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Lieber Respekt als Angst

Manche haben Angst vor Corona. Manche fürchten eher, dass wir unsere Freiheitsrechte nie wieder bekommen und in eine Diktatur abdriften. Schließlich gibt es Menschen, die unter beiden Formen der Angst leiden - und noch unter einigen anderen. In allen Fällen ist die Angst, die ja angeblich kein guter Ratgeber ist, unser ständiger Begleiter. Über die politische Dimension ist viel gesprochen worden - "Angstmache". All diese Analysen sagen uns aber nicht, wie wir mit Angst umgehen, sie bezähmen, vielleicht sogar loswerden können. Die Sängerin und Autorin Nirit Sommerfeld geht mit dem Thema sehr persönlich um. Sie sagt, was ihr hilft und wie sie der Angst quasi ihren Schrecken nehmen konnte: zunächst indem sie sie annahm.

Von Nirit Sommerfeld

Wir durchleben gerade alle eine außergewöhnliche Zeit. Die meisten von uns haben den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt, aber oft wird die Corona-Krise als das einschneidende Ereignis nach jener globalen Katastrophe beschrieben. Oft wird auch die Spanische Grippe als Vergleich hinzugezogen, die letzte weltumspannende Pandemie, die über 20 Millionen Menschen, unter ihnen viele junge Soldaten, dahinraffte.

Nun leben wir hier in Deutschland unter weitgehend optimalen Bedingungen. Der Hygienestandard ist hoch, die medizinische Versorgung sehr gut und wir haben (noch) die Freiheit, uns die Art von Medizin auszusuchen, die wir für uns für richtig halten. Voraussetzung hierfür ist aber, dass wir auch ein gewisses Bewusstsein darüber mitbringen und ein Gespür dafür entwickeln, was uns wirklich guttut. Aber wie sollen wir das wissen, wie sollen wir mit Sicherheit sagen können, welche Medizin, welche Vorsichtsmaßnahmen, welche Impfung, welche Nahrung für uns oder unsere Liebsten die richtige Wahl ist in einer Zeit, in der Angst und Verunsicherung unsere ständigen Begleiter sind? In einer Zeit, in der unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen eher zu einer Spaltung führen als zu fruchtbaren Diskussionen, in der Freundinnen sich plötzlich entzweien, weil unterschiedliche Perspektiven nicht als bereichernd betrachtet werden, sondern Zwietracht und Misstrauen säen?

Ich beobachte diese Entwicklung seit einiger Zeit und frage mich, was eigentlich dahintersteckt. Und kann vor allen Dingen eines erkennen: Angst. Angst ist ein äußerst mächtiges Phänomen, Angst wird oft als das stärkste Gefühl beschrieben, das alle anderen Mechanismen beim Menschen außer Kraft setzt. Das ist in manchen Situationen lebenswichtig: Wenn jemand mit dem Messer auf dich zugeht, ist es gut, dass die Angst dein Adrenalin in die Höhe schießen lässt und dir ungeahnte Kräfte verleiht, die dich rennen und schreien lassen, um dein Leben zu retten. Angst kann aber auch lähmen, aggressiv oder depressiv machen. Dabei ist Angst ein ganz natürlicher Begleiter, sie gehört "unvermeidlich zu unserem Leben", wie Fritz Riemann schon 1961 im Vorwort seines Buches Grundformen der Angst schrieb, das heute zu den Standardwerken der Psychoanalyse gehört. Die entscheidende Frage ist also nicht, wie wir Angst loswerden, sondern wie wir mit ihr umgehen, damit unser Leben nicht von ihr bestimmt ist.

Riemann schreibt: "Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen." Doch wie geht das? Wie können wir Mut und Vertrauen schöpfen in dieser Zeit, in der die unterschiedlichsten Meldungen uns umschwirren, die alle eher geeignet sind, unsere Angst zu verstärken? Sei es die Angst vor dem Virus, der Krankheit, dem Tod oder die Angst vor staatlicher Kontrolle, dem Verlust von Freiheit und Demokratie?

Zunächst vorab: Es geht nicht darum, Angst vollkommen aus unserem Leben zu eliminieren. Das ist nicht möglich und weder erstrebenswert noch gesund, sie gehört zum Menschsein dazu und kann ja auch manchmal nützlich sein. Es geht darum, sich nicht von ihr bestimmen zu lassen, nicht in ihr gefangen zu sein und ihrem "Rat" zu folgen - nicht umsonst heißt es: "Angst ist kein guter Ratgeber". Vielmehr geht es darum, Angst anzunehmen, also sich ihrer bewusst zu werden, sich mit ihr auseinanderzusetzen, um sie dann zumindest ein stückweit loslassen zu können. Ja, aber WIE??

Ich kann Dir kein Patentrezept dafür geben, aber ich kann erzählen, was bei mir funktioniert. Es geht damit los, dass ich überhaupt mal für mich selbst anerkenne, dass ich verunsichert, vielleicht sogar verängstigt bin. Das merke ich daran, dass ich unfähig bin, mich zu konzentrieren, eine klare Entscheidung zu treffen, hin- und hergerissen bin, was richtig und was falsch ist, von Zweifeln geplagt bin… ich fühle mich rundum unzufrieden. Ich frage mich: Will ich das? Will ich dominiert sein von solchen Gefühlen, die mich bremsen oder gar lähmen? Oder will ich frei sein, vernünftig nachdenken und handeln zu können? Ich habe einen freien Willen und damit die Wahl, mich zu entscheiden. Es ist lediglich eine innere geistige Leistung.

Ich treffe die Entscheidung, mich nicht von der Angst regieren zu lassen. Das passiert, indem ich es einfach sage, still oder laut, das ist ganz egal. Ich behaupte es. Damit ist der erste, der wichtigste Schritt getan. Ich habe mich entschieden.

Dann ziehe ich mich zurück auf ein ruhiges Plätzchen, setze oder lege mich bequem hin, schließe die Augen und lege meine Hände auf den Bauch. Ich beobachte, wie er sich mit jedem Atemzug hebt und senkt. Ich beobachte auch meine Gedanken: Meist wollen sie mich ablenken, halten mich beschäftigt mit all dem, was ich zuvor beschrieben habe. Ich bedanke mich bei meinem Hirn, das so leistungsfähig ist (manchmal murmele ich das laut vor mich hin), und sage den Gedanken, dass sie später wiederkommen, aber jetzt verschwinden dürfen. Das passiert laufend, während ich bewusst andere Gedanken und Fragen hervorhole. Zunächst denke ich an all das Gute, das mich umgibt: Mein warmes Zimmer (auch wenn es draußen regnet), mein gemütliches Bett, mein Dach überm Kopf, mein gefüllter Kühlschrank, die schönen Dinge, die mich umgeben; meine Beziehung, meine Liebsten - Kinder, Freundinnen und Freunde; mein Beruf; meine vielen Möglichkeiten, mir Freiheiten zu verschaffen: an die frische Luft zu gehen, mit anderen zu kommunizieren, mobil zu sein (auch wenn das derzeit etwas eingeschränkt ist).

Dann denke ich an alles, was ich in meinem Leben schon alles verloren habe, von was ich mich (gefühlt endgültig) verabschieden musste. Als erstes fällt mir mein Vater ein; er starb, als ich 18 war. Es war ein herber Verlust, der den Rest meines Lebens - das sind nun schon 40 Jahre - geprägt hat. In dieser Zeit habe ich viele andere geliebte Menschen gehen lassen müssen; außerdem habe ich mich von meinen Kindern verabschiedet, weil sie erwachsen sind und nun ihr eigenes Leben leben (und ja, wir haben engen Kontakt - dennoch haben sich die Rollen dramatisch verändert). Ich musste mich von meiner Jugend mit meinem schnellen, leichten Körper verabschieden, von Abenteuern, Liebschaften, von meiner Heimat und von manchen Träumen. Ich stelle mir all das möglichst genau vor, atme und fühle dort hinein. Manchmal fließen dabei auch ein paar Tränen.

Und dann stelle ich mir Fragen: Wie ging es danach jeweils weiter? Wie konnte ich danach weiterleben? Habe ich das überlebt? Auch und gerade diese Frage ist wichtig, so komisch sie klingen mag! Es ist auch wichtig, die Antworten darauf genau zu beobachten. Oft beginnt die Antwort mit "Ja, aber…". Ja, aber es hat so weh getan! Ja, aber ich habe sie/ihn so vermisst! Ja, aber es war nie wieder so wie früher! Und dann wieder die Frage: Hast Du das überlebt?

Die wichtigste Erkenntnis für mich: Es ist hinterher nie so wie früher. Dinge verändern sich. Alles ist im Fluss. Aber das Leben geht weiter. Bis es endet. Sterben ist unvermeidlich. Wir täten gut daran, uns mit dieser banalen und doch so wichtigen Tatsache anzufreunden. Denn so wie wir alle - ohne eine einzige Ausnahme - durch das Wunder der Geburt in dieses Leben gekommen sind, so werden wir - garantiert ohne Ausnahme - auch wieder aus diesem Leben gehen. Für mich ist es daher von entscheidender Bedeutung, wie dieses Leben im Hier und Jetzt gelebt wird. Ich wünsche, es für meine gesamte Umwelt - Menschen, Tiere und Pflanzen - gut verträglich und selbst bestimmt leben zu können, weitgehend frei von Ängsten und anderen Schmerzen. Vermeidbar sind sie nicht, aber das Wissen darum, dass es auf jeden Fall weiter geht, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn mein kleines bescheidenes Dasein unterschiedliche Formen annehmen kann, schenkt mir Kraft und Zuversicht. Was soll schon passieren? Wenn ich krank werde, werde ich ziemlich sicher wieder gesund. Ich habe schließlich schon einige heftige Krankheiten überwunden. Wenn ich vorerkrankt bin, sollte ich vernünftig sein, mich schützen, Respekt vor der Gefahr haben, mich gesund ernähren, mich möglichst an der frischen Luft bewegen, viel lachen und nicht zu viele Informationen täglich aufnehmen. Morgens und abends eine Viertelstunde Radio hören genügt oft schon, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich will die Covid-19-Erkrankungen nicht verharmlosen. Aber ich bin überzeugt, dass wir besser mit ihnen umgehen können, wenn wir ihnen eher mit Abstand und Respekt begegnen als mit Angst. Die schwächt nämlich nachweislich unser Immunsystem, und das können wir derzeit gar nicht gebrauchen.

In diesem Sinne: Bleib gesund und fröhlich, ermutige Dich selbst und andere! Triff Deine eigene freie Entscheidung. Smile and keep breathing.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 20.05.2020.

Veröffentlicht am

22. Mai 2020

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