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Radioaktive Wolken über der Ukraine: Ärzteorganisation warnt vor Verharmlosung

Die IPPNW warnt davor, die Waldbrände in der Ukraine zu verharmlosen. Mittlerweile haben die stark verdünnten Rauchschwaden auch andere Teile Europas erreicht. Die Ärzteorganisation erinnert daran, dass es keinen Schwellenwert gibt, unterhalb dessen Radioaktivität ungefährlich wäre. Seit dem 3. April brennen mehr als 46.000 Hektar Wald- und Grasland in der massiv radioaktiv verseuchten Sperrzone südwestlich der Reaktorruine von Tschernobyl. Am 13. April kamen die Flammen bis zu 500 Meter an den Sarkophag heran, der den gefährlichsten Atommüll in der Region abschirmen soll.

Über das Wochenende hat sich die Situation in der Hauptstadt Kiew zugespitzt. Die Behörden ordneten an, dass die Bevölkerung in ihren Wohnungen bleiben, die Fenster mit nassen Tüchern abhängen und viel trinken solle, da giftige Rauchschwaden durch die Stadt zogen. Laut der Organisation IQAir war Kiew am Samstag die Stadt mit der weltweit gefährlichsten Luftqualität: der Luftqualitätsindex (Air Quality Index; AQI) betrug zwischen 360 und 499, bei einem Normalwert von <50. Werte > 300 werden als "gefährlich" bezeichnet.

Der Stellvertretende Direktor des Ukrainischen Hydrometeorologischen Zentrums (UHMC) Anatoliy Prokopenko berichtete von deutlich erhöhten Konzentration von Schwebstoffen, Stickoxiden, Schwefeldioxid und Formaldehyd in Kiew am 17. und 18. April. Gleichzeitig wurde betont, dass die Strahlenmesswerte in der Hauptstadt nicht oberhalb der erlaubten Grenzwerte liegen würden. Messungen des Europäischen Radioaktivitätsmonitoringprogramm REMon zeigten bislang keine Erhöhung der Gammastrahlung in Kiew. Allerdings sind die Messgeräte laut der französischen Strahlenschutzbehörde IRSN nur auf Erhöhungen der Ortsdosisleistung von ca. 1.000.000 mBq/m3 ausgelegt.

Deutlich sensitivere Messungen der Cäsium-137 Aktivität in der Umgebungsluft wurden mittlerweile vom Zentralen Geophysischen Observatorium in Kiew veröffentlicht. Diese zeigten einen Anstieg der Cäsium-137 Konzentration von rund 6 mBq/m3 auf 700 mBq/m3 am 10.-11. April - mehr als ein hundertfacher Anstieg. Der Direktor des Ukrainischen Hydrometeorologischen Zentrums, Mykola Kulbida, nannte diesen Anstieg "mikroskopisch", der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko ging sogar soweit, zu behaupten, "in Kiew gibt es nur Rauch, keine Radioaktivität".

Die Staatliche Sperrzonen-Agentur der Ukraine veröffentlichte Luftmesswerte vom Reaktorgelände in Tschernobyl, die Cäsium-137 Konzentrationen von 180.000 mBq/m3 zeigten. Gleichzeitig muss man die Werte im Kontext sehen: nach dem Super-GAU von Tschernobyl wurden in Bayern Cäsium-137 Konzentrationen von 10.000.000 mBq/m3 gemessen. Die französische Strahlenschutzbehörde IRSN schreibt, dass allein in den ersten 10 Tagen der Waldbrände, also noch vor dem Wiederausbruch vergangene Woche, rund 200.000.000.000 Bq Radioaktivität durch die Feuer freigesetzt wurden und über ganz Europa verbreitet wurden.

Dr. med. Alex Rosen, Co-Vorsitzender der IPPNW dazu: "Die Satellitenbilder zeigen eindeutig, wie der Rauch der Waldbrände in der Sperrzone über die Ukraine ziehen, auch direkt über die Hauptstadt Kiew. Auch andere Teile Europas wurden mittlerweile von den stark verdünnten Rauchschwaden erreicht. Es ist wichtig, zu verstehen, dass es keinen Schwellenwert gibt, unterhalb dessen Radioaktivität ungefährlich wäre. Jede zusätzliche Strahlenbelastung sollte möglichst vermieden werden. Noch mögen die gemessenen Strahlenwerte keine relevante Gefahr für die Bevölkerung darstellen, doch dies kann sich schlagartig ändern, sobald höher kontaminierte Waldgebiete brennen, die quer über die Sperrzone verteilten Lagerstätten für radioaktive Stoffe erreicht werden oder sogar der Sarkophag, der den Großteil der hoch-radioaktiven Überreste des Super-GAU umschließt. Bei ungünstiger Wetterlage und Windrichtung könnte auch der Rest Europas, könnte auch Deutschland von den radioaktiven Wolken betroffen sein. Die aktuellen Versuche, die Waldbrände zu verharmlosen sind daher unverantwortlich und gefährlich. Es ist wichtig, jetzt zu handeln, bevor die Feuer sich weiter ausbreiten. Jetzt ist der Zeitpunkt für schnelle Hilfen und internationale Unterstützung."

Die IPPNW hatte letzte Woche die Bundesregierung dazu aufgerufen, auf EU-Ebene unbürokratische Unterstützung für die Ukraine zu organisieren, damit die Brände rasch unter Kontrolle gebracht werden können. Mittlerweile hat die Bundesregierung Hilfslieferungen im Wert von 230.000 Euro zugesagt, darunter 80 Dosimeter zur Messung der Radioaktivität, 15 Kilometer Feuerwehrschläuche und ein spezielles Tanklöschfahrzeug für Waldbrände.

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Quelle: IPPNW - Pressemitteilung vom 20.04.2020.

Veröffentlicht am

22. April 2020

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