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“Corona hemmt die Produktion” - Über realsozialistische und neoliberale Perversionen im Menschenbild.

Deutschland im Lockerungsfieber. Selbst Markus Söder mutiert derzeit vom strengen Knecht Ruprecht zum gütigen Nikolaus und teilt aus dem Füllhorn seiner Gnade partielle Freiheiten für uns aus. Unter dem Aspekt der Freiheit ist das tatsächlich erfreulich. Aber sollte ein Sozialist nicht noch eine andere Dimension im Auge behalten? Vielleicht ist es nicht so sehr Liebe zur Freiheit - speziell für Unionspolitiker ist das ja ein eher fremdes Terrain -, was das Verhalten Söders, Merkels und anderer derzeit bestimmt, sondern ihre traditionelle Abhängigkeit von der Industrie, die über "Produktionsausfälle" stöhnt. Menschen, die zuhause bleiben, um sich gegenseitig vor gesundheitlichen Bedrohungen zu schützen, fallen als Produktionsfaktor aus. Vielleicht deshalb die Eile, sie wieder an die Werkbänke zu treiben.

Corona-Tagebuch, Teil 19

Von Götz Eisenberg

Ende der 1940er Jahre stieß Jean-Paul Sartre in Warschau auf Plakate, auf denen zu lesen war: "Die Tuberkulose hemmt die Produktion." Für ihn war das ein Beleg dafür, dass auch der Sozialismus an der Entfremdung der Arbeiter nichts geändert hatte und von einer Anthropologie durchdrungen war, in welcher der Mensch für die Produktion da sein sollte und nicht umgekehrt die Produktion für die Menschen. Die polnischen Arbeiter waren von der Herrschaft des Profits befreit worden, aber lediglich, um unter die Herrschaft einer fetischisierten Produktion zu geraten. Sie hatten die alte Entfremdung gegen eine neue Entfremdung eingetauscht.

Für Sartre sollte der Sozialismus eine Gesellschaft sein, in der die Entwicklung des Menschen, und nicht die der ökonomischen Produktion das Hauptziel ist. Den Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus haben Oskar Negt und Alexander Kluge in ihrem gemeinsam geschriebenen Buch Geschichte und Eigensinn so formuliert: "Man kann sagen: Kapitalismus ist massenhafte Güterproduktion mit daranhängenden Menschen. Sozialismus ist massenhafte Produktion der Beziehungen zwischen den Menschen und zur Natur, mit daranhängender Güterproduktion."

Warum dieser Exkurs in die Geschichte des Sozialismus? Weil mich die dieser Tage vermehrt vorgetragenen Forderungen, die Industrie und die Geschäftswelt müsse nun nach dem coronabedingten Shut Down dringend wieder hochgefahren werden und ihren normalen Betrieb aufnehmen, fatal an die Plakate aus Warschau erinnern. Es ist hier dieselbe Perversion im Menschenbild am Werk, auf die Sartre in Polen gestoßen war. "Corona hemmt die Produktion", könnte auf heutigen Plakaten stehen. Mit dem Eintritt ins Zeitalter der entfesselten Märkte haben die westlichen Gesellschaften einen ökonomischen Totalitarismus hervorgebracht, gegen den das System der fetischisierten Produktion des ehemaligen Ostblocks stümperhaft erscheint.

"Der Kapitalismus", hat der österreichische Sozialist Günter Nenning einmal gesagt, "ist nur nett, wenn er muss, und gegenwärtig muss er nicht." Zu Zeiten des Kalten Krieges war der Kapitalismus weniger reich als jetzt, und dennoch finanzierte er, wenn auch gelegentlich murrend, den vollen Sozialstaat. Mangels kommunistischer oder auch nur sozialdemokratischer Herausforderungen oder sonstiger ernsthafter Alternativen sieht er sich jetzt zu solchen Nettigkeiten nicht mehr genötigt und legt sämtliche Beißhemmungen ab. Die Erfahrungen der letzten Wochen haben uns gelehrt, dass es ein fataler Irrtum gewesen ist, alles und jedes dem privaten Gewinnstreben auszuliefern und den Markt zu einer zivilen Religion auszurufen.

"Der Kapitalismus hemmt die Entwicklung der menschlichen Möglichkeiten", sollten wir stattdessen plakatieren, und unbedingt darauf achten, dass in den nächsten Wochen die medizinische Vernunft und die wohlverstandenen Interessen der Menschen den Rhythmus der Rückkehr zur Normalität bestimmen und nicht die Logik des Geldes, der Börsen und Finanzmärkte. Die Krise böte die Gelegenheit, dem Kapitalismus wieder Beißhemmungen beizubringen, die losgelassene Ökonomie zurückzupfeifen und an die Leine demokratisch ausgehandelter gesellschaftlicher Interessen und Bedürfnisse zu legen. Dann wären wir aus Schaden klug geworden.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 06.05.2020.

Veröffentlicht am

07. Mai 2020

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