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8. Mai: Abstand halten

Es gibt keine guten, aber triftige Gründe, dass die Bundesrepublik sehr lange gebraucht hat, einen "Tag der Befreiung" zu begehen

Von Lutz Herden

Misstraut den Grünanlagen, beargwöhnt sie besonders in Berlin, wo sie so vieles verdecken, manchmal noch mehr verbergen. Wer kennt ihn schon, den winzigen ULAP-Park? Auf dem Stadtplan füllt er einen Quadratzentimeter zwischen der Straße Alt-Moabit und der Bahntrasse vom Hauptbahnhof. Ein unwirtlicher Ort am Fuß einer verwitterten Freitreppe mit in den Stein gewachsenen Kastanien, die grauen Sand beschatten.

Vor 75 Jahren gehört diese Treppe zum größtenteils zerbombten Ensemble der Pavillons im Universum Landes-Ausstellungs-Park - ULAP genannt. Auf diesem Gelände endet in der Nacht zum 23. April 1945, was im nahen Zellengefängnis Lehrter Straße so beginnt: Im Trakt für die politischen Häftlinge wird das Kommando "Raustreten!" geschrien. Es gilt 16 teils prominenten Hitler-Gegnern wie dem Abwehroffizier Wilhelm Staehle, dem Gewerkschafter Ernst Schneppenhorst und dem Juristen Klaus Bonhoeffer, Bruder des bereits hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer. Auch der Geograf und Schriftsteller Albrecht Haushofer steht im Zellengang und sieht nicht wie gewohnt die Schließer, sondern ein SS-Kommando Aufstellung nehmen. Abmarsch, Schritt halten, Abstand halten, wird befohlen. Es geht über die Lehrter Straße hinüber zum ULAP-Gelände - dort angekommen, fallen die Genickschüsse. Die Toten werden erst Anfang Mai von Heinz Haushofer gefunden, der nach seinem Bruder im inzwischen fast vollends geräumten Zellengefängnis vergeblich sucht und sich daraufhin in der Umgebung umschaut. In der Manteltasche des Toten findet er Blätter, beschrieben mit Gedichten, Haushofers Moabiter Sonette, die er in seiner Zelle verfasste und mitnehmen wollte auf einem Gang, von dem er annahm, es würde sein letzter sein. Darunter sind die mit "Schuld" überschriebenen Verse: "Doch schuldig bin ich anders, als ihr denkt / ich musste früher meine Pflicht erkennen / ich musste schärfer Unheil Unheil nennen … / Ich klage mich in meinem Herzen an: Ich habe mein Gewissen lang betrogen / ich hab’ mich selbst und andere belogen." Sich im Angesicht des Todes derart anzuklagen, das verspricht wenig Trost, aber kann den befreien, der es wagt.

Warum an Haushofer, sein gewaltsames Ende und gedichtetes Erbe erinnern? Weil sein Fall zeigt, wie das Regime bis zum Schluss wütete und sich treu blieb, indem es keine Gnade kannte? Um zu verhindern, dass sich der Rückblick auf den zusammenbrechenden NS-Staat auf Hitlers letzte Stunden im Bunker verengt? Haushofers Sonette bezeugen nicht nur Gesinnung, sie lassen begreifen, worin Sittlichkeit und Passion von Widerstandskämpfern bestanden, deren Motive und Opferbereitschaft umso weniger zu verstehen sind, je länger daraus resultierendes Handeln zurückliegt. Wie die Moabiter Sonette ließen sich die Abschiedsbriefe von Libertas und Harro Schulze-Boysen aus den Todeszellen in Berlin-Plötzensee anführen. Sie schrieben über sich, die Tragik des Scheiterns, das erhoffte, kommende Deutschland, für das sie Verantwortung übernahmen und nun sterben mussten. Haushofer und die Hingerichteten der "Roten Kapelle", der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheid wie der Kommunist Ernst Thälmann haben eines nicht verdient: zur Ehrenrettung des deutschen Volkes herhalten zu müssen. Welche Ehre konnte im Mai 1945 noch haben, wer sich von einem Regime verführen und versklaven ließ, das aus totaler Menschenverachtung nie ein Hehl machte, am wenigsten Adolf Hitler? Es war stets eine irrige Annahme, ernsthaft zu glauben, nach dem Abgang von monströsen Verbrechern sei das Besinnen auf die "anderen Deutschen" unausweichlich geworden.

Wäre es anders, hätte vor 75 Jahren ein "anderes Deutschland" unwiderruflich Fuß fassen müssen. Wozu es in beiden deutschen Staaten nicht kam. Im Osten gab es zumindest den Versuch, während im Westen vier Jahrzehnte vergingen, bis offiziell gesagt wurde, der 8. Mai 1945 sei auch eine Befreiung gewesen. Sage und schreibe nach mehr als sieben Jahrzehnten Bundesrepublik Deutschland ist es 2020 erstmals so weit, den 8. Mai in Berlin als Feier- und Gedenktag zu begehen. Es braucht eben Zeit, wer in Wirtschaft, Justiz, Regierung und Armee lange auf schuldbeladene Nazis nicht verzichten wollte. Da musste Haushofers aufrichtiges "Ich habe mein Gewissen lang betrogen" ins Leere gehen. Diese moralische Integrität war nach 1945 dem Volkswillen so fremd wie den gesellschaftlichen Verhältnissen, auf die sie stieß. Das westliche Nachkriegsdeutschland wiegte sich in der Überzeugung, es sei besser, das Vermächtnis des Widerstandes zu verdrängen, als ihm gewachsen zu sein. Wofür es Gründe gab: die schwere Nachkriegszeit, die entnazifizierten, nicht entfernten Täter, den Kalten Krieg, den hereinbrechenden Wohlstand. Tausche das Gewahrsam der Diktatur gegen das Luxusreservat der Demokratie. Nach Osten rollten keine Panzer mehr, der Mercedes tat es auch. Hatte es sich gelohnt, den Krieg zu verlieren und in der Geborgenheit des Antikommunismus zu verweilen?

Wohl gibt es heute im Gedenkpark Zellengefängnis Lehrter Straße eine kleine Tafel, die an Opfer des Faschismus wie Albrecht Haushofer erinnert. Nicht aber am eigentlichen Tatort. Es ist viel Zeit vergangen, um Abstand zu gewinnen. Und zu halten.

Quelle: der FREITAG vom 08.05.2020. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

08. Mai 2020

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