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“We Gotta Get out of This Place”

Wird "nach Corona" alles anders sein? Oder eher genau wie vorher? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: ähnlich wie vorher - nur schlimmer. Tendenzen, die sich schon vor der Krise andeuteten, kommen nun zu ihrer vollen Blüte: das betrifft die Entfremdung der Menschen zueinander mittels Technologie, das berührungslose Zahlen und eigentlich ein fast komplett berührungsloses Leben. Das betrifft aber leider auch die Tendenz, zwischen lebenswertem unwertem Leben zu unterscheiden. In welcher Welt werden wir nach diesem kollektiven Alptraum, in den wir eingetaucht sind, aufwachen?

Corona-Tagebuch, Teil 27

Von Götz Eisenberg

Die FAZ bringt in ihrer Sonntagsausgabe einen kleinen Text von Michel Houellebecq, der Die Zukunft nach Corona betitelt ist. Darin schreibt er: "Zuerst einmal glaube ich keine halbe Sekunde an Aussagen wie: ‚Nichts wird je mehr sein wie zuvor’. Im Gegenteil, alles wird genau gleich bleiben. … Das Coronavirus dürfte ganz im Gegenteil einen Wandel, der schon im Gange ist, beschleunigen. Seit einigen Jahren haben die technologischen Entwicklungen, ob sie nun weniger wichtig sind (Video-on-Demand, kontaktloses Bezahlen) oder wesentlich (Fernarbeit, Shoppen per Internet, die sozialen Netzwerke), zur Folge (zum Hauptziel?), die physischen Kontakte zu reduzieren, besonders die zwischen Menschen. Die Epidemie des Coronavirus liefert dieser Tendenz eine wunderbare Daseinsberechtigung, die menschlichen Beziehungen obsolet erscheinen zu lassen. …

Eine andere Zahl, die in den letzten Wochen an Bedeutung gewonnen hat, ist das Alter der Kranken. Wann ist es angebracht, sie zu reanimieren und zu pflegen? Mit 70, 75, 80 Jahren? Das kommt offenbar darauf an, in welcher Region der Welt man lebt; zumindest hat man nie mit einer solchen Schamlosigkeit zum Ausdruck gebracht, dass nicht jedes Leben den gleichen Wert hat; dass es ab einem gewissen Alter (70, 75, 80 Jahre?) ein bisschen so ist, als sei man schon tot. All diese Tendenzen, ich sagte es bereits, haben vor dem Coronavirus existiert, sie haben sich nur mit einer neuen Gewissheit zu erkennen gegeben. Wir werden nach dieser Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt aufwachen. Es wird dieselbe sein, nur in etwas schlimmer."

Ich fürchte, Michel Houellebecq hat recht. Optimismus, sagte Heiner Müller einmal, beruhe auf einem Mangel an Information. Aber mir gehen zwischendurch eben immer mal die Hoffnungspferde durch. Bei Max Horkheimer heißt es irgendwo sinngemäß, als Theoretiker neige er zum Pessimismus, als Mensch könne er nicht aufhören zu hoffen, dass die herrschende Gestalt der Wirklichkeit nicht das letzte Wort haben werde. So ist es.

Obwohl Michel Houellebecq die Bemerkungen von Boris Palmer zur Corona-Frage schwerlich mitbekommen haben wird, lesen sich seine Ausführungen wie ein Kommentar dazu. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen hat sich in der Corona-Debatte als Eugeniker zu Wort gemeldet. Bekannt für extravagante und provokante Thesen, zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage, hat er nun offenbar selbst für die Habeck-Baerbock-Grünen, die sich mit vielen Scheußlichkeiten arrangiert haben, den Bogen überspannt. In einem Kommentar zu Schäubles Äußerungen, nicht alles dürfe dem Schutz des Lebens untergeordnet werden, sagte Boris Palmer: "Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Die Entrüstung ist groß, aber die spannende Frage lautet: Wie viele Menschen im Lande denken wie er? Ich habe mich in Teil 9 dieses Tagebuchs, also lange vor Boris Palmer, unter dem Titel Sozialdarwinismus versus Solidarität schon einmal zu diesem Thema geäußert. Nebenbei sei angemerkt, dass Uwe Timm im Jahr 2017 einen Roman mit dem Titel Ikarien veröffentlicht hat, in dem es zentral um das Thema Eugenik und Euthanasie geht. Sie sollten/ihr solltet dieses Buch unbedingt lesen. Ich habe es im Oktober 2017 übrigens unter dem Titel Der (Alp-)Traum von Reinheit und Gesundheit auf den Nachdenkseiten besprochen.

Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, sah ich abends auf Arte einen wunderbaren Film über Eric Burdon: Eric Burdon - Roch’n’Roll Animal. Man sieht ihn anfangs in einer Wüste in den USA, und er sagt, er liebe die Stille und den Frieden in dieser Wüste. "Wo immer Menschen sind, gibt es Ärger." Sein vielleicht bekanntester Song stammt aus dem Jahr 1965 und heißt We Gotta Get out of This Place. Er schildert die Situation eines Jungen aus der Arbeiterklasse, der in der Nachkriegszeit in Newcastle aufwächst und es nicht aushält in dieser dreckigen Stadt, "wo die Sonne sich weigert zu scheinen". Er hat keine Lust auf das Leben seines Vaters, der geschuftet hat wie ein Sklave und zeitig graue Haare bekam. "Wir müssen hier raus, und wenn es das letzte ist, was wir tun!" Bruce Springsteen redet im Film über Eric Burdon und kommentiert dieses Stück, nachdem er es auf der Gitarre kurz angespielt hat: "Das ist alles, was ich jemals gesungen habe." Auch Steven van Zandt schwärmt von Burdon: "Eric war der erste Sänger, den ich sah, der nicht lächelte. Das war kein Showgeschäft. Das war es, was ich auch wollte." Er war lange Jahre Gitarrist in Springsteens Band, bevor er ins Schauspielfach wechselte. Sting, der auch aus Newcastle stammt und ebenfalls zu Wort kommt, war als Teenager mächtig stolz, dass es einer aus der Arbeiterklasse seines Heimatortes geschafft hatte, mit The House of the Rising Sun einen Nummer-Eins-Hit in den USA zu landen. Eric Burdon war auch sein großes Vorbild. Ein einstündiger Film, der die Corona-Monotonie wohltuend unterbrach und an bessere Zeiten, an Zeiten des Aufbruchs, erinnerte. Der Horizont riss auf und weitete sich. Für eine Weile schien alles möglich. Wenn ich Burdons Musik höre, habe ich sofort wieder den Geruch der Freiheit in der Nase. Zu den Symptomen der Corona-Erkrankung gehört angeblich auch der vorübergehende Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Hoffentlich ist nicht der soziale Geruchssinn und das Erinnerungsvermögen betroffen.

Am Tag nach der Ausstrahlung des Films über Eric Burdon, also am 9. Mai, ist Little Richard gestorben. "Rock ‘n’ Roll" versetzte die pädagogisch verschwiegenen und versteiften Nachkriegs-Körper in Bewegung. Mit Tutti Frutti und Long Tall Sally fing alles an. In dem von Hans-Jürgen Linke und mir herausgegebenen Band Fuffziger Jahre erinnert sich Udo Lindenberg: "Ich verstand nicht, worum es ging, aber diese elektrisierende Musik rockte mich durch. Ich rannte in die Küche, schnappte Töpfe und Kochlöffel, trommelte die letzte Minute von Tutti Frutti mit. Damit war die für mich damals gerade aktuelle Berufsentscheidung zwischen Seefahrer und Trommler gefallen. Ich dachte: Jetzt ist Erdbeben." Udo ist fünf Jahre älter als ich. Für mich kamen Little Richard und Elvis Presley zu früh, es wurde nie meine Musik. Für mich begann die Zeit des Aufbruchs mit den Rolling Stones, Eric Burdon und The Who. Alle habe ich glücklicherweise irgendwann live erlebt. Ende der 1970er Jahre lebte Burdon eine Zeit lang in Hamburg und wurde von Lindenberg und dem Panik-Orchester herzlich aufgenommen. Ich sah sie 1979 auf einer gemeinsamen Deutschlandtournee und war begeistert von den beiden, die sich sicht-, hör- und spürbar mochten und sich auf der Bühne perfekt ergänzten. Ihre gemeinsame Version von We Gotta Get out of This Place habe ich heute noch im Ohr: In dieser dunklen Malocher-City gehen die Schatten niemals weg … Als ich sie mir eben nochmal angeschaut und -gehört habe, dachte ich: Wie jung die beiden da noch waren! Ich natürlich auch.

Ein mit John Berger befreundeter Saxophonspieler wurde an einem Samstagabend auf dem Heimweg in sein Dorf von einem Auto erfasst und getötet. Von Beruf war Felix Anstreicher gewesen. Jeden, den er traf, sprach er mit "Genosse" an, auch den Priester und den Bürgermeister. "Im Laufe der Jahre mussten einige der Wohnungen, die er angestrichen oder tapeziert hatte, renoviert werden und seine Arbeit wurde heruntergerissen. Und so entdeckte man oft, dass er, bevor er neue Tapeten und Paneele anbrachte, mit seinem breiten Borstenpinsel an der Wand Botschaften hinterlassen hatte: Profit ist Scheiße. Der Armen das Himmelreich. Vive la Justice!"

Die Gehirnantilope springt von John Berger zu Bertolt Brecht. Diese von John Berger in seinem Buch Hier, wo wir uns begegnen festgehaltene Episode erinnert mich an Brechts Gedicht "Die unbesiegbare Inschrift". Die von einem Gefangenen an die Wand seiner Zelle gekritzelte Inschrift "Hoch Lenin!" schlägt trotz vieler Versuche, die zu übermalen und zum Verschwinden zu bringen, immer wieder durch. Am Ende sagte ein Soldat entnervt: "Jetzt entfernt die Mauer!"

Geschichten, die vom Kampf um die Erinnerung zeugen. Imre Kertész notierte während eines Besuchs im wiedervereinigten Berlin: "In ein paar Jahren wird sie verschwunden sein, wird sich alles, alles ändern - die Menschen, die Häuser, die Straßen; die Erinnerungen werden eingemauert, die Wunden zugebaut sein, der moderne Mensch mit seiner berüchtigten Flexibilität wird alles vergessen haben, wird den trüben Bodensatz seiner Vergangenheit wegfiltern, als wär’s Kaffeesatz."

Heute sah ich die Schwänin zum ersten Mal mit ihren Jungen. Wie viele es sind, konnte ich nicht sehen, weil das Schilf sie verdeckte. Zwei Küken sah ich, aber es werden sicher mehr sein. Als ich versuchte, etwas näher heranzukommen, fauchte sie in meine Richtung, um mir zu signalisieren, dass ich gefälligst wegbleiben sollte. Vor Jahren ist beim Baden in einem See mal ein Schwan auf mich losgegangen. Wenn Schwäne Junge haben, ist mit ihnen nicht zu spaßen. So hielt ich mich fern.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 29.05.2020.

Veröffentlicht am

30. Mai 2020

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