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Mummenschanz

Maske ist ein vieldeutiger Begriff. Das "Vermummungsverbot" deutet auf Maskierung als Kennzeichen für kriminelle Absichten hin. Das derzeitige Vermummungsgebot, die Maskenpflicht, kriminalisiert dagegen den Normalfall, das "Gesicht-Zeigen". Letzteres ist für die gesellschaftlichen Verhältnisse wesentlich verräterischer. Unterliegen wir nicht eigentlich im öffentlichen Raum immer einer Maskenpflicht, also dem Zwang, uns zu verbergen und statt unserer eigenen, natürlichen eine gesellschaftlich geforderte Gestalt zu zeigen?

Corona-Tagebuch, Teil 22

Von Götz Eisenberg

Noch immer ist strahlendes Frühlingswetter. Ich fahre mit dem Rad aus der Stadt heraus. Ich raste auf einer Bank. Im Gebüsch hinter der Bank singt eine Nachtigall, deren Repertoire unglaublich variantenreich ist und die das Leben bejubelt. Ich lausche ihr eine Weile. Eine Dame, die ihren Hund spazieren führt, redet auf mich ein. Die Leute haben unter der Kontaktsperre einen großen Redebedarf. Dann fahre ich weiter. Auf den weiten Feldern vor dem Kinzenbacher Forst stehen Feldlerchen in der klaren Luft und lassen ihr Trillern erklingen. Zwischendurch führen sie übermütig ihre Flugkünste vor. Ihre flatternd aufgefangenen Sturzflüge sind Teil der Balz. Über all diesen Vogelbeobachtungen liegt ein melancholisches Noch: Noch gibt es sie; wer weiß, wie lange noch?

Im Wald stoße ich auf die inzwischen leider üblichen Verwüstungen, die die riesigen Maschinen hervorrufen, mit denen die vormaligen Waldarbeiter inzwischen in den Wald eindringen. Sie schlagen zehn Meter breite Schneisen, die ein Meter breiten gigantischen Räder reißen tiefe Schründe in den Boden. Unter ihnen wird alles zerquetscht und zermalmt. Mittels dieser Harvester genannten Monster stehen die Waldbesitzer in der Natur wie in Feindesland. Ihre Verheerungen sind Mahnmale des Krieges der Menschen gegen die Natur.

Auf sehr vermittelte Weise hängt, wie wir gesehen haben, die Corona-Pandemie mit diesem Krieg zusammen. Solange wir ihn nicht beenden, gibt es auch gesellschaftlich keinen Frieden. Als ich die tiefen Wunden, die diese panzerartigen Fahrzeuge dem Waldboden schlagen, einmal in einer Kolumne beklagte, bekam ich vom städtischen Forstamt die Auskunft, es handele sich um "Verdrückungen", von denen bereits nach einem halben Jahr nichts mehr zu sehen sei. Diese Beschwichtigung durch verharmlosende Begriffe erinnerte mich an eine Geschichte, die Max Horkheimer in seinem Buch Dämmerung erzählt hat: "Beim Gang durch ein Irrenhaus wird der schreckliche Eindruck, den der Laie von dem Tobsüchtigen empfängt, durch die sachliche Feststellung des Arztes beschwichtigt, dieser Patient befinde sich eben in einem ‚Erregungszustand’. Durch die wissenschaftliche Einordnung wird der Schrecken über das Faktum gewissermaßen als unangebracht hingestellt. ‚Nun - es handelt sich eben um einen Erregungszustand’." Was regen Sie sich auf, es handelt sich eben um Verdrückungen. Übrigens sind die Wunden keineswegs nach einem halben Jahr verheilt, sondern noch jahrelang sichtbar. Es bleiben Kraterlandschaften, es sieht aus wie auf Schlachtfeldern.

Ich kenne Leute, die haben die taz abonniert und ein Mal in der Woche kommt die Putzfrau. Der Paketbote bringt das Bio-Müsli ins Haus. Die Söhne benehmen sich wie junge Herren und heben beim Blättern in der taz die Beine, damit die Putzfrau auch unter ihren Füßen wischen kann. Dass das nicht mehr als Widerspruch empfunden wird, beschreibt die ganze Crux mit diesem grünen Wohlstands-Milieu.

Dass nun ausgerechnet die Schulen bereits wieder geöffnet werden sollen, scheint riskant. Gestern in der Talkshow Lanz wies die GEW-Chefin von NRW, Maike Finnern, darauf hin, wie unvorbereitet und mangelhaft ausgerüstet die meisten Schulen und Lehrerinnen und Lehrer sind. Abstands- und Hygiene-Regeln könnten unter diesen Bedingungen nur schwer oder gar nicht eingehalten werden. Bei der schnellen Wiederaufnahme des Schulbetriebs stehen ökonomische Interessen im Vordergrund. Die Eltern sollen von der Kinderbetreuung entbunden werden, damit sie wieder zur Arbeit gehen können. Die Schulen sind auf die neuen Anforderungen nicht vorbereitet und es existieren keine auf die gegenwärtige Lage zugeschnittenen pädagogischen Konzepte. So werden die Schulen unter den jetzigen Bedingungen kaum mehr sein können als Kinderverwahranstalten. Aber, waren und sind sie das im Kern nicht seit eh und je und sowieso?

Wenn es nach mir ginge, könnten die Schulen dauerhaft geschlossen bleiben und durch etwas Besseres, Sinnvolleres ersetzt werden. Und damit meine ich nicht die Digitalisierung des Unterrichts. In meinem Text Digital idiots , der im November 2018 auf dem Blog Hinter den Schlagzeilen erschienen ist, habe ich dazu geschrieben: Wir brauchen keinen "Digitalpakt für Schulen", sondern einen gesellschaftlichen Solidarpakt, der Schulen und Schüler vor der Zurichtung durch die Digitalisierung schützt. Die digitalen Geräte nehmen die Schüler und Schülerinnen ohnehin von morgens bis abends in Beschlag, da muss die Schule nicht auch noch einsteigen. Das Geld, das für den Digitalpakt vorgesehen ist, sollte stattdessen für die Renovierung der Schulen, das Anlegen von Gärten, die Einrichtung von Werkstätten, in denen handwerklich richtige Dinge hergestellt werden können, für Theater-AGs und Musik-, Tanz- und Literaturprojekte ausgegeben werden. Wir sollten die Potenziale der natürlichen Intelligenz entwickeln, bevor wir auf die künstliche setzen. Die Köpfe der Kinder müssen aus der digitalen Begradigungsmaschine herausgezogen und freigemacht werden für menschliche Entwicklungs- und Lernprozesse. Ein Vormittag im Wald ist unermesslich wertvoller als einer vor Bildschirmen. Eine Welt aus Startup-Unternehmern, Aktienspekulanten, Youtube-Stars und Influenzern ist zwar möglich und leider auch sehr wahrscheinlich, aber wünschenswert und sinnvoll ist sie nicht.

Für jemand, der lange im Gefängnis gearbeitet hat, ist das Maskentragen im Corona-Alltag doch etwas befremdlich. Früher hatten Leute, die ein Geschäft maskiert betraten, ziemlich eindeutig kriminelle Absichten, und die Hände der Beschäftigten zuckten zum Alarmknopf. Aktenzeichen XY-geschulte Leserinnen und Leser werden sich an die unscharfen Bilder von Überwachungskameras erinnern, auf denen von schräg oben eine Gestalt mit verhülltem Gesicht zu erkennen war, die unter Vorhalten einer Waffe einen Kassierer zur Herausgabe von Geld zwang. Heute könnte ein Mann mit Sturmhaube eine Bank oder ein Juweliergeschäft betreten und würde kein Aufsehen erregen. Wer früher sein Gesicht verhüllte, führte Böses im Schilde. So sah es der Staat auch in Bezug auf Demonstranten und erließ 1985 in der Bundesrepublik ein sogenanntes Vermummungsverbot. Was wird aus ihm in der Coronakrise? Ab nächster Woche wird sich derjenige verdächtig und strafbar machen, der keine Maske trägt und sein Gesicht offen präsentiert.

Die Gehirnantilope hat das Wort Maske gehört und springt zu Max Frisch. 1948 nahm er am "Weltkongress der Geistesschaffenden zur Verteidigung des Friedens" in Warschau teil, jenem Kongress, auf dem Sartre und andere westliche Intellektuelle und Schriftsteller vom Leiter der sowjetischen Delegation, Alexander Fadejew, als "schreibende Hyänen" beschimpft wurden. Nachdem Max Frisch abends nach dem Buffet und einigen Gläsern Wodka mit parteitreuen Kollegen ins Gespräch gekommen war, notierte er in sein Tagebuch: "Menschen mit einer Überzeugung sollten nicht trinken; sonst verrutscht sie wie eine Larve, wenn man schwitzt." Für die Jüngeren unter uns: Larve ist ein anderer Name für Maske. Deswegen sprang meine Gehirnantilope nach Warschau, wo Sartre im übrigen auch auf jene Plakate stieß, von denen in Teil 19 berichtet wurde.

Masken sind geschichtlich mit der höfischen Gesellschaft verbunden. Die Bürger legen die Masken ab und setzen den Verhüllungskünsten und -lüsten des Adels, die als Mummenschanz denunziert werden, einen Kult der Echtheit und Authentizität entgegen. Die Masken kehren in der bürgerlichen Gesellschaft dann allerdings wieder in Gestalt des alltäglichen Rollenspiels. Dieses brachte seine eigenen Maskierungen hervor: die bekannten ausdruckslosen Alltagsgesichter der "grauen Herren" und Damen, oder das Lächeln der Verkäuferin und des Verkäufers. In den Gesichtern zeigt sich der Panzer der Selbstzwänge und Routinen. Am Ende dieser Entwicklung werden die Masken überflüssig: Sie sind die Gesichter. Wie in dem berühmten Sketch von Loriot, in dem die Moderatorin eines Frauenmagazins einen Horrorfilmdarsteller bittet, für ihre Zuschauerinnen doch einmal seine Maske abzunehmen. Woraufhin der entgeistert fragt: "Maske? Welche Maske?"

Am Gipfelpunkt der Entfremdung sind die Masken, wie es bei Thomas Brasch heißt, "ins Fleisch gewachsen". Hinter den Masken sind keine Gesichter mehr, die man freilegen könnte und die es zu entdecken gäbe. Selbst der Marxsche Begriff der Charaktermaske büßt seinen kritischen Sinn ein, wenn die Differenz zwischen bürgerlich zugewiesener Rolle und menschlichem Akteur ausgelöscht ist. Hans-Jürgen Krahl hat diesen Prozess vor über fünfzig Jahren bereits beobachtet und in seinen Bemerkungen zur Akkumulation und Krisentendenz des Kapitals analysiert. Wir sind in den Zustand einer "Entfremdung zweiten Grades" (Henri Lefèbvre) eingetreten, der dadurch charakterisiert ist, dass den Entfremdeten noch das Bewusstsein ihrer Entfremdung abhanden gekommen ist und das glückliche Bewusstsein der Konsumenten triumphiert. Je nivellierter und uniformer die Menschen sind, desto mehr wollen sie sich unterscheiden, und in dem krampfhaften Versuch, sich zu unterscheiden, werden sie sich immer ähnlicher. "Je weniger Individuen, desto mehr Individualismus", hat Adorno diese Tendenz präzise auf ihren Begriff gebracht.

Wie vor Corona insgesamt, sind auch bei den Masken nicht alle Menschen gleich. Das Corona-Fußvolk trägt irgendwelche billigen Einweg-Masken, die dann tagelang im Einsatz sind. Wer etwas auf sich hält, lässt sich einen ganzen Satz Masken aus erlesenem Stoff mit extravaganten Motiven von der Schneiderin fertigen und macht daraus ein modisches Accessoire. Mit Designer-Masken lässt sich ein "Distinktionsgewinn" (Pierre Bourdieu) erzielen, auf den manche nicht verzichten wollen.

Vor einer Drogerie tritt ein junger Migrant auf einen anderen zu, der gerade aus dem Laden herauskommt, und sagt: "Kannst du mir mal deine Maske leihen, die lassen mich hier ohne nicht rein?" Der Angesprochene hakt die Maske von den Ohren und reicht sie ihm. Der zieht sie über und verschwindet im Geschäft.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 13.05.2020.

Veröffentlicht am

14. Mai 2020

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