angeblich vermieden werden soll, bereits eingetreten ist. Wie die Verneinung Kants, der, nachdem er seinen langjährigen, treuen Diener Lampe wegen irgendeiner Lappalie entlassen hatte, in sein Tagebuch eintrug: "Nicht an Lampe denken!" Man spürt sofort: Das wird nicht hinhauen. Er denkt rund um die Uhr zwanghaft an Lampe.

Ein anderer Freund schrieb mir: " … ich gehöre zu denen, die schon eine ganze Weile über das Covid-Virus so denken, wie’s eine Minderheit tut. Also, dass das Virus so gefährlich ist, wie die jährlich auftretende Influenza…"

Warum betont er das ohne Not? Wenn wir schon sonst nichts mehr haben, woran wir glauben und was uns eint, dann unterscheiden wir uns wenigstens in der Virus-Frage. Woher rührt das Bedürfnis, Flagge zu zeigen, das Trennende zu betonen, sich ein Schibboleth, also ein Erkennungszeichen, anzuheften? Was ist mit dem, der es nicht trägt? Wir sperren uns selbst in Lager und jeder wird zum Lagerkommandant des anderen. Man erkennt Seinesgleichen, aber auch den anderen, der das einigende Zeichen nicht vorzeigen kann oder will und deswegen nicht Unsereiner ist. Freud nannte das den "Narzissmus der kleinen Differenzen". Die Menschen, schrieb er, scheinen ein besonderes Vergnügen daran zu finden, ihre unmittelbaren Nachbarn zu hassen und zu verfolgen oder zumindest lächerlich zu machen. Streitbare Abgrenzung dient der Stabilisierung der eigenen (prekären) Identität. Sektenbildung und Lagermentalität, die Ausgrenzung und Verfolgung von Abweichlern sind mit der Geschichte der Arbeiterbewegung wie zu einem Zopf verflochten und deshalb nicht von ihr zu trennen.

"Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen", forderte Mao und hatte dabei den Klassenfeind im Sinn und vor Augen. Für die Linken war und ist der Feind allzu oft der Genosse, der nicht den korrekten Stallgeruch hat und der mit einer feinen Witterung für kleinste Zeichen von Differenz sofort ausfindig und dingfest gemacht wird. Arthur Koestler, Gustav Regler, Alfred Kantorowicz, Manès Sperber, George Orwell, Ignazio Silone und viele andere haben von ihren leidvollen Erfahrungen mit Ausgrenzung, Stigmatisierung und Verfolgung innerhalb der Linken berichtet. Wir könnten es also wissen, wenn wir es denn wissen wollten. Wenn wir nicht endlich aus der Geschichte und diesen einzelnen Geschichten lernen und uns weiter selbst zerfleischen, dann benötigen wir, um unterzugehen, nicht die staatliche Repression. Dann nehmen wir unsere Zerschlagung in eigene Regie.

In einem auf den NachDenkSeiten wiedergegebenen Leserbrief zum Thema Verschwörungstheorien heißt es: "Sollte sich der eine oder andere Verschwörungstheoretiker am Ende ausnahmsweise einmal geirrt haben, dann muss das doch die Demokratie einfach aushalten, wie es immer so schön heißt. Oder?"

Kann das Coronavirus auch eine Hirnathrophie auslösen?

Meine Freundin Birgit schickt einen Lagebericht aus dem Süden Frankreichs.

Sie hat andere Sorgen, als sich abzugrenzen.

Den Leuten hier geht’s, mit Ausnahme von zwei unserer Freundinnen, einer schlecht bezahlten Lehrerin und einer Unfallärztin, richtig dreckig, unseren Kindern und uns auch, die Keramiker können dicht machen, die Zahnärztin hat schon, von der praktischen Ärztin wissen wir nichts Genaues, Bäcker verkaufen nur noch Bruchteile dessen, was sie verkaufen müssten, um ihre Läden offenhalten zu können, von Restaurants und Cafés reden wir gar nicht, U ist eine reine Geisterstadt, auch wenn seit Samstag der Wochenmarkt wieder geöffnet hat, aber: da will niemand hin und stundenlang mit Maske in der Schlange stehen, also kaufen wir weiter so selten wie möglich "im Kreisel" bei dem kleinen Gemüsestand, wo wir schon die ganze Zeit eingekauft haben. Mehl gibt’s immer noch nicht, und ansonsten ist alles wahnsinnig teuer, und es macht einfach keine Freude, was zu essen. Wir haben es eine ganz Weile durchgehalten, bekanntlich hat’s hier länger angehalten als bei Euch, aber irgendwann war ich dann mürbe. Also langsam wieder auf die Beine und dann sehen, wohin sie mich tragen. … Ein Bild der Krise geht so: während der Corona-Monate haben sich sieben Katzen bei uns eingenistet, weil ihre Besitzer kein Katzenfutter mehr bezahlen konnten oder wollten. Sehr nette Katzen übrigens, aber doch auch eine ganze Menge …

Meine Gehirnantilope springt von Südfrankreich ins zaristische Russland.

"An einem prächtigen Abend saß der nicht minder prächtige Gerichtsvollzieher Iwan Dmitritsch Tscherwjakow in der zweiten Sesselreihe und sah sich durchs Opernglas die ‚Glocken von Corneville" an. Er schaute und fühlte sich auf dem Gipfel der Glückseligkeit …" So beginnt Anton Tschechows Erzählung Der Tod des Beamten aus dem Jahr 1883. Was hat diese Erzählung in einem Corona-Tagebuch verloren? Der Umstand, dass Tscherwjakow plötzlich niesen muss und einen Herrn, der in der Reihe vor ihm saß, mit Speichel bespritzte. Dieser zog einen Handschuh hervor und wischte sich mit diesem sorgfältig Glatze und Hals ab. Der alte Herr war eine hochgestellte Persönlichkeit, ein General, was die Qualen des Gerichtsvollziehers noch vergrößerte. Dieser bat den Bespritzten vielmals um Verzeihung. So oft, dass es diesem schließlich zu viel wurde und er ihn bat, ihn wegen dieser Lappalie nicht länger zu behelligen. Er habe den Vorfall längst vergessen und wolle nun der Operette lauschen. Nach Hause gekommen, beichtet Tscherwjakow seiner Frau den peinlichen Vorfall, und diese rät ihm, den Herrn am nächsten Tag aufzusuchen und sich noch einmal bei ihm zu entschuldigen. Gesagt, getan. Tscherwjakow sucht den General in dessen Diensträumen auf und trägt ihm noch einmal wortreich seine Entschuldigung vor. Der General will nichts mehr von der Sache hören und lässt ihn abblitzen. Wie ein geprügelter Hund schleicht der Gerichtsvollzieher nach Hause. Er kann das nicht auf sich beruhen lassen und beschließt, den General am nächsten Tag noch einmal aufzusuchen und die Sache ein für alle mal zu klären. Nun wird der General vollends unwirsch und brüllt ihn an, sich fort zuscheren und ihn in Ruhe zu lassen. "’Wie bitte?’, fragte Tscherwjakow leise und vor Entsetzen vergehend. ‚Scher dich fort!’ wiederholte der General und stampfte mit den Füßen. In Tscherwjakows Leib zerriss etwas. Er sah und hörte nichts mehr, wich zur Tür zurück, trat auf die Straße und schleppte sich davon… Ganz mechanisch kehrte er nach Hause zurück, legte sich, ohne die Uniform auszuziehen, aufs Sofa und … starb."

Die neurotischen Schuldgefühle eines braven, unterwürfigen Untertanen gehen ins Leere. Seine Strafbedürfnisse wenden sich schließlich gegen die eigene Person. "Wer sich zum Wurm macht", schrieb Kant in einem Artikel Von der Kriecherei, "kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird." Der Mensch sollte aufrecht gehen, die Kriecherei ist würdelos. Hierin sind Kant und Tschechow sich einig. Was würde ein Niesen in Kino oder Theater heute auslösen, da wir von Aerosolen hören, die stundenlang durch den Raum schweben und ihre potenziell tödliche Fracht verbreiten? Gestern nieste jemand in meiner Gegenwart, aber keine Spur von Schuldgefühlen und dem Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Litt Tscherwjakow unter einem allzu grausamen Über-Ich, werden viele unserer Zeitgenossen von Gewissensbissen nicht mehr geplagt und von keinem "inneren Gerichtshof" zur Rechenschaft gezogen, als den Kant das Gewissen fasste. Könnte es nicht etwas vernünftiges Drittes geben? Ohne jede Gewissensinstanz ist kein gedeihliches Zusammenleben möglich und muss eine Gesellschaft zerfallen. Es sei denn, sie würde sich zu einer digitalen Diktatur nach chinesischem Vorbild entwickeln.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: GEW_AN Magazin - 28.05.2020.

Veröffentlicht am

08. Juni 2020

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von