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Das Atomgrab der USA bricht auf - Ozean in Gefahr

In einem Bunker auf den Marshall-Inseln lagern die USA Atommüll, der bald den Ozean verseuchen könnte. Niemand will zuständig sein.

Von Tobias Tscherrig

Die rund drei Kilometer lange und knapp 300 Meter breite Runit-Insel ist eine von etwa vierzig Inseln des Eniwetok-Atolls und gehört damit zu den Marshall-Inseln im pazifischen Ozean. Die Insel könnte mit ihrer zwar spärlichen aber doch grünen Vegetation, den weißen Sandstränden und dem türkisfarbenen Meer für ein Foto in einem Ferien-Prospekt herhalten - eigentlich. Wäre da nicht ein untertassenförmiger Betonbunker von etwa hundert Metern Durchmesser, indem 85.000 Kubikmeter nuklearer Abfall lagern: Plutonium-239, dessen Halbwertszeit 24.000 Jahre beträgt.

Abfall, der den gesamten Pazifik bedroht und für den niemand verantwortlich sein will. Am allerwenigsten die USA, die ihn mit zahlreichen Atombombentests produziert haben - und dabei ganze Inseln versenkten sowie Mensch und Natur für viele Generationen schädigten.

Gesamter Pazifik ist bedroht

Das Lager des hochtoxischen Atommülls ist alles andere als sicher. Es war eigentlich als Provisorium vorgesehen: Zehntausende Kubikmeter Schutt, die mit radioaktivem Plutonium verstrahlt sind, lagern hier. Abgedeckt wurde das Ganze in den 70er-Jahren mit einem 50 Zentimeter dicken Betondeckel. Bereits vor zwei Jahren zeigten Journalisten des australischen TV-Senders ABC , dass sich in der Kuppel Risse gebildet hatten. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres wies bei einem Besuch auf den Fiji-Inseln auf die Gefahr hin und erklärte, die Kuppel sei vermutlich bereits Leck geschlagen, die Radioaktivität drohe in den Pazifik zu gelangen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 ist tatsächlich bereits radioaktives Material ausgetreten. 2013 erörterte ein Bericht des US-amerikanischen Energieministeriums die Problematik.

Zusätzlich besteht Gefahr durch Tropenstürme und die Gefahr einer Überschwemmung , die im Zuge des Klimawandels und des damit einhergehenden steigenden Meeresspiegels drastisch gestiegen ist. Die "Los Angeles Times" kommt in einem Bericht zum Schluss, dass der steigende Meeresspiegel die Betonkuppel inzwischen aufbrechen lasse. Geschieht dies, gelangen nukleare Abfälle in den Pazifik. Ein unvorstellbares Szenario, das den gesamten Pazifik bedroht.

USA wollen nicht zuständig sein…

Laut der "Los Angeles Times" fühlt sich die USA, die den radioaktiven Müll verursacht haben, nicht zuständig - trotz aller Warnungen und der stetig steigenden Gefahr. Diese Ignoranz zieht sich durch die unsägliche Geschichte des Atommülllagers auf der Runit-Insel: Eigentlich war das heutige Lager nur als Provisorium gedacht, die Verantwortlichen schafften es aber nie, Pläne für ein dauerhaftes Endlager in die Tat umzusetzen. So wurde etwa der Boden des provisorischen Lagers erst vor rund 40 Jahren versiegelt, davor lagerte der toxische Müll auf dem nackten Boden der Insel.

Der Umgang der USA mit den radioaktiven Altlasten wird auch innerhalb der Vereinigten Staaten kritisiert. "Es ist schwer vorstellbar, dass die USA ihre Aktionen als ausreichend betrachten würden, wenn die Rollen vertauscht wären", sagt zum Beispiel Alex Wellerstein, Nuklearhistoriker am Stevens Institute of Technology in New Jersey in mehreren US-Medien. Es sei eine Farce, dass die reichen USA nicht den politischen Willen finden könnten, einer kleinen, armen Nation, die viel für die nationale Sicherheit der USA geopfert habe, in dieser Situation zu helfen.

Die Prioritäten der Vereinigten Staaten hinsichtlich ihrer Altlasten zeigte sich auch, als Einheimische ein Graffiti auf die Betonkuppel aufsprühten: "Nuklearmüll. Eigentum der US-Regierung. Bitte an den Eigentümer zurückschicken." Gemäß US-Medien blieben die Großbuchstaben nicht lange auf der Kuppel: Die USA bezahlten die Reinigung. Ansonsten will sie nichts mehr mit dem radioaktiven Müll zu tun haben - immerhin hat sie 239 Millionen US-Dollar dafür bezahlt, den radioaktiven Schutt mit einem Betondeckel abzudecken. Zusätzlich zahlte sie als Entschädigung rund eine Milliarde US-Dollar. Ein Klacks, verglichen mit den Langzeitschäden, die sie in der Region mit ihren Tests verursacht hat.

…aber die USA sind verantwortlich

Der Nuklearmüll gehört den USA, er ist das Überbleibsel von amerikanischen Atombombentests, die nach dem Zweiten Weltkrieg über 1200 Inseln im Pazifik verseuchten: Zwischen 1946 und 1958 warfen die USA insgesamt 67 Atombomben in der Pazifikregion ab. Laut Angaben des US-Verteidigungsministerium entspricht ihre summierte Zerstörungskraft rund 7000 Hiroshima-Bomben.

So zum Beispiel am 1. März 1954, als die Amerikaner einen thermonuklearen Sprengkopf über dem Bikini-Atoll abwarfen. Die Wasserstoffbombe setzte eine Energie von 15 Megatonnen frei, damit ist sie die größte Atomwaffe, die die USA jemals eingesetzt haben.

Die Explosion hinterließ nicht nur einen 80 Meter tiefen Krater, sondern auch Generationen von Menschen, die bis heute mit den Folgen zu kämpfen haben: Krebserkrankungen, Fehlgeburten, Tumore und Missbildungen. Auf den Inseln sind Geburtsfehler so häufig, dass die Einheimischen eigene Wörter haben, um sie zu beschreiben. "Teufel", etwa. "Quallenkinder", "Traubenbabys". Bis heute gibt es keine genauen Zahlen über die Opfer der Strahlung. Die Vereinigten Staaten halten eigene Studien unter Verschluss. Unabhängige Institutionen sprechen in Schätzungen von mehreren tausend Krebsfällen allein auf den Marschall-Inseln.

Viele Bewohnerinnen und Bewohner der Marshall-Inseln verloren ihre Heimat, sie wurden vor den Tests rücksichtslos umgesiedelt. Inzwischen sind zwar einige der Inseln wieder bewohnbar, viele der Zurückgekehrten sind aber auf amerikanische Importe angewiesen. Sie mussten ihre Nahrung umstellen, Kokosnüsse und Fische sind noch immer zu verseucht und dürfen nicht gegessen werden.

Startschuss zum kalten Krieg

Als am 30. Juni 1946 auf dem Bikini-Atoll die erste amerikanische Bombe in der Südsee fiel, zerstörte sie nicht nur die Natur und die Lebensgrundlage von vielen Menschen, die Bombe war auch der endgültige Todesstoß für die Allianz zwischen der USA und der Sowjetunion und markierte den Beginn des Kalten Krieges.

Bei diesem ersten Test befanden sich rund 42.000 amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Militärs und Techniker vor Ort. 600 Kameras lieferten Bilder für die heimische Presse, die Army sonnte sich im Glanz ihrer neuen Wunderwaffe. Heute ist das anders: Die USA wollen mit den damaligen Atomwaffen-Tests, den damit verbundenen Langzeitschäden und dem produzierten nuklearen Abfall nichts mehr zu tun haben. Man hat sich freigekauft. "Wir haben gelernt, unsere Tränen mit den Dollarscheinen der Amerikaner zu trocknen", sagen die Einheimischen in einer "Spiegel" -Reportage dazu.

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Quelle: Infosperber.ch - 12.12.2019.

Veröffentlicht am

13. Dezember 2019

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