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75 Jahre nach der Niederschlagung der Nazi-Diktatur unsere Verantwortung weiter wahrnehmen

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 104, März 2020 Der gesamte Rundbrief Nr. 104 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 611 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren .)

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, war die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland von den alliierten Mächten endgültig besiegt worden. Bereits am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit, die Befreiung und Auflösung anderer Konzentrationslager folgten. Darauf geht Michael Schmid in seinem Einleitungsartikel für den neuen Rundbrief ausführlicher ein und schlägt dabei einen Bogen, der auch zu heutigen Orten der Erinnerung führt und bis hin zum Theater in Thüringen reicht. Außerdem geht er auf die Verbrechen der USA mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki vor ebenfalls 75 Jahren ein und stellt fest, dass die Weltuntergangsuhr dieses Jahr auf 100 Sekunden vor Mitternacht vorgestellt worden ist und damit symbolisch so nahe vor einem Weltuntergang steht, wie noch nie.

Liebe Freundinnen und Freunde,

75 Jahre sind inzwischen seit 1945 vergangen, einem Jahr, das einen dramatischen Einschnitt in der Geschichte markiert. Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland war am 8. Mai 1945 von den alliierten Mächten endgültig besiegt worden. Bereits am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit, die Befreiung und Auflösung anderer Konzentrationslager folgten. Und am 6. und 9. August 1945 verübten die USA die Verbrechen mit den Atombomben in Hiroshima und Nagasaki, damit hat das nukleare Zeitalter begonnen. 1945 steht für das Ende des Zweiten Weltkriegs, für die Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, aber auch für den Beginn des Kalten Krieges. Es steht für Brüche und Kontinuitäten und nicht zuletzt für den Beginn einer einzigartigen, nunmehr 75 Jahre währenden Ära der Abwesenheit von Krieg in weiten Teilen Europas.

Für uns gilt es, uns an solche historischen Ereignisse zu erinnern, uns der begangenen Verbrechen bewusst zu werden, den Opfern zu gedenken und uns vor allem der Bedeutung unserer historischen Verantwortung bewusst zu werden.

1945: Befreiung und Auflösung der KZ-Lager

"Auschwitz" ist zu einem Symbol für das monströseste Verbrechen überhaupt geworden, dem Mord an sechs Millionen europäischen Juden. Ende Januar war das Erinnern anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau omnipräsent. Allerdings dürfen wir uns nicht den Blick verstellen lassen, dass es weit mehr Opfergruppen der NS-Verbrechen gab. So litten auch politische Häftlinge, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas oder auch als "kriminell" oder "asozial" Verfolgte. Zudem fand das große Morden nicht nur im Osten statt, sondern mitten in Deutschland, vor aller Augen.

So waren zum Beispiel seit 1942 unter der Regie von Rüstungschef Albert Speer immer mehr KZ-Außenlager in der Nähe von Industriebetrieben eingerichtet worden. Schließlich war Deutschland im letzten Kriegsjahr von einem dichten Netz solcher Lager überzogen, deren Inhaftierte Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten mussten.

In unserer Region, am Rande der Schwäbischen Alb, wollte die nationalsozialistische Kriegswirtschaft das dortige Vorkommen von Ölschiefer nutzen und Öl gewinnen. Unter dem Decknamen Unternehmen "Wüste" wurde in kürzester Zeit der Bau von zehn Ölschieferwerken vorangetrieben und geplant, das Öl ausschließlich von KZ-Häftlingen gewinnen zu lassen. Die SS stellte dafür in sieben Konzentrationslagern insgesamt über 12.000 Menschen aus vielen Ländern Europas zur Verfügung, die als Arbeitskräfte in den Ölschieferwerken ausgebeutet wurden und von denen Tausende starben.

Wie gesagt, die Verbrechen fanden nicht nur weit weg im Osten statt, in den besetzten Gebieten, sondern auch mitten im Deutschen Reich. Und so macht erst eine Gesamtsicht den spezifischen Charakter der NS-Verbrechen deutlich: Sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft, einer radikal rassistisch organisierten Gesellschaft, die von den Nationalsozialisten als "Volksgemeinschaft" propagiert wurde - eine Gemeinschaft, die sich vor allem darüber definierte, wer nicht dazu gehörte.

Um also zu verstehen, wie es zu solchen Verbrechen kommen konnte, ist eine kritische Auseinandersetzung mit den damaligen Geschehnissen erforderlich. Und es müssen Fragen aufgeworfen werden wie zum Beispiel: Warum haben so viele Deutsche mitgemacht? Was bewegte Unternehmen, Zwangsarbeiter einzustellen? Wie konnte das passieren? Was hätte ich getan? Wie verhalte ich mich heute?

Orte der Erinnerung: KZ-Gedenkstätten

Fragen aufwerfen und Erkenntnisse gewinnen lassen sich unter anderem durch den Besuch von Orten, an denen Nazis ihre Verbrechen begingen. Die dortigen Gedenkstätten sind vor allem authentische Orte der Erinnerung. Die Gedenkstätte und das Museum in Auschwitz-Birkenau ist sicherlich dafür ein herausragender Ort. Wir veröffentlichen in diesem Rundbrief auch einen "Auschwitz-Appell" des Stuttgarter Bürgerprojekts Die AnStifter. Sie haben am Holocaust-Gedenktag 2020 eine Aktion gestartet, die zum dauerhaften Unterhalt und Ausbau der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau aufruft.

Wichtig ist aber nicht nur diese herausragende Gedenkstätte, sondern sind die vielen kleineren Orte des Erinnerns und Gedenkens an die nationalsozialistischen Verbrechen. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass sich zum Beispiel in den vergangenen Jahrzehnten in unserer Region Initiativen bildeten, die an die Verbrechen des "Wüste"-Unternehmens erinnern. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet die Geschichte dieser Lager oftmals für Jahrzehnte in "Vergessenheit", ehe sich in den 1980er Jahren lokale Gruppen und Initiativen für eine umfassende Aufarbeitung und dauerhafte Erinnerung an die Opfer dieser "Konzentrationslager vor der Haustür" einsetzten. Die teilweise verwischten Spuren der Ölschieferwerke, z.B. durch Aufforstungen in den Nachkriegsjahrzehnten, wurden nach und nach wieder freigelegt und es sind Gedenkstätten und Gedenkpfade entstanden. Oft nach langen Auseinandersetzungen, hat die Arbeit dieser Gedenkstätten inzwischen ihren Platz in den Gemeinden gefunden. Aus einer solchen Initiative ist der Verein KZ-Gedenkstätten Bisingen e.V. hervorgegangen. Im vergangenen Jahr organisierten wir über diesen Verein eine eindrucksvolle Führung durch die Gedenkstätten des Bisinger Konzentrationslagers.

Und die Initiative Gedenkstätte Eckerwald e.V. hat einen Gedenkpfad angelegt, der durch ein Gelände führt, auf dem 1944/45 das Ölschieferwerk "Wüste 10" errichtet wurde. Im September werden wir als Lebenshaus eine Führung entlang des Gedenkpfads Eckerwald sowie in der Gedenkstätte und dem KZ-Friedhof Schörzingen anbieten.

Theater um Thüringen

Mitten hinein im Schreiben meiner Gedanken zu den Nazi-Verbrechen platzt die Nachricht, dass in Thüringen ein FDP-Politiker mit Unterstützung von CDU und der rechtsextremen AfD zum Ministerpräsident gewählt worden ist. Ganz offensichtlich ging es CDU und FDP darum, die Fortsetzung einer rot-rot-grünen Landesregierung unter Führung eines Ministerpräsidenten der "Linken" um jeden Preis zu verhindern. Hintergrund ist ihre unsäglich dumme und geschichtsvergessene Gleichsetzung der extremen Rechten mit der Linkspartei. Damit wird die Gefahr von rechts notorisch relativiert. Bodo Ramelow, der fünf Jahre lang als gemäßigter Ministerpräsident Thüringen regiert hat, wird als genauso gefährlich wie Höcke hingestellt, der laut Gerichtsbeschluss als Faschist bezeichnet werden darf!

Die FDP und die CDU im Thüringer Landtag haben mit Höcke einen Mann aufgewertet, der das Gedenken an die Nazi-Opfer verleugnet, der die Kultur der Erinnerung als "mies und lächerlich" beschimpft und der vom tausendjährigen Reich träumt. So wichtig es ist, eine solche faschistische Haltung zu bekämpfen, so sind allerdings die aktuellen "Dammbruch"-Empörungen zu Thüringen in weiten Teilen vorgeschoben. Denn seit Beginn der Bundesrepublik sind rechte bis rechtsextreme Haltungen in den Parteien der sogenannten Mitte fest verankert. In Wahrheit war und ist der angebliche Kampf der politischen Zentren der Macht gegen Rechts immer ein Kampf gegen Links.

Seit Jahrzehnten wird mit einer neoliberalen Politik ein Lohn-, Renten- und Sozialabbau betrieben. Diese Politik trägt erheblich zu einem Aufblühen des sogenannten Rechtspopulismus bei. Dieser kann durchaus als eine direkte Folge der vorhergegangenen Jahrzehnte neoliberaler Politik und Ideologie der Alternativlosigkeit gedeutet werden. Die heute als populistisch bezeichneten politischen Erscheinungsformen lassen sich verstehen als eine Reaktion der Bevölkerung auf eine fortwährend erlittene Verachtung durch die Eliten. In dieser Situation stellt sich die AfD als Alternative zu den von ihr so bezeichneten "Systemparteien" dar und erhält dafür reichlich Zulauf. Letztlich handelt es sich aber auch bei ihr um eine Opposition, die diesem System verbunden bleibt, die aber vom täuschend-schönen Schein lebt, eine "Alternative" zu sein. Denn sie ist selber bis auf die Knochen neoliberal und unterscheidet sich hier nicht entscheidend von anderen Parteien.

Natürlich ist es richtig, gegen jede Zusammenarbeit mit der AfD zu kämpfen. Das Theater um Thüringen zeigt erneut, wie wichtig das kritische Engagement für Demokratie ist. Es braucht eine zivilgesellschaftliche Gegenmacht, die nicht bereit ist, aus Machtkalkül mit faschistischen Kräften zusammenzuarbeiten. "Wehret den Anfängen!" Es braucht die Bündnisse, Netzwerke und wache Geister, die sich gegen jeden Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus wenden. Der Streit muss aber viel grundlegender für soziale Gerechtigkeit und Demokratie, für Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für eine Überwindung der Agenda-Politik und gegen die neoliberale Politik als Ganzes geführt werden, welche die AfD und den Rechtspopulismus groß gemacht hat. Es gilt also, sich für Demokratisierung in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einzusetzen sowie für eine gerechte, ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung. Wie bescheiden auch immer, engagieren wir uns als Lebenshaus für diese Ziele und deren Verwirklichung. Dafür braucht es auch die vielen einzelnen Menschen, die sich selber einbringen. Gemeinsam mit anderen. Und sich gegenseitig ermutigen. Dazu laden wir ein.

Weltuntergangsuhr: Nur noch 100 Sekunden bis Mitternacht

Vor 75 Jahren ist die Menschheit ins Atomzeitalter eingetreten. Zunächst führten die USA am 16. Juli 1945 den ersten erfolgreichen Atombombentest in einer Wüste in New Mexico durch. Dann drei Wochen später, am 6. August 1945, geschah das Unfassbare. Viele Uhren blieben exakt um 8.15 Uhr stehen, dem Zeitpunkt, als die erste Atombombe über einer Stadt explodierte. Drei Tage später warfen die Amerikaner die zweite Atombombe über Nagasaki ab. Insgesamt starben über 320.000 Menschen entweder sofort oder in der Folgezeit.

Mit dem Abwurf der Atombomben über Japan ist auch die ganze Menschheit in einem neuen Zeitalter angekommen. Einem Zeitalter, "in dem wir in jedem Augenblick jeden Ort, nein, unsere Erde als Ganze in ein Hiroshima verwandeln können", wie der Wiener Philosoph und Schriftsteller Günther Anders 1959 in seinen "Thesen zum Atomzeitalter" festgestellt hat.

Seit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren scheint die Menschheit allerdings nicht dazu gelernt zu haben. Denn dass wir uns derzeit in einer äußerst gefährlichen Situation befinden, machen die Wissenschaftler des Bulletin of Atomic Scientists deutlich, die die Weltuntergangsuhr (Doomsday Clock) am 23. Januar 2020 auf 100 Sekunden vor Mitternacht vorgerückt haben. So nahe vor Mitternacht und damit symbolisch vor einem Weltuntergang standen die Zeiger überhaupt noch nie.

Die Wissenschaftler rücken die Uhr immer dann näher an Mitternacht heran, wenn sich die Gefahren erhöhen, dass die Welt untergeht. In diesem Jahr warnte die Wissenschaftlergruppe, dass die weltpolitische Lage so schlimm sei, weil die Politikerinnen und Politiker nicht auf die bestehenden Gefahren reagieren. Wichtige Rüstungskontrollverträge wie der INF-Vertrag und der New START wurden gekündigt oder werden bald auslaufen. Nachdem Trump einseitig das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt hat, droht der Iran zudem noch aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten. Nordkorea hat 2003 den Atomwaffensperrvertrag gekündigt und Atomwaffen gebaut. Es ist zu befürchten, dass der Iran diesen Weg auch gehen könnte und damit ein neues nukleares Wettrüsten im Nahen und Mittleren Osten auslösen würde. Neben der atomaren Bedrohung sehen die Wissenschaftler die Gefahr durch den Klimawandel und einen weiteren Faktor verstärkt: durch Desinformationskampagnen via Internet und Cyberangriffe.

Die Schrecken von Hiroshima und Nagasaki von vor 75 Jahren dürfen sich niemals wiederholen! Angesichts der äußerst bedrohlichen heutigen Situation fordern wir erneut, dass Atomwaffen durch den UN-Vertrag von 2017 verboten werden und alle Staaten diesem Vertrag betreten, auch Deutschland. Letztlich darf es für uns keine Alternative zur Abrüstung aller Atomwaffen und zur Abschaltung aller Atomkraftwerke geben. Gleichzeitig muss die Klimakatastrophe gestoppt werden. Für diese Ziele müssen wir weiter arbeiten. Noch gibt es einen Handlungsspielraum, um die Zeiger der Weltuntergangsuhr wieder zurück zu drehen.

Herzliche Grüße

Euer / Ihr      
Michael Schmid

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Fußnoten

Veröffentlicht am

11. März 2020

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