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Die emotionale Pest

Die Corona-Krise lässt auch eine große Angst vor allem Natürlichen und Kreatürlichen zum Vorschein kommen. Etwas Unkontrolliertes und schwer Kontrollierbares ist über uns hereingebrochen. Berührung wird unter diesen Umständen zum "Todeskuss", die Lebendigkeit (Feiern, unbefangen Sein, sich Vermischen) wird zur tödlichen Gefahr. Vom Sterilen, von der Askese, von der Beschneidung von Lebendigkeit erhoffen wir uns die Verlängerung eines Lebens, das man nur noch bedingt lebenswert nennen kann. Diese "Pest" gab es jedoch auch schon vorher: die Unterdrückung unserer Emotionalität, Menschenscheu, Vereinzelung, die Sucht, so viel wie möglich "online" zu erledigen, aus Furcht vor einer nicht keim- und risikofreien Offline-Welt. Diese Tendenzen sind keine Erfindungen der "Corona-Ära", sie wurden durch diese nur noch einmal extrem verstärkt.

Corona-Tagebuch, Teil 15

Von Götz Eisenberg

Susan Sontag hat von der "Krankheit als Metapher" gesprochen und am Beispiel von Tuberkulose, Krebs und Aids zu zeigen versucht, was diese Krankheiten über ihre Zeit und die von ihnen befallenen Menschen aussagen. Es ist unsere, der Intellektuellen, Aufgabe, die chiffrierte Sprache der Symbole und Metaphern zu deuten und in eine möglichst vielen Menschen verständliche Sprache zu übersetzen. Wenn man in der von der Pest heimgesuchten Stadt Oran das von den Nazis okkupierte Frankreich erkennen kann, dann ist die Pest in Camus’ Roman eine Metapher für den Faschismus und das, was er aus und mit den Menschen macht.

Spätere Generationen werden in der Corona-Pandemie des Jahres 2020 möglicherweise eine Metapher für die Exzesse einer außer Kontrolle geratenen wirtschaftlichen Globalisierung erblicken. Werden sie in der Rückschau sehen, dass die Menschheit die Botschaft der Coronakrise verstanden und die entsprechenden Konsequenzen aus ihr gezogen hat? Oder wird sie in die endlose Kette der verpassten Gelegenheiten eingehen, eine grundlegende Korrektur an der Gangart des sogenannten Fortschritts vorzunehmen? Dann wird man sich der pessimistischen Interpretation nicht verschließen können, dass hinter der Unfähigkeit, aus Katastrophen zu lernen, eine verborgene Sehnsucht nach der Apokalypse waltet.

Die Apokalypse ist dabei, keine Metapher mehr zu sein, sondern eine berechenbare Größe. Es ist absehbar, wann uns das Wasser der geschmolzenen Polkappen bis zum Hals stehen wird, wann die letzten Wälder abgebrannt oder verdorrt sind, wann die letzten Tierarten ausgestorben sein werden und die Erde unbewohnbar sein wird wie der Mond. Jonathan Franzen hat die Vermutung geäußert: "Vielleicht fasziniert die Menschen die Vorstellung eines klimadenaturierten Planeten, weil sie denken, dass in einer Welt, in der viel weniger Leben ist, auch viel weniger Tod zu finden ist." Der Tod, der nicht sein darf, wird dadurch bezwungen, dass er sich verallgemeinert. Wo alles tot ist, kann auch nichts mehr sterben.

Gestern Morgen beschloss ich, den wunderbaren Frühlingstag für eine ausgedehnte Wanderung zu nutzen. Der Frühling strotzte, und über allem lag ein Klangteppich aus Vogelgezwitscher. Sonst war es still und es begegnete mir lang kein Mensch. Ich setzte mich auf eine Bank und holte Die Pest hervor. Tarrou und Rieux sitzen am Ende eines langen, anstrengenden Tages auf dem Dach eines Hauses, schauen aufs Meer und beschließen, ihre Freundschaft zu besiegeln. Tarrou hält aus diesem Grund eine Rede, die er mit den Worten beginnt: "Vereinfacht gesagt, Rieux, litt ich schon an der Pest, lange bevor ich diese Stadt und diese Epidemie kennenlernte. Damit soll gesagt sein, dass ich wie jedermann bin. Aber es gibt Leute, die es nicht wissen oder sich in diesem Zustand wohlfühlen, und Leute, die es wissen und die da heraus wollen. Ich wollte immer heraus." Die Pest, die Tarrou meint, ist die Normalität des bürgerlichen Lebens, die all das Grauen hervorbringt. Er sagt: " … ich habe gelernt, dass wir alle im Zustand der Pest sind, und ich habe den Frieden verloren. … Ich weiß ganz sicher, dass jeder sie in sich trägt, die Pest, weil kein Mensch, nein, kein Mensch auf der Welt von ihr unberührt ist."

Tarrous Rede läuft auf die radikale Erkenntnis hinaus: Es gibt keine harmlose Normalität! Wir alle leben im Zustand der Pest und verbreiten sie weiter. Bei Wilhelm Reich ist von der "emotionalen Pest" die Rede, die aus der Unterdrückung des Lebendigen erwächst. Leider ist auch die emotionale Pest hoch infektiös. Wir panzern uns gegen das Lebendige in uns und anderen und beginnen, uns vor seinen Glücksansprüchen zu fürchten. Sexuelle Repression lässt den eigenen Körper zum Fremdkörper werden. Er ist Kolonialgebiet, besetzt von der Macht, die sich ihn einschreibt und ihn ausbeutet. Der Körper wird von einer Quelle der Lustempfindungen zum Arbeitsinstrument. Wer einmal das Opfer seiner Lebendigkeit erbracht hat, wacht über seine eigene Zerstörung und sorgt dafür, dass auch andere in seinem Umfeld zerstört und entlebendigt werden. Lustfeindlichkeit und Triebunterdrückung erzeugen Angst, die dann unter widrigen Umständen zu Hass werden kann - Hass auf alles, was lebendiger ist und an aufgegebene eigene Glücksansprüche erinnert.

Was man in sich selbst niederhält, setzt man aus sich heraus und verfolgt es dort an anderen. Diese Projektion ist die Quelle von Fremdenhass und Minoritätenmord. Christa Wolf antwortet auf die Frage, wo die menschlichen Monster herkommen: "Verhindertes Leben, was sonst". Diese Pest, so verstehe ich Tarrous Rede, grassierte lang vor dem Ausbruch der Pestepidemie und wird auch deren Ende überleben. Sie ist ihr Nährboden. Es bleibt viel zu tun. Rieux fragt Tarrou, ob er eine Vorstellung von dem Weg habe, den man einschlagen müsse, um zum Frieden zu gelangen. Seine Antwort lautet: "Ja. Mitgefühl." Was so einfach klingt, ist doch so schwer zu haben und zu entwickeln. Aber Mitgefühl, die Fähigkeit, sich in andere versetzen zu können, ihr Leiden als eigenes Leiden zu erleben, ist das einzige Mittel gegen die Barbarei. Mitgefühl setzt Sensibilität für besondere Umstände voraus und ruft sie bei anderen hervor. Genau deswegen gehört sie in allen Herrschaftskulturen nicht zu den öffentlich geförderten Tugenden. Mitgefühl wird zu einer Kategorie und Haltung des Widerstands. Dass das eines Tages nicht mehr so sein muss und Mitgefühl zur Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens wird, ist seit eh und je der Traum des libertären Sozialismus.

So schweiften meine Gedanken umher. Am tiefblauen Himmel kreisten Bussarde, deren Schreie weithin zu hören waren. Ich sah ihnen eine Weile zu. In der Nähe von Waldgirmes stieg ich einen gewundenen Waldweg hinauf, der zu der Stelle führt, an der ein Gedenkstein - in keltischer Manier von stehenden Steinen, sogenannten Stelen umgeben - an den ersten Umweltminister eines deutschen Bundeslandes, den Hessischen Sozialdemokraten Werner Best, erinnert. Auf einer Bank unweit der Stelen saß ein alter Mann mit Hut und Stock. Neben der Bank lag ein Stein. Ich fragte, ob der Abstand zwischen Bank und Stein den Corona-Normen entspräche. Der alte Mann lachte und lud mich zum Niedersitzen ein.

Ich fragte ihn, ob er dem Umweltminister einen Besuch abgestattet habe. "Ich hab den ja gekannt, den Lump!", sagte er. "Korruptes sozialdemokratisches Urgestein halt", fügte er zur Erklärung hinterher. Er habe sein Amt als Landwirtschaftsminister benutzt, um sich Ländereien und Häuser unter den Nagel zu reißen. "Das Ministergehalt war für den nur ein kleiner Zuverdienst", sagte er. Best habe all diese Vorwürfe im Amt überlebt, 1973 habe er dann allerdings wegen des Hanauer Giftmüllskandals zurücktreten müssen, in den SPD-Leute verwickelt waren und er die politische Verantwortung trug. Aber es seien ihm ja noch zwanzig Jahre geblieben, um seinen zusammengerafften Wohlstand zu genießen und Parteiämter zu bekleiden. "Sie sehen ja, er hatte Geschmack", sagte der alte Mann und deutete auf das im Tal unter uns liegende Hofgut hin, auf dem Herr Best gelebt hatte. Sogar einen Privatfriedhof habe der feine Herr, der unterhalb des Gutes im Wald liege. "So, genug geschimpft", sagte er, "ich geh nun heim. Mal schauen, was meine Frau gekocht hat."

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 24.04.2020.

Veröffentlicht am

25. April 2020

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