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“Selig sind die Friedenstifter” - Zum 100. Todestag von Otto Umfrid am 23. Mai 2020

Otto Umfrid war Pfarrer an der Martinskirche und der Erlöserkirche in Stuttgart. Am 23. Mai 1920 ist er gestorben. Anlässlich seines 100. Todestages fand ein von Pfarrer i.R. Harald Wagner gestalteter Gedenkgottesdienst in der Erlöserkirche statt. In der Predigt wird Umfrids Friedenstheologie und Friedensarbeit thematisiert und gewürdigt.

Von Harald Wagner - Predigt

Liebe Friedensgemeinde!

Nach einem Friedensgottesdienst in der Christuskirche in Korntal kam die Frau des ehemaligen Prälaten Hartenstein auf mich zu und sagte mir: "Heute hätte sich mein Vater über ihre Friedenspredigt besonders gefreut". "Ja wer ist Ihr Vater?" "Otto Umfrid. Er war Pfarrer in Stuttgart". Dies hat mich neugierig gemacht. Damals konnte man noch nicht googeln. Ich suchte in der Landesbibliothek, was ich über Otto Umfrid, der ursprünglich Unfrid hieß und sich umbenannte, finden könnte.

Im Abendblatt der "Schwäbischen Chronik" vom 25. Mai 1920 stand ein kurzer Nachruf: "In Winnenden ist am 23. Mai, im Alter von 63 Jahren, nach langem Leiden, Stadtpfarrer a.D. Otto Umfrid gestorben. In Nürtingen geboren, war er von 1884 als Geistlicher in Peterszell tätig gewesen. Im Jahre 1890 kam Umfrid an die Wanderkirche in Stuttgart. 1893 wurde ihm das Stadtpfarramt an der Martinskirche übertragen. Im Jahre 1913 musste er zurücktreten. Ein immer stärker werdendes Augenleiden machte ihm zu schaffen. In seinen Gemeinden war er mit großem seelsorgerlichem Erfolg tätig; Lieblingsarbeit seines Lebens aber war das Wirken für den Weltfrieden, die furchtbaren Schläge der Kriegsjahre haben ihm das Herz gebrochen. 1914 sollte er als einziger württembergischer Pfarrer den Friedensnobelpreis bekommen. Die Pazifistin Berta von Suttner hatte ihn vorgeschlagen. Wegen des Ausbruches des 1. Weltkrieges hat er ihn nicht mehr erhalten. Seinen Ruhestand verbrachte er in Lorch. Eine schwere Depression führte ihn in die Heilanstalt in Winnenden. Dort ist er nun verstorben."

Wer war dieser Mann? Mitchrist, Friedenspfarrer, Liebhaber des Friedens? Er litt an einem Augenleiden, einer Netzhautablösung, und sah doch klarer als seine vom Kriegsgeschrei verblendeten Zeitgenossen. Das Evangelium war für ihn Evangelium  vom Frieden. Der innere Kern des christlichen Glaubens  war für ihn Christus. Der Friedensgruß Gottes "Friede sei mit euch". Aufgabe der Christen sei es, dieses Friede sei mit euch praktisch zu leben: Feinde lieben und Gewalt überwinden.

Umfrid nahm die Bergpredigt ernst als das Aufleuchten der Anderwelt Gottes."Daß die Schwerter nicht erst im Himmel zu Pflugscharen und die Spieße zu Sicheln gemacht werden". Dies machte ihn zum Außenseiter in seiner Kirche. Er wurde am Ende seines Lebens krank, eine gesunde Reaktion auf die seelische Krankheit "Friedlosigkeit".

Was bewegte diesen vergessenen schwäbischen Friedensfreund? Im Württembergischen Pfarrerverzeichnis heißt es von ihm, sein "Hobby" sei das Wirken für den Frieden gewesen. "Er war bekannt als Pazifist".

Er war Mitbegründer vieler Friedensgruppen in Württemberg. Er vernetzte sie im Landesverein der Friedensgruppen und brachte als ihr Vereinsorgan die Zeitschrift "Die Friedensblätter" in Esslingen heraus. Die sozialdemokratische Zeitschrift "Der Beobachter" stellte ihn als "Vorbild für andere Geistliche" dar, "die so gern von Krieg und Kriegsgeschrei reden". Sie hielten den Krieg für mehr wert als 1.000 Erweckungsprediger vom Schlage eines Elias Schrenk, da er "die Kirchen fülle". Von seinen Gegnern wurde Otto Umfrid als "Friedenshetzer" beschimpft.

Den Rüstungswettlauf bezeichnete er einen "Cäsarenwahnsinn" in dessen Folge tausende von Kindern an Unterernährung sterben, während sich der öffentliche und private Reichtum hebt. Mit der Hälfte der Summe die man für Kriegszwecke ausgibt, könnte man das menschliche Elend aus der Welt schaffen.

Otto Umfrid lebte in der Hoffnung auf die Abschaffung des Krieges "bevor es zu spät ist". In dieser Hoffnung auf die Abschaffung der Institution des Krieges wandte er sich besonders an die Frauen. So schrieb er regelmäßig im Unterhaltungsblatt des Schwarzwälder Boten "Briefe an unsere deutschen Frauen" über die Friedensbewegung. "Ich glaube daran, dass wir alle dem Krieg ein Ende machen möchten. Dazu brauchen wir die Hilfe der Frauen. In deine Hände ist das wichtigste Erziehungswerk gelegt. Menschenliebe sollst du in die Herzen deiner Söhne pflanzen, nicht den Hass der Brüder. Wir brauchen fromme Geister, die unsere Männer in das goldene Land des Friedens leiten, die Frauen könnten solche Friedensengel sein."

Zwanzig Jahre werbende Bemühungen um die evangelischen Geistlichen in Württemberg und Deutschland hatte Umfrid hinter sich. Schmerzliche Enttäuschungen, Zurückweisungen durch die Amtsbrüder, der antichristlichen Tendenzen geziehen; dennoch versucht er im Mai 1913 nochmals in "dieser letzten bösen Zeit" die Mobilmachung der Kirchen gegen den Krieg mit einem Brief an alle Theologen, Geistlichen und Hochschullehrer der evangelischen deutschen Landeskirchen: Das "Gott mit uns, der Mobilmachung für den Frieden" sei die Losung 1913. Umfrid spielt an auf das "Gott mit uns" auf den Koppelschlössern. Das "Gott mit uns" kann es nur für den Frieden geben. "Den Völkerfrieden zu erhalten, sagt man, müsse immer angespannter gerüstet werden, aber die Tatsachen zeigen, dass alle Kulturstaaten das Gleiche tun, dass bewaffneter Frieden den Anfang erneuten Rüstens bedeuten würde." Otto Umfrid hebt hervor, dass Recht vor Gewalt ergehen müsse, dass die Verständigung der Völker über eine Rechts- und Friedensgemeinschaft zwingend sei, und dass man den Völkern die Ethik zumuten müsse, die zwischen Einzelmenschen selbstverständlich ist. "Es ist schmerzlich zu bedauern, dass bisher nur ein verschwindender Teil der deutschen evangelischen Theologen den Völkerfrieden öffentlich vertritt, dass wir diese praktische Gefolgschaft Jesu Christi der kirchenfremden Sozialdemokratie überlassen." Diesem Aufruf schlossen sich 395 Geistliche an, andere nennen dieses Unternehmen ein Verbrechen, das an den "Hoch- und Vaterlandsverrat" grenze. Die Reaktion Umfrids auf die Verunglimpfung durch die Amtsbrüder: "In manchen Kreisen scheint das ganze Christentum zum Satz ‚Seid untertan der Obrigkeit’ zusammenzuschrumpfen."

Umfrid war mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. 1914 sollte er ihn bekommen, doch der 1. Weltkrieg verhinderte die Würdigung seiner Friedensarbeit. Als er ausbrach, erfasste eine lähmende Depression alle, die prophetisch gegen ihn angekämpft hatten. Umfrid nannte ihn das "Golgatha der Friedensbewegung". Auch im Krieg hörte er nicht auf, durch finanzielle Zuwendungen internationaler Organisationen, die Friedensarbeit zu unterstützen, trotz Bespitzelung durch den Staat. Er war sich bewusst, dass es eine Aufgabe von Generationen ist, den Krieg abzuschaffen. "Die Liebe zu den Kindern, zu den Enkeln", so schreibt er, "muss uns helfen; der Altruismus, der den alten Mann bewegt, die Bäumchen anzupflanzen, deren Früchte erst das Enkelkind genießen soll; denn die Utopien von gestern sind die Wirklichkeiten von morgen".

Auf seinem Grabstein steht die biblische Verheißung, die er mit seinem Leben und Werk bezeugte: "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen."

Auf der Homepage der Landeskirche ist ein Video eingestellt von einer kleinen Gedenkfeier am Grab Umfrids. Prof Heckel würdigte Otto Umfrid, der sich gegen das Augsburger Bekenntnis CA 16, "daß Christen rechtmäßig Krieg führen dürfen", gestellt und CA 16 abgelehnt hat. Wir Christen heute haben dagegen das Leitbild vom gerechten Frieden, d.h. Gewalt überwinden, Gerechtigkeit und Frieden und Bewahrung der Schöpfung gestalten. Es brauchte zwei Weltkriege, das Stuttgarter Schuldbekenntnis, "das Krieg darf nach Gottes willen nicht sein" des Ökumenischen Rats der Kirchen, um das schlichte Evangelium vom Frieden, wie Umfrid es bezeugte, heute ernst zu nehmen und gegen Rüstungsexporte, Erneuerung von Atomwaffen, säbelrasselnde Manöver aufzustehen. "Selig sind die Friedensstifter".

Harald Wagner, Pfarrer i. R in Korntal, war von 1986-95 Beauftragter für KDV, ZDL und Friedensarbeit der württembergischen Landeskirche; er ist Vorsitzender von Pro Ökumene - Initiative in Württemberg.

 

Video: Gottesdienst zum 100. Todestag von Otto Umfrid

 

Otto Umfrid: "Die Utopien von gestern sind die Wirklichkeit von morgen"

Weblink:


 

Veröffentlicht am

25. Mai 2020

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