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Die gesellschaftliche Produktion von Digital-Trotteln und Psychopathen

In dieser Folge von Götz Eisenbergs Corona-Tagebuch geht es nur am Rande um Corona. Die Grundfrage ist jene nach der staatlichen Gestaltungsfähigkeit bzw. dem Gestaltungswillen. Wenn es um Maßnahmen rund um Corona geht, scheint diese derzeit groß. Selbst der Götze unserer Zeit, "die Wirtschaft", muss Gesundheitserwägungen weichen. In fast allen anderen Bereichen herrscht jedoch gefährliches Laissez-faire. Speziell auch, was die digitale Ausbeutung unseres Lebens und unserer Kulturvorlieben durch internationale Internet-Giganten betrifft. Der Autor identifiziert in seinem brillanten Essay auch eine neue Epidemie: digitale Vertrottelung. Ein Problem, für dessen Bewältigung wohl ein paar Wochen Quarantäne nicht ausreichen werden.

Corona-Tagebuch, Teil 11

Von Götz Eisenberg

Ich möchte noch einmal auf die wiederentdeckte staatliche Gestaltungsfähigkeit zurückkommen. Mit Recht wird seit Längeren Klage geführt über Mobbing, Hetze und Hass, die im Internet und in den sogenannten sozialen Netzwerken grassieren. Gestern wurde in einem Beitrag der Sendung Kulturzeit aufgezeigt, wie auch jetzt, im Zeichen der Coronakrise, im Netz Rechtsradikalismus und Rassismus blühen und gedeihen. Es werde Stimmung gegen Migranten und Flüchtende gemacht, Politiker würden aufs Übelste beschimpft und beleidigt, unverhohlen Todeswünsche und Morddrohungen ausgestoßen. Jede Menge Verschwörungstheorien würden im Umlauf gesetzt, so zum Beispiel, Corona sei eine "Waffe der Juden", um ihre Weltherrschaft zu errichten. Dieser ganze Nazischeiß halt.

Mit Gerhard Polt könnte man fragen: "Braucht’s des? Muss des sein?" Und die Antwort kann nur lauten: "Nein! Weg mit diesem ganzen Geraffel!" Slavoj Žižek schrieb schon vor einiger Zeit im Zentralorgan der Bourgeoisie, der FAZ, er sei der Auffassung, "dass soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook verboten gehören". Ich schließe mich dieser Forderung an. Sie verbreiten jede Menge Unflat und Quatsch, unterminieren die Demokratie, indem sie ihre Nutzer manipulieren und mit Falschinformationen überschütten, sammeln Daten und verhökern diese an alle möglichen undurchsichtigen Instanzen und Geschäftemacher. Ich will damit sagen: Nicht ständig lamentieren und so tun, als müssten wir uns von den Internetkonzernen auf der Nase herumtanzen lassen, sondern handeln! Meinetwegen kann man etwas anderes, von den Nutzern Kontrolliertes, an ihre Stelle setzen, aber lassen wir es nicht länger zu, dass Google und Facebook die User zu ihren Leibeigenen machen.

Im Namen der psychischen und mentalen Gesundheit und eines wohlverstandenen Kinder- und Jugendschutzes fordere ich ein Verbot der ganzen digitalen Gerätschaften. Da mir als intellektuellem Lumpensammler und bekennendem Taugenichts niemand Glauben schenken wird, rufe ich eine Professorin und einen Professor in den Zeugenstand. Da ist zum einen Frau Gertraut Teuchert-Noodt, ehemalige Professorin für Neurobiologie an der Universität Bielefeld. In einem Interview mit der Zeitung junge Welt vom 19. Januar 2019 antwortet sie auf die Frage: Was läuft aus Sicht der Forschung im Gehirn von Kindern schief, wenn sie schon in jungen Jahren mit digitalen Techniken in Berührung kommen?:

"Anschaulich gesagt, passiert das gleiche, wie wenn ein Kleinkind an der Milchflasche nuckelt, in die Mama eine Portion Mohn eingemischt hat. Das haben manche Bäuerinnen früher gern getan, um ihr Kind während der schweren Feldarbeit ruhigzustellen. Derart verdummte Kinder liefen dann als Dorftrottel durchs Leben. In früheren Zeiten hat es in den Dörfern viele derart behinderte Kinder gegeben, bis man endlich die Ursachen erkannte und es vermied, Kleinkinder mit Mohn zu füttern. Mütter, die mit ihrem Baby digital unterwegs sind, machen entsprechend schwere Fehler. (…) Das Smartphone in der Hand der Mutter nimmt das Kind unaufhaltsam mit in die digitale Abhängigkeit. Kleinkinder lernen durch Nachahmung. Natürlich wollen die kleinen Händchen auch surfen. Und weil das so einfach ist, unterstützen das die verzückten Eltern. Sie merken nicht, dass die Farben und Formen wie ein D-Zug durch das Köpfchen rasen und sie ihr Kind auf das Gleis der Lernbehinderung und Suchtentstehung stellen. Was einst der Mohntrottel war, ist heute der postmoderne Digitrottel."

Ihr Fazit: "Heutzutage sind 90 Prozent der Jugendlichen täglich über sechs Stunden mit dem Smartphone zugange. Wenn bald nur noch Psychopathen rumlaufen, führt das zur Abschaffung der Demokratie."

Mein zweiter Sachverständiger im Prozess gegen die fortschreitende Durchdigitalisierung der Gesellschaft wäre Christoph Türcke, der Professor für Philosophie in Leipzig gewesen ist. Er schreibt in seinem Buch Digitale Gefolgschaft: "Die Menschheit wird nicht solidarischer und glücklicher durch Telekommunikation, aber die Telekommunikation wird ständig mächtiger durch die sie entwickelnden Menschen." Systematisch werden die Nutzer in Filterblasen eingesponnen. "Eine ‚Blase’ ist eine digital erzeugte Eigenwelt, deren Insassen in ihren Wunschbildern befangen sind wie Narziss in seinem Spiegelbild. Alles, was stören könnte, wird erst gar nicht mehr angeklickt." Die digitale Welt fördert also nicht gerade Tugenden, die demokratisch und sozial zu nennen wären.

Falls diese beiden Experten noch nicht genügen sollten, würde ich noch Andreas Bernard vorladen lassen, der Kulturwissenschaftler ist und an der Uni Lüneburg lehrt. Er hat in seinem Buch Komplizen des Erkennungsdienstes gezeigt, dass und wie die Nutzer der sozialen Medien zu Mitarbeitern der Geheimdienste gemacht werden, ohne dass man sie hinreichend darüber aufgeklärt und informiert hätte.

Die Digitalisierung ist kein Verhängnis, das über uns kommt wie das Erdbeben von Lissabon oder ein göttliches Strafgericht, als das der Jesuitenpater in "Die Pest" von Camus die Seuche deutet. Sie wird von Menschen betrieben und deswegen können Menschen sie auch stoppen. Wenn sie nur wollten. Ich will nie wieder hören: "Das geht nicht."

Jetzt hat es sich bis zur Umweltministerin Schulze herumgesprochen, dass auch die sogenannte Coronakrise zu Anteilen menschengemacht ist. Dadurch, dass die Menschen die Habitate, also die Nistplätze und Nahrungsquellen, vieler Tierarten zerstören, werden diese immer mehr in die Enge getrieben und gezwungen, in der Nähe von Menschen zu leben. Bekannt ist das Phänomen, dass immer mehr Wildtiere in die Städte vordringen, weil sie dort mehr Nahrung finden, als in ihren angestammten Lebensbereichen. Je dichter aber Tiere und Menschen zusammenrücken, desto leichter können Krankheitserreger, die bislang Tiere als Wirte bevorzugten, auf Menschen überspringen. So soll sich ja auch die Spur der Infektionskette des Corona-Virus auf irgendeinem chinesischen Markt verlieren, auf dem mit Wildtieren gehandelt wurde. So zumindest das Gerücht über die Herkunft des Virus’.

Unlängst habe ich das Buch Meine Reise mit Charley von John Steinbeck für die Zeitung junge Welt besprochen. "Auf Rosinantes Rücken" habe ich meine Zusammenfassung seiner Reise durch die USA genannt, die er ihm Jahr 1960 in Begleitung seines Pudels Charley unternommen hat. Ein Satz aus diesem Buch geht mir nach und ist mir dieser Tage wieder eingefallen. Er steht auf Seite 145 meiner Ausgabe aus dem Jahr 1963 und lautet: "Gegen das Einsamsein gibt es anscheinend kein anderes Heilmittel als allein zu sein." Steinbeck hatte sich in Chicago mit seiner Frau getroffen und ein paar Tage gemeinsam mit ihr verbracht. Nun setzte er seine Reise allein fort und litt eine Weile unter der Einsamkeit, die er nun umso schmerzhafter empfand. Der Satz steht einfach so im Gelände herum und beeindruckt gerade dadurch, dass er so dasteht und nicht ausgeführt und erklärt wird. Er hallt seit Wochen in mir nach. Ich denke, dass es die Coronakrise war, die ihn aus dem Versteck meiner Erinnerung gelockt hat.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 16.04.2020.

Veröffentlicht am

17. April 2020

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