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Das Leben ändern?

Kann uns Corona zur Besinnung bringen? Wird die Erfahrung, auf uns selbst - auf die Einsamkeit - zurückgeworfen zu sein und gar durch die Bedrohung die Nähe des Todes zu spüren, dazu führen, dass viele ihre Prioritäten überdenken? Ja, der Verlust von Freiheiten, von körperlicher Gemeinschaft, von "Spaß"-Angeboten tut weh. Und die Auswüchse gegenseitigen Misstrauens, die Epidemie von Kontrolle und Konformität, die wir derzeit erleben, werden wir "nach Corona" kaum vermissen. Dennoch hat die Sehnsucht danach, dass alles wieder so wird wie vorher, ihre Tücken. "Vorher", das war ganz normaler Wahnsinn, war die systematische Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, war Zerstreuung um jeden Preis, nur um die eigene ausgehöhlte Innenwelt mit "irgendetwas" auszufüllen. Es wäre wünschenswert, wenn sich im Leben vieler Menschen ein tatsächlicher Neustart vollziehen würde.

Corona-Tagebuch, Teil 8

Von Götz Eisenberg

Das Versammlungsverbot trifft die jungen Migranten und Geflüchteten besonders hart. Sie haben meist keine Familie und leben außerhalb ihrer Unterkünfte in Stämmen zusammen, die sich auf Straßen und Plätzen versammeln. Dennoch werden auch sie sich für eine Weile an die Regeln halten müssen. Es soll in der Lahnaue in den letzten Tagen gelegentlich zu Konflikten mit der Polizei gekommen sein. Aber noch hält sich alles in Grenzen. Insgesamt fällt eine gewisse Vorsicht auf, mit der die Menschen sich begegnen oder besser nicht begegnen. Manchmal sieht man Leute, die freudig aufeinander zugehen und dann im letzten Moment zurückzucken und die gewohnte Umarmung vermeiden. Das führt mitunter zu grotesken Szenen, die mir wie eine Pantomime der Pandemie vorkommen. Wer, wie ich, in den letzten Tagen vom Heuschnupfen geplagt wird und ab und zu mal niesen muss, wird strafend angeschaut. Manche Mitbürger scheinen zu überlegen, ob man das nicht irgendwo melden sollte. Vielleicht gibt’s demnächst auch eine App, die Husten und Niesen und andere unbotmäßigen Lebensäußerungen aufzeichnet und bis zur Quelle zurückverfolgt.

Das sind die Orwellschen Aspekte der Krise, die sicher noch zunehmen werden. Wenn das Handy-Tracking tatsächlich eingeführt und irgendwann zur Pflicht erklärt wird, wird man mich dann dazu verdonnern, mir ein Smartphone zu kaufen? Werde ich in im Fall der Weigerung in Beuge- oder Erzwingungshaft genommen? Wird Vernetzungsverweigerung zum Straftatbestand? Werden wir behandelt wie Deserteure, die sich unerlaubt von der Digitaltruppe entfernt haben? Wir müssen aufpassen, dass im Namen der Seuchenbekämpfung und vermeintlicher Sicherheit nicht wesentliche Persönlichkeits- und Freiheitsrechte eingeschränkt oder ausgehebelt werden. Sind solche Grenzen einmal überschritten, werden staatliche Begehrlichkeiten geweckt, die auch nach dem Ende der Pandemie fortbestehen werden.

Im Zusammenhang mit der Corona-Krise tritt ein Phänomen auf, das mir aus der Beschäftigung mit Amokläufen vertraut ist. Jeder Experte macht für das Ereignis verantwortlich, worüber er sich länger schon geärgert und was ihn immer schon gestört hat. Wahlweise werden der Wertezerfall, gewaltverherrlichende Filme, Computerspiele, die Sportschützen, das Waffenrecht, das Mann-Sein, die Vaterlosigkeit oder der allgemeine Niedergang des Abendlandes als Ursachen benannt, denen durch entsprechende gesetzliche Eingriffe und politische Maßnahmen zu begegnen sei. Natürlich kritisiert der eine Experte am anderen gerade das, was ihm selber fehlt. Ich mache es letztlich nicht anders. Ich  empfehle in puncto Amok und heute als Ausweg aus der Pandemie: die Überwindung des Kapitalismus. Natürlich zu Recht und mit guten Gründen, wie ich finde.

Wir sind derzeit eingeklemmt zwischen zwei widerstreitenden Impulsen und Anforderungen: Distanz und Solidarität. Gegenseitige Hilfe und Solidarität verlangen nach leiblicher Anwesenheit und Nähe, die Corona-Prävention verlangt nach Distanz. Wir lernen, im anderen einen potenziellen Überträger des Virus zu sehen, den wir uns vom Leib halten müssen. Der andere ist der Feind, der Kontaminierte, der Tod und Verderben bringt. Wie lange können wir das ausbalancieren?

Nicht nur auf globaler und gesellschaftlicher Ebene bestünde die Chance, die Corona-Krise für eine grundlegende Kurskorrektur und einen wirklichen Neustart zu nutzen. Die Krise reicht ja bis ins Leben jedes Einzelnen hinein. Wir alle fallen aus unserer gewohnten Ordnung der Dinge und könnten die Gelegenheit nutzen für neue Lebensentwürfe. Hatte das, was ich, was wir bisher getan haben, wirklich Sinn? Womit möchte ich, möchten wir den Rest unserer Tage zubringen? Jetzt, da wir begriffen haben, dass das Leben befristet und die Sicherheit unseres homogenisierten und pasteurisierten Lebens trügerisch ist. Wäre es nicht an der Zeit, das ganze todmüde Handeln zu sprengen, ganz von vorn zu beginnen, eine neue Hoffnung zu finden? Den Versuch zu unternehmen, zu leben? Haben Routine und Gewohnheiten das Leben nicht in ein enges Korsett gesperrt und beinahe erstickt? Camus lässt in Die Pest den kleinen Angestellten Grand, der vergeblich seinen Träumen hinterherläuft, sagen: "So ergeht es allen: man heiratet, man liebt noch ein bisschen, man arbeitet. Man arbeitet so viel, dass man darüber das Leben vergisst." Bei Bernhard Schlink heißt es lakonisch: "So ist das. Man macht dies, man macht das, und auf einmal war’s ein Leben."

Die Schwerkraft des Realen zerrt an uns, zieht und drückt uns nieder. Es ist nicht leicht, sich davon loszureißen, vor allem, wenn man nicht mehr jung ist. Eine gewisse Verhärtung und Verkrustung scheint ab der Mitte des Lebens beinahe unvermeidlich. Aber, solange ein Funken unter der Asche der Gewohnheiten glimmt, besteht die Chance, das Feuer neu zu entfachen. Es hat mich gefreut, dass der große israelische Schriftsteller David Grossman ähnliche Hoffnungen hegt. In einem in der Sonntagsausgabe der FAZ vom 22. März erschienen Essay schreibt er: "Doch wird es, wenn die Seuche erst einmal überstanden ist, möglicherweise auch solche geben, die nicht in ihr früheres Leben zurückkehren möchten. Manche Leute, selbstverständlich nur die, die es sich leisten können, werden den Job, der sie jahrelang erstickt und deprimiert hat, an den Nagel hängen. Manche werden ihre Familien verlassen, manche sich von Partnerinnen und Partnern trennen. Manche werden sich entschließen, ein Kind zur Welt zu bringen oder gerade das lieber nicht zu tun. Manche werden anfangen, an Gott zu glauben. Manche werden vom Glauben abfallen. Das Bewusstsein von der Kürze des Lebens und von seiner Zerbrechlichkeit könnte Frauen und Männer dazu anspornen, sich neue Prioritäten zu setzen. Der Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie könnten zu der Einsicht kommen, dass die Zeit - und nicht das Geld - ihr kostbarstes Gut ist."

Warum nicht all das abschütteln, was das Leben im Alltag an die Kette legt und das Leben vom trüben Schleier der Arbeit befreien? "Warum zum Teufel", fragt Grossman weiter, "haben wir bloß so viel Zeug angehäuft? Warum haben wir unser Leben dermaßen vollgestopft, dass das Leben selbst unter Bergen von Dingen begraben liegt, die uns längst keine Freude mehr bereiten? Vielleicht mustern die Davongekommenen prüfend alle möglichen perversen Erzeugnisse der Überflussgesellschaft und möchten einfach nur noch kotzen. Vielleicht werden sie auf einmal von der einfachen Erkenntnis erfasst, wie ungeheuerlich es ist, dass manche so reich und andere so arm sind. Wie ungeheuerlich es ist, dass eine übermäßig reiche Gesellschaft nicht jedem Neugeborenen dieselben Chancen einräumt. Denn wir bestehen doch alle, wie wir jetzt entdecken müssen, aus demselben ansteckenden organischen Gewebe."

Es steht zu fürchten, das nichts von dem, was hier an Fragen aufgeworfen und an Möglichkeiten ins Auge gefasst wurde, die Rückkehr des Alltags, die jetzt schon von vielen, den meisten herbeigesehnt wird, überstehen wird. Alles wird wieder so werden wie zuvor - als wäre das ein Trost. Es wird wieder sinnlos herumgeflogen und -gefahren werden, es wird wieder Après-Ski in Ischgl geben und die Leute werden weiterhin ihre innere Leere mit Orgien des Konsums zu vertreiben versuchen. Die meisten werden ihr Leben nicht ändern. Aber die Ahnung war bei einigen da, und das ist ja besser als nichts. Auch dem, der einen Nagel wieder aus der Wand zieht, bleibt doch das Loch.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 09.04.2020.

Veröffentlicht am

10. April 2020

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