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“Friedenshetzer” und Gegner des “Schwertglaubens”, Europäer und Armenienfreund

Zum 100. Todestag des deutschen Pazifisten Otto Umfrid (1857-1920)

Von Helmut Donat

Zwei Weltkriege sind von deutschem Boden ausgegangen. Und doch gibt es auch in der jüngeren deutschen Geschichte Gruppierungen und Personen, die dem blutigen Wahnsinn die Gefolgschaft versagt haben. Dies ist weder eine erstaunliche noch eine zufällige Tatsache. Wo große Teile eines Volkes der Unmoral verfallen, dort wachsen Charaktere heran, die sich der militaristischen Verseuchung und säbelrasselnden Knechtseligkeit entziehen. Im Meer der geistigen und sittlichen Verrohung bilden sie gleichsam Inseln, weit davon entfernt, bloße Stätten der Zuflucht zu sein, bieten sie doch den Entwurf für ein friedfertiges Zusammenleben, der in unüberwindbarem Gegensatz zu der Auffassung steht, dass die Gewalt eine überragende Triebfeder der Geschichte darstelle und der rüstungsschwangere Wille zur Wehrbereitschaft ein Garant des Friedens sei.

Die bedeutendsten Persönlichkeiten, die im frühen 20. Jahrhundert ihre Stimme gegen den Rückfall in die Barbarei erhoben, kamen aus den Reihen der Friedensbewegung. Sie war es vor allem, die, dem Erbe der alten deutschen Kultur und den fortschrittlichen Errungenschaften des europäischen Bürgertums aufs engste verbunden, den Kriegsplanern, Schreibtischtätern und Stimmungsmachern entgegentrat. Kein evangelischer Theologe hat sich im preußisch-deutschen Kaiserreich so tatkräftig für den Erhalt und Ausbau des Friedens eingesetzt wie Otto Umfrid. Und zweifellos ist Ludwig Quidde, 1927 Friedens-Nobelpreisträger, zuzustimmen, der über ihn schrieb, dass er vor 1914 "mehr als irgendein anderer Reichsdeutscher für die Friedenssache gewirkt" hat. Ebenso zutreffend bemerkte der Völkerrechtslehrer Walther Schücking, Umfrid sei einer der wenigen gewesen, "die in einer äußerlich blühenden und innerlich arm gewordenen Zeit die Flamme des Rechtsgedankens vor dem Erlöschen bewahrt haben".

Am 2. Mai 1857 in der württembergischen Stadt Nürtingen als Sohn eines Rechtsanwalts geboren, entwickelte Umfrid bereits in der Kindheit einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der sich von der übertriebenen Strenge des Vaters wohltuend abhob. Nach dem Besuch des Gymnasiums führt ihn das theologische Studium ins "Stift" nach Tübingen. 1879 besteht er die erste, 1884 die zweite Dienstprüfung. Der Dekan bescheinigt ihm "ungewöhnlichen Amtseifer", ein die "Herzen gewinnendes Wesen" und eine "gründliche theologische wie philosophische Bildung". Nach dem Vikariat übernimmt Umfrid zunächst das Pfarramt in Peterzell im Schwarzwald. Seit 1888 verheiratet, entstammen seiner Ehe vier Kinder, ein Sohn und drei Töchter.

Aktiv gegen soziale Missstände

1890 wird er Stadtpfarrer in Stuttgart. Seine Predigten erschüttern die Zuhörer. Soziale Missstände gibt er dem grellen Licht alter Wahrheiten preis. "Zion muss durch Recht erlöset werden und Jerusalem durch Gerechtigkeit." Als er zu dem Wort des Propheten Jesaja ausführt, der Arbeiter habe ein Recht auf Arbeit, Ruhe, ausreichenden Wohnraum und entsprechenden Lohn, wird ihm vorgeworfen, Unmut zu erregen. Umfrids Antwort: "Unser Herr Christus hat auch Ärgernis gegeben" und uns beauftragt, "dass wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen."

Vom gleichen Holz ist Umfrids "Arbeiter-Evangelium", eine 1893 veröffentlichte Schrift, die, programmatische Gedanken zur Arbeiterfrage enthaltend, seine christlich-soziale Grundhaltung unterstreicht. Von tätiger Nächstenliebe zeugen seine Mitarbeit im Stuttgarter "Evangelischen Arbeiterverein" und seine Wirksamkeit als Schriftführer im "Verein für Notstandsfälle auf dem Lande", die in mehr als 13.000 Fällen dazu beigetragen hat, das Los der Betroffenen zu lindern. Seine religiöse Stellung und die Beschäftigung mit dem sozialen Elend, sein "Tatchristentum" und das Empfinden für die ausgebeuteten Schichten des Volkes führt ihn zur pazifistischen und internationalen Arbeit. 1894 wird er Mitglied der Stuttgarter Ortsgruppe des von Franz Wirth im Jahre 1888 gegründeten "Frankfurter Friedensvereins". Umfrid findet zehn Personen vor, acht Männer und zwei Frauen, die sich in einem Klublokal über den Weltfrieden unterhalten. "Wenn wir etwas erreichen wollen", sagt er den Anwesenden, "so müssen wir in die Öffentlichkeit hinaus und Volksversammlungen abhalten." Der Vorschlag findet Beifall. Und Umfrid wird zum Pionier der bislang im süddeutschen Raum schwach verankerten Friedensbewegung. Er predigt, nachdem er allsonntäglich bereits zwei bis drei Gottesdienste hinter sich hat, für den Frieden, hält außerhalb Stuttgarts bis zu 24 Vorträge im Jahr und gründet so etwa zwanzig Ortsgruppen der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG).

Umfangreiches politisch-pazifistisches Engagement

Neben seiner Stabführung als Pfarrer entwickelt Umfrid eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Von 1894 bis 1914 zeichnet er verantwortlich für das Familienblatt "Grüß Gott". Zunehmend stellt er seine schriftstellerische Begabung in den Dienst der Friedensbewegung. Von 1899 bis 1908 gibt er den "Friedens-Boten" heraus, einen pazifistischen Volkskalender, der die Gedanken der Friedensgesellschaft in jedes Haus tragen will und der nicht müde wird, dem Leser die Schrecken eines künftigen Krieges vor Augen zu führen, von dem Experten sagen, dass er apokalyptische Dimensionen annehmen wird. Weniger volkstümlich, aber gleichwohl von hohem Anspruch und an das Rechtsgefühl der Massen appellierend, gestaltet sich seine Tätigkeit als Herausgeber der "Friedensblätter" (1899-1910) und der Zeitschrift "Der Völkerfriede" (1910-1919), den Organen der DFG. Umfrid selbst verfasst die meisten Beiträge. Dem Suttnerschen Organ "Die Waffen nieder!" leiht er ebenso seine Stimme wie später der "Friedens-Warte" von Alfred Hermannn Fried, den "Neuen Wegen" von Leonard Ragaz und der ökumenisch-sozial orientierten "Eiche" Friedrich Siegmund-Schultzes. Des Weiteren veröffentlicht er in den Jahren von 1901 bis 1913 etliche Bücher und mehr als über 400 Aufsätze in Tageszeitungen und politischen Zeitschriften.

Im Jahre 1900 trägt die DFG dem "Propheten des Friedens" (H. Wehberg) Rechnung und verlegt ihre Geschäftsstelle von Berlin nach Stuttgart. Umfrid wird zum Vizepräsidenten der DFG gewählt. Seine nun über Württemberg hinausreichende Rednertätigkeit macht ihn in Deutschland bekannt. Auf den deutschen Friedenskongressen in Wiesbaden, Jena und Kaiserslautern hat er leitende Positionen inne. Die Teilnahme an den Weltfriedenskongressen in Rouen (1904), München (1907), London (1908) und Stockholm (1910) trägt Umfrid, dessen unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen beeindruckt, hohes Ansehen in der internationalen Friedensbewegung ein.

Umfrids soziales und politisch-pazifistisches Engagement beruht auf einer christlich-ethischen Gesinnung, die ihre prägende Kraft aus der Ideenwelt Karl Christian Plancks schöpfte. Wie Planck ist Umfrid, der das Gedankengut des schwäbischen Philosophen mit dem Buch "Wandlungen deutschen Denkens und Wollens" (1917) in eine neue Zeit der Republik hinüberzuretten sucht, nicht geneigt, die bereits vom Urchristentum als gegeben hingenommene Staatsordnung anzuerkennen. Vielmehr sieht er es als Aufgabe der Menschen an, eben gerade die Staatsverfassung im "christlichen Sinne" umzugestalten. Weder Macht und Gewalt noch Blut und Eisen hätten vor Recht und Frieden zu stehen. Dem widerspreche das Christentum. Dieses habe den Auftrag, das Reich Gottes, nicht das Wahngebilde machtlüsterner Potentaten und die "Realpolitik" willfähriger Handlanger zu verwirklichen. Im Unterschied zu dem nationalsozialen Pfarrer Friedrich Naumann betrachtet Umfrid die Nation nicht als höchstes Gut der Menschheit. Vielmehr gelte es, "über diese spröde Form hinauszustreben und nach einer Einigung der Völker, einem Völkerbund" (1900). Ebenso widerspricht er Naumanns Verlangen, "um Luft zu kriegen, müsse das deutsche Volk auf Kosten Russlands oder Englands so ein bisschen Welteroberungspolitik betreiben".

Zusammenhang von sozialer Frage und Friedensfrage

Umfrid zählt zu den wenigen Deutschen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg begriffen haben, dass von einer Lösung der sozialen Frage erst gesprochen werden kann, wenn zuvor die internationale Frage gelöst ist. Der Krieg aller gegen alle in Gestalt eines skrupellosen Konkurrenzkampfes verhindere, dass eine sich von Recht und Moral geleitete Außenpolitik zur Geltung bringen lasse. Der "innere Friede" lasse sich nicht erreichen, solange in den Beziehungen der Staaten und Völker der Glaube an die Allmacht des Schwertes vorherrsche. Diese Einsichten bewahren Umfrid davor, von der bloßen Einrichtung internationaler Schiedsgerichte allzu viel zu erwarten. Die Schwäche und Außenseiterposition des organisierten Pazifismus erkennend, gibt er sich nicht der Illusion hin, der Friede ließe sich gleichsam über Nacht herstellen. Er will "über die rein ethisch-naturrechtliche Fundierung der Friedensidee hinauskommen und ein positives Programm aufstellen". So legt er zu intensiv diskutierten politischen und ökonomischen Fragestellungen wie die Abrüstung der Staaten, den Freihandel als Wirtschaftssystem und die Gründung der Exekutivmacht eines Völkerbundes Abhandlungen vor, die Walther Schücking und Hans Wehberg auf ihrem Weg zu einer pazifistischen Völkerrechtslehre nachhaltig beeinflusst haben.

Besonderen Stellenwert räumt Umfrid dem Kampf gegen jene unheilvolle Trennung von Moral und Politik ein, die infolge der Bismarckschen Reichsgründung das deutsche Volk ergriffen hat und die bis heute nicht vollständig überwunden ist. Mit seinem "Anti-Treitschke" (1904) - eine der wertvollsten Schriften aus der Feder Umfrids, die sich gegen Heinrich Treitschke, einen der einflussreichsten deutschen Professoren der damaligen Zeit - widerlegt er die militärfromme Ansicht, "dass der Staat Selbstzweck sei und als solcher gegen die Forderung der Einführung in eine höhere Ordnung sich spröd ablehnend verhalten müsse". Eine derartige Betrachtung des Staates beinhalte notwendig "die Sanktionierung des Gewaltsystems und des Kriegs" und stehe in "Widerspruch gegen die Aufrichtung einer weltumspannenden Ordnung". Zugleich weist Umfrid die falsche Behauptung zurück, die Politik müsse von den Gesetzen des Egoismus geleitet werden. Die Moral sei auch auf den Staat anzuwenden. Seine Aufgabe bestehe darin, "der Menschheit, dem Reich Gottes zu dienen und das Recht auf Erden aufzurichten".

Geharnischte Absage an preußisch-neudeutschen Militarismus

Eine nicht minder geharnischte Absage an den preußisch-neudeutschen Militarismus erteilt Umfrid in seinem "Anti-Stengel" dem Rechts- und Staatswissenschaftler Karl Freiherr von Stengel, Professor für Kirchen- und Staatsrecht an der Universität München. Er hat sich in seinem Büchlein "Der ewige Friede" über die Friedensbewegung lustig gemacht und den Krieg "als ein Kulturideal und als ein religiöses Gebot" verherrlicht. Als Stengel deshalb zum zweiten deutschen Delegierten der Haager Friedenskonferenz von 1899 ernannt wird, stellt Umfrid mit seiner Kritik der Auffassungen Stengels zugleich jene Grundlagen der Außenpolitik des Kaiserreichs in Frage, die in erheblichem Maße zum Scheitern der Haager Friedenskonferenzen beigetragen haben.

Es bleibt nicht aus, dass sich die Gegner der Friedensbewegung mit Umfrid beschäftigen: Ein evangelischer Theologe, der "in Deutschland den Kampf gegen die Verherrlichung des Machtgedankens mutig aufnahm" (Wehberg), sich nicht zu sagen scheut, dass "in Bismarck der einseitig nationale Gedanke aufs Mächtigste verkörpert war", der dem Reichskanzler und den Generälen vorwirft, sich im Privatleben auf Christus und in der Politik auf das Schwert zu berufen - das grenzte an Ketzerei. Ein Amtsgenosse, Verfechter des Bündnisses von Thron und Altar, nennt Umfrid ehrenvoll einen "Friedenshetzer". Und neben Bertha von Suttner wird er zum meistgehassten "Friedensfreund" einer Gesellschaft, die, wenn es um Krieg und Frieden geht, kaum eine Taktlosigkeit scheut. Als Umfrid in der "Friedens-Warte" den Artikel "Los von Bismarck!" veröffentlicht, ergießt sich über ihn eine Flut von Schmähungen. Umfrid hat derlei Anfeindungen stets gelassen hingenommen. "Doch" - so berichtet seine Tochter - "war natürlich die aufreibende Wirkung solcher sich oft wiederholender Vorfälle auf seinen schwachen Körper und seine überzarte Seele nicht zu unterschätzen, und nicht nur einmal ist er in der langen undankbaren Kampfarbeit am Zusammenbruch gewesen."

Als besonders schmerzhaft empfindet Umfrid es, dass er von kirchlichen Kreisen kaum unterstützt wird, obwohl es nach seiner Auffassung die Pflicht der offiziellen Kirche gewesen wäre, die Friedensbewegung von Amts wegen zu fördern. Nicht einmal seine oft wiederholten Eingaben an die Konsistorien um Einführung eines "Friedenssonntags" finden Gehör. Die Resonanz der Friedensbewegung in den protestantischen Kirchen bleibt gering, auch nachdem ein von Umfrid 1907 verfasster und von Martin Rade und Lic. Weber mitunterzeichneter Aufruf bewirkt, dass etwa hundert protestantische Geistliche der DFG beitreten. Allzu sehr ist Umfrid dem späteren Verständnis der Kirche von der Friedensbotschaft des Evangeliums vorausgeeilt.

Weitblickend verdeutlicht er 1913 in einem Aufruf: "Aber die Tatsachen zeigen, dass, da alle Kulturstaaten das Gleiche tun, die Kriegsgefahr so nicht vermindert wird, weil gerade die immer drückendere Last des bewaffneten Friedens, verschärft durch Hass und Misstrauen der Völker untereinander, zur blutigen Entscheidung drängen kann, die wiederum nicht das Ende, sondern den Anfang erneuten Wettrüstens bedeuten würde."

Echtes Christentum muss aufs Schärfste gegen Krieg protestieren

Für Umfrid ist es "selbstverständlich, dass jedes echte Christentum aufs Schärfste gegen den Brudermord, wie er im Krieg ausgeübt zu werden pflegt, protestieren müsse, und so suchte ich wenigstens meiner Gemeinde etwas von dem Abscheu gegen die Menschenschlächtereien, der mich selbst beseelte, beizubringen in der Hoffnung, dass später einmal daraus eine Friedenssaat aufgehen werde." In diesem Sinne ergreift er insbesondere für die verfolgten und massakrierten Armenier Partei und klärt seine Gemeinde über die grausamen Geschehnisse der Jahre 1895/96 auf. Im September 1896 hält er auch in der Stuttgarter Ortsgruppe der DFG einen Vortrag über "Die Christenverfolgung in Armenien", in dem er die Metzeleien und Scheußlichkeiten bei den Blutbädern von Kaisarije, Siva, Urfa und anderen unglückseligen Stätten (1895/96) vor Augen führte. Ohne Grund "wurden 85.000 Menschen erschlagen, ca. 2500 Städte und Dörfer, über 100.000 Christen zwangsweise zum Islam bekehrt und 500.000 dem Hunger preisgegeben."

Wie Eduard Bernstein, der prominente Sozialdemokrat, in seiner Berliner Rede vom 26. Juni 1902 sieht auch Umfrid deutlich, dass die Armenier und die anderen Christen im Osmanischen Reich weiter bedroht und ohne Hilfe von außen verloren sind. Die Stuttgarter DFG-Ortsgruppe beschließt eine von ihm verfasste und empfohlene Resolution, die auf eine humanitäre Intervention der Großmächte der Türkei hinausläuft und sich für die Zerschlagung des Osmanischen Reichs zugunsten der von ihm unterdrückten Völker ausspricht. Damit hatte Umfrid den Kern des Problems wie kaum ein anderer vor und nach ihm erfasst. Und der Ablauf der Geschichte sollte ihm, den Pazifisten, der sich aus humanitären Gründen für eine militärische Intervention einsetzt, letzten Endes Recht geben.

Deutsche Mitverantwortung am Völkermord an Armeniern angeprangert

Insbesondere fragt er danach, was die europäischen Mächte und die deutsche Regierung getan haben, um die Massaker zu verhindern. Die Antwort darauf fällt kläglich aus. Wo man auch hinschaut, erweisen sich Untätigkeit, Gleichgültigkeit, Ausflüchte und die Behauptung nationaler, ökonomischer und politischer Interessen als Begleitumstände und Hilfsmittel der Verbrechen. Nirgends ist ein beherztes Engagement oder Eingreifen zu erkennen, dass die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens über die nationalen Belange eines Staates stellt.

Das gilt aus der Sicht Umfrids auch und gerade für die deutsche Politik. Schon damals zeigen sich die Beteiligten bereit, Massaker an schutzlosen Minderheiten und die Ausrottung eines Teils dieser Minderheit hinzunehmen, herunterzuspielen und zu verschweigen bzw. sich vor einer klaren Stellungnahme zu drücken, weil die Verbrechen von einer Regierung angeordnet worden sind, mit der man in freundschaftlichen Beziehungen steht. "Von diesem Standpunkt aus", so Umfrid 1897, "betrachten wir die auswärtige deutsche Politik der vergangenen Jahrzehnte in der Hauptsache als eine Politik des rücksichtslosen Staatsegoismus, dessen Konsequenz schließlich nur der Krieg aller gegen alle sein kann." Anders ausgedrückt: die deutsche Mitverantwortung an dem Völkermord an den Armeniern beginnt nicht erst während des Ersten Weltkrieges, als die raffiniert ausgedachte grausame Vernichtung eines kulturell wertvollen Volkes von 1 1/2 Millionen mit dem Zeitpunkt der stärksten deutschen Macht in der Türkei zusammenfiel, sondern bereits viele Jahre vorher. Obwohl Deutschland für die Sicherheit der Armenier - wie die anderen europäischen Großmächte - mitverantwortlich war, ließ es die Opfer im Stich, schonte die Täter oder stand ihnen sogar zur Seite.

Dieser Kontinuität entspricht, dass Politiker in der Bundesrepublik bis in die jüngste Zeit nicht bereit sind oder sich als fähig erweisen, mit dieser Kontinuität diplomatischer Rücksichtnahme, die letztlich den Tätern zugutekommt, zu brechen. Wie sonst kann man sich das beschämende Herumlavieren erklären, dass deutsche Politiker im Zusammenhang mit der Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern an den Tag gelegt haben. Zwar hat der Bundestag am 2. Juni 2016 mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung den Resolutionsentwurf "Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916" verabschiedet, doch blieben die Plätze der Bundeskanzlerin, des Vizekanzlers und des Außenmisters während der Debatte demonstrativ leer. Sie hatten Wichtigeres zu tun, schlugen sich aus Rücksicht auf die Türkei in die Büsche und handelten damit nicht viel besser als frühere deutsche Regierungen. Kein Parlamentarier, sieht man von einem kurzen Hinweis Gregor Gysis ab, protestierte dagegen. Otto Umfrid und auch Eduard Bernstein hätten dazu gewiss nicht geschwiegen.

Erster Weltkrieg frisst alles von Umfrid und Friedensbewegung Erreichte weg

Im Jahre 1909 verbannt ihn eine tückische Augenkrankheit, wie er es selbst ausdrückt, in den "internationalen Erdenwinkel seiner Dunkelkammer". Er ist gezwungen, sich mehr und mehr von der Propagandatätigkeit zurückzuziehen. Schließlich muss er, inzwischen völlig erblindet, im Herbst 1913 sein Pfarramt aufgeben.

Ungleich größeren Einfluss als die Pazifisten auf die öffentliche Meinung erlangen die seit 1900 im "Kyffhäuserbund" zusammengeschlossenen Kriegervereine - einer von AfDlern wie Gauland, Höcke und Kalbitz hoch gehaltenen Tradition. Die gesinnungsmilitaristische Agitation der "Kyffhäuser" fällt auf fruchtbaren Boden. Im Jahre 1913 verfügt der Bund über fast drei Millionen Mitglieder. Ebenso scharf bekämpft der im Januar 1912 von Generalmajor August Keim gegründete "Deutsche Wehrverein", dem schon bald nahezu 100.000 Einzelmitglieder und fast 500.000 körperschaftliche Mitglieder angehörten, die Friedensgesellschaft, obwohl es ihr bis 1914 lediglich gelungen ist, etwa 10.000 Personen für die Friedensidee zu begeistern. In seiner im Frühjahr 1914 verbreiteten Broschüre "Die Friedensbewegung und ihre Gefahren für das deutsche Volk" wendet sich Keim gegen den "geistlichen Antimilitarismus" und gegen die "Friedensfreunde als weltfremde Doktrinäre", die eine "Staatsgefährdung" darstellten, weil sie "verweichlichend" auf das Volk und die Wehrkraft einwirkten. Dem Machwerk Keims tritt die DFG mit der Schrift "Der Wehrverein - Eine Gefahr für das deutsche Volk" entgegen, und Umfrid, der auch für die Herausgabe verantwortlich zeichnete schreibt den Kriegsbarden ins Stammbuch, "dass die Staatsgefährlichkeit nicht auf der Seite derer liegt, die dem Volk das höchste Gut, den Frieden, zu erhalten streben, sondern auf der Seite derer, welche das Kriegsgespenst so lang heraufbeschwören, bis es mit Feuerzungen und Schwerterklirren wirklich kommt".

Dennoch hofft Umfrid, die politisch Verantwortlichen aller Großmächte würden nichts unversucht lassen, um einen "Weltenbrand" zu verhindern, eine Hoffnung, die sich als trügerisch erweisen soll. Der Erste Weltkrieg frisst alles Erreichte weg. Die Verdienste, die sich Umfrid auf dem Gebiet der deutsch-französischen und deutsch-englischen Verständigung erworben hat, sein Bemühen um eine "Friedenserziehung", sein Kampf gegen den Antisemitismus und Einsatz für die Freiheit des Menschen und die Anerkennung der Menschenrechte (wie etwa in der armenischen Frage) als Bestandteil jedweder Friedenspolitik, seine soeben in die Wege geleitete Bildung eines Verständigungskomitees mit Russland - all das ist nun durch die Entfesselung des Ersten Weltkrieges zerstört.

Erneute Schmähungen und Verfolgungen statt Friedens-Nobelpreis

Statt den Friedens-Nobelpreis zu erhalten, für den ihn, veranlasst von Wehberg, Professor Oppenheim in Cambridge vorschlägt, dabei wohl auch von Bertha von Suttner unterstützt, hat er 1914 erneute Schmähungen und Verfolgungen zu erdulden. Die Militärbehörden quittieren seine Vorträge "Sind wir noch Christen?" und "Wird dieser Krieg der letzte europäische sein?" mit einem dreifachen Verweis. Der freien Meinungsäußerung in Deutschland beraubt, veröffentlicht er 1915 in dem Schweizer Verlag von Orell Füssli seine gesammelten Kriegsaufsätze "Weltverbesserer und Weltverderber". Für den von November 1915 bis Februar 1917 verbotenen "Völkerfrieden" gibt Umfrid die Monatsschrift "Menschen- und Völkerleben" mit mehr ethnographischen als politischen Abhandlungen heraus. Im Jahre 1916 untersagt ihm das stellvertretende Generalkommando in Stuttgart den Versand pazifistischer Bücher und Schriften, die Herstellung, Ausgabe oder Verbreitung vervielfältigter Mitteilungen sowie jedweden Schriftverkehr mit dem Ausland. Nicht einmal vor der Zensur seines privaten Briefwechsels schrecken die Militärbehörden zurück.

Im Sommer 1916 übersiedelt Umfrid nach Lorch. In stiller Abgeschiedenheit verfasst er "Das Vaterunser in moderner Form", ein ergreifendes Plädoyer für die "Ewige Liebe". Anfang des Jahres 1917 erkrankt er an einer schweren Grippe, die ein Gemütsleiden nach sich zieht. Weder Trost noch Ablenkung vermögen sein Leiden an der Zerstörung Europas zu lindern. Am Pfingstmorgen des Jahres 1920 stirbt Otto Umfrid, ohne Anerkennung gefunden zu haben. Freunde schmücken seine letzte Ruhestätte mit weißen Rosen und einer Friedenspalme. Auf dem Grabstein Umfrids steht das von ihm gewünschte Wort: "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen."

Wenig rühmlicher Umgang der EKD mit Otto Umfrids Vermächtnis

Mit dem Vermächtnis Otto Umfrids ist die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD bislang wenig rühmlich umgegangen. Wohl gibt es örtliche und regionale Gruppen, Initiativen und Institutionen, die Otto Umfrids gedenken - mit Kranzniederlegungen, Gottesdiensten, Gedächtnisartikeln und -märschen etc. Immerhin hat der Konvent der württembergischen evangelischen Beistandspfarrer ihn anlässlich seines 150. Geburtstages 2007 als landeskirchlichen "Urvater der Friedensarbeit" bezeichnet. Die Stadt Lorch hat ihm nun eine Gedenktafel gewidmet. In Stuttgart gibt es eine nach ihm benannte Straße. Aber eine wirklich stetige Erinnerungsarbeit war und ist damit bislang nicht verbunden.

Noch weiter ist die EKD-Leitung davon entfernt. Bei dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart (2015), also der Wirkungsstätte des bedeutenden Pazifisten, spielte Umfrid keine bedeutende Rolle. Keine "Kirchenmaus" war hingegen 2017 sicher vor der Rückbesinnung auf Luther und die Reformation. Was dabei herauskommt, ist Juliane Zieglers Beitrag "Otto Umfrid - Der politisierende Pfarrer" in dem von Margot Käßmann und Heinrich Bedform-Strohm herausgegebenen Sammelband "Die Welt verändern - Was uns der Glaube heute zu sagen hat" (2017) zu entnehmen. Nichts erfährt der Leser darin etwas von Umfrids bedeutendem Kampf gegen den preußisch-neudeutschen Militarismus, die Kriegs- und Gewaltverherrlichung, von seiner Kritik am Bündnis von Thron und Altar und der kaiserlichen Kriegspolitik oder von seinen Warnungen vor dem Völkermord an den Armeniern.

Vergeblich sucht man auch nach einem Hinweis auf das Schicksal von Umfrids Sohn Hermann (1892-1934), der wegen des von der Kirche missbilligten pazifistischen Engagements seines Vaters erst fünf Jahre nach dem bestandenen Theologie-Examen in Kaiserbach seine erste ständige Pfarrstelle (1922) erhielt. 1929 in das fränkische Niederstetten versetzt, protestierte er am 26. März 1933 in seiner Predigt scharf gegen die tags zuvor erfolgte Misshandlung jüdischer Bürger in der Kleinstadt und anderen hohenlohischen Gemeinden und deren Verschleppung in Konzentrationslager durch die SA und Gestapo. Umfrid kennzeichnete die Untaten als Verbrechen, wofür ihn der Oberkirchenrat rügte. Trotz der alsbald erfolgten Verhöre und der Drohung mit KZ-Haft, erklärte er sich weiter mit den verfolgten Juden solidarisch. Unterstützung fand er dabei von niemandem. Im Januar 1934 forderte ihn der NS-Kreisleiter zur Aufgabe seines Amtes auf. Am 21. Januar 1934 nahm Hermann Umfrid sich das Leben. Es steht zu befürchten, dass Vater und Sohn Umfrid es auch künftig in Deutschland schwer haben dürften, "heimisch" zu werden.

Literatur:

  • Eduard Bernstein/Otto Umfrid: Armenien, die Türkei und die Pflichten Europas. Hrsg. von H. Donat - Donat Verlag, Bremen - 14.80 €  ISBN 978-3-934836-98-3
  • Christof Mauch/Tobias Brenner: Für eine Welt ohne Krieg: Otto Umfrid und die Anfänge der Friedensbewegung. Tübingen 1987 [antiquarisch erhältlich].

Helmut Donat (Jahrgang 1947) ist Historiker, Publizist und Verleger. Er lebt in Bremen und ist seit 1987 Inhaber des Donat Verlags . Biografie auf der Verlagsseite.

Veröffentlicht am

12. Juni 2020

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