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Wir kleinen überspannten Säugetiere

"Von der Linken kommt nichts. Es gibt keine revolutionäre Hoffnung", sagte Alain Badiou. Und Wolfgang Herrndorf: "Weltformel nicht gefunden, vermutlich alles sinnlos". Dieser Eintrag von Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch ist nicht gerade ein Stimmungsaufheller. Es zeigt sich aber auch - mit Albert Camus -, dass das Leben eben jenen Sinn hat, den wir ihm geben. Übertragen auf die Corona-Krise: Wir als Kollektiv entscheiden, in welche Richtung die Energie nach dem Schock, der Atempause und dem für viele zu befürchtenden sozialen Abstieg gehen wird.

Corona-Tagebuch, Teil 13

Von Götz Eisenberg

Krisen wie die, die wir gerade er- und durchleben, erfassen im Unterschied zu ‚bloß’ ökonomischen Krisen den Innenbau der Menschen und erschüttern ihre geistige und seelische Grundausstattung. Sie stellen ihre Gewissheiten in Frage und bringen eingespielte Gleichgewichtszustände zum Einsturz. Das kann psychopathologische Reaktionen auslösen. Ich merke das unter anderem daran, dass mich in der Stadt vermehrt Leute ansprechen, die, um es vorsichtig auszudrücken, auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Vernunft balancieren und im Augenblick Angst haben, abzustürzen. Ich nenne sie in Anlehnung an Woody Allens Stadtneurotiker und im Unterschied zu ihm Stadtpsychotiker.

Die äußeren Turbulenzen wirbeln den seelischen Bodensatz der Person auf und setzen einen psychischen Regressionsprozess in Gang, dessen Fallhöhe, oder besser -tiefe ungewiss ist. Das hängt unter anderem von der Festigkeit und Stabilität des Ichs und des gesamten Subjektaufbaus ab. Je labiler ein Mensch ist, desto mehr werden solche Krisen ihn durcheinanderbringen. Der Angstpegel steigt, Panik flackert auf. Die verunsicherten Menschen suchen nach Struktur, Halt und Orientierung. "Herr Eisenberg, ich hab sie in der ganzen Stadt gesucht und bin froh, sie endlich gefunden zu haben", stürzte sich heute ein solcher Mensch auf mich. Ich ahnte, dass ich den Bedürfnissen dieses Mannes nicht gerecht werden könnte und wimmelte ihn freundlich, aber bestimmt ab. Ich fürchte, es sind im Moment tausendfach solche psychischen und mentalen Prozesse im Gang. Es rumort und brodelt im psychischen Untergrund.

Vor dem geschlossenen McDonalds sah ich einen offensichtlich verstörten Mann auf und ab laufen und hörte ihn brüllen: "Ihr Scheiß-Amis, steckt euch euren Scheiß-Fraß in eure fetten Ärsche." Er sollte seinen Auftritt unbedingt wiederholen, wenn der Laden wieder geöffnet sein wird.

Camus war nicht nur ein grandioser Schriftsteller, er soll in seiner Jugend in Algier auch ein recht passabler Fußballtorhüter gewesen sein. Fußball war für ihn Menschenkunde und Schule des Lebens: "Alles, was ich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball." Jetzt, im Zuge der Pandemie und meiner neuerlichen Pest-Lektüre, fiel mir eine andere Bemerkung ein, die er mal zum Zusammenhang von Fußball und Leben gemacht hat: "Man kann auch ein Fußballspiel interpretieren, doch die Spannung ist größer, wenn man zuschaut - oder mitspielt."

Für Camus gab es bekanntlich keinen Sinn, außer dem, den wir den Dingen und Geschehnissen geben. Die kleinen überspannten Säugetiere, die wir Menschen nun mal sind, halten es ohne Sinn nicht aus, mit dem wir das zufällige Geschehen überziehen. Für Camus gibt es keinen "objektiven Gang der Geschichte", der als hegelianisches Erbe in den Marxismus eingegangen ist und in der Arbeiterbewegung seine Verheerungen angerichtet hat. Für ihn existiert nur die Revolte, das Partisanentum und eine Solidarität, die ohne objektive Rückversicherung auskommen muss und deswegen frei ist.

Vielleicht war es Camus’ Pech, dass er den Mai 68 nicht mehr erlebte. Vielleicht hätte er sonst, wie sein einstiger Weggefährte Sartre, seinen in den Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit wurzelnden Existentialismus überwinden und die Geschichte wiederentdecken können. Für Camus war nach Faschismus und Krieg die Göttin der Geschichte gestorben, jene Gottheit, die für sinnvolle Zeitabläufe zuständig war. Ihre Wiederkehr hat er nicht mehr erlebt. Und damit auch die Wiederauferstehung des Sinns. Stattdessen stieg er, obwohl er die Zugfahrkarte bereits gekauft hatte, in den neu erworbenen Facel Vega seines Freundes und Verlegers, der den Wagen am 4. Januar 1960 gegen einen Baum setzte. Dieser für beide tödliche Unfall ereignete sich an meinem neunten Geburtstag, eine Koinzidenz, der ich, seit ich von ihr weiß, stets eine Bedeutung beigemessen habe.

Warum dieser neuerliche Abstecher zu Camus? Weil ich meinen eigenen Sinnbedürfnissen mit Skepsis begegnen und eine gewisse Distanz gegenüber meinen Deutungsversuchen wahren möchte. "Weltformel nicht gefunden, vermutlich alles sinnlos", heißt es ganz im Sinne Camus’ in Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur. Ich fürchte, er hat Recht. Aber, was soll’s? Das Wörtchen vermutlich lässt ja noch eine kleine Lücke für Sinnsucher.

Am Sonntagabend sah ich in der ARD-Sendung Weltzeit Beiträge zum Verlauf der Corona-Pandemie in anderen Ländern. Da begreift man erst mal, in welch privilegierter Position wir uns in Deutschland befinden. Man sah, wie reiche Engländer sich auf ihre Landsitze zurückziehen und ihre Stadtwohnungen und Häuser von Security-Leuten bewachen lassen. Sie befürchten Plünderungen. Zurück bleiben die kleinen Leute, die nicht wissen, wie es weitergehen soll und woher sie das Geld für die nächste Monatsmiete nehmen sollen. In Italien haben viele Menschen nichts mehr zu essen und sind auf Lebensmittelspenden der Kirche angewiesen. In Russland verspricht Putin den Menschen, ihre Löhne würden während der staatlich angeordneten Zwangspause weiter gezahlt, kümmert sich aber nicht darum, wie kleine Firmen das hinbekommen sollen. Tausende solcher Kleinbetriebe stehen vor dem Aus und dem Ruin. Da wird sich in kurzer Zeit eine Menge Unglück und Elend anhäufen. Wohin werden die Protestenergien und die Wut sich wenden? Alain Badiou sagte gestern im Interview mit der FAZ: "Von der Linken kommt nichts. Es gibt keine revolutionäre Hoffnung."

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 20.04.2020.

Veröffentlicht am

21. April 2020

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