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Sozialdarwinismus versus Solidarität

"Das ganze Theater - nur wegen ein paar alten Leuten, die sowieso bald gestorben wären." Auch solche Meinungen hört man in den Corona-Tage. Besonders scheint es viele zu schmerzen, dass Senioren auf diese Weise - mehr noch als ohnehin schon - zu "Wirtschaftsschädlingen" werden. Götz Eisenberg, der die staatsoffizielle Haltung zu Corona sonst durchaus hinterfragt, widerspricht hier vehement. Jedes Leben ist zu schützen, und wer erst damit beginnt, nach der Nützlichkeit und Verwertbarkeit menschlichen Lebens zu fragen und dementsprechende Rankings einzuführen, der öffnet eine Büchse der Pandora, aus der neue Exzesse der Unmenschlichkeit quellen könnten.

Corona-Tagebuch, Teil 9

Von Götz Eisenberg

Die zweite Woche unterm Ausnahmezustand beginnt. Ich gehe an der Lahn spazieren. Es ist sonnig, aber es geht ein eiskalter Wind. Deswegen sind nicht viele Leute unterwegs. Ein Jogger keucht vorüber. Zwei Spaziergänger weichen vor ihm zurück. Als wäre er der Leibhaftige. Auf einer Wiese steht regungslos ein Reiher. Über ihm kreist der erste Milan der Saison und hat vielleicht ein Auge auf dasselbe Beutetier geworfen. Seine Schreie sind weithin vernehmbar. Wie die radioaktive Wolke, die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl und Richtung Westeuropa trieb, ist die gegenwärtige Bedrohung durch das Virus unsichtbar. Das gibt der ganze Szenerie etwas Irreales, Gespenstisches. Immer mehr Leute tragen Atemschutz-Masken. In Camus’ Die Pest besucht der Journalist Rambert den Arzt Rieux im Krankenhaus. Ein Mitarbeiter verpasst dem Besucher eine Mullmaske und fordert ihn auf, sie umzubinden. "Der Journalist fragte, ob das etwas nütze, und Tarrou verneinte, es erwecke aber bei den anderen Vertrauen."

Ich setze mich auf einen Baumstamm und hole Die Pest aus dem Rucksack, die ich immer noch lese. Passend zum schönen Frühlingswetter stoße ich auf folgende Passage: "Gewöhnlich begrüßten alle unsere Mitbürger den Sommer mit Jubel. Die Stadt öffnete sich dann zum Meer hin und ergoss ihre Jugend auf die Strände." Das wird dieses Jahr weltweit ausfallen. Kaum sitze ich und habe zu lesen begonnen, da wirft in meinem Rücken ein Gartenbesitzer eine Kreissäge an und schneidet Holz. Das Kreischen der Säge treibt mich in die Flucht. Das Verhältnis zwischen Heimwerkern und Schrebergarten-Besitzern einerseits und lesenden Menschen andererseits ist prinzipiell gespannt. Diese suchen und brauchen die Stille, jene wollen gerade diese um keinen Preis aufkommen lassen. Warum schätzen die Leute die Stille nicht? Die Antwort ist einfach: Sie tun den ganzen Tag über nichts, wozu Stille erforderlich ist. Sie lesen nicht, sie schreiben nicht, sie denken nicht. Sobald sie wach und aufgestanden sind, machen sie unablässig Lärm. Man kann sagen: Sie fürchten die Stille geradezu. Es ist, als könnte sie aus der Stille etwas anspringen. Es könnte sie plötzlich ein Gedanke heimsuchen.

Mark Siemons zitiert in einem Beitrag in der FAZ einen sogenannten Wirtschaftsethiker mit einem Satz, der mir das Blut gefrieren lässt: "Wir können nicht unser gesamtes Wirtschaftsleben an den Bedürfnissen von 75-Jährigen ausrichten." Offenbar weckt die Krise nicht nur Mitgefühl und Solidarität, sondern spaltet auch und stiftet Verfeindungen. Euthanasie-Gedanken werden aus der Latenz gerissen. Was hätten wir aus der Geschichte der Euthanasie lernen können und müssen? Dass überall da, wo Menschen auf ihren verwertbaren Nutzen reduziert werden, sie also nicht um ihrer selbst willen respektiert werden, Gefahr im Verzug ist. Wo Menschen vorrangig nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt werden, ist der Status derer, die unbrauchbar und nicht (mehr) leistungsfähig sind, prekär. Ihnen wird die Einfühlung verweigert.

Mitleid und wechselseitige Verantwortung, Solidarität und gegenseitige Hilfe trocknen in einem derartigen Milieu peu à peu aus, es gedeihen stattdessen Konkurrenz, Feindseligkeit, Gleichgültigkeit und Kälte. Wenn diese Haltung sich in Krisenzeiten radikalisiert, wird irgendwann gefragt: Warum all diese Leute durchfüttern, die nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen? Seit Jahren lesen und hören wir von gewaltsamen Übergriffen auf Obdachlose und Bettler - gelegentlich mit tödlichem Ausgang. Wo bleiben unsere massenhafte Empörung darüber, wo unser Widerstand dagegen, wo unsere Solidarität mit den Schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft? Transportiert nicht auch die Debatte um die Freigabe der Sterbehilfe die stillschweigende Botschaft an die Alten, Hinfälligen und nicht mehr Leistungsfähigen, sie möchten sich doch bitte überlegen, ob sie den Starken und Leistungsfähigen derart lange auf der Tasche liegen wollen? Könnte im sozialdarwinistischen Klima der entfesselten Marktgesellschaft aus einem Recht nicht bald eine Pflicht werden?

Meine Gehirnantilope springt von hier nach dort, oder mit den Worten von Cees Nooteboom: "Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will." Ich hatte gegen Ende meiner Gymnasialzeit einen Deutschlehrer, der der erste und einzige Lehrer während meiner gesamten Schulzeit war, der mir das Gefühl vermittelte, etwas zu können und wert zu sein. Nachdem ich eine Gedichtinterpretation vorgetragen hatte, die ihm gefiel, schenkte er mir einen Band mit Kurzgeschichten. Storys der Welt hieß das Taschenbuch. Ich war mächtig stolz auf dieses Geschenk und vor allem darauf, dass es eigentlich sein Exemplar war. Seine Name stand oben rechts auf der ersten Seite. Er hatte meinen daruntergesetzt; ein Pfeil wies von seinem Namen auf meinen.

Ich halte das Buch bis heute in Ehren und habe es eben aus dem Regal gezogen. Es enthält eine Geschichte von André Maurois, die Palast Hotel Thanatos heißt. Es ist eine Geschichte aus der Weltwirtschaftskrise. Ein New Yorker Banker hat sich verspekuliert und sein ganzes Vermögen verloren. Er sinnt, wie viele seiner Kollegen, über Selbstmord nach. Soll er im zwanzigsten Stock aus dem Fenster springen? Nachdem er über die Risiken dieser Suizid-Methode nachgedacht hat, vertagt er seinen Entschluss und sucht ein Restaurant auf. Dort öffnet er seine Post und stößt auf einen merkwürdigen Brief. Der Direktor eines Hotels, das sich Palast Hotel Thanatos nennt, lädt ihn ein, sich für eine Summe von 300 Dollar einzumieten und dort von Fachleuten umbringen zu lassen. "Der Selbstmord ist eine Kunst, die dem Durchschnittsbürger und Laien verschlossen bleibt, es ihrer Natur nach aber auch verbietet, dass man Erfahrungen darin sammelt." Der Banker nimmt die Einladung und das Angebot an. Den eigentlichen Clou der Geschichte möchte ich nicht erzählen, weil ich Sie neugierig machen und zum Lesen überreden möchte.

Warum ich diese Geschichte erwähnt habe? Weil meine Gehirnantilope dorthin gesprungen ist und sie ist dorthin gesprungen, weil ich dachte, dass sich unsere Alten- und Pflegeheime derzeit in Palasthotels Thanatos verwandeln und dass es in der Verlängerung der steilen These des oben zitierten Wirtschaftsethikers läge, Leute über 75 Jahren in solche Hotels einzuweisen und dort mit sauberen medizinischen Methoden ins Jenseits zu befördern oder sie zumindest der Ansteckung und damit ihrem Schicksal zu überlassen. Gegen solchen Zynismus und Sozialdarwinismus können und müssen wir uns auf Kant und seinen Begriff der Würde beziehen. Der Mensch ist über allen Preis, über alle Käuflichkeit erhaben. Kein Mensch sollte als nützliches Mittel einem bestimmten Zweck dienen. Als Person ist der Mensch um seiner selbst willen zu schätzen, das heißt er besitzt Würde. Der Mensch verdient als Mensch und nicht aufgrund von Leistungen Achtung. Alle Menschen sollten daher so miteinander umgehen, dass sie ihrer aller Würde nicht verletzen. Sie sollten sich nicht als bloße Mittel gebrauchen und auch nicht gebrauchen lassen. Kein Mensch darf einen anderen Menschen instrumentalisieren. Auch der, der nichts mehr zu Bruttoinlandsprodukt beiträgt, behält seine Würde. Noch ist das Grundgesetz in Kraft, das den Schutz der Menschenwürde über alles stellt und für nicht verhandelbar erklärt.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 11.04.2020.

Veröffentlicht am

12. April 2020

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