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Während der Pandemie sehen wir, dass Gandhis Vorstellung vom “praktischen Idealismus” verwirklicht werden kann

Aus den inspirierenden Reaktionen der Menschen in aller Welt auf diese noch nie da gewesene Katastrophe kann eine neue Gesellschaft entwickelt werden.

Von Michael Nagler

In Wuhan in China hat die Honda-Fabrik ihre Produktion wieder voll aufgenommen. Die Menschen, von denen die meisten noch Masken tragen, gehen in dieser 11-Millionen-Industriestadt wieder frei umher und nehmen stetig ihr normales, vor-pandemisches Leben wieder auf. Wir freuen uns für sie, aber gleichzeitig denken wir: Das ist nicht das "Normale", das wir uns wünschen. Vor Kurzem war an einer Mauer in Chile zu lesen: "Wir wollen nicht zum Normalen zurück, denn das Normale war ja gerade das Problem!" Joe Biden sagte kürzlich: "Wenn wir hier raus sind, können wir nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen." Wir müssen das, was in unserem Land "im Innersten zerbrochen" ist, reparieren.

Aus den inspirierenden Reaktionen der Menschen in aller Welt auf diese noch nie da gewesene Katastrophe kann eine neue Gesellschaft entwickelt werden, und eben das sollten wir jetzt sofort im Geiste von Gandhis "praktischem Idealismus" planen. Das bedeutet: Wir sollten keine Wunder erwarten, dass etwa der Präsident zur Erkenntnis kommt und sich ändert oder dass seine Anhänger beschließen, nicht blind aufgrund von Gruppenzwang einer Ideologie zu vertrauen oder rechtsgerichtete evangelikale Christen ein Gefühl dafür bekommen, worüber Jesus gesprochen hat. Stattdessen sollten wir uns das ansehen, was spontan aus dem großen Reservoir von Widerstandskraft und Mitgefühl des Menschen entstanden ist - anscheinend war eine solche Krisensituation notwendig, sie hervorzurufen.

Der Organisator und Autor Paul EnglerVgl. auch: Engler, Mark and Engler, Paul. 2017. This Is An Uprising:  How Nonviolent Revolt is Shaping the Twenty-First Century.  New York: Nation Books. schrieb : "Während eines auslösenden Ereignisses werden Dinge, die zuvor unvorstellbar waren, schnell zur Realität und die gesellschaftliche und politische Landkarte wird neu gezeichnet." Wenn wir uns nach dem Höhepunkt der Ausnahmesituation aus dem Trümmerhaufen herausgearbeitet haben werden, werden wir jedoch gleichzeitig feststellen müssen, dass einige Dinge unvorstellbar viel schlechter geworden sind. Ejeris Dixon schrieb kürzlich , indem er einen alten Ausspruch Churchills variierte: "Das Schicksal hat uns eine Gelegenheit zur Veränderung der Gesellschaft beschert, die in eine ungeheure Herausforderung verpackt ist."M. Nagler: "Beim Wandel geht es nicht darum, andere Leute an die Macht, sondern den Leuten eine andere Art Macht zu geben."

Es gibt eine Ressource, die wir nicht übersehen sollten: Maßgeblicher Wandel kommt von innen. Während eines wöchentlichen Zoom-Calls, den Metta veranstaltet, erinnerte uns ein Teilnehmer daran, dass Gandhi seine Gefängnisaufenthalte immer als großartige Gelegenheit zur Meditation gesehen hat, und zwar so sehr, dass er das Gefängnis, in das er regelmäßig gebracht wurde, Yeravda Mandir, Tempel, nannte. Und jetzt hörte man einige Leute sagen, die eingesperrt wurden: "Ich fühle mich hier wie bei einer Meditations-Einkehr." Na gut, warum auch nicht! Wenn sich genügend von uns Zeit für spirituelle Erneuerung, Studium (der Gewaltfreiheit) und Planung nehmen, können wir hier rausgekommen und bereit sein, es mit dem Schaden aufzunehmen, den diejenigen angerichtet haben, die zynisch Vorteil aus diesem "Schock-Lehre"-Anfang ziehen. Und was noch mehr ist: Wir verfügen über alles, was wir dafür brauchen, um den Zynismus durch die Früchte unserer kreativen Fantasie und durch unser erneuertes Bewusstsein von Heiligkeit und Einheit des Lebens zu ersetzen.

Gewaltfreiheit kann unsere Niederlagen in Vorteile verwandeln. Im Irak, Lateinamerika, Europa, Indien und anderswo dürfen Menschen nicht mehr rausgehen und mit dem, was wir "konzentrierte Aktion" nennen, massenhaft protestieren. Aber diesen Mangel haben Aktivisten und Forscher schon sowohl durch Erfahrung als auch durch Forschung erkannt. Daraus ergibt sich, dass Gruppierungen wie Extinction Rebellion in Großbritannien und Sunrise Movement in den Vereinigten Staaten andere Vorgehensweisen finden.

Am aussichtsvollsten sind meiner Ansicht nach nicht die cacerolazos https://de.wikipedia.org/wiki/Cacerolazo ., das Topfschlagen, das oft nur die Protestmethode nach innen verlagert, sondern die verschiedenen Elemente, die zu einem konstruktiven Programm werden können: Essensausgaben, Firmen, die auf wichtige medizinische Ausrüstung umsteigen, deren Bereitstellung die Bundesregierung schändlich versäumt hat, Nachbarn, die Nachbarn in vielfacher Weise helfen, wobei sie sich nicht zuletzt durch die verordnete soziale (genauer: körperliche) Distanz überhaupt erst kennenlernen. Erinnert ihr euch, wie Occupy Sandy und Rolling Jubilee, die einen wesentlichen Schuldenerlass boten, aus der Asche von Hurricane Sandy erstanden sind? Für die Gewaltfreien ist die Not(wendigkeit) die wahre Mutter der Erfindung.

Aber es geht über die Aktivisten hinaus. In nur zwei Wochen hat China 100 Millionen Kubikmeter Kohlenstoff gebunden. Die Menschen in Nordindien sehen - einige von ihnen zum ersten Mal im Leben - das entfernte Himalayagebirge. In den Straßen Delhis sehen sie den blauen Himmel über sich. Delphine sind bereits in die Kanäle in Venedig zurückgekehrt usw. Wer will das Rad zurückdrehen, wenn wir sehen, wie schnell die Natur sich erholt, sobald wir ihr dazu eine Chance geben?

Etwas anderes, das wir uns zunutze machen können, sind die neu entstehenden Organisationsformen (z.B. das riesige Netzwerk, das Gandhi für Herstellung und Vertrieb von handgewebtem Stoff aus handgesponnenem Garn eingerichtet hat), die - typischer- und nützlicherweise - oft mit Bemühungen um ein konstruktives Programm einhergehen. Für uns sind die zukunftsträchtigsten neuen Netzwerk- und Organisationsformen diejenigen, die sich am Schnittpunkt zwischen den alten hierarchischen Modellen des kapitalistischen Systems und der vollkommenen Horizontalität der Occupy-Bewegung befinden.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass vollkommene Horizontalität, wie anziehend sie auf den ersten Blick auch sein mag, nicht funktioniert. Aber es gibt Beispiele von basis-demokratischen Organisationen und Unterstützungsnetzwerken, die in Nachbarschaften und darüber hinaus entstehen, die durchaus zur Grundlage für eine neue demokratische Kultur werden können, jedenfalls dann, wenn wir an ihnen festhalten und uns weigern, zum verheerenden "Normalen" zurückzukehren.

Ich lebe am Rande eines kleinen Dorfes. Hier gibt es wöchentlich eine Lebensmittelausgabe, die für viele Familien in letzter Zeit besonders wichtig geworden ist, und ein Funk- und Telefonnetz, durch das alle den Überblick darüber bekommen, was jeder Einzelne in unserem Ort im Notfall brauchen würde. Zwei in meiner eigenen Lebensgemeinschaft sitzen an ihrem Webstuhl und ihrer Nähmaschine und stellen Masken und Gesichtsbedeckungen her. Das ist vielleicht nur das jüngste Beispiel für das, was seit Äonen im Laufe der Evolution geschehen ist: Katastrophen und andere Herausforderungen sind die Geburtsstunde für Zusammenarbeit und Mitgefühl.

Aber wir sind Menschen und wir können nicht damit rechnen, dass sich diese neuen Formen und wiederentdeckten Werte, die jetzt bereits verwirklicht werden, von selbst zu einer neuen Welt zusammenfügen. Wir brauchen eine langfristige Strategie des kreativen Widerstands, die auf optimalen Vorgehensweisen beruht, wie sie in den letzten etwa 30 Jahren für gewaltfreie gesellschaftliche Aktion gut dokumentiert wurden. Wenn unsere Strategie so flexibel ist, dass sie sich an unvorhergesehene Hindernisse und Gelegenheiten anpasst und so umfassend, dass sie die Energien der gesamten Bewegung bündelt, dann wird sie uns einen Weg weisen, auf dem wir von relativ einfachen Veränderungen ausgehen und von einer Kraft zur nächsten fortschreiten, bis wir einen Weg gefunden haben, den Planeten neu zu gestalten. Ich kann mir vorstellen, dass sich ein solcher Plan in drei miteinander verbundenen Zweigen entfaltet:

  • Demokratie beginnt mit dem Wahlrecht (Abschaffung von Citizens United und dem Electoral College, anderen Formen von Wahlbetrug) und Folgendes soll aufgenommen werden: Gesundheitsfürsorge für alle, Ende der groben wirtschaftlichen Ungleichheit.
  • Kultur: Heute wirken die Gewalt verherrlichenden Medien und so gut wie alle Wirtschaftswerbung darauf hin, den Menschen ihre Bürgerrechte zu nehmen, ganz zu schweigen vom Recht der Menschen auf Selbstverwirklichung als gesunde Lebewesen mit einem übergeordneten Ziel.
  • Planet Erde. Der Grüne New Deal ist schon gut angelegt: Lasst ihn uns umsetzen!

Wir wollen an das denken, was der große Pionier der Friedensforschung Kenneth Boulding augenzwinkernd Bouldings erstes Gesetz nannte: "Wenn etwas geschehen ist, dann war es offenbar möglich." Teile der ersehnten Zukunft ereignen sich bereits und es gibt wenigstens ein Beispiel im großen Maßstab, wie man einen Notfall in Ordnung bringen kann, ein Beispiel, das wahrscheinlich für die Dauer eingerichtet worden ist, und ein noch bedeutsameres, das gerade erörtert wird.

Wenn die Regierung die Ausgabe von Rettungspaketen fortsetzt, wie sie Spanien als Notfallmaßnahme eingeführt hat, arbeitet sie daran, einen Plan für ein allgemeines Grundeinkommen umzusetzen, um "für die Schwächsten ein verlässliches Sicherheitsnetz" zu schaffen. Und nachdem der UN-Generalsekretär General Antonio Guterres zu einem weltweiten Waffenstillstand während der COVID-19-Pandemie aufgerufen hat, und 70 Länder den Aufruf unterschrieben haben, wiesen Medea Benjamin und Nicolas Davies mit unabweisbarer Logik darauf hin, wenn Krieg gar keine "wesentliche Aktivität" ist, warum sollte man darauf zurückkommen? Von allem, worauf wir verzichten können, ist das Spektakulärste der Krieg.

Dieser Text wurde im Metta Center for Nonviolence verfasst.

Michael Nagler ist emeritierter Professor der klassischen und vergleichenden Literatur der University of California, Berkeley. Dort hat er das Friedens- und Konfliktforschungs-Programm mitbegründet. Außerdem ist er Gründer des Metta Center for Nonviolence und Autor des preisgekrönten Buches Search for a Nonviolent Future.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel: The pandemic is showing that Gandhi’s notion of ‘practical idealism’ is possible . Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

07. Juni 2020

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