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Dorothy Day - radikal und katholisch

Von Robert Ellsberg

"Alles, was ich als Kind über Heilige gelesen habe, hat mich gefesselt. Ich verstand die Würde, die darin besteht, sein Leben für die Kranken, die Verehrten, die Leprakranken zu geben … Aber da war noch eine andere Frage für mich. Warum wurde so viel getan, das Übel zu heilen, anstatt es gar nicht erst aufkommen zu lassen? … Wo waren die Heiligen, die die soziale Ordnung zu ändern versuchen, die nicht nur den Versklavten dienen, sondern die Versklavung ausrotten?"

Nach dem Tod Dorothy Days 1980 im Alter von dreiundachtzig Jahren wurde bemerkt, daß sie "die einflußreichste, interessanteste und signifikanteste Figur" in der Geschichte des amerikanischen Katholizismus gewesen sei. Das war eine außergewöhnliche Aussage über jemanden, die keine offizielle Stellung in der Kirche inne gehabt hatte - tatsächlich wurden ihre Ideen fast universal abgelehnt während ihres ganzen Lebens.

Der Catholic Worker, eine Laienbewegung, die sie 1933 gründete und fast fünfzig Jahre lang beeinflußte, war ein Versuch zu zeigen, daß der radikale Auftrag des Evangeliums, zu lieben, gelebt werden konnte. Für Dorothy Day war dies nicht nur eine persönliche Aufgabe der Nächstenliebe (in den Taten der Barmherzigkeit), sondern ebenso eine politische Aufgabe: den sozialen Mächten, die für eine so ansteigende Bedürftigkeit verantwortlich waren, entgegentreten und ihnen widerstehen. Sie repräsentierte einen neuen Typ politischer Heiligkeit - eine Möglichkeit Christus zu dienen nicht nur durch Gebet und Opfer, sondern in Solidarität mit den Armen und im Kampf für Gerechtigkeit und Frieden.

Als Folge davon wurde sie von manchen Menschen als Kommunistin betitelt. Es wurde auf sie geschossen, sie wurde inhaftiert und immer wieder vom F.B.I. verhört. Kritik störte sie nicht ernsthaft. "Der Sklave ist nicht größer als sein Herr", zitierte sie gerne. Auf der anderen Seite wurde sie von vielen gerne eine Heilige genannt. Das war eine andere Sache. "Wenn man dich Heilige nennt", sagte sie oft, "heißt das generell, daß man dich nicht ernst nehmen will." Sie sah darin einen Versuch, ihre Herausforderung abzuweisen: "Dorothy kann das, sie ist ja schließlich eine Heilige!" Die stillschweigende Folgerung war, daß ihr die schweren Entscheidungen leicht gefallen seien. In Wahrheit wußte niemand besser als sie, wie sehr sie für ihre Berufung gezahlt hatte: "Weder Revolution noch Glaube werden ohne wirkliches Leiden gewonnen. Für mich wurde Christus nicht für dreißig Silberstücke gekauft, sondern mit meinem Herzensblut. In diesem Markt kauft man nicht billig ein."

Dorothy Day wurde 1897 in Brooklyn geboren. Obwohl sie in der Episkopalen Kirche getauft wurde, hatte sie nur wenig Berührung mit der Religion. Als College-Studentin war sie mittlerweile Atheistin geworden, hatte sie das Christentum abgelehnt für einen radikaleren Weg. Sie brach das Studium ab und arbeitete als Journalistin in New York bei einer Reihe von radikalen Zeitungen. Sie nahm an den gängigen Demonstrationen teil. Ihre FreundInnen waren KommunistInnen, AnarchistInnen und ein Sortiment an New Yorker KünstlerInnen und Intellektuellen, die meistens der Meinung waren, "Religion sei Opium des Volkes".

Ein Wendepunkt in ihrem Leben kam 1926, als sie in Staten Island mit einem Mann zusammenlebte, den sie sehr liebte. Sie wurde schwanger, ein Ereignis, das eine wundersame Verwandlung auslöste. Die Erfahrung einer wie sie es nannte "natürlichen Fröhlichkeit" zusammen mit dem Gefühl für die Ziellosigkeit ihrer bohemischen Existenz wendete ihr Herz zu Gott. Sie ließ ihr Kind römisch-katholisch taufen und wurde 1927 selbst getauft. Dies hatte unverzüglich das Ende ihrer Partnerschaft zur Folge. Dem Mann, den sie liebte, stand der Sinn nicht nach Ehe. Aber sie litt ebenso auch unter dem Gefühl, daß ihre Bekehrung ein Verrat an der Sache der Armen sei. Die Kirche, die auf der einen Seite in vielerlei Hinsicht ein Haus für die Armen war, schien sich auf der anderen Seite mit dem Status quo zu identifizieren. So lebte sie ein paar einsame Jahre in Zurückgezogenheit, alleinerziehend, während sie dafür betete, daß ihr Glaube und ihr Eintreten für soziale Gerechtigkeit versöhnt werden möge.

Die Antwort auf diese Gebete kam 1932 mit einem gottgeschenkten Treffen. Peter Maurin, ein wandernder Philosoph und Agitator, ermutigte sie zur Herausgabe einer Zeitung, die Solidarität mit den ArbeiterInnen und eine auf der radikalen Sicht des Evangeliums basierende Kritik des sozialen Systems zeigt. Der "Catholic Worker" wurde am 1. Mai 1933 gestartet. Als wahrer Prophet war es Peter Maurin wichtig, nicht nur die Ungerechtigkeit anzuprangern, sondern ebenso eine neue soziale Ordnung zu verkünden, die Christus im Nächsten erkennt. Um auch das zu praktizieren, was sie predigten, verwandelte Day das Büro des Catholic Workers zu einem "Haus der Gastfreundschaft" - das erste von vielen folgenden. Hier wurde Essen für die Armen und Schutz für die vielen durch die Depression entwurzelten Menschen angeboten.

Aber Days Botschaft hörte nicht mit den Werken der Barmherzigkeit auf. Die Logik der Bergpredigt führte sie ebenso zu einer kompromißlosen Gewaltfreiheit. Entgegen weitgehender Kritik hielt sie an ihrer pazifistischen Haltung gegenüber dem Zweiten Weltkrieg fest und nahm später an zahlreichen Aktionen zivilen Ungehorsams gegen den Geist des Kalten Krieges und der Gefahr eines Nuklearkrieges teil. Später in den 60er Jahren, als Demonstrationen alltäglich geworden waren, behielt Days Friedenszeugnis - in ihrem täglichen Leben mit den Armen verwurzelt und genährt von ihrer Disziplin in Liturgie und Gebet - eine spezielle Glaubwürdigkeit und Herausforderung. Sie starb am 29. November 1980.

Das Geheimnis Dorothy Days war ihre Fähigkeit, ihre radikale soziale Haltung (sie nannte sich selbst Anarchistin und Pazifistin) mit einer traditionellen und sogar konservativen Frömmigkeit zu verbinden. Ihre Verpflichtung zu Armut, Gehorsam und Keuschheit war so fest wie die einer Nonne. Aber sie blieb fest verbunden mit der säkularen Welt mit all den Unsicherheiten und Unruhen, die ein Leben unter den Armen mit sich bringen. Ihre Lieblings-Heilige war Theresa von Lisieux, die junge Karmeliterin, deren "kleiner Weg" den Weg zur Heiligkeit innerhalb unserer täglichen Aufgaben andeutete. Von Therese lernte Day die Einsicht, daß jeder Akt der Liebe zum Gleichgewicht der Liebe in der Welt beiträgt, daß jedes in Liebe ertragene Leiden die Last anderer erleichtert. Das ist das wundersame Bündnis innerhalb des Leibes Christi. In der Verbindung von praktizierter Nächstenliebe und dem Ruf nach Gerechtigkeit repräsentiert Dorothy Day eine Heiligkeit, die nicht leicht zu zähmen ist, aber wohl eine spezielle Relevanz in unserer Zeit hat. Sie rief die Kirche dazu auf, ihre Identität als Ärgernis und Geheimnis in den Augen der Welt wiederzugewinnen. Ihr Leben war eine lebendiges Gleichnis, zugespitzt auf, wie sie es nannte, das Mysterium der Armen: "daß sie Jesus sind, und was du ihnen tust, das tust du für IHN."

Quelle:  Brot & Rosen .  Diakonische Basisgemeinschaft in Hamburg. Aus: Robert Ellsberg: All Saints. Daily Reflections On Saints, Prophets, and Witnesses For Our Time, Crossroad Publishing Company 1997, übersetzt von Christiane Danowski.

Veröffentlicht am

23. September 2005

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